Werbung

Neue Kommentare

Martin Zopick zu „Nocturnal Animals” – Rachethriller als bittere Selbsterkenntnis : Der zweite Film von Tom Ford und der ist gar nich...
Michaela zu „Midsommar”. Die sonnendurchfluteten Abgründe des Ari Aster: Einer der magnetisierendsten Filme, die ich seit ...
Hampus Jeppsson zu „Der Distelfink“. Kühle Eleganz als Metapher für Schmerz: Interessant. Ein sehr guter Roman, dessen Verfilm...
Elvana Indergand zu Snøhetta: Architektur – Landschaft – Interieur: Ich bin begeistert von der Biblioteca Alexandrina...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Musik

Haydn, Dowland, Gubaidulina: Musikalisches Passions-Triptychon

Drucken
(125 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 06. April 2011 um 08:33 Uhr
Haydn, Dowland, Gubaidulina: Musikalisches Passions-Triptychon 4.6 out of 5 based on 125 votes.
Haydn, Dowland, Gubaidulina: Musikalisches Passions-Triptychon

Das Ensemble Resonanz würdigt als einzige Hamburger Institution den 80. Geburtstag der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina.
Ihre „Sieben Worte“ für Violoncello, Bajan und Streicher wurden am vergangenen Sonntag in der Kulturkirche Altona umrahmt von Joseph Haydns Sinfonie Nr. 44 e-moll, genannt „Trauer-Sinfonie“ und Auszügen aus John Dowlands „Lachrimae or Seven Tears“.

Das Ensemble präsentiert drei vollendete Interpretationen von Werken der Spätrenaissance, der Klassik und der Moderne. Eine gewagte Spannung aus vier Jahrhunderten – zusammengehalten durch das Thema Trauer und durch das gestalterische Vermögen des Ensembles, authentisch, spontan und voll Freude zu Musizieren und das auf selten hohem handwerklichen Niveau.
Die geniale Programmauswahl ist Tom Glöckner zu verdanken, einem der Dramaturgen und Violinisten des Ensembles. Der geschmeidige und von Konzert zu Konzert noch mehr eigene Klang des Kammerorchesters offenbart die glückliche Zusammenarbeit mit dem Artist in Residence, dem Cellisten Jean-Guihen Queyras.

Doch warum soviel Euphorie?

Selten hört man einen so farbenfrohen und fein durchgestalteten Haydn (*1732; gest. 1809). Ohne Dirigenten gespielt, wirkt diese Sinfonie wie ein lebendiges Gewebe aus musikalischem Diskurs. Die Musiker hören einander zu und orientieren sich an jeweils unterschiedlichen Stimmen. Die Freiheit der einzelnen Musiker zur Ganzheit des Orchestersatzes; ein gemeinsamer Puls aus kammermusikalischer Transparenz. Ein Beispiel: im Menuetto strahlen plötzlich alle Spieler bei einer Zwischendominante – einfach mitreißend. Das Adagio überzeugt klanglich wohl proportioniert mit betörenden Kantilenen. Das Presto: fein ziselierte Virtuosität voll Haydnschen Humors.
Das Bild der Trauer ist im letzten Satz nachvollziehbar, obwohl der Name „Trauer-Sinfonie“ nicht von Hadyn selbst stammt, sondern wohl auf dessen Wunsch zurückgeht die Aufführung des Adagios bei seiner musikalischer Beerdigungsfeier aufzuführen.

Die vier Sätze aus „Lachrimae or Seven Tears“ von John Dowland (*1563; begr. 1626) nehmen den Hörer mit auf eine Zeitreise ins England von Elisabeth I. und verdeutlichen musikalisch die Auferstehung einer heute toten Epoche mit Klängen über alte, geseufzte, traurige und wahre Tränen.

