Neue Kommentare

Hans Maschek zu 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht: Wunderbar atmosphärische Beschreibung. Ich habe ...
Matthijs van de Beek zu „Stan & Ollie”. Oder die schmerzliche Seite der Komik : Das klingt wunderbar und wird ganz sicher angesch...
Dr. Frank-Peter Hansen zu Die Wittgenstein-Dekomposition: Frank-Peter Hansens Antwort auf Martin A. Hainz...
NN zu Das Chimei – ein Museum für eine einmalige Privatsammlung in Taiwan: Lasst Euch nicht blenden! Es gibt nichts Gutes, a...
Peter Schmidt zu Verleihung der Goldenen Kamera – mit Bruno Ganz und ohne Friede Springer: Und noch einmal zur Goldenen Kamera
Im Fol...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Musik

Tina – das Tina Turner Festival

Drucken
(96 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Sonntag, den 03. März 2019 um 21:00 Uhr
Tina – das Tina Turner Festival 4.0 out of 5 based on 96 votes.
TINA-Das-Tina-Turner-Musical- Whats-Love-Foto - Manuel-Harlan

Es gibt Momente, da vergessen auch JournalistInnen ihre kritische Distanz und werden zu grölenden Fans. Die Medienpremiere von „TINA – Das Tina Turner Musical“ im Stage Operettenhaus in Hamburg war so ein Moment. Der Jubel über die großartige Protagonistin Kristina Love war noch nicht verklungen, da stand SIE auf der Bühne, „Simply the Best“ und der Saal geriet völlig aus dem Häuschen: Tina, die Große – mit 79 Jahren.
Tina, die Unverwüstliche, hat es sich einen Tag vor der offiziellen Deutschlandpremiere nicht nehmen lassen, für ihr Musical zu werben.

Es war fast wie ein Schock. Eben noch das ganz große Theater, das furiose Finale mit bombastischem Bühnenaufbau, Lightshow, Spitzenband – unter Dirigent Tobias Vogt – und einer atemberaubenden Kristina Love, die einen vergessen ließ, dass da nicht die leibhaftige Tina Turner über die Bühne wirbelte – und dann die liebenswürdige alte Dame, etwas unsicher, aber immer noch blendend aussehend, ganz allein auf den Brettern des Stage Operettenhauses, lächelnd, mit ihrem weichen wunderbar vollem Timbre Sätze formulierend, die untergingen in dem frenetischem Gejohle und „Tina, ich liebe Dich“-Rufen. Das war nicht mehr die unerreichbare „schwarze Göttin“, die dank ihrer phänomenalen Stimme und ihrer umwerfenden erotischen Ausstrahlung allen Rassismus und alle persönlichen Widrigkeiten überwand und zum Weltstar aufstieg. Hier stand mit einem Mal – gleichsam heruntergebrochen auf ein menschliches Maß – Anna Mae Bullock aus Nutbush, Tennessee. Authentisch, zum Greifen nah und fast schüchtern sagte sie in Hinblick auf ihr phantastisches Hamburger Alter ego Kristina Love nur: „She made a god job“, um dann der Reihe nach ihre gesamte Bühnenfamilie zu umarmen: Die hinreißende kleine Stella, die Anna Mae als Kind verkörpert, Denise Aquino, die ihrer Schwester Alline Bullock spielt und Adisat Semenitsch, die als lieblose, zynische Mutter Zelma Bullock überzeugt. Nicht zu vergessen Adi Wolf als eindrucksvoll stimmstarke Großmutter Gran Georgeanna.

Auch wenn die echte Diva längst wieder in die Schweiz zurückgekehrt ist – Tina Turner wird den Hamburgern fürs erste erhalten bleiben. Kristina Love ist phänomenal in dieser Rolle, entwickelt in knapp drei Stunden nicht nur ihr Äußeres, sondern auch ihre Stimme, bis sie dem Vorbild täuschend ähnelt. Die Wahnsinns-Performance, die sie in der letzten Viertelstunde hinlegt, gleicht dem Original bis zur Illusion – und lässt die Handlung, die Lebensgeschichte, ja, den ganzen bisherigen Abend im Handumdrehen verblassen. Was vor allem in Erinnerung bleibt, ist das Glücksgefühl ein phantastisches (wenn auch kurzes) Tina-Turner-Konzert erlebt zu haben. Was für ein Zauber: Die „Queen of Rock“ noch einmal Live on Stage mit Songs wie „What’s Love Got To Do With It“ , „Private Dancer“, „The Best“, „We Don’t Need Another Hero“.

