Werbung

Neue Kommentare

Michaela zu „Midsommar”. Die sonnendurchfluteten Abgründe des Ari Aster: Einer der magnetisierendsten Filme, die ich seit ...
Hampus Jeppsson zu „Der Distelfink“. Kühle Eleganz als Metapher für Schmerz: Interessant. Ein sehr guter Roman, dessen Verfilm...
Elvana Indergand zu Snøhetta: Architektur – Landschaft – Interieur: Ich bin begeistert von der Biblioteca Alexandrina...
Martin Kostinak zu DFG-Schwerpunktprogramm „Das digitale Bild“: Förderzusage für neues Forschungsprojekt des Fachbereichs Kunstwissen­schaft & Medienphilosophie: Welche Förderzusage für das KIT ist hier gemein...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Musik

Elisabeth. Das Musical – Die wahre Geschichte der Sissi

Drucken
(88 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Donnerstag, den 25. Februar 2016 um 11:00 Uhr
Elisabeth. Das Musical – Die wahre Geschichte der Sissi 4.2 out of 5 based on 88 votes.
Elisabeth. Das Musical – Die wahre Geschichte der Sissi

„Elisabeth“ im Mehr! Theater hätte zweifellos das Zeug zu großer Oper.
Dass die Musical-Produktion äußerst mittelmäßig bleibt, liegt an wenig eingängigen Melodien und stimmschwachen Tenören. Vor allem aber an der lausigen Lichtregie und einer ärgerlich reflektierenden Projektionsfläche als kostengünstigem Tour-Bühnenbild. Dabei enthält die als Totentanz interpretierte Lebensgeschichte der österreichischen Kaiserin durchaus intensive Momente. Dafür steht schon der Name Harry Kupfer, der einstige Vorzeige-Regisseur der DDR.

Wo war „Elisabeth“ nach seiner Uraufführung im Theater an der Wien 1992 nicht schon überall: in Italien, Schweden, Ungarn und der Schweiz, in Belgien, Finnland und den Niederlanden. Selbst in China, Japan und Südkorea tourte das Musical um das tragische Leben der bildschönen Kaiserin, deren Mythos bis heute durch die kitschige Sissi-Trilogie der 1950er Jahre geprägt ist.

Nun, „Die wahre Geschichte der Sissi“, wie es im Untertitel heißt, ist nicht frei von Schmalz und Kitsch – doch das betrifft nicht die Beziehung zu ihrem „Franzerl“, sondern vielmehr die Vorstellung eines charismatischen Jünglings aus dem Jenseits.

Michael Kunze (Buch), bekannt für seine sorgfältigen Recherchen, hat sich sehr genau an der Biographie der historischen Person orientiert und die wichtigsten Geschehnisse der Zeitgeschichte ausgezeichnet auf den Punkt gebracht. Schonungslos zeigt er, wie Sissi unter der übermächtigen Schwiegermutter und den Zwängen bei Hof leidet, wie man sie dressiert, einsperrt und ihr die Kinder entzieht – und wie schwach und tatenlos Franz Joseph dem Treiben seiner Mutter zusieht. Bis Elisabeth schließlich ihre Schönheit als Machtinstrument entdeckt und immer mehr ausspielt, um sich durchzusetzen. Doch zu spät: Die kaiserliche Familie ist längst kaputt, keiner kann dem anderen mehr helfen, jeder bleibt für sich allein. Elisabeth, als erwachsene Frau eine Kaiserin ohne Rast und Ruh, ständig auf Reisen quer durch Europa, verfällt in tiefe Depressionen als ihr Sohn Rudolf sich umbringt. In Gedichten bringt sie ihre Todessehnsucht zum Ausdruck, doch es dauert noch fast zehn Jahre, bis sie schließlich in der Schweiz stirbt – ermordet von einem italienischen Anarchisten, der sie eher zufällig auswählte.

Gleichsam als Gegenentwurf zu den zuckersüßen Schmachtfetzen der Romy-Ära schildert Michael Kunze Elisabeths Leben als einen ‚Dance macabre’, in dem der personifizierte Tod von Anfang an das Zepter führt. Conferencier in diesem düsteren Bilderreigen ist Luigi Lucheni, jener perfide Mörder, der Elisabeth am 10. September 1898 vor dem Luxushotel Beau-Rivage am Genfersee eine scharfgeschliffenen Feile mitten ins Herz rammte.

Im ersten Bild rechtfertigt sich Lucheni (sehr charmant, aber leider etwas dünn bei Stimme: Kurosch Abbasi) vor dem jüngsten Gericht mit der Begründung, der Tod höchstpersönlich habe ihn zu der Tat beauftragt - aus purer Liebe. Zum Beweis lässt er die Vergangenheit antreten: Aus dem Bühnendunkel kriechen die Hofschranzen des Habsburger Reiches hervor und ähneln im ersten Moment frappierend an die Untoten aus „Tanz der Vampire“: Ein Mummenschanz aufgezogener Marionetten, der im Laufe des Abends immer wieder um Kaisermutter und Thronfolger scharwenzelt. Im Kontrast dazu die vor Kitsch nur so triefende Begegnung der 15-jährige Sissi im heimischen Possenhofen mit dem Tod. Sie fällt, er fängt sie auf – aber nur, um in die Arme des jungen Kaisers zu fliegen. Der Tod macht ihr klar, dass sie ihm gehört – und läutet die Hochzeitsglocken.

„Elisabeth“ also als Mix aus Persiflage auf untergegangenes Kaiserreich und allegorischer Lovestory mit dem schönen Mann aus dem Jenseits (mal in schwarzem Lack, mal ganz in Unschuldsweiß), dem der verführerische Mark Seibert (schöne Stimme, leider miserabel ausgesteuert) eine ordentliche Portion Sexappeal verleiht.

Doch diese ambitionierte Mischung ist auch die Krux des Stückes. Der Wechsel zwischen Spott und Zeitgeist-Satire einerseits, und einer gequälten empathischen und todessehnsüchtigen Seele andererseits zerfransen das Stück zu einem Bilderbogen von höchst unterschiedlicher Qualität. Am stimmigsten sind die Szenen im Kaffeehaus, in dem Wiener Müßiggänger an ihren Tischen wie Autoscooter umherkreiseln, sowie die wunderbare bildliche Umsetzung des perfiden Schachzugs von Kaisermutter Sophie und ihrer Entourage gegen Elisabeth: Eingezwängt in Steckenpferdchen hüpfen sie auf einem (projiziertem) Schachfeld umher, während sie aushecken, Franz Joseph eine Mätresse zuzuführen. Das ist einfach hinreißend. Überhaupt die Kostüme: Sie sollen nicht unerwähnt bleiben, denn was das Bühnenbild über weite Strecken vermissen lässt, kompensiert das opulente, farbenfrohe Outfit des Ensembles weitgehend wieder.

Ansonsten ist die Produktion so flach wie die (permanent durch das Seitenlicht spiegelnde) Projektionsfläche: Ein ständiges Auf- und Abtreten der Figuren von links nach rechts (ja, klar, Sissi ist auf der Flucht); ab und zu rauscht die Gondel des Todes auf die Bühne, von oben schiebt sich in Intervallen eine freischwingende Brücke ins Bild, auf dem der Tod herumspaziert und über der Wand im Hintergrund flimmern im Wechsel schöne Natur- und Architekturaufnahmen.

Roberta Valentini verkörpert Elisabeth absolut überzeugend und besticht mit einem klaren, aber etwas harten Sopran, Maximiliam Mann als Franz Joseph gewinnt im Laufe des Abends deutlich an Kontur. Heimlicher Star aber ist Maike Kathrin Merkel als tyrannische Erzherzogin Sophie. Merkel hat nicht nur die stärkste Stimme unter den Solisten, sie spielt auch alle an die Wand. Wenn Merkels Sophie und Valentinis Sissi aufeinandertreffen, dann geht es wirklich zur Sache, aber das sind leider nur kurze Momente.

Ach ja, ein Wort noch zur Musik: Sylvester Levays Kompositionen vibrieren nur so vor Paukenschlägen und Geigentutti. Bombastisch, laut und hochdramatisch, bleibt aber nicht hängen. Spätestens an der Garderobe hat man die Melodien schon wieder vergessen.

„Elisabeth“ - Das Musical

Mehr!Theater am Großmarkt Bankstraße 28 in 20097 Hamburg.

Zu sehen bis 27. März 2016, täglich außer Montag, Karten unter Tel.: 01805-2001
Veranstalter: Collien Konzert & Theater GmbH und Semmel Concerts GmbH
Weitere Informationen



Abbiuldungsnachweis:
Headerfoto: Labelle/Juliane Bischoff

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Musik > Elisabeth. Das Musical – Die wahre Geschich...

Mehr auf KulturPort.De

Indianerleben und Pflicht zum Ungehorsam
 Indianerleben und Pflicht zum Ungehorsam



„Wer anfängt, Rechtsstaatlichkeit zu beugen,“ schrieb am 7. Oktober Ulf Poschardt in der „Welt“, „sei es mit Boykott der Schulpflicht, Nötigung oder  [ ... ]



61. Nordischen Filmtagen Lübeck
 61. Nordischen Filmtagen Lübeck



Schade: Roy Andersson persönlich kommt nicht. Aber: Sein gerade in Venedig mit dem Regiepreis ausgezeichneter Film „Über die Unendlichkeit“ ist dabei, wenn [ ... ]



Wolfgang Bittner: „Der neue West-Ost-Konflikt“
 Wolfgang Bittner: „Der neue West-Ost-Konflikt“



Der Schriftsteller Wolfgang Bittner, Autor zahlreicher Bücher und promovierter Jurist, hat ein neues, den allgemeinen Konsens gefährdendes Sachbuch vorgelegt,  [ ... ]



„Parasite”. Bong Joon-ho und sein postmoderner Klassenkampf
 „Parasite”. Bong Joon-ho und sein postmoderner Klassenkampf



„Eine Komödie ohne Clowns, eine Tragödie ohne Bösewichte” nennt Bong Joon-ho seinen Film „Parasite”. Menschliches Drama, Horrorthriller oder Crime Sto [ ... ]



Königliche Geschenke: Porzellan und Rembrandt in der Staatlichen Kunstsammlung Schwerin
 Königliche Geschenke: Porzellan und Rembrandt in der Staatlichen Kunstsammlung Schwerin



„Etwas ärmlich, aber ganz gemütlich!“, meint ein schnoddriger amerikanischer Journalist in „Ein Herz und eine Krone“ angesichts der prachtvollen Fassad [ ... ]



„Orlando“ an der Berliner Schaubühne. Grandioser Saisonauftakt im Teamwork
 „Orlando“ an der Berliner Schaubühne. Grandioser Saisonauftakt im Teamwork



Wer die Chance nutzt, „Orlando“ an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin zu sehen, erlebt einen Theaterabend, der lange in Erinnerung bleibt.
Das St [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.