Neue Kommentare

NN zu Das Chimei – ein Museum für eine einmalige Privatsammlung in Taiwan: Lasst Euch nicht blenden! Es gibt nichts Gutes, a...
Peter Schmidt zu Verleihung der Goldenen Kamera – mit Bruno Ganz und ohne Friede Springer: Und noch einmal zur Goldenen Kamera
Im Fol...

Hans Joachim Schneider zu Tina – das Tina Turner Festival: Was soll aus einem Stück werden, wenn die Dame, ...
Marion Sörensen zu Leipziger Buchmesse – Impressionen: Das ist wieder einmal ein wunderbar geschriebener...
Dagmar Reichardt zu Ennio Morricone: Farewell-Tour 2019: Danke, lieber Herr Cvek! Ja, das war ein wirklich...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Theater - Tanz

Lloyd Riggins mit dem rekonstruierten Ballett „Napoli“ in Hamburg gefeiert

Drucken
(127 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 09. Dezember 2014 um 12:03 Uhr
Lloyd Riggins mit dem rekonstruierten Ballett „Napoli“ in Hamburg gefeiert 4.5 out of 5 based on 127 votes.
Lloyd Riggins „Napoli“ Hamburg

Zwei Teile von August Bournonvilles lebensfrohem „Napoli“ sind erhalten, den dramatischen Mittelteil, der in der märchenhaften Blauen Grotte spielt, hat Lloyd Riggins für das Hamburg Ballett neu choreographiert.

Applaus-Stürme für die Solisten, und nochmal gesteigert für den Mann, der „Napoli“ auf die Bühne der Hamburgischen Staatsoper gebracht hat: für den designierten Stellvertreter und vielleicht auch Nachfolger von Ballettintendant John Neumeier – für Lloyd Riggins. Der holte das Ballett des königlich-dänischen „Ballettmesters“ August Bournonville, das in Dänemark fast einen solchen Kultstatus genießt wie „Die kleine Meerjungfrau“, 171 Jahre nach seiner ersten und einzigen Aufführung in Hamburg wieder an die Elbe. Riggins hatte es während seiner Zeit beim Königlich Dänischen Ballett kennen gelernt. Seine rekonstruierende Fassung von „Napoli“ ist ein Tanzfest der besonderen Art.

„Napoli“ ist der spätromantische Reflex einer Reise des großen dänischen Tänzers und Choreographen Bournonville nach Italien, wo ihn vor allem Neapel faszinierte. Auf der Rückfahrt entwarf – ständig die Melodie einer Tarantella im Ohr – er die Geschichte vom Fischer und dessen Braut. Drei Akte: das Werben des Fischers Gennaro (Alexandre Riabko) um Teresina (Siliva Azzoni), deren Mutter (Laura Cazzaniga) sie lieber mit wohlhabenden Händlern verkuppeln möchte. Schließlich die Zustimmung zur Heirat und eine romantische Ausfahrt aufs Meer, die in einem Sturm ein jähes Ende findet. Gennaro wird lebend gerettet, Teresina bleibt verschollen.

Sie wurde – zweiter Akt – in die legendäre Blaue Grotte getrieben, wo der Meeresdämon Golfo (offenbar abonniert auf maritime Bösewichte: Otto Bubenicek) mit den von ihm gefangenen Seelen ertrunkener Mädchen haust. Auch Teresinas Seele will er sich aneignen – doch Gennaro fährt dazwischen, er rettet Teresina aus der Zwischenwelt zurück in die Wirklichkeit.

Bei der Rückkehr nach Napoli wird Teresina verschreckt angeschaut wie ein Geist. Doch rasch löst sich alles in einer großen Freudenfeier auf.
Bournonvilles Choreographie ist weitgehend erhalten, nur der mystische zweite Akt in der Grotta Azurra ging im Zuge vieler nachträglicher Bearbeitungen fast ganz verloren. Er wurde von Lloyd Riggins neu choreographiert und erzählt sehr dicht und eindringlich die Geschichte von Teresinas wachsender Faszination für den Dämon, vor dessen Welt sie keine Scheu empfindet. Denn Golfo, der wilde Mann, ist in Wahrheit ein Melancholiker par excellence, der die toten Seelen zu Najaden umwandelt, weil er – so verzweifelt wie vergeblich – das Leben sucht.

Teresina erlebt in der Grotte ganz wie Bournonville selbst bei seiner Erkundung der Blauen Grotte, die erst 1826 wiederentdeckt worden war, eine „mysteriöse Stimmung, die alle Gedanken an die äußere Welt – gut oder schlecht – plötzlich verfliegen lässt.“ Der Däne schreibt: „Ich bin ein paarmal rein- und rausgeschwommen zwischen dieser Welt der Seelen und dem Sonnenlicht und kehrte mit einem Sack voller Erinnerungen und Eindrücke in die Wirklichkeit zurück.“

Teresina wird von Gennaro zurückgeholt, dem wundersame Kräfte eines Marienmedaillons beistehen, musikalisch gebündelt in „O sanctissima“, der Hymne der Fischer und Seefahrer, in Deutschland besser bekannt als „Oh du fröhliche“. Was zur Vorweihnachtszeit passt, beim Hamburger Publikum aber verwundertes Raunen auslöste.

