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Musik

Tina – das Tina Turner Festival

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Sonntag, den 03. März 2019 um 20:00 Uhr
Tina – das Tina Turner Festival 4.2 out of 5 based on 72 votes.
TINA-Das-Tina-Turner-Musical- Whats-Love-Foto - Manuel-Harlan

Es gibt Momente, da vergessen auch JournalistInnen ihre kritische Distanz und werden zu grölenden Fans. Die Medienpremiere von „TINA – Das Tina Turner Musical“ im Stage Operettenhaus in Hamburg war so ein Moment. Der Jubel über die großartige Protagonistin Kristina Love war noch nicht verklungen, da stand SIE auf der Bühne, „Simply the Best“ und der Saal geriet völlig aus dem Häuschen: Tina, die Große – mit 79 Jahren.
Tina, die Unverwüstliche, hat es sich einen Tag vor der offiziellen Deutschlandpremiere nicht nehmen lassen, für ihr Musical zu werben.

Es war fast wie ein Schock. Eben noch das ganz große Theater, das furiose Finale mit bombastischem Bühnenaufbau, Lightshow, Spitzenband – unter Dirigent Tobias Vogt – und einer atemberaubenden Kristina Love, die einen vergessen ließ, dass da nicht die leibhaftige Tina Turner über die Bühne wirbelte – und dann die liebenswürdige alte Dame, etwas unsicher, aber immer noch blendend aussehend, ganz allein auf den Brettern des Stage Operettenhauses, lächelnd, mit ihrem weichen wunderbar vollem Timbre Sätze formulierend, die untergingen in dem frenetischem Gejohle und „Tina, ich liebe Dich“-Rufen. Das war nicht mehr die unerreichbare „schwarze Göttin“, die dank ihrer phänomenalen Stimme und ihrer umwerfenden erotischen Ausstrahlung allen Rassismus und alle persönlichen Widrigkeiten überwand und zum Weltstar aufstieg. Hier stand mit einem Mal – gleichsam heruntergebrochen auf ein menschliches Maß – Anna Mae Bullock aus Nutbush, Tennessee. Authentisch, zum Greifen nah und fast schüchtern sagte sie in Hinblick auf ihr phantastisches Hamburger Alter ego Kristina Love nur: „She made a god job“, um dann der Reihe nach ihre gesamte Bühnenfamilie zu umarmen: Die hinreißende kleine Stella, die Anna Mae als Kind verkörpert, Denise Aquino, die ihrer Schwester Alline Bullock spielt und Adisat Semenitsch, die als lieblose, zynische Mutter Zelma Bullock überzeugt. Nicht zu vergessen Adi Wolf als eindrucksvoll stimmstarke Großmutter Gran Georgeanna.

Auch wenn die echte Diva längst wieder in die Schweiz zurückgekehrt ist – Tina Turner wird den Hamburgern fürs erste erhalten bleiben. Kristina Love ist phänomenal in dieser Rolle, entwickelt in knapp drei Stunden nicht nur ihr Äußeres, sondern auch ihre Stimme, bis sie dem Vorbild täuschend ähnelt. Die Wahnsinns-Performance, die sie in der letzten Viertelstunde hinlegt, gleicht dem Original bis zur Illusion – und lässt die Handlung, die Lebensgeschichte, ja, den ganzen bisherigen Abend im Handumdrehen verblassen. Was vor allem in Erinnerung bleibt, ist das Glücksgefühl ein phantastisches (wenn auch kurzes) Tina-Turner-Konzert erlebt zu haben. Was für ein Zauber: Die „Queen of Rock“ noch einmal Live on Stage mit Songs wie „What’s Love Got To Do With It“ , „Private Dancer“, „The Best“, „We Don’t Need Another Hero“.

Das ist Segen wie Fluch zugleich. Denn warum geht man in ein Tina-Turner-Musical? Natürlich, um Tina Turner zu hören. Ihre Lebensgeschichte ist da die Beigabe zu den Songs. Diese Lebensgeschichte hat Phyllida Lloyd brav chronologisch inszeniert und gut besetzt, mitunter ist sie jedoch etwas langatmig, sodass man ungeduldig dem nächsten Song entgegenfiebert.

Tina Turner, die maßgeblich an der Entwicklung des Produktion von Stage Entertainment beteiligt war, wollte es aber genauso: Ihre Lebensgeschichte erzählen. „It's really important to me to have the chance to share my full story” (Tina Turner) Ungeschminkt, authentisch, mit allen Höhen und Tiefen. Und Tiefen gab es mehr, als nur die Höllen-Jahre mit dem Exzentriker Ike Turner (gut an der Gitarre, aber schwach bei Stimme: Mandela Wee Wee, den die Rock-Lady bei der Medienpremiere übrigens keines Blickes würdigte).

