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Musik

Das Floß. Oder der Mensch aus der Perspektive eines Seevogels

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Freitag, den 04. Mai 2018 um 07:32 Uhr
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Das Floß. Oder der Mensch aus der Perspektive eines Seevogels

Das Floß, die Abschlussproduktion der „Akademie Musiktheater heute“, fragt in der „opera stabile“ in Hamburg nach dem Phänomen der Angst als Ausgangspunkt von Utopie und Untergang.

Das große, weite Meer. Das Unbekannte, das dort draußen wartet. Schätze, die es zu suchen gilt. Oder ein Sturm, und dann: Untergang. Das Meer war immer ein Sehnsuchtsort der Menschen, romantisiert in unzähligen Geschichten und Legenden, und zugleich ein Ort epochaler Furcht.

Im Rahmen des Stipendiums der Akademie Musiktheater heute haben sich neun junge Künstlerinnen und Künstler in das Meer als einen Ort des Andersseins, der Sehnsucht und der Angst versenkt. Vom Suchen eines Stoffes über Libretto und Komposition bis zur ins­zenatorischen und musikalischen Umsetzung verschlang die Reise zwei Jahre und einen Streifblick auf die realen Tiefen des Themas. Das Meer als wogender „Kristallisator“ von Utopien und Dystopien. So beruhen die Kompositionen auf zwei Geschichten, die beide in einer Notsituation auf dem Meer beginnen, sich dann aber in grundverschiedene Richtungen entwickeln: Das Floß der Medusa, 1819 von Géricault nach einer wahren Begebenheit auf Leinwand gemalt, und Libertalia, eine Piratenlegende aus dem 18. Jahrhundert.

1816 lief die Fregatte Méduse, die unter dem Kommando eines unerfahrenen aber selbstüberzeugten Kapitäns in die gerade zurückeroberte französische Kolonie Senegal unterwegs war, auf Grund. Da die Zahl der Rettungsboote zu gering war (ein beliebter Tatbestand in der Geschichte der Seefahrt), ordnete der Kapitän den Bau eines Floßes an, um die übrigen Besatzungsmitglieder darin an Land zu ziehen. Als die Abschleppaktion gerade angelaufen war, disponierte der Kapitän jedoch um und kappte die Seile. Das Floß dümpelte nun manövrierunfähig und mit kaum nennenswertem Proviant in der Gluthitze der Tropen. Es kam zu emotionalen und physischen Eruptionen, bei denen bald der letzte Rest Wasser sowie die ersten Insassen über Bord gingen (bis jemand auf die Idee kam, sie zu essen) und schließlich eine ganze Welle zwischenmenschlichen Grauens das Floß überrollte. Géricaults Gemälde dieses geschichtlichen Dunkelpunktes wurde zum Skandal, indem der europäische Humanismus (als Kernargument kolonialer Herrschaft) großflächig auf sieben mal fünf Metern in Frage gestellt wurde. (Der britische Künstler Banksy verewigte das Motiv erneut auf seine Weise auf einer Hauswand in Calais und rief es so in unser Bewusstsein zurück. Anmerk. der Red.)

Libertalia, geschrieben 1728 von Daniel Defoe, erzählt die Geschichte von James Misson, der als jüngster Sohn einer vermögenden, aber kinderreichen Familie geboren wurde, womit seine gesellschaftlichen Chancen gegen Null strebten. So heuerte er als Matrose der französischen Marine an. Bei einem Landgang lernte er den katholischen Priester Caraccioli kennen, der seine säkularen und basisdemokratischen Ansichten teilte und den er überredete, mit an Bord zu kommen. Bald darauf fielen in einem Seegefecht der Kapitän und sein gesamter Leitungsstab einer englischen Breitseite zum Opfer. Kurzentschlossen übernahm Misson das Kommando, führte das Gefecht erfolgreich zu Ende und rief anschließend zu einer freien Kapitänswahl auf, als deren Gewinner er einstimmig hervorging. Ihre gemeinsam beschlossene Satzung beinhaltete unkonventionelle Neuerungen wie eine nahezu kommunistische Beuteverteilung, Abschaffung der Sklaverei und das Recht der Bordmusiker auf einen freien Samstag. Jedoch schimmerten bald moralische Herausforderungen am Horizont, und am Ende zerbrach die Piratenrepublik Libertalia an der Kollision von Idealismus und Notwendigkeit.

