Musik

Im Gespräch: Claus Friede mit dem Komponisten und Pianisten Gerhard Folkerts

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Donnerstag, den 01. Juli 2010 um 16:39 Uhr
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Im Gespräch: Claus Friede mit dem Komponisten und Pianisten Gerhard Folkerts

Mikis Theodorakis ist eine der großen Symbolfiguren für Menschlichkeit in unserer Zeit. Sein Leben ist das eines tatkräftig und unbeugsam handelnden Komponisten, Literaten und Politikers – es ist ein Leben für die Freiheit.

Das machen seine Lieder und Texte hörbar. Gerhard Folkerts hat sie für eine Hommage zusammengestellt und arrangiert und begleitet die Mezzosopranistin Julia Schilinski am Klavier. Rolf Becker rezitiert Gedichte und Stationen aus Mikis Theodorakis’ Autobiografie.


Claus Friede traf Gerhard Folkerts im Hotel Grand Elysée Hamburg und sprach mit ihm über Theodorakis' Werk und die Hommage zu dessen 85. Geburtstag im Deutschen Schauspielhaus Hamburg.


Claus Friede (CF): Wie kamen Sie mit Mikis Theaodorakis' Werk und ihm persönlich in Kontakt?

Gerhard Folkerts (GF): Ich bin als Tourist in einer Musikalienhandlung in Athen auf Kammermusik von Theodorakis gestossen und hatte gar nicht gewusst, dass er im Bereich der E-Musik komponiert hat. Darauf hin habe ich mir dort alles gekauft, was ich von ihm finden konnte. Erst zwei Jahre später bin ich dazu gekommen, mir alle gekauften CDs anzuhören und war so begeistert, dass ich selbst eine CD aufgenommen habe, die ich dann Theodorakis geschickt habe. Er hat mir sehr, sehr freundlich geantwortet und ich begann in meine Klavierkonzertabende seine Werke einzubeziehen. Zu seinem 80. Geburtstag, im Jahr 2005 gestaltete ich einen Konzertabend ausschließlich mit Theodorakis' Kompositionen, unter anderem auch in Athen. Das Konzert besuchte er mit seiner Frau Myrto. Ein Jahr später besuchte er erneut einen meiner Klavierabende, den ich diesmal zur Hälfte mit Theodorakis' Werken und zur anderen Hälfte mit Folkerts' Werken gestaltete. Daraus entstand dann ein regelmäßiger Kontakt und Austausch. Mittlerweile kann Mikis Theodorakis nicht mehr reisen und kaum noch laufen und so sehen wir uns nicht mehr so häufig, vielleicht vier Mal im Jahr. Aber dann sind es immer sehr intensive Gespräche in seinem Haus in Griechenland.

CF: Komponiert Mikis Theodorakis denn noch?

GF: Vor etwa sechs bis sieben Jahren hat er sich dazu entschlossen, nicht mehr zu komponieren, er instrumentiert aber noch und er hat die „Metronomisierung“ seiner Werke noch einmal neu durchgesehen und die Tempi verlangsamt.
Vor drei Jahren bekam er von einem ihm unbekannten jungen griechischen Schriftsteller, der in Athen lebt, dreißig Gedichte zugesandt, woraus er einen zwölfteiligen Liederzyklus schuf. Bei unserem letzten Treffen, erzählte er mir, dass er sich in den letzten Jahren sehr intensiv mit den Werken, vor allen den Symphonien Gustav Mahlers beschäftig habe und ihn für einen der bedeutendsten Komponisten hält. Schließlich, zum Abschluss des Gesprächs sagte er, dass er wohl noch ein großes symphonisches Werk schreiben würde.

CF: Was verbindet uns ins Deutschland mit der Musik von Theodorakis oder anders gefragt, wie wird die Musik Theodorakis’ in Deutschland wahrgenommen?

