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Laster und Tugend wie Vitriol und Zucker

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Mittwoch, den 10. April 2019 um 08:08 Uhr
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Laster und Tugend wie Vitriol und Zucker

„Die Bestie im Menschen“ lautet der siebzehnte Teil des Rougon-Macquart-Zyklus von Émile Zola. Sein berühmtes Frühwerk „Thérèse Raquin“ wirkt wie dessen Vorläufer und liefert Stoff und Titel für Philipp Maintz’ Uraufführung "Thérèse" an der Staatsoper in Hamburg.

Das Milieu, in dem der Zola-Roman "Thérèse Raquin" spielt, ist eine enge Passage in Paris um die Mitte des 19. Jahrhunderts, ein Textilgeschäft unten, eine Wohnung oben, in der Thérèse mit ihrer Tante und ihrem Ehemann Camille lebt. Dem, der darin arbeitet, bietet sich kein unmittelbares Tageslicht, er erlebt kein Wetter, keinen Wind, und die Luft steht. Möglich, dass die Mitte des Jahrhunderts entstandenen Boulevards, die die Bewegung der Passanten in Richtung Kommerz steuern, diese Passage in den trostlosen Windschatten der Menschenströme einer neuen Urbanität manövriert haben. Für die Raquins war der Umzug ein Minusgeschäft: sie lebten in der Provinz wenigstens in unmittelbarem Kontakt zur Natur, was Thérèse genoss und was sie jetzt, nach dem Umzug in die Stadt, umso schmerzlicher als Verlust allen Lebenselans erfahren muss; viel davon war ja nach der erzwungenen Heirat mit Camille ohnehin nicht mehr geblieben. Das Gefühl, als Halbwaise und vom Vater abgeschobenes Kind der Tante dankbar sein zu müssen, überzieht alles in ihrem Leben mit dem Gefühl einer trostlosen Ausweglosigkeit.

Diese stickige Atmosphäre ist nicht nur das Klima in der Passage: es ist das Klima ihrer Seele, das Thérèse in tiefe Melancholie stürzt und deren Lebenshunger nur mit wachem Instinkt danach lauert, andere Reize aufzufangen. Dieser Moment ist gekommen, als Laurent, ein alter Freund von Camille, zu Besuch kommt. Sofort schlägt bei beiden das blanke sexuelle Verlangen zu, was beide in eine fatale Abhängigkeit voneinander treibt. Die Notwendigkeit, diese zu verbergen, bricht sich Bahn in der Idee, Camille umzubringen. Doch nach dem als Unfall getarnten Mord ist alles anders: gegenseitige Schuldzuweisungen münden in ständigen Streit, körperliche Gewalt und schließlich in den gemeinsamen Selbstmord.

ProbenfotoWir sehen: Alles an dem Entwurf hat mit Natur, ihrer Definition oder ihrem Verlust zu tun – es ist einerseits die Natur einer neuen Gesellschaft, die der Losung eines Ministers der französischen Regierung folgt: „Enrichissez-vous!“ – „Bereichert Euch!“. Andererseits aber auch die „Natur“ des Menschen, sich als ökonomisch frei zu definieren, aber auch frei von jeder Moral, nur der zerstörerischen Natur seines Egoismus, seinem Trieb, seinem Vorteil ausgeliefert. Ein Kritiker des Romans, der mit dieser Lakonie der Verhältnisse, die sich in dem Roman spiegeln, sichtlich nicht einig war, sprach folgerichtig von einer „modrigen, fauligen Literatur“. Zola folgt dabei ganz dem positivistischen Philosophen Auguste Comte, der „das Tatsächliche im Gegensatz zum Eingebildeten” behauptet hat. Die Literaturgeschichte gab dieser Literatur, die im deutschen Sprachraum vor allem im Theater sich artikulierte, ähnlich wie in Russland oder eben Frankreich, den Namen „Naturalismus“.

In diesen Jahren wurde etwas geboren, was nie mehr ganz aus der Literatur, dem Film, der bildenden Kunst eliminiert werden konnte: ein Bewusstsein davon, dass soziale Realität auf das Denken und Handeln des Menschen größten Einfluss hat. Und so entstand eine Einspruchshaltung, ganz wie bei Zola, die im europäischen Film der Nachkriegszeit Spuren hinterlassen hat: Ken Loach, Rainer Werner Fassbinder, die Brüder Dardenne, Pier Paolo Pasolini, Vittorio De Sica, Luchino Visconti und viele andere. Zola sagt: „Le vice et la vertu sont de produits come le vitriol et le sucre“ – Das Laster und die Tugend seien Produkte (im Sinne von chemisch analysierbaren Stoffen der Natur) wie Vitriol und Zucker. So verstanden, enthält das Wort von der „Natur des Menschen“ eine verschärfte, zugespitzte Note. Zola sagt in seinem Vorwort, Thérèse und Laurent seien „Bestien“, und es seien keine Charaktere, sondern Temperamente, Menschen ohne jede Moral und Gewissensbisse – und wenn, dann wirft man dem anderen vor, für die eigenen verantwortlich zu sein. Zola ist der literarische Experimentator, der zwei Menschen unter schlimmsten Bedingungen aufeinanderhetzt, ein Verfahren des wissenschaftlichen Zeitalters. Und der Leser schaut zu.

Philipp Maintz: THÉRÈSE

Libretto von Otto Katzameier
Inszenierung: Georges Delnon
Bühnenbild und Kostüme: Marie-Thérèse Jossen
Licht: Bernd Gallasch
Dramaturgie: Johannes Blum

Deutsche Erstaufführung am 18. Mai 2019
Weitere Termine:
Samstag 18.05.2019, 19.30 Uhr
Sonntag 19.05.2019, 16.00 Uhr
Dienstag 21.05.2019, 19.30 Uhr
Mittwoch 22.05.2019, 19.30 Uhr

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Kompositionsauftrag von der Staatsoper Hamburg und den Osterfestspielen Salzburg, finanziert durch die Ernst von Siemens Musikstiftung (Uraufführung 14. April 2019).
Eine Koproduktion der Staatsoper Hamburg und der Osterfestspiele Salzburg. In Kooperation mit der Elbphilharmonie Hamburg. Unterstützt durch die Commerzbank Hamburg.
Im Rahmen des Internationalen Musikfests Hamburg.

Ort: Elbphilharmonie, Kleiner Saal, Platz der Deutschen Einheit 4, 20457 Hamburg
Preise: 25,00 EUR bis 61,00 EUR
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Dieser Artikel erscheint in Kooperation mit der Staatsoper Hamburg und wurde erstmalig veröffentlicht im Journal Nr. 5, 2018/19. Weitere Informationen zur Operpremiere finden Sie auf der Homepage der Staatsoper. Der Autor dieses Beitrags arbeitet als Dramaturg an der Staatsopoer Hamburg.


Abbildungsnachweis:
Probenfotos: Hans Jörg Michael
 

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