Vergänglichkeit, Leid und Auferstehung sind auch das Thema des Hauptwerks im Programm: Der „Sieben Worte“ von Sofia Gubaidulina (*1931). Dank der einführenden Worte der Bajan-Spielerin Elsbeth Moser im „Lauschangriff“ über das Werk war das Ohr vorbereitet, eine weitere Klangreise zu unternehmen. Gubaidulina macht die Kreuzsymbolik hörbar. Cluster, Glissandi, Tremoli, extreme Lagenwechsel, Polyrhythmik, Skalen, Tonreihen, Verwendung von Vierteltönen – all dies formt die Komponistin zu ihrer persönlichen, menschlich wirkenden Tonsprache.
Gubaidulina gebraucht zwei Soloinstrumente, um das Verenden und die Transformation Christi zu beschreiben. Das Cello drückt das physisch-menschliche Leid des Körpers aus, das Bajan aber spiegelt diesen Vorgang von der göttlichen Seite. Beide Instrumente zerren, schreien, zucken, bäumen sich auf, zittern, verzagen und hauchen den letzten Atem aus. Das Ensemble vervollständigt das musikalische Passionsbild mit teilweise betörenden, teilweise die Grenzen des Leids auslotenden Klängen: die Transformation eines Überganges in ein himmlisches Jenseits.

Zurückgeholt wird das Publikum mit dem vierten Satz von Dowland: „Lachrimae verae - Wahre Tränen“ von der Seitenschiff-Empore gespielt. Zurückgeholt in eine Gegenwart, die 400 Jahre alt ist aber heute noch greift und berührt.

Dieses musikalische Triptychon ist eine gelungene Würdigung der russischen Komponistin, ein Erlebnis der Sinne und Gefühle sowie eine musikalisch vitale Kombination.


Foto Header: Sofia Gubaidulina
Fotos Galerie:
1. Ensemble Resonanz (Foto: Michael Haydn)
2. Jean-Guilen Queyras, Violoncello (Foto: Marco Borggreve)
3. Elsbeth Moser, Bajan
4. Sofia Gubaidulina (Copyright: Sikorski Musikverlage)


Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Musik > Haydn, Dowland, Gubaidulina: Musikalisches Pa...

Mehr auf KulturPort.De

Still in the Woods: Flying Waves
 Still in the Woods: Flying Waves



Schon in einer vorangegangenen KulturPort.De-Besprechung zum ersten Album (Rootless Tree) von „Still in the Woods“ kam das bemerkenswerte Potential der Band  [ ... ]



„Halloween“-Opern-Slam im Opernloft Altona
 „Halloween“-Opern-Slam im Opernloft Altona



Ein ungewöhnlich schönes Ambiente, ganz erstaunliche Stimmen und ein Spaßfaktor, wie er in der klassischen Musik wohl einmalig ist: Der „Halloween“-Sänge [ ... ]



Gottes Wort oder Menschenwerk? Zwei Bücher über die Geschichte der Bibel
 Gottes Wort oder Menschenwerk? Zwei Bücher über die Geschichte der Bibel



Die Bibel, sagt Arno Schmidt irgendwo, sei „ein unordentliches Buch mit 50.000 Textvarianten“. Auch wenn diese Zahl groß klingt – damit hat er gewiss noch [ ... ]



Die jungen Jahre der Alten Meister – Baselitz, Richter, Polke, Kiefer
 Die jungen Jahre der Alten Meister – Baselitz, Richter, Polke, Kiefer



Es war die Zeit, in der die Malerei totgesagt war. Jeder, der sich zur Avantgarde zählte, suchte den Ausstieg aus dem Bild. Jeder? Nein. Vier junge Maler dachte [ ... ]



Christian Frentzen: First Encounter
 Christian Frentzen: First Encounter



Hat Modern Jazz noch eine Zukunft? Oder ist seine Wiederbelebung ein Griff in die Mottenkiste? Nein: Der Kölner Pianist Christian Frentzen zeigt auf seinem Deb [ ... ]



„Alles fließt“ – Oliver Mark, Sibylle Springer und Sonja Ofen in der Gallery Lazarus Hamburg
 „Alles fließt“ – Oliver Mark, Sibylle Springer und Sonja Ofen in der Gallery Lazarus Hamburg



Mia Farrow, Ben Kingsley, Anthony Hopkins – Oliver Mark hat sie alle vor der Kamera gehabt. Jetzt stellt der international renommierte Fotograf mit Sibylle Spr [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.