Klar war und ist bis heute: auf dem Meer herrschen andere Regeln. Es gibt keine nationalen Hoheiten, und welche Gesellschaftstheorien ein Kapitän im 18. oder 19. Jahrhundert seinem Führungsstil zugrunde legte, konnte er recht frei wählen. Auch musste manch exis­tenzielle Entscheidung schnell zur Hand sein, was dem Wert eines einzelnen Menschenlebens bisweilen abträglich sein konnte. Trotz dieser beträchtlichen Willkür – und neben der gängigen Praxis mancher Kapitäne, bei Bedarf ihre Besatzung auch gewaltsam zu rekrutieren (Alkohol war da ein gern gesehener Helfer) – begaben sich Menschen auch freiwillig auf See. Das hatte zum einen ganz existenzielle Gründe: in Europa stand die gesellschaftliche Ungleichheit in höchster Blüte, und religiöse Verfolgungen machten für manche das Leben an Land unmöglich; zudem bot der zahlenmäßig kleine Rahmen einer Schiffscrew eine potenzielle Handlungsfähigkeit in Bezug auf gesellschaftliche Unzufriedenheit: gegen einen Kapitän war schneller gemeutert als ein König an Land gestürzt. Den privilegierteren Europäern wiederum versprach die kolonialistische Seefahrt ein Paradies an Reichtum und Macht, dessen Äpfel bis heute geerntet werden.
Trotz dieser verschiedenen Möglichkeiten der nautischen Selbstbestimmung aber war in der Realität das Meer vor allem ein Ort der geringen Lebenserwartung, und das galt für Schiffe und Menschen gleichermaßen.

Was die beiden Geschichten von der Méduse und Libertalia verbindet, ist die Frage, welcher menschliche Motor in einer Notsituation das Steuer übernimmt. Im entscheidenden Moment, am jeweiligen Nullpunkt auf den Schiffen, ohne Kapitän und Plan, stellte sich der Wegweiser gen konstruktiver Selbstermächtigung oder zerstörerischem Abgrund: Während Misson und die übrige Besatzung eine Utopie zumindest erprobten, aßen sich die humanistischen Europäer der Méduse gegenseitig auf. Angst ist ein starker Motor von Gesellschaft, der, als politisches Machtmittel genutzt, nicht zuletzt aktuell zu politischen Verwerfungen führt. Demgegenüber stehen Empathie und Mitgefühl als menschliche Antriebskräfte, die ebenso politisch in Stellung gebracht werden können, wie es die Legende von Libertalia erzählt.

Auf zwei Schiffen entwickeln sich zwei verschiedene Geschichten. Foucault beschreibt die symbolische Bedeutung des Schiffes mit dem Begriff der Heterotopie: damit sind Orte gemeint, die nach eigenen Regeln funktionieren und die auf diese Weise das Potenzial zu gesellschaftlicher Reflektion, Umkehrung und neuen Entwürfen bieten. So stellt die Uraufführung von Das Floß nicht nur das Schiff als symbolischen Raum, sondern im gemeinschaftlichen Entstehungsprozess auch die Theaterarbeit selbst als mögliche Heterotopie zur Disposition. Das entstandene Werk möchte keine Linearität behaupten. Stattdessen geht es um eine nicht-hierarchische Komposition unterschiedlicher Aspekte des Themas, die aus einer Seevogelperspektive heraus in ihrer Medialität und Funktion selbst reflektiert werden. Übrig bleiben Fragen. Gibt es in einer globalisierten Welt überhaupt ein gesellschaftliches Außen? Sitzen wir alle in einem Boot? Und welche Macht haben Geschichten?

Das Floß

von Anastasija Kadisa, Alexander Chernyshkov, Andreas Eduardo Frank
Musikalische Leitung: Mark Johnston; Inszenierung: Aleksi Barrière, Franziska Konfoth; Bühnenbild: Eunsung Yang; Kostume: Lea Søvsø; Dramaturgie: Isabelle Kranabetter, Elise Schobeß; Mitwirkende: Soomin Lee, Gina-Lisa Maiwald, Karina Repova, Thjorbjörn Björnsson, Jóhann Kristinsson, Julian Rohde.
Abschlussproduktion der "Akademie Musiktheater heute" der Deutsche Bank Stiftung.
Premiere: 4. Mai 2018, 20 Uhr
Aufführungen: im Zeitraum 5. bis 13. Mai 17 Uhr
Staatsoper Hamburg
, opera stabile, Kleine Theaterstraße 20354 Hamburg
Preis: 28,- EUR

Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Header-Produktionsfoto: Jörn Kipping
Galerie:
01.
Théodore Géricault (1791-1824): „Le Radeau de La Méduse“, 1819, Öl auf Leinwand. Musée du Louvre. Gemeinfrei
02. Die „frigate Méduse“ in verschiedenen Segelmanövern am Wind. Stich von Jean-Jérôme Baugean (1764-1819). Gemeinfrei
03. Buchumschlag "Libertalia – Die Utopische Piratenrepublik"
von Daniel Defoe. Verlag Matthes & Seitz, Berlin
04. Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski (1817-1900): Stürmische See, 1886, Öl auf Leinwand. Gemeinfrei

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