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„Klangwerktage 2011“ - Gibt es überhaupt Neue Musik im Iran? - Iranien Orchestra For Contemporary Music

„Gibt es überhaupt Neue Musik im Iran?“ fragt Christiane Leiste provokant in ihrem Editorial zur aktuellen Ausgabe der „Klangwerktage“.
Die Frage der Künstlerischen Leiterin des Musikfestivals auf Kampnagel ist rethorisch. Den Nachweis, dass es zumindest iranische Komponisten gibt, erbrachte bereits die Eröffnungsnacht: Unter dem schönen persischen Titel „Khiyal“ (Traumbild, Imagination) erklangen sechs Uraufführungen junger Komponistinnen und Komponisten, unter denen die Teheranerin Sarvenaz Safari den mitternächtlichen Schlusspunkt setzte. Wie die fünf Kompositionen zuvor (von Daniel Dominguez Teruel, Antonis Adamopoulos, Martin von Frantzius, Alexander Schubert und Florian Vitez) fügte sich auch diese Musik in einen Raum, der durch große weiße Planen durchspannt war, zwischen denen sich das Publikum vorsichtig, doch neugierig bewegte. Ein Neue-Musik-Labyrinth, das seine Besucher entschleunigt, zum Fantasieren anregt, ihre Wahrnehmung verschleiert. „Schleier“ lautet ein zentraler Begriff dieser „Klangwerktage“.

Die „Klangwerktage“ haben sich, nachdem Christiane Leiste vor vier Jahren des Festival von Thomas Schmölz übernahm und den Schulterschluss mit Kampnagel suchte, als wichtigstes Neue-Musik-Festival in Hamburg etabliert. Nicht nur das Publikum bestätigt dies durch seinen Besuch, auch die Gästeliste der Künstler, die die Leiterin nach Hamburg holt, kann sich sehen lassen. Und dass Komponisten wie Nader Mashayekhi und Nikolaus Brass das Festival auch abseits ihrer eigenen Konzerte besuchen, ist ein gutes Zeichen. Zwar kann der Erfolg der „Klangwerktage“ nicht darüber hinwegtäuschen, dass Hamburg für die Neue Musik ein hartes Pflaster bleibt, dessen überregionale Ausstrahlung so anheimelnd wirkt, wie eine Kneipentour auf dem Steindamm. Dennoch haben drei Jahre „Klang!“, die vom bundesweiten „Netzwerk Neue Musik“ geförderte Hamburger Initiative, die Stellung dieser so unverzichtbaren Minderheitenkunst in der Hansestadt verbessert, wie auch am Eröffnungsabend der „Klangwerktage“ deutlich wurde.
Denn es ist ja kein Zufall, dass das Hauptwerk dieses Abends von einem Komponisten stammt, der vor zwei Jahren „Composer in residence“ bei „Klang!“ war und sogleich enge Kontakte zu den Neue-Musik-Protagonisten der Stadt aufbaute: Georges Aperghis. Der französische Komponist griechischer Abstammung beeindruckte mit einer spektakulären Arbeit in der großen K6-Halle auf Kampnagel: Vier Türme, in denen zwei Flötisten (Eva Furrer und Michael Schmid), eine Tänzerin und ein Sprecher stecken, die durch Kameras, Bildschirme, Mikrophone, Zuspielungen etc. vielfältigst miteinander kommunizieren und doch allein bleiben. Ein Gleichnis für das pralle urbane Leben, in dem allem Geplapper zum Trotz oft Leere und Einsamkeit herrschen. Was sich nach Sozialkitsch und wohlfeiler Zivilisationskritik anhört, ist bei Aperghis ein visuelles und akustisches Feuerwerk, das die Sinne überwältigt und das zwar kritisch, oft aber auch ausgesprochen fröhlich daherkommt. Selbst die Momente, wo Aperghis und Emilie Morin die Möglichkeiten der Videotechnik ausstellen (wenn etwa die Tänzerin Johanne Saunier den in ihren Turm hinein projizierten Kopf von Richard Dubelski als Spielball benutzt oder wenn die vier Gesichter zu einem einzigen geviertelt werden), wirken leicht, gewissermaßen französisch, und keineswegs selbstverliebt. Keine Frage, dass eine solch präzise Arbeit nur gemeinsam mit dem Pariser IRCAM möglich ist, das seit 35 Jahren die gesamte europäische Neue Musik bereichert. Ein großer Wurf, diese Produktion.

Noch vor den Eröffnungsreden von Christiane Leiste und Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard hatte der Abend mit einem neuen Musiktheater der freien Theatergruppe „opera silens“ um den Regisseur Hans-Jörg Kapp begonnen: „Josefine singt“. Ein dunkles, für manche zu ereignisarmes Stück, das im wesentlichen aus einer vollständigen Rezitation von Kafkas „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“ besteht. Wie diese letzte Erzählung Kafkas als Schlüsseltext der Neuen Musik gilt, wirkte das Stück auch wie eine Verbeugung vor John Cage, dessen 100. Geburtstag nächstes Jahr bevorsteht. Bewunderswert die Leistung der Sopranistin Frauke Aulbert, die über eine Stunde lang Josefine verkörperte, ohne auch nur einen Ton zu singen; ihre im Text als „pfeifen“ deklarierte Kunst wurde von einem unsichtbaren Cello übernommen, das durch Tonproduktion hinter dem Steg als solches nicht mehr zu erkennen war. (Ein paar Stunden später erhielt Frauke Aulbert dann in der Uraufführung von Alexander Schubert ihr beeindruckendes Solo.) Als „Liederabend“ war „Josefine singt“ annonciert worden: ein bewusster Etikettenschwindel, der sich gut in das augenzwinkernde Gesamtwerk der „opera silens“ einfügt.

Die diesjährigen „Klangwerktage“ fallen mit dem Finale von „Klang!“ zusammen. Das dreijährige Projekt läuft verabredungsgemäß aus, andere Städte wie Kiel haben eine Fortsetzung ihrer lokalen Projekte mithilfe öffentlicher Förderung bereits in trockene Tücher gebracht. In Hamburg steht an dieser Stelle ein Stopp-Schild. Gibt es überhaupt Neue Musik in Hamburg? Es gibt zumindest Veranstalter, die noch nicht die Lust daran verloren haben. Mehr und neugierigeres Publikum könnte ihnen den nötigen Rückhalt geben. Die Belohnung winkt an Abenden wie dem ersten der „Klangwerktage“ 2011.

Foto Header: Iranian Orchestra For Contemporary Music (c) Kampnagelalt

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