Neue Kommentare

Lydia zu 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht: Durch die persönliche Darstellung ist der Artike...
Hans Maschek zu 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht: Wunderbar atmosphärische Beschreibung. Ich habe ...
Matthijs van de Beek zu „Stan & Ollie”. Oder die schmerzliche Seite der Komik : Das klingt wunderbar und wird ganz sicher angesch...
Dr. Frank-Peter Hansen zu Die Wittgenstein-Dekomposition: Frank-Peter Hansens Antwort auf Martin A. Hainz...
NN zu Das Chimei – ein Museum für eine einmalige Privatsammlung in Taiwan: Lasst Euch nicht blenden! Es gibt nichts Gutes, a...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Musik

Manuskripte brennen nicht - "Der Meister und Margarita"

Drucken
(197 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 23. August 2013 um 10:53 Uhr
Manuskripte brennen nicht - "Der Meister und Margarita" 4.7 out of 5 based on 197 votes.
Manuskripte brennen nicht - Meister und Margarita

York Höllers Musiktheater „Der Meister und Margarita“, ursprünglich ein Auftragswerk der Hamburgischen Staatsoper, kehrt nach 24 Jahren nun endlich „heim“: ein theatralisches Klangereignis nach Michail Bulgakows berühmtem Roman, eine große Liebes- und Passionsgeschichte mit teuflischem Beistand.

Ein Kultroman als Oper – geht das überhaupt?
Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita“ war bei seinem Erscheinen 1966 eine literarische Sensation, gedruckt als immer noch zensierter Fortsetzungsroman in einer sowjetischen Zeitung. Die Auflage war in Windeseile ausverkauft, die Ausgaben wanderten von Hand zu Hand und fanden ein lesegieriges Publikum im Untergrund. Den Erfolg konnte sein Autor nicht mehr miterleben – Michail Bulgakow war 1940 gestorben, zermürbt von den Repressalien des Stalin-Regimes, das ihm ein freies Arbeiten unmöglich machte.

Bulgakows Frau Jelena setzte nach seinem Tod ihre ganze Kraft darein, sein literarisches Vermächtnis zu veröffentlichen: „Der Meister und Margarita“. Doch erst 26 Jahre später war es soweit. „Wenn ein wirklicher Schriftsteller verstummt, muss er sterben“, hatte Bulgakow verzweifelt an Stalin geschrieben. Mit der posthumen Veröffentlichung seines Romans war er unsterblich geworden. Zur Pilgerstätte wurde Bulgakows Moskauer Wohnung, die literaturverrückten Russen schlossen das Werk und seine Bewohner unauslöschlich in ihr Herz – und die ganze westliche Welt tat es ihnen bald gleich. 2012 erschien eine neue deutsche Übersetzung des Romans: „Ein grandioses Kunstwerk. Bulgakow hat Figuren erfunden, die kein Leser vergisst“, urteilte die Schriftstellerin Felicitas Hoppe in der FAZ.

„Der Meister und Margarita“ ist ein überbordendes Meisterwerk: groteske Satire in der Tradition Gogols, „Faust“-Paraphrase mit dem Teufel als heimlichem Helden, Vorläufer des Fantasy-Romans, magischer Realismus, theologische Debatte zwischen Jesus und Pontius Pilatus – und nicht zuletzt eine große Liebesgeschichte. Eine kraftvolle Liebe, die alle Schrecken überwindet und die unzweifelhaft autobiographisch geprägt ist. Der „Meister“ ist ein Schriftsteller, der von der Staatsmacht geknebelt wird. Sein Roman über Pontius Pilatus wird konfisziert, er selbst in eine psychiatrische Anstalt eingesperrt. Doch seine Geliebte Margarita geht einen Pakt mit dem Teufel ein, um sich an den Apparatschiks zu rächen. Als Königin des Satansballs wirbelt sie Moskau durcheinander – wie es schon vorher der Teufel persönlich tat, der in Gestalt des Magiers Voland das Böse ruft, um das Gute zu erschaffen. Seine „Hilfsteufel“ sind die wohl irrwitzigsten Gestalten, die jemals auf die Erde gekommen sind – allen voran der lässige Kater Behemoth, der schnurrend auf zwei Beinen die apartesten Sottisen in die Tat umsetzt.

