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Musik

Else Lasker-Schüler und ihr Stück „IchundIch“

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Dienstag, den 01. Oktober 2019 um 07:23 Uhr
Else Lasker-Schüler und ihr Stück „IchundIch“ 4.3 out of 5 based on 98 votes.
Else Lasker-Schueler und ihr Stueck IchundIch Staatsoper Hamburg

„Der Fels wird morsch, dem ich entspringe und meine Gotteslieder singe...“
„IchundIch“, Else Lasker-Schülers letztes Theaterstück, entstanden während ihres Exils in Palästina drei Jahre vor ihrem Tod 1945, sollte eigentlich „Der bekehrte Satan“ heißen. Die Auftragsoper von Johannes Harneit wird ab 1. November in der Staatsoper Hamburg inszeniert.

In der Spanne zwischen diesen Titeln und ihren (ent)sprechenden Bedeutungsräumen inszeniert sich Weltpolitik, private Erlösungsphantasien und Poesie. Aber es inszeniert sich auch die Autorin selbst, indem im Titel bereits anklingt, wie sie sich als zwar gespaltene und verletzte, letzten Endes jedoch, nach lebenstragischen Phasen doch in großer eigensinniger Stärke einheitliche Person sah. Die Kraft ihres Jüdisch-Seins spielt hier eine große Rolle: obwohl sie stets mit „den Juden“ haderte, hat sie sich doch zuweilen selbst mit dem Begriff identifiziert.

Während sie sich nicht mit dem „Jiddischen“ anfreunden konnte, womöglich mit dem gesamten europäischen Diasporajudentum, definiert sie eher im „Hebräischen“ ihre geistige Heimat. Dafür sprechen viele Texte, viele Zeichnungen und Bilder, in denen der Hang zu einem privaten Exotismus um die Bild- und Geschichtenwelt des Vorderen Orients deutlich wird, auch hier ein Moment von Selbstinszenierung in einem Land ihrer Sehnsucht. Dieses drängte sich ihr als (ein) Ort des Exils förmlich auf: als Ort ihrer Wahl und auch des historischen Zwangs. Die Sammlung ihrer Erfahrungen und ihres Lebens in Palästina nannte sie „Das Hebräerland“.

„IchundIch“ – ohne die beiden fehlenden Leerzeichen – lässt an Platons Kugelwesen denken, die sich einst gespalten haben, aber Zeit ihres Lebens immer wieder zur Kugelgestalt zusammenfinden wollen. In „IchundIch“, einem im besten Sinn wilden dramatischen Entwurf, gleichzeitig künstlerisch avantgardistisch, politisch satirisch und religiös heilsgedanklich, zu dem es kein literaturgeschichtliches Vorbild gibt, treten Mächtige der Politik, der Kunst und der Religion in einen grotesk verschachtelten, genialisch enggeführten Dialog, aus dem Else Lasker-Schülers Ende. „Ich freu mich so, Gott ist da!“ sind die letzten Worte der Dichterin, leise hinter dem bereits geschlossenen Vorhang gesungen. Das Ende des Stückes erinnert an die Versöhnungsvision von Katholiken und Juden in ihrem im Züricher Exil uraufgeführten Drama „Arthur Aronymus und seine Väter“. In „IchundIch“ steigert sich dieses Erlösungsmotiv zu einem geradezu wütend optimistischen Ausblick, der sich nicht mit dem schlechten Gegebenen zufriedengeben mag (und das im Jahre 1943 bei einer wohlinformierten und politisch interessierten Autorin), sondern im „Bekehrten Satan“ eine eschatologische Tröstung und Erlösung bot. Persönliches, persönlich Gespaltenes war ihr in diesem Stück ihr Politisches.

Berlin
Auch ein wichtiges Gedicht ihrer späten Jahre hat zwei unterschiedliche Titel: „Die Verscheuchte“ und „Das Lied der Emigrantin“. Es erschien 1934, als Else Lasker-Schüler bereits ihr durch Behördenschikanen widriges Leben in ihrem zweiten Exil in der Schweiz zubrachte, zuerst im zweiten Heft der Zeitschrift für Exilliteratur „Die Sammlung“, herausgegeben von Klaus Mann. („Sie ist komplett wirr, dann sagte sie zwischen drin güldene Dinge im Dichterton.“)

Die Existenz einer Emigrantin ist eine trotzige Neuidentität gegen die dafür verantwortlichen Verhältnisse, während eine Verscheuchte eigentlich nie wirklich dazugehört hat. „Und deine Lippe, die der meinen gleich/Ist wie ein Pfeil nun blind auf mich gezielt“. Die letzten beiden Zeilen fassen ihre Situation in den letzten Berliner Jahren in ein verschlüsseltes Bild der antisemitischen Anwürfe, der sie ausgesetzt war: die Lippen, mit denen wir uns doch gemeinsame Dinge gesagt haben, spricht nun das „Du bist anders“ aus, das die Juden wenig später ins Gas schickt oder in ein Exil, das für die allermeisten Künstler mit dem Verlust ihrer Sprache, ihres kulturellen deutsch-jüdischen Hintergrunds in all ihrer Uneinholbarkeit bedeutete. Else Lasker-Schüler erfuhr dies am eigenen Leib – oft wurde sie verprügelt auf offener nächtlicher Straße in Berlin, sie war Opfer und Zielscheibe der rechten Presse, die ihren Kleist-Preis kommentierte, immer unausweichlicher wurde die Notwendigkeit zu gehen, sodass sie, nachdem sie ihre Bücher für 40 Pfennige zu verhökern suchte, um Geld für die Fahrt in die Schweiz zusammen zu bekommen, emigrierte oder eben „verscheucht wurde“.

