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Musik

Künstlerhof Schreyahn: Christiane Strothmann – Komposition zwischen Tradition und Computer

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Montag, den 05. September 2016 um 09:06 Uhr
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Künstlerhof Schreyahn: Christiane Strothmann – Komposition zwischen Tradition und Computer

Der Computer ist für die Komponistin Christiane Strothmann ein Instrument, das technische Perfektion erfordert – wie bei jedem anderen auch.
Hat traditionelles analoges Komponieren etwas gemeinsam mit dem digitalen am Computer? Und wenn ja, was? Die Komponistin Christiane Strothmann verbindet beide Methoden und gibt Auskunft.

Viele Komponisten, die als Stipendiaten auf dem Künstlerhof Schreyahn im Ort Wustrow (Kreis Lüchow-Dannenberg) leben, sagen, dass das naturnahe Leben im Wendland Einfluss auf ihr Schaffen habe. Doch selten klingt dieses Statement so ungewöhnlich und jenseits von ländlichen Klischees und kreativer Ruhe, wie bei Christiane Strothmann. Möglicherweise, weil das Wend-Land-Leben ein dezidierter Kontrapunkt zu der Arbeit der Komponistin ist, bei der Elektronik eine zentrale Rolle spielt. Bei der Komposition auf der „Ebene von Bits und Bytes, auf der 0/1-Ebene" laufe sie „immer mal wieder Gefahr", sich in ihrer Musik „strukturell einer ungewollten Ebene anzunähern." Die Gefahr sei, dass man „nur noch lötet oder Berechnungen schreibt", meint sie lachend. Ihre Zeit in Schreyahn sieht sie als Chance: „Ich bin hier, um zu sehen, wie ich es schaffe, mit meinem Bewusstsein in diese Prozesse einzugreifen."

„Ich sammle ganz viele Kräuter, schaue in den Himmel und binde beides Ins Komponieren ein", beschreibt sie ironisch. Komponieren auf der Kräuterwiese, Inspiration in der Idylle? In dieser Reduktion ist das natürlich nicht gemeint, aber... Christiane Strothmann: „Ich erprobe gerade, aus bestimmten inneren Haltungen zu dieser Umgebung, Klänge zu schaffen". Komponieren, künstlerische Produktion generell, geschehe in „Offenheit, Konzentration und Wachheit", sagt die in Kiel geborene und heute in Eckernförde lebende Komponistin, die in Bochum Sprachlehrforschung, an der Essener Folkwang-Universität elektronische Komposition studiert hat. Dass sie nun als Dozentin dorthin zurückkehren wird, hat sie in Schreyahn erfahren.

Ihre Beschäftigung mit den Entstehungsprozessen von elektronischen Klängen, die bis auf die Ebene der Programmierung reicht, sei der eines klassischen Interpreten vergleichbar. „Ich brauche dazu eine Haltung, für die ich die Technik beherrschen muss, damit sie in den Hintergrund treten kann.“ Da ist sie – so aktuell die digitale Technik auch sein mag – ganz nah an traditionellen Vorstellungen.

Warum aber Elektronik, elektroakustische Musik? Strothmann antwortet mit einer Gegenfrage: „Die Frage, die mich umtreibt ist: Was ist reiner Klang?", und beschreibt damit einen wichtigen Impuls für ihre Art, zu komponieren. Hat sie Angst, sich in der Technik zu verlieren? Ein knappes, entschiedenes „Nein" ist die Antwort. Die Gefahr, dass „der Computer dominierender Chef" werde, gebe es zwar angesichts der quasi unendlichen Vielzahl von Möglichkeiten, die der Computer in Sachen Klangerzeugung biete. „Man muss vielmehr sehr genau wissen, wo man hin will". Das korrespondiert mit dem, was sie nach ihrem Studium der Sprachlehrforschung bei ihrer Arbeit mit Migranten erlebt hat: es braucht nur wenige Worte, „um Existenzielles zu klären."
Für die Komposition heißt das, eine künstlerische Idee ist unabdingbar. Auch darin ist Christiane Strothmann nah an den Vorstellungen derer, die konventionell komponieren. Allerdings, sagt sie später, seien „alle Einwände gegen die digitale Technik richtig, aber wenn man vor den Problemen wegläuft, wird es immer schlimmer."