Es gehört schon Mut und wahrscheinlich auch der Abstand von bald 80 Jahren dazu (im kommenden November feiert Tina Turner ihren runden Geburtstag), das Verhältnis zur Mutter so schonungslos auf die Bühne zu bringen. Oder sollte man besser sagen, das „Nicht-Verhältnis“? Auf ihrem Sterbebett, zu dem Tina eilt, ätzt Zelma noch über Tinas markante Frisur, die ja aussehen würde, „als ob Ratten daran genagt hätten.“ Gleich in der ersten Szene, bei einem Sonntags-Gottesdienst ihres Mannes, des Gemeindepriesters (stark Kristofer Weinstein-Storey), maßregelt Zelma ihre Tochter Anna Mae, sie singe zu laut. (Stella, ohne Nachnamen in der Besetzungsliste, spielt die junge Anna Mae zum Niederknien ergreifend).

Am Familientisch später folgt der Ehekrach. Der Vater schlägt, die Mutter flieht mit der älteren Schwester Alline – nicht ohne vorher nochmal gesagt zu haben, dass sie Anna Mae nie haben wollte. Auch der Vater will seine jüngere Tochter plötzlich nicht mehr („keine Änlichkeit mit mir“) und schickt sie zur Großmutter. Gran Georgeanna ist die einzige, die Anna Mae Liebe entgegen bringt - und sie ist auch diejenige, die ihr Talent entdeckt: „Was aus Deiner Kehle kommt, ist eine Gottesgabe“. Mit 16 folgt der Umzug nach St. Louis zu Mutter und Schwester. In einem Club lernt sie Ike Turner kennen, dessen Backgroundsängerin sie bald wird.

Szene für Szene spult so Tina Turners Leben vor unseren Augen ab. Die Exzesse mit dem koksenden, prügelnden Lebemann Ike (der auch mal im Bett beim flotten Dreier gezeigt wird). Die verzweifelten Versuche nach der Trennung als alleinerziehende Mutter Mitte 40 im Musikgeschäft über die Runden zu kommen. Die Scham, ihren beiden Söhnen (der erste stammt von Ikes Band-Mitglied Raymond Hill, der zweite von ihrem Ehemann) nicht mal 10 Dollar geben zu können, weil der Schuldenberg erdrückt und der Gerichtsvollzieher schon vor der Tür steht. Die rettende Begegnung mit ihrem neuen Manager Roger Davies (klasse Nikolas Heiber) und das triumphale Comeback 1984 mit dem Album „Privat Dancer“.

Von diesem Zeitpunkt an schreibt Tina Turner Musikgeschichte. Und die Welt wird sie so in Erinnerung behalten: Als stimmliche Naturgewalt mit wilder Löwenmähne, schwarzem sexy Ledermini und halsbrecherischen Highheels. Nach diesem Abend weiß man nun auch, wie stark diese Künstlerin wirklich war, wie gespalten und wie verletzt. Die sich ihrem späteren Manager und Ehemann Erwin Bach (lieb und blass Simon Mehlich) im Hotelzimmer ein zweites Mal vorstellte: „Ich heiße Anna Mae Bullock“. Und die am Sterbebett ihrer Mutter fragte: „Warum hast Du mich nie geliebt?“.

Tina – das Tina Turner Festival

ab sofort im Stage Operettenhaus Hamburg, Spielbudenplatz 1, 20359 Hamburg
Ticket-Hotline: 01805-4444 (0,14 €/Min. aus dem dt. Festnetz, max. 0,42 €/Min aus den Mobilfunknetzen)
Weitere Informationen

YouTube-Video
TINA - Das Tina Turner Musical in Hamburg | Official Trailer


Abbildungsnachweis:
Header: TINA-Das-Tina-Turner-Musical-(Whats-Love). Foto: Manuel Harlan
Galerie: TINA – Das Tina Turner Musical. Fotos: Manuel Harlan
01. Kristina Love als Tina Turner
02. Mandela Wee Wee als Ike
03. Nutbush
04.
Ikettes
05. Kristina Love, Finale
06. Hauptdarstellerin Kristina Love besucht Tina Turner in ihrem Garten in Zürich. ©-Stage-Entertainment. Foto: Morris Mac Matze

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