Diesen Roman also nahm sich der Komponist York Höller vor, als er 1984 einen Kompositionsauftrag der Hamburgischen Staatsoper erhielt. „Das war auf Initiative des damaligen Chefdirigenten Hans Zender“, erinnert sich der heute 69-jährige Komponist. „Während der intensiven librettistischen und kompositorischen Arbeit demissionierte jedoch die gesamte Operndirektion, und meinem auf mehrere Jahre angelegten Projekt drohte damit das Aus. Aber ich hatte Glück im Unglück: die Pariser Oper übernahm das Projekt und die Uraufführung 1989 im Palais Garnier.“ Es wurde ein „denkwürdiges Ereignis“, wie es damals in der Zeitschrift „Opernwelt“ hieß; zwei Jahre später erlebte „Der Meister und Margarita“ die erfolgreiche Deutsche Erstaufführung in Köln. Seitdem war das Werk nicht mehr auf der Opernbühne zu sehen – die Anforderungen sind immens, aber überaus lohnend. Dass Höllers Stück – wie Reimanns „Lear“ – ursprünglich ein Auftrag der Hamburgischen Staatsoper war, veranlasste Simone Young nun, dieses faszinierende Musiktheaterwerk „heimzuholen“: „Ich habe York Höllers Oper damals in meiner Kölner Zeit als Korrepetitorin miterlebt und war fasziniert von seiner musikalischen Ausdruckskraft und kompositorischen Virtuosität. Und nicht zuletzt ist es natürlich eine wunderbare, ebenso phantastische wie berührende Story“, sagt Hamburgs Intendantin.
Als junger Mann erlebte York Höller die Kölner Uraufführung von Bernd Alois Zimmermanns epochalem Musiktheater „Die Soldaten“ mit – ein Schlüsselerlebnis. Höllers Kompositionsstudium führte ihn nicht nur zu Zimmermann, sondern auch zu Pierre Boulez, an dessen Pariser IRCAM-Institut er tätig war. Auf Einladung von Karlheinz Stockhausen arbeitete er im Elektronischen Studio des WDR Köln, das er 1990 als Leiter übernahm. Im gleichen Jahr erhielt er den Rolf-Liebermann-Preis für Opernkomponisten. Höller erhielt Aufträge vom Chicago Symphony Orchestra, dem WDR Orchester und führenden Neue-Musik-Ensembles. Dirigenten wie Daniel Barenboim, Semyon Bychkov und Lothar Zagrosek sind seiner Musik verbunden; Simone Young führte im „Salut“-Konzert 2008 sein Orchesterstück „Feuerwerk“ auf. 2010 wurde York Höller mit dem „Grawemeyer Award“, einem der international wichtigsten Kompositionspreise, ausgezeichnet. Im November bringt der NDR sein neues Cellokonzert in Hamburg heraus.

An der Staatsoper übernimmt Marcus Bosch die musikalische Leitung von „Der Meister und Margarita“. Der Nürnberger GMD, der seit 2005 regelmäßig in Hamburg dirigiert, nennt die Partitur eine „große, spannende Herausforderung“: „Sie hat als Romanvertonung ein hohes narratives Element, das man plastisch herausarbeiten muss. Der Orchesterpart ist sehr komplex, mit elektronischen Zuspielbändern und einem großen Schlagzeugapparat“, erzählt Marcus Bosch. Der Zuhörer wird mit verschiedensten Klangquellen konfrontiert, die den Reichtum der Roman-Vorlage in einen üppigen Klangkosmos umsetzen. Beispielsweise im Satansball, dem Marcus Bosch eine „impulsive, ja verstörende rhythmische Durchschlagskraft“ attestiert, „die immer wieder in die Irre führt.“ Orchestraler Höhepunkt ist die Episode von Margaritas Flug über die Stadt: „eine beeindruckende Mischung von Elektronik, vorgefertigten Momenten und sinnlichen, irisierenden Klangverläufen im Orchester“, sagt der Dirigent. Im Satansball werden Geister der Vergangenheit heraufbeschworen – Gelegenheit für Höller, ein zeitenumspannendes Klangpanaroma zu entfalten: „Stilvariationen, die vom mittelalterlichen Parallelorganum bis hin zu komplexen elektronischen Geräuschmontagen führen“, so York Höller. Das berühmte Konzept einer „Kugelgestalt der Zeit“ seines Lehrers Bernd Alois Zimmermann bereitete hier den Weg.