Ein anderer Aspekt ihrer Entscheidung für die künstlerische Nutzung der Elektronik: sie sei „keine für die Ewigkeit". „Ich habe grundsätzlich ein Problem damit, anderen zu sagen, was sie tun sollen und umgekehrt". Das sei ein Punkt, an den sie beim Komponieren immer wieder stoße. Der Interpret sei ein Spezialist, sie empfinde das als völlig unorganisch, wenn sie dem „auch nur eine konkrete Idee" gebe wie er zu spielen habe. Wenn sie das Klangmaterial für ihre Werke erstelle, geschehe das oft in enger Zusammenarbeit mit Interpreten, „das ist ein riesiger Mitbestimmungsprozess".

Aktuell arbeitet Christiane Strothmann auf dem Künstlerhof Schreyahn an einem Werk über die fünf Elemente, wie sie der archaisch, schamanisch geprägte „Bön-Buddhismus“ Tibets kennt: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum. Raum, das bedeute „eine unendliche Menge von Möglichkeiten. Wie in der Elektronik. Man muss darauf vertrauen, dass sich die Dinge entwickeln." Wie etwa bei einer Begegnung mit Kranichen bei einem Spaziergang, die Laute dieser „Feuervögel" sind nun Teil des Basis-Klangmaterials für diese Komposition. Hier findet dann doch ein konkretes Wend-Land-Erlebnis direkt zum Klangmaterial. Nicht das einzige! „Wenn ich hier an den Wind denke, wie dessen Qualitäten in Klang zu fassen wären. Allerdings nicht imitatorisch!" Fast schwärmerisch klingt das. Anderes Klangmaterial entsteht auf mitgebrachten Orgelpfeifen.

Strothmann beschreibt sich als jemanden, für die es „interessanter ist, etwas zu erfragen und zu entdecken als anderen zu erzählen, was ich mache." So seien ihr die „fremden Traditionen", die Musik der Sufis, Indiens und Tibets wichtig. „Wir haben als Europäer mit unserer Idee und der damit geprägten Weltsicht von ‚Zielgerichtheit’ diese Musik nicht genug wahrgenommen", meint die Komponistin.

Auch Rockmusik ist ihr nicht fremd, sie war Sängerin in einer Band. „Ich bin klassisch erzogen, sehr liberal", erklärt sie. „Den letzten Konservativismus haben mir die Rocker ausgetrieben, die ohne jede Notenkenntnis gemeinsam hochkomplexe Musik komponieren." Gibt es also überhaupt etwas Besonderes, etwas, Typisches, womöglich Einzigartiges, das die westliche Musiktradition geschaffen hat? „Ja, Kontrapunkt und Polyphonie", ist die sofortige Antwort Strothmanns. Ob die Frage auch inhaltlich gemeint gewesen sei, sinniert sie weiter und fährt in ihrer Antwort fort: die Rolle des Komponisten. Dessen Rolle trete, der Notenschrift wegen, viel stärker hervor als in anderen Kulturen, „Der Komponist individualisierte sich".
Das Konzept des Individuums sei es, das die westliche Kultur definiere, „auch mit seinen negativen Auswirkungen". Diese negative Seite zu verändern, das sei eine Verantwortung der Künstler, sagt die Komponistin und beantwortet damit die noch-nicht-gestellte Frage nach der Rolle des Musikers in der heutigen Gesellschaft. Denn die „enorme Wachheit als ‚Ich’ und die ganze Verantwortung, die ein Komponist trägt, gilt es über das Werk hinaus zur Geltung zu bringen."

Künstlerhof Schreyahn
Schreyahn 19
29462 Wustrow (Wendland)
Informationen zum Künstlerhof Schreyahn
Informationen zur Komponistin Christiane Strohmann


Abbildungsnachweis: Alle Fotos Thomas Janssen
Header: Künstlerhof Schreyahn
Galerie:
01. Christiane Strothmann
02. Künstlerhof Schreyahn
03. Idyll auf dem Künstlerhof

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