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Hamburger Architektur Sommer 2015


Musik

„Figaros Hochzeit“ in der Hamburger Kammeroper

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Sonntag, den 01. November 2015 um 11:08 Uhr
„Figaros Hochzeit“ in der Hamburger Kammeroper 4.4 out of 5 based on 77 votes.
„Figaros Hochzeit“ in der Hamburger Kammeroper

Temporeich, frech-fröhlich, einfach hinreißend – so ist diese umjubelte Neu-Inszenierung von „Figaros Hochzeit“ in der Hamburger Kammeroper.
Applaus schon nach der Ouvertüre. Man vergisst völlig, dass in dem kleinen Orchestergraben nur sechs Musiker Platz haben. Zwei Geigen, eine Flöte, eine Klarinette, ein Fagott, ein Kontrabass, mehr braucht es nicht, damit sich unter der Leitung von Ettore Prandi Mozarts filigraner Klangkosmos klar und kammermusikalisch transparent entfalten kann. Wie immer wird in der Kammeroper auf deutsch gesungen, der Inhalt der Rezitative wird gesprochen.

Applaus auch für Kathrin Keglers Bühnenbild. Anfangs sieht man Kulissen-Teile, die man noch nicht so recht zuordnen kann. Ungewöhnlich, aber sehr ästhetisch. Von rechts bis in die Bühnenmitte eine rotlackierte Schräge – wie ein Laufsteg. Links am Bühnenrand eine fragile, sehr schöne Figurine, auf der ein Schleier drapiert ist, der mehr ent- als verhüllt. Und über dem Ganzen schwebt in einem großen Goldrahmen ein geheimnisvoller Frauenkopf, er könnte von einem Manieristen stammen.

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Was das alles mit einer Grafen-Residenz zu tun hat, mag man sich zunächst fragen. Aber wenn die Bühne sich bevölkert, wird schnell klar, dass Barbara Hass den Plot in eine andere Zeit verlegt hat. Wir befinden uns in der Modewelt, wo ein Modezar Hof hält, der sich heute kleidet wie ein Fürst zu Mozarts Zeiten. Mit weißer Zopfperücke, Sonnenbrille, Spitzenjabot, Weste und engen Beinkleider. Erraten, wir sind im Reich von Karl Lagerfeld.

Marius Adam als Chef des Modehauses Almaviva bewegt sich darin so selbstverständlich, als sei das sein tägliches Outfit. Mit seinem schönen, warmen Bariton, gibt er den Grafen auch stimmlich verführerisch.
Die anderen Figuren fügen sich wie selbstverständlich in diesen Rahmen. Regisseur Andreas Franz und sein Ensemble haben sichtlich Spaß am Verwirrspiel mit Moden und mit Gefühlen, er inszenier Sing-Spiel im wahrsten Sinne des Wortes. Mit einem glänzend besetzten Ensemble, bei dem man nicht weiß, was man mehr bewundern soll: das Singen oder das Spielen. Alle müssen sich auf dem Laufsteg beweisen.
Wenn Titus Witt als Basilio, dort entlang tänzelt, als Moshammer mit Schoßhündchen Daisy im Arm, hindert ihn das Gelächter aus dem Publikum erst mal am Singen.
Aber es geht weiter im Defilee, mit Cherubino, dem Knaben, der die Gräfin anbetet, und weil er jung und schön ist, den Grafen vor Eifersucht rasend macht. Als Zuschauer wissen wir ja, dass diese Rolle immer von Sängerinnen gesungen wird. Und man die ganze Zeit so tun muss, als würde man das nicht durchschauen.
In der Kammeroper kommt eine junge, zarte Figur, mit Jeans und T-Shirt und Kopfhörern, Hände provokativ in den Hosentaschen, zur Musik rappend auf die Bühne und ist unglaublich präsent und sexy. Völlig egal, ob unter der Maske ein Mann oder eine Frau steckt (tatsächlich ist es Silvia de Stefano) – der kecke Knabe ist begehrenswert für beide Geschlechter, und Susanne und die Gräfin dürfen auch mal handfest werden. Natürlich darf nicht nur gelacht werden.
Besonders Kathja Rothfuss als Gräfin und Gattin ihres schürzenjagenden Gatten, gibt ihrer Figur und der Handlung Tiefe, Trauer und Innigkeit.

Ja, und sind dann noch Figaro und seine Susanna. Jakob Vad spielt ihn als gut aussehenden, schlanken, gut in die
Modewelt passenden Streber mit einem warmen, tragenden Bariton. Und umschwärmte Susanna, Directrice des Hauses, wird von Natascha Dwulecki zum Mittelpunkt des Abends gemacht – mit einer großartigen Stimme, weich, schlank, beweglich, aber auch zupackend, wenn’s sein muss. Ein leuchtender Stern im kleinen Haus an der Max-Brauer-Allee.

Vier Wochen vor der Stefan Herheims „Figaro“-Premiere in der Staatsoper legt die Kammeroper eine grandiose Vorlage hin – musikalisch und darstellerisch, Szene und