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Musik
Jordi Savall und die Routen der Sklaverei

Wie kann man heute noch die Geschichte der Sklaverei erfahrbar machen? Eine Geschichte, bei der aus purer Geldgier Menschen aus Afrika nach Süd- und Nordamerika verschleppt wurden, gequält und ausgebeutet? Die Musik hat die Spuren des Unrechts konserviert, und Jordi Savall lässt sie in seinem neuen Programm hörbar werden – mit Musik von beiden Seiten des Atlantiks.

Was für ein großartiges Konzert! Zum Auftakt des Elbphilharmonie-Festivals Transatlantik ging Jordi Savall, Gambist und Musikforscher, auf eine Reise entlang der Routen der Sklaverei. Mit seinen beiden Ensembles Hespérion XXI und den Sängerinnen und Sängern der Capella Reial de Catalunya und mit internationalen Musikern aus Mali, Madagaskar, Marokko, aus Mexiko und Kolumbien, Brasilien, Argentinien und Venezuela.

Es wurde eine bewegende Reise, die Spuren eines der großen Menschheitsverbrechen suchte und zeigte, dass nichts vergessen ist, dass die Musik diesseits und jenseits des Atlantiks die Erinnerungen an die Grausamkeiten konserviert, dass sie in der Musik von Opfern und Tätern untrennbar verbunden sind. Packende Musik, in der unbändige Lebenslust, tiefe Trauer und die Chroniken von Erniedrigung, Verletzung, von Tod und unendlichem Leid, von Ausbeutung und widerwärtiger Bestrafung nachklingen. Hoffnungslosigkeit und Hoffnung, verpackt in Klänge der anbrechenden Neuzeit in Europa, in Volksmusik aus Afrika, populäre Musik aus Lateinamerika.

Ein tönendes Archiv der Sklaverei-Geschichte
Klug aneinandergereiht von Jordi Savall, der kaum spürbar von seiner kleinen Game aus für den richtigen Takt sorgte und die Sprünge über den großen Teich so genial arrangiert hatte, dass sie fast nahtlos auseinander hervorgingen, so wie auch die Musiker in wechselnden Besetzungen miteinander spielten. Und plötzlich wurde hörbar, fast greifbar, dass die Musik das tönende Archiv der historischen Begegnungen und Begebenheiten ist, dass in ihr ständig widerhallt, was Menschen von solchen anderer Hautfarbe und Kultur über Jahrhunderte angetan wurde. Es klang aus den Liedern der Brasilianerin Maria Juliana Linhares, aus dem afrikanischen Gesang von Kassé Madi Diabaté aus Mali und seiner drei unfassbar elegant tanzenden und singenden Begleiterinnen, es klang aus originalen afrikanischen Instrumenten, aus der Musik des Tembembe Ensamble Continuo aus Mexiko und Kolumbien mit seiner eindrucksvollen Sängerin Ada Coronel.

Die Zuhörer im ausverkauften großen Saal der Elbphilharmonie erlebten ein lebendiges Musizieren und ein sehr unter die Haut gehendes machendes Konzert, zu dem Denise M’Baye, im Wendland geborene dunkelhäutige Schauspielerin und Moderatorin, die notwendigen detaillierten Infos aus historischen Texten vortrug. Brutale Texte, Dokumente des Zynismus und eines über Jahrhunderte kultivierten und sehr einträglichen Herrenmenschentums. Leider zuweilen nicht leicht verständlich – ob das an der elektronischen Verstärkung lag?

„Die Routen der Sklaverei“ sorgten für vielfältiges musikalisches Glück, gerade weil es musikalische Grenzen so leicht übersprang und das Verbindende betonte. Bei manchen Zuhörern aber sicher auch für Nachdenklichkeit und Scham angesichts des historischen Unrechts und unendlichen menschlichen Leids. Aber wer hat gesagt, dass Musik, dass ein Konzert nur Freude machen darf?



Alle Infos zum Festival „Transatlantik“ im Programm der Elbphilharmonie www.elbphilharmonie.de – die 12 Konzerte sind alle ausverkauft.
Abbildungsnachweis: HamburgMusik gGmbH – Elbphilharmonie und Laeiszhalle © Header Foto: Claudia Höhne

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