Bühnenbild und Kostüme (Rikke Juellund) bieten ein in südlichen Pastellfarben leuchtendes stilisiertes Neapel; die geheimnisvolle Blaue Grotte ist aus hängenden, durchsichtig fließenden Schnüren nachgebildet, die zusammen mit magischem Licht eine fragile, blau phosphoreszierende Wunderwelt bilden.
„O sanctissima“ ist nicht die einzige Besonderheit der Partitur, durch die Markus Lehtinen die Philharmoniker mit sicherer Hand führte. Gleich vier Komponisten hatte Bournonville einst für „Napoli“ engagiert, damit das Ballett schneller fertig würde. Sie wiederum haben vielfältige Anleihen in ihre Musik integriert: italienische Volksweisen, neapolitanische Tänze wie die Tarantella und die Tammuriata, Förmlicheres wie eine Polonaise, mal lässt Rossini grüßen mit einer Orchesterfassung der Verleumdungsarie aus dem „Barbiere di Siviglia“, dann Meyerbeers „Robert le diable“ und zum Psychodrama in der Grotte schluchzt die Solo-Violine François H. Prümes zur Entstehungszeit von „Napoli“ populäres „La Mélancholie“.

Muss man noch sagen, dass Silvia Azzoni und Alexandre Riabko so inspiriert tanzen, als wären sie gerade frisch verliebt? Dass Laura Cazzaniga eine Mutter spielt, zurückhaltend in ihrer Freude, aber geradezu mörderisch in ihrem Leid und im Zorn auf Gennaro? Dass Christopher Evans ein mitreißendes Solo im dritten Akt tanzt? Und das Otto Bubenicek, optisch irgendwo zwischen Bob Marley und „Pirates of the Caribbean“, dem Dämon großartig und bewegend Kontur verleiht?

Und dass die Ensembleszenen in eleganter Selbstverständlichkeit Bournonvilles Vorgabe erfüllen: dass beim Tanz noble Einfachheit immer schön bleibt. „Freude ist Kraft“, schreibt der „Napoli“-Schöpfer in romantischer Dezenz, „Rausch ist Schwäche“. Poesie, Leichtigkeit, stille Harmonie, Anmut – all diese Leitbegriffe samt der Virtuosität, die ganz in ihrem Dienst stehen soll, lässt Riggins großartig auf der Bühne aufglänzen. Sie führen die Grundlagen des Tanzens vor, aus denen das Hamburg Ballett in anderen Werken schöpfen kann.

Kein Wunder, dass die Dänen dieses Ballett lieben. Oder liegt es vielleicht doch an der, wie Ole Nørling es im Programmheft schreibt, Sehnsucht des Nordens nach dem Gemüt und der Humanität der vom Süden erwärmten Musik, der das Tanzen den körperlichen Ausdruck gibt?


Hamburg Ballett: „Napoli“ von Auguste Bournonville.
Hamburgische Staatsoper, Dammtorstraße.
Nächste Aufführungen: 10., 13. und 31. Dezember 2014, 10., 11., 13., 15. und 16. Januar 2015, jeweils 19:30 Uhr.
Karten unter (040) 3568 68 oder im Internet unter www.hamburg-ballett.de


Abbildungsnachweis: Alle Fotos © Holger Badekow
Header: Szene aus Napoli 2. Akt: Silvia Azzoni, Otto Bubenícek und Ensemble
Galerie:
01. Szene aus Napoli 1. Akt: Laura Cazzaniga, Cartsen Jung, Silvia Azzoni, Konstantin Tselikov und Ensemble.
02.-03. Szenen aus Napoli 3. Akt: Alexandre Riabko, Silvia Azzoni und Ensemble.

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Theater & Tanz > Lloyd Riggins mit dem rekonstruierten Ballett...

Mehr auf KulturPort.De

Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance
 Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance



Wer sakrale Kunst schätzt, sollte eine bemerkenswerte Ausstellung in Berlin nicht versäumen. In Kooperation mit der National Gallery, London, präsentieren die [ ... ]



„Ein letzter Job”. Oder der diskrete Charme des Michael Caine.
 „Ein letzter Job”. Oder der diskrete Charme des Michael Caine.



Das Alter ist ein besonders tückischer gefräßiger Moloch, die Zeit drängt, doch Schauspieler wie der 86jährige Michael Caine in „Ein letzter Job” trotze [ ... ]



Joseph Haydn: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze
 Joseph Haydn: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze



„Die Aufgabe, sieben Adagios, wovon jedes gegen zehn Minuten dauern sollte, aufeinander folgen zu lassen, ohne den Zuhörer zu ermüden, war keine von den leic [ ... ]



Wolfgang Marx: Am grauen Meer
 Wolfgang Marx: Am grauen Meer



„Warum“, möchte „Der Freitag“ von einer erfolgreichen Drehbuchautorin wissen, warum „kommt bei Angst so viel Rosamunde Pilcher heraus?“ Mit Angst sp [ ... ]



Jean Molitor: BauhausGlobal – die Moderne in der Welt
 Jean Molitor: BauhausGlobal – die Moderne in der Welt



2019 werden in Hamburg zwei Jubiläen begangen, die eng mit der Architektur verknüpft sind, national und darüber hinaus: die Gründung des Bauhauses vor 100 Ja [ ... ]



Tomasz Różycki: „Der Kerl, der sich die Welt gekauft hat“ – Chaos mit Sprache gezähmt
 Tomasz Różycki: „Der Kerl, der sich die Welt gekauft hat“ – Chaos mit Sprache gezähmt



„Leben ist Chaos und die Sprache ein Mittel, dieses Chaos zu zähmen und zu ordnen. Dabei schafft jede Sprache eigene Ordnungen und Weltmodelle“, schreibt de [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.