Das ist Segen wie Fluch zugleich. Denn warum geht man in ein Tina-Turner-Musical? Natürlich, um Tina Turner zu hören. Ihre Lebensgeschichte ist da die Beigabe zu den Songs. Diese Lebensgeschichte hat Phyllida Lloyd brav chronologisch inszeniert und gut besetzt, mitunter ist sie jedoch etwas langatmig, sodass man ungeduldig dem nächsten Song entgegenfiebert.

Tina Turner, die maßgeblich an der Entwicklung des Produktion von Stage Entertainment beteiligt war, wollte es aber genauso: Ihre Lebensgeschichte erzählen. „It's really important to me to have the chance to share my full story” (Tina Turner) Ungeschminkt, authentisch, mit allen Höhen und Tiefen. Und Tiefen gab es mehr, als nur die Höllen-Jahre mit dem Exzentriker Ike Turner (gut an der Gitarre, aber schwach bei Stimme: Mandela Wee Wee, den die Rock-Lady bei der Medienpremiere übrigens keines Blickes würdigte).

Es gehört schon Mut und wahrscheinlich auch der Abstand von bald 80 Jahren dazu (im kommenden November feiert Tina Turner ihren runden Geburtstag), das Verhältnis zur Mutter so schonungslos auf die Bühne zu bringen. Oder sollte man besser sagen, das „Nicht-Verhältnis“? Auf ihrem Sterbebett, zu dem Tina eilt, ätzt Zelma noch über Tinas markante Frisur, die ja aussehen würde, „als ob Ratten daran genagt hätten.“ Gleich in der ersten Szene, bei einem Sonntags-Gottesdienst ihres Mannes, des Gemeindepriesters (stark Kristofer Weinstein-Storey), maßregelt Zelma ihre Tochter Anna Mae, sie singe zu laut. (Stella, ohne Nachnamen in der Besetzungsliste, spielt die junge Anna Mae zum Niederknien ergreifend).

Am Familientisch später folgt der Ehekrach. Der Vater schlägt, die Mutter flieht mit der älteren Schwester Alline – nicht ohne vorher nochmal gesagt zu haben, dass sie Anna Mae nie haben wollte. Auch der Vater will seine jüngere Tochter plötzlich nicht mehr („keine Änlichkeit mit mir“) und schickt sie zur Großmutter. Gran Georgeanna ist die einzige, die Anna Mae Liebe entgegen bringt - und sie ist auch diejenige, die ihr Talent entdeckt: „Was aus Deiner Kehle kommt, ist eine Gottesgabe“. Mit 16 folgt der Umzug nach St. Louis zu Mutter und Schwester. In einem Club lernt sie Ike Turner kennen, dessen Backgroundsängerin sie bald wird.

Szene für Szene spult so Tina Turners Leben vor unseren Augen ab. Die Exzesse mit dem koksenden, prügelnden Lebemann Ike (der auch mal im Bett beim flotten Dreier gezeigt wird). Die verzweifelten Versuche nach der Trennung als alleinerziehende Mutter Mitte 40 im Musikgeschäft über die Runden zu kommen. Die Scham, ihren beiden Söhnen (der erste stammt von Ikes Band-Mitglied Raymond Hill, der zweite von ihrem Ehemann) nicht mal 10 Dollar geben zu können, weil der Schuldenberg erdrückt und der Gerichtsvollzieher schon vor der Tür steht. Die rettende Begegnung mit ihrem neuen Manager Roger Davies (klasse Nikolas Heiber) und das triumphale Comeback 1984 mit dem Album „Privat Dancer“.