Else Lasker-Schüler war trotz einer riesigen Menge privater Verbindungen zu Schriftstellern, Künstlern und Philosophen nie wirklich beheimatet in den etablierten bildungsbürgerlichen, selbstgewissen Kreisen, auch band sie keine klare ideologische Oppositionshaltung an eine politische Organisation. Sie saß immer zwischen den Stühlen, im Zwischenraum, in Distanz, die sich nicht unbedingt gedanklich, sondern vor allem persönlich-poetisch äußerte (das gehörte für sie zusammen). Viele ihrer Weggefährten goutierten ihre versponnenen Auftritte und Selbstinszenierungen, die jedoch umschlagen konnten in eitle Selbststilisierung, wenn sie sich und auch ihren Freunden arabische oder jüdische Namen gab, sie in exotische Kostüme kleidete, auch entsprechende Postkarten verschickte, versehen mit Texten in innigem Märchenton. In symbolistisch-expressionistischen Metaphern gab sie den Rollen ihrer poetischen Helden, die auch immer die ihres Lebens waren, Kontur und Geschichten. Sie rezitierte oft und gerne ihre Gedichte in den Berliner Literaturclubs, in Theatern, auf Kleinkunstbühnen. Sie entnahm ihrem Koffer Kostüme, Flöten, Tücher, Gewänder, Gegenstände, in denen Schimären und ausgeborgte Gestalten aus fernen Gefilden in einen Dialog der Verse traten. Diese Koffer blieben immer in Berlin, sie hätte sie in Jerusalem gerne bei sich gehabt.

Else Lasker-Schüler war Lebenspartnerin von Herwarth Walden („Der Sturm“), und hatte eine chaotisch-tragische Liebesbeziehung zu Gottfried Benn: „Sie ist fanatisch antideutsch und lügt wie alle hysterischen Menschen.“ Sie war bekannt mit den Manns, befreundet oder auch in kritischer Distanz bekannt mit Rainer Maria Rilke, Adolf Loos, Kurt Hiller, F. W. Murnau, Karl Kraus, Georg Trakl, Max Reinhardt, Ernst Ginsberg, Oskar Kokoschka, Wieland Herzfelde, Harry Graf Kessler, Franz Kafka (der ihre Gedichte furchtbar fand), Paul Cassirer, Franz Werfel, Leopold Lindtberg, Gershom Scholem, Martin Buber etc.

Zürich, Jerusalem
Lasker-Schueler - die verscheute DichterinOft genug aber gab es Anzeichen von Missstimmung und Irritationen zwischen ihr und ihren Leuten: mag sein, dass ihr unsteter „Lebenssturm“ sie, seit sie aus dem Wuppertal nach Berlin kam, hin und her geworfen hatte, seit ihrem Weggang von Berlin ohne Küche lebte, oft ihrem ständig kranken, abgöttisch geliebten und zeichnerisch hochbegabten Sohn teure medizinische Behandlungen, Internate und Erholungsaufenthalte finanzieren musste, selbst immer wieder monatelang an anderen Orten lebte und nie wirklich das war, was man „sesshaft“ nannte. Sie hungerte oft, war selbst chronisch krank, fror in langen Wintern in ungeheizten Zimmern, wohnte sogar als 60-Jährige zur Untermiete im Züricher Exil. Dadurch entschwand sie ihren Mitmenschen, man war angewiesen auf Briefe, man sprach in Abwesenheit über sie, Gerüchte entstanden, sie ihrerseits vermutete Intrigen, behandelte auch Freunde sehr rüde und ungerecht, während sie sich um andere, selbst weitläufig Bekannte aufopferungsvoll und engagiert kümmerte. Als sie ihre letzten Jahre in Palästina verbrachte und bei ihrem zweiten Aufenthalt nach 1940 die Zunahme von Unruhen und Auseinandersetzungen zwischen Juden und Arabern mitbekam, wollte sie eine Institution gründen, in der Kinder beider Konfliktparteien zusammenkommen sollten, in einem Projekt der Hoffnung und Versöhnung, ohne die Ressentiments, die ihre Eltern in die kämpferische Auseinandersetzung trieb. Sie schrieb verzweifelt Gönner, mögliche Förderer, Freunde an, damit sie Geld dafür geben sollten.