Der Stil- und Formreichtum der Oper entspricht der theatralischen und surrealen Vielschichtigkeit des Romans. Zur Entstehungszeit von Höllers Werk waren bühnentechnische Lösungen wie komplexe Videoprojektionen oder Computeranimationen noch nicht möglich. Es läge auf der Hand, sie heute für eine Inszenierung von »Der Meister und Margarita« einzusetzen. Doch Regisseur Jochen Biganzoli hat sich für eine andere Herangehensweise entschieden: „Wir wollen das Stück ganz bewusst nicht über Effekte erzählen, sondern über die Authentizität der Darsteller. Mich interessieren besonders die psychischen Konflikte der Figuren. Das heißt nicht, dass wir auf die Schwarze Magie oder die satirischen Elemente verzichten – aber wir wollen uns nicht hinter einem Ausstattungsspektakel verstecken.“

Als ehemaliger Assistent von Peter Konwitschny ist Jochen Biganzoli ein Regisseur, der die politische Grundkonstellation mit einem psychologischen Ansatz verbindet. Sein Bühnenbildner Johannes Leiacker hat ihm einen Raum entworfen, der gleichermaßen Gefängnis wie Rückzugsort für den Meister bedeutet – einen Raum, in dem die Alpträume und Halluzinationen, die teuflischen und die menschlichen Absurditäten unaufhaltsam eindringen. Die Kostüme von Heike Neugebauer unterstützen die Klarheit des Konzepts, das plötzlich durch phantastische Irrlichter und entfesselte Zauberkünste aufgebrochen wird.


 
Home > Blog > Musik > Manuskripte brennen nicht - "Der Meister...

Mehr auf KulturPort.De

„Tolkien”. Schlachtfelder zwischen Realität und Phantasie
 „Tolkien”. Schlachtfelder zwischen Realität und Phantasie



Frankreich, Juli 1916. Durch Nebelschwaden von Giftgas taumelt ein junger englischer Offizier auf der verzweifelten Suche nach seinem vermissten Freund. Im Fiebe [ ... ]



Inge Brandenburg: I love Jazz
 Inge Brandenburg: I love Jazz



Der deutsche Jazzpapst Joachim-Ernst Berendt schrieb über Inge Brandenburg: „Endlich hat der deutsche Jazz seine Stimme!“. „Time Magazin“ verglich sie m [ ... ]



Privattheatertage: Kleiner Mann, was nun – Figurentheater mit Live-Musik
 Privattheatertage: Kleiner Mann, was nun – Figurentheater mit Live-Musik



Ach, wie schön ist es doch, Weltliteratur einmal auf diese poetische Art und Weise erzählt zu bekommen! Begeisterter Beifall für das hinreißende Gastspiel de [ ... ]



Frau Architekt
 Frau Architekt



Architektur ist immer noch eine Männerdomäne, selbst heute, im 21. Jahrhundert.
Wie sich Frauen diesen Beruf erkämpft haben, was sie an hervorragenden Bauwe [ ... ]



Daniel Fuhrhop: Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift.
 Daniel Fuhrhop: Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift.



In diesen Tagen ist die Wohnungsnot eines der wichtigsten Themen der Politik. Sonst kann man sich ja auf überhaupt nichts einigen, aber hier kennt man über all [ ... ]



Giving Art a Face von Michael Knepper in der Galerie Kunstraum Hamburg
 Giving Art a Face von Michael Knepper in der Galerie Kunstraum Hamburg



Wie schreibt man eine Kunstkritik, wenn man mit dem Künstler seit Kindertagen befreundet ist? Vielleicht lieber gar nicht!? Gerade auch, weil sich die Kunst ein [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.