Von diesem Zeitpunkt an schreibt Tina Turner Musikgeschichte. Und die Welt wird sie so in Erinnerung behalten: Als stimmliche Naturgewalt mit wilder Löwenmähne, schwarzem sexy Ledermini und halsbrecherischen Highheels. Nach diesem Abend weiß man nun auch, wie stark diese Künstlerin wirklich war, wie gespalten und wie verletzt. Die sich ihrem späteren Manager und Ehemann Erwin Bach (lieb und blass Simon Mehlich) im Hotelzimmer ein zweites Mal vorstellte: „Ich heiße Anna Mae Bullock“. Und die am Sterbebett ihrer Mutter fragte: „Warum hast Du mich nie geliebt?“.

Tina – das Tina Turner Festival

ab sofort im Stage Operettenhaus Hamburg, Spielbudenplatz 1, 20359 Hamburg
Ticket-Hotline: 01805-4444 (0,14 €/Min. aus dem dt. Festnetz, max. 0,42 €/Min aus den Mobilfunknetzen)
Weitere Informationen

YouTube-Video
TINA - Das Tina Turner Musical in Hamburg | Official Trailer


Abbildungsnachweis:
Header: TINA-Das-Tina-Turner-Musical-(Whats-Love). Foto: Manuel Harlan
Galerie: TINA – Das Tina Turner Musical. Fotos: Manuel Harlan
01. Kristina Love als Tina Turner
02. Mandela Wee Wee als Ike
03. Nutbush
04.
Ikettes
05. Kristina Love, Finale
06. Hauptdarstellerin Kristina Love besucht Tina Turner in ihrem Garten in Zürich. ©-Stage-Entertainment. Foto: Morris Mac Matze

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

avatar Hans Joachim Schneider
+2
 
 
Was soll aus einem Stück werden, wenn die Dame, um die es geht, selbst maßgeblich an der Produktion beteiligt ist! Natürlich ein Stück Glorifizierung. Wahrhaftigkeit in der Lebensbeichte wurde wahrscheinlich nicht erwartet. Sich selbst zu inszenieren, versteht TT auch heute noch.
Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Meinen Kommentar abschicken
Abbrechen
Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Musik > Tina – das Tina Turner Festival

Mehr auf KulturPort.De

Philipp Maintz: Thérèse
 Philipp Maintz: Thérèse



Was, wenn „Liebe“ nur ein freundliches Wort wäre für ihre eigene Unmöglichkeit? Nur ein Sammelbegriff für Sehnsüchte, die unerreichbar sind in einer Ge [ ... ]



19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht
 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht



28.000 Besucher amüsierten sich in der Museumsnacht der Hansestadt, trotz Eurovisions-Contest. Überall in der City tobte das Leben. Ich war natürlich auch wie [ ... ]



Meine 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg
 Meine 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg



Die Terminänderung, die Lange Nacht der Museen in Hamburg in den Mai, anstatt in den April zu legen war eine gute Idee. Denn der Tag war schön, nicht kalt! – [ ... ]



Hamburger Theater Festival: „Heilig Abend“ – ein als Krimi getarntes philosophisches Werk
 Hamburger Theater Festival: „Heilig Abend“ – ein als Krimi getarntes philosophisches Werk



Packendes Kammerspiel mit zwei exzellenten Schauspielern, die nach dem Schlussapplaus strahlten wie nach einem gelungenen Coup: Sophie von Kessel und Michele Cuc [ ... ]



Daniel Garcia Trio: Travesuras
 Daniel Garcia Trio: Travesuras



Ob tosende Akkord-Sturzbäche, Staccato-Piano oder ausufernde Tastenläufe: Zurückhaltung gehört nicht unbedingt zu den musikalischen Qualitäten des spanische [ ... ]



KP Brehmer – „Korrektur der Nationalfarben“
 KP Brehmer – „Korrektur der Nationalfarben“



So berühmt wie seine Kollegen Sigmar Polke und Gerhard Richter ist er nie geworden. Vielleicht war er nicht ehrgeizig genug, vielleicht war er zu…. – ach, m [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.