Im Hinnomtal
„Jedenfalls liebe ich nach meiner Sehnsucht die Leute alle zu kleiden, damit ein Spiel zustande kommt. Spielen ist alles.“ In „IchundIch“ verfährt sie ähnlich, der Spielcharakter verdüstert sich aber, wird rauer, „relevanter“, das Sujet Judenvernichtung erlaubt keine stilisierenden, romantisierend-eskapistischen Gesten, sodass sich im Spiel der Masken die wahren Gesichter zeigen. Alle Gestalten und Charaktere sind bekannt, keine Figur ist der Wiedergänger einer ausgeborgten Realidentität: Die Könige Saul, David und Salomo entstammen der Bibel, Faust, Mephisto, Marthe Schwerdtlein aus Goethes Drama, Max Reinhardt (dessen „Jedermann“ 1911 in Berlin Lasker-Schüler „blasphemisch und unkünstlerisch“ nannte) führt im Stück Regie, die Ritz Brothers haben sich in ein Schauspiel verirrt, Goebbels, von Schirach, Heß und Göring als Repräsentanten des NS-Regimes treten auf, ebenso wie Herschel Grynszpan (ihn, der den Botschafter in Paris umbrachte, was Auslöser der „Kristallnacht“ war, versuchte Else Lasker-Schüler aus Palästina mit Briefen „herauszuhauen“), und der angebliche Brandstifter des Reichtags, Marinus van der Lubbe. Und: Else Lasker-Schüler selbst als Dichterin.
Ort des aufgeführten Stücks (im Stück) bzw. deren Probe ist das Hinnomtal am Rand von Jerusalem, auch „die Hölle bzw. ein Theater im Höllengrund“. Unter der Leitung von Reinhardt wird ein Mysterienspiel geprobt, in dem die „Nacis“ um Petroleum für Deutschland und gegen Deutschlands Feinde bitten. Mephisto geht auf den „Wirtschaftspakt“ ein und fordert im Gegenzug ein „Städtchen an der Eifel“. Faust und Mephisto sind keine Antagonisten, sondern vereinigen sich unter dem Druck der Verhältnisse zu einem Doppelwesen mit gemeinsamer Strategie, Faust sagt: „Der Teufel soll den Störenfried aus Braunau endlich holen!“. Daraufhin wechselt der Teufel die Seite, die Nacis versinken in der von Mephisto herbeipraktizierten heißen Lava und Schirach jammert: „Adolf, Adolf, warum hast du mich verlassen?”. Mephisto eröffnet Faust: „...durch das wiederum Entfalten des „IchundIch“ komm ich geklärt und pfingstgeläutert ich zu mir!“

Das Stück ist übervoll mit Zitaten, Anspielungen, Maskierungen von literarischen Topoi. Hier wirkt eine rabbinische Tradition des Sich-Erinnerns. Wer nicht Teil des Heilsgeschehens war, muss sich erinnern und sich den Praktiken des Erinnerns überlassen, um sich selbst als zugehörig zu vergewissern. Arnold Zweig schrieb über Else Lasker-Schüler: „Sie lebt dichtend. Sie schreibt Polemiken dichtend.
Sie ist mitunter eine ihrer eigenen Gestalten: dann dichtet sie sich selbst.“

IchundIch

Oper von Johannes Harneit
Musikalische Leitung: Johannes Harneit | Inszenierung: Christian von Treskow | Bühnenbild, Kostüme: Dorien Thomsen | Dramaturgie: Johannes Blum | Chor: Christian Günther
Mitwirkende:
Dichterin: Gabriele Rossmanith | Faust: Daniel Kluge | Mephisto 1: Martin Summer | Mephisto 2:: Jóhann Kristinsson | Marthe: Ida Aldrian | Goebbels: Hiroshi Amako | Vogelscheuche: Hellen Kwon | Chor der Hamburgischen Staatsoper | Projektensemble der Hochschule für Musik und Theater Hamburg.
Auftragswerk der Hamburgischen Staatsoper
Aufführungen: 1. November 2019, 18 Uhr (Premiere) | 8., 9. November, jeweils 19:30 Uhr | 10. November: 17 Uhr | 12. November 2019, 19:30 Uhr;
opera stabile / Probebühne 1
Hamburgische Staatsoper, Große Theaterstraße 25, 20354 Hamburg
Weitere Informationen

Lesen Sie auch bei KulturPort.De: Fremde unter Fremden – Else Lasker-Schüler – eine Jüdin in Deutschland



Dieser Artikel erscheint in Kooperation mit der Staatsoper Hamburg und wurde erstmalig veröffentlicht im Journal Nr. 1, 2019/20. Weitere Informationen zur Operpremiere finden Sie auf der Homepage der Staatsoper. Der Autor dieses Beitrags arbeitet als Dramaturg an der Staatsopoer Hamburg.


Abbildungsnachweis:
Else Lasker-Schüler, um 1920 (rechts) Detail aus Kreidezeichnung von Else Lasker-Schüler: „Die verscheuchte Dichterin“. 1942 Quelle: The National Library of Israel

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