GF: Es gibt zwei bis drei Aspekte: Er wurde politisch und musikalisch bei uns wahrgenommen in der Zeit der Militärdiktatur in Griechenland, zwischen 1967 und 1974. 1970 ging er dann ins französische Exil und begann, sein großes Oratorium „Canto General“ (1971-1982) zu komponieren. Er wurde eine Symbolfigur der französischen und deutschen Studentenbewegung, für seinen Widerstand gegen Diktatur, sein Eintreten für demokratische Rechte und für die Freiheit. Diese Haltung vertrat er sein Leben lang. Zuletzt brachte er sich in das Bewusstsein vieler junger Griechen ein als er sich zum Jugoslawienkrieg zu Wort meldete und auf öffentlichen Plätzen vor vielen tausend Menschen sprach. Hier in Deutschland können mittlerweile wenig junge Leute etwas mit dem Namen anfangen. Ein weiterer Aspekt ist in der Musik zu finden, denn es gibt mehrere Kompositionsmethoden in seinem Schaffen. Er ist nicht nur ein Komponist der künstlerischen Volksmusik, sondern er ist eben auch ein ernstzunehmender Komponist von Symphonien, Kammermusik sowie von fünf Opern. Seine Werke aus der letzten großen Schaffensperiode in den 1990er Jahren sind leider in Deutschland so gut wie unbekannt. Soweit ich weiß, hat es lediglich eine Erstaufführung der Oper „Medea“ am Theater Meinigen gegeben.


CF: Sie sprechen vom Begriff „Haltung“. Bedingt sich bei Mikis Theodorakis die politische und die musikalischen Haltung?

GF: Ja, das ist ein unabdingbares Moment. Theodorakis verbindet Musik und Text. Seine Haltung ist immer dann einfacher nachvollziehbar, wenn die Menschen den Text verstehen und wissen worum es geht. Immer wieder nimmt er ab 1946 Bezug auf die gesellschaftspolitische Situation in Griechenland.

CF: Wird sich dies in der Hommage, die am 4. Juli im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg stattfinden wird, widerspiegeln?

Im Gespräch: Claus Friede mit dem Komponisten und Pianisten Gerhard FolkertsGF: Ja, deshalb haben wir den Titel „Ein Leben für die Freiheit“ gewählt. Die Hommage wird das Leben Theodorakis' widerspiegeln, vom Widerstand gegen die deutschen Besatzer über den Bürgerkrieg und die Militärdiktatur bis zur Gegenwart. Das Programm stellt nicht nur den Musiker Theodorakis vor, sondern auch den Dichter. Rolf Becker liest Texte und Ausschnitte aus der Autobiographie und die Mezzosopranistin Julia Schilinski wird Partien aus den beiden großen Oratorien „Axion Esti“ und „Canto General“ vortragen. Diese Oratorien haben übrigens eine höhere CD-Auflage erreicht als „Alexis Sorbas“, mit dem Mikis Theodorakis in Deutschland verbunden wird. Der "Sorbas" ist leider eine gewisse Tragik, denn die Menschen wollen immer nur diesen hören und das andere in toto nicht wahrnehmen – was aber auch an uns Interpreten liegt. Aber daran können wir arbeiten.
Wir blicken am 4. Juli auf das kompositorische und schriftstellerische Werk von 1949 bis ungefähr 2004.
Ich sagte eben schon, dass Theodorakis nicht mehr reisen kann und so haben wir eine kleine Überraschung: Am 15. Mai haben wir in seinem Haus in Athen mit Regisseur Michael Harder eine kurze Filmdokumentation produziert, in der er in knapp vier Minuten eine Art musikalisches Testament formuliert und sich direkt an das Hamburger Publikum wendet.

Lesen Sie hier bei Kultur-Port.De das musikalische Credo von Mikis Theodorakis:

"Guten Tag!
Es ist für mich eine große Freude, aber auch ein sehr bewegender Augenblick, das Wort an das von mir sehr geschätzte Publikum in Deutschland richten zu können, in diesem wunderbaren Konzertsaal.

Sehr geehrter Herr Michael Propfe, mein lieber Freund, Gerhard Folkerts, ich danke Ihnen für diese Gelegenheit, die Sie mir ermöglicht haben, sowie für die Liebe, die Sie der Musik und meiner Person entgegenbringen. Die Werke, die heute hier von diesen äußerst würdigen Interpreten aufgeführt werden, stellen nur einen kleinen Ausschnitt meiner Bemühungen als Komponist dar, die meine Liebe zur Musik und meine leidenschaftliche Hingabe an diese Kunst widerspiegeln.

Wir, die wir uns mit dieser einzigartigen Kunstform beschäftigen, Komponisten und Interpreten, müssen uns glücklich schätzen, da uns die Natur die Gabe des Kontakts mit der kosmischen Harmonie geschenkt hat, deren Gesetz die Quelle des Lebens ist. Von den Galaxien und den Sternen, bis hin zur kleinsten Lebensform, dem Atom, gehorcht alles den Gesetzen der kosmischen Harmonie. Pythagoras hat uns vor tausenden von Jahren offenbart, dass die Essenz des Universums die Musik ist, die sich durch Klänge äußert. Die Musik ist somit auch die Quintessenz des menschlichen Lebens. Deswegen lieben und preisen wir die großen Komponisten, die diese Klänge in Kunst und Schöpfungen umgewandelt haben, so dass unser Leben Sinn erhält und von Schönheit erfüllt wird.

Das große Unglück des Menschen ist jedoch, dass die Kehrseite der Harmonie, also das genaue Gegenteil der Harmonie, das Chaos ist, also die Unordnung, der Hass, die Gewalt, die Hässlichkeit, die unserer dunklen Seite entsprechen und die bestialischen Instinkte widerspiegeln, die wir geerbt haben und die versuchen, die Herrschaft der Harmonie, der Schönheit und der Liebe zu zerstören. Und somit bewegt sich der Mensch durch die Jahrhunderte und durch diesen nie enden wollenden Kampf zwischen Harmonie und Chaos, Schönheit und Hässlichkeit und Liebe und Hass. Ich denke, dass genau in diesem Punkt der große Gegensatz besteht, der Menschen, Gesellschaften und Völker erschüttert.

Abschließend möchte ich betonen, dass in diesem Tempel der Musik ein Werk, eine Tätigkeit durchgeführt wird, die die Grenzen des einfachen ästhetischen Genusses überschreitet. Ein gesellschaftlich nützlicher Beitrag, der es uns erlaubt, aktiv teilzunehmen am Kampf des Guten gegen das Böse, so dass die Gesellschaft und die Nation, in der wir leben, immer größeren Nutzen ziehen kann aus dem Gesetz der Harmonie, der Schönheit und der Musik. Aus dem Gesetz also, das den Menschen erst zum Menschen macht, im wahrsten und prachtvollsten Sinne des Wortes.

Ich danke Ihnen von Herzen.
Danke schön.

Ihr Mikis Theodorakis"


Gerhard Folkerts (*1944 in Meiningen) ist in Emden aufgewachsen, hat an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg studiert und lebte in den 1980er Jahren in Uetersen, wo er auch künstlerisch wirkte. Einige Jahre später erfolgte der Umzug nach Wedel bei Hamburg, wo er heute lebt und arbeitet. Seine Klavierstudien erfolgten bei Eckart Besch, Erich Böhlke, Conrad Hansen und Tatjana Nikolajewa. Bei seinen Klavierabenden hat er sich auf sinfonische Werke des Komponisten Mikis Theodorakis spezialisiert. Außerdem gestaltet er zusammen mit Sängerinnen/Schauspielerinnen Abende des literarischen Liedes, so zum Beispiel mit Gina Pietsch und Yalda Rebling, beide Berlin. Gerhard Folkerts komponiert Klavier- und Kammermusikwerke sowie Liederzyklen und Musik zu zahlreichen literarischen Programmen. (Wikipedia)

Hommage an Mikis Theodorakis
Am Sonntag, den 4. Juli, 11 Uhr / Großes Haus
Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Kirchenallee
Eintrittspreis: 16 € / 7,50 €
Karten: Telefon 0 40.24 87 13 (Mo.-Sa., 10-19 Uhr) oder online unter www.schauspielhaus.de

Foto Header: Einladung. Foto Folkerts und Theodorakis: Petra Folkerts
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