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Hamburger Architektur Sommer 2019

Musik
Hamburger Tour-Auftakt: „Fettes Brot in Roter Flora“

Feiern trotz Hausverbot: Das Hamburger Hip-Hop-Trio Fettes Brot hat im proppenvollen Konzertsaal der „Roten Flora“ ihr neues Album „3 is ne Party“ vorgestellt. Mehr als 2.000 Leute feierten mit – trotz Verbot von Besitzer Klausmartin Kretschmer.
Wer zu spät kam, hatte das Nachsehen: Schon mehrere Stunden vor dem Rote Flora-Konzert von Fettes Brot am 3. November wuchs die Schlange auf dem Hamburger Schulterblatt um mehrere hundert Meter an, stündlich kamen mehr Menschen dazu, und bis zum Einlass-Stopp standen die Massen immer noch fast die gesamte Länge der anliegenden Juliusstraße hoch. Und das, obwohl im Vorfeld schon die Absage des Auftritts drohte: Rote Flora-Besitzer Klausmartin Kretschmer hatte der Hip-Hop-Gruppe das Konzert in dem links-besetzten Kulturzentrum untersagt und der Band Hausverbot erteilt. Grund dafür war der Streit um eine vom Besitzer eingeforderte Saalmiete. Fettes Brot kümmerte das wenig: Auf Twitter versorgten sie ihre Fans schon vorab mit regelmäßigen Updates der Aufbauarbeiten vor dem Gebäude und versicherten ihren Anhängern wiederholt, dass sie auf jeden Fall auftreten werden. Nach knapp drei Stunden Anstehen in frostigen Temperaturen und eineinhalb Stunden Verspätung ging’s dann für 1.000 glückliche Besucher im Saal der Roten Flora los – der große Rest der Menge musste sich das Konzert über Boxentürme und Leinwand übertragen draußen ansehen. Die erwartete Polizeipräsenz blieb dabei aus, die Beamten sperrten das Schulterblatt lediglich für den Straßenverkehr ab.

Erstaunlich friedvoll für ein Konzert, das gleichzeitig politisches Statement sein sollte: Denn mit ihrem Auftritt stellten sich Doktor Renz, König Boris und Björn Beton auf die Seite der Hausbesetzer und damit gegen das von Besitzer Kretschmer geplante Vorhaben, aus dem Rote Flora-Gebäude ein „Entertainment-Zentrum“ zu machen, wie das Musiktrio zuvor noch einmal im Interview mit der Hamburger Morgenpost deutlich gemacht hatte. Nicht ohne Grund hing auch am Abend des Solidaritätskonzerts ein Transparent quer über die Terrasse der Roten Flora, auf dem die bereits bekannte Kampfansage „Wer das kaufen will, muss Stress mögen“ prangte. Eine Auseinandersetzung zwischen Polizei und linkautonomer Szene schien zeitweise tatsächlich zu drohen, allerdings wegen der sich kurz vor Konzertbeginn vor der Flora versammelnden Lampedusa-Demonstranten, die lautstark Parolen wie „No Border, no nation, stop discrimination“ riefen. Trotz kurzfristig angespannter Stimmung blieb es jedoch zunächst bei einem friedlichen Protest, der angesichts der beginnenden Live-Übertragung von Fettes Brot auch vergleichsweise schnell wieder verstummte.

Musikalisch wurde es dafür richtig laut: Nach ihrer mehrmonatigen „Trennung auf Probe“ stellten Fettes Brot in der Roten Flora erstmals live vor, was sie da in Sachen Deutsch-Hip-Hop im Studio zusammengewerkelt haben: den Party-Song „KussKussKuss“ zum Beispiel, der eingefleischte Fans mit gewohnt frech-gedichtetem Text abholt, aber die jüngere Zielgruppe mit ordentlich Synthesizer-Gedrehe und Knallpop-Beat mit an Bord nimmt. Beim Flora-Konzert riefen sich die drei Jungs nach der Performance gleich mal ein Stimmungsbild ein: „Und, seit ihr fasziniert oder irritiert?“ Handzeichen im Saal: Knapp 50-50, so das Ergebnis. Klar, mit repetitiv-quäckigem Refrain „Hast du schon mal einen Rapper geküsst“ und eingestreuten aufgesetzt-geloopten Lachern funktioniert der Song als Club-Gehopse, lässt aber doch etwas vom hintergründigen Witz älterer Lieder vermissen. Ähnlich elektro-knallig klingt „Dynamit & Farben“, bei dem sich der Refrain fast enttäuschend überwiegend auf „Yeah“ und „Wow“-Laute beschränkt. Im Vergleich dazu läuft „Kannste kommen“ mit minimalistischem Keyboard-Geklimper, Schlagzeug-Geklopfe und komplett synchron vorgetragenem Sprechgesang bunt-unaufgeregt geplätschert durch. Tiefgründiger wurde es dann bei „Echo“, der ersten Singleauskopplung von Fettes Brot: Zu sanft-verzerrten Elektroklängen mit wabernden Nachhall-Effekt rappen die drei Hamburger Jungs ihre Hymne über Einsamkeit und die Suche nach dem Gegenüber in der Ferne.

Trotz des noch ungewohnten neuen Sounds von Fettes Brot wissen die Jungs dennoch, wie man die Massen begeistert: Ihre Live-Performance riss den Saal durchweg zu Jubelchören und Mit-Gepoge ein, bei Deutschrap-Medley und Macklemore-Mix tropfte drinnen der Schweiß von der Decke. Und spätestens bei Klassikern wie „Jein“ und „Nordisch by Nature“ kam auch bei der ansonsten frierend-hopsenden Menge vor der Roten Flora richtig Partystimmung auf. Zur Belohnung der Fans kam Fettes Brot zum Abschluss des zweistündigen Konzerts auch noch mal auf den Balkon des Gebäudes raus – und ließen sich von ihren Fans feiern.

Geknallt hat’s am Schluss auch noch mal, erst nur mit Feuerwerkskörpern und "Bengalos", dann auch physisch: Nach Ende des Konzerts schlossen sich mehrere hundert Besucher in den frühen Morgenstunden noch einmal zu einer spontanen Demonstration für das Bleiberecht der Lampedusa-Flüchtlinge zusammen. Diesmal kam es zu Rangeleien und Handgreiflichkeiten zwischen Polizisten und Demonstranten.


Fettes Brot auf Deutschland-Tournee mit Kurzabstecher in Schweiz und Österreich
Header-Foto: © Jens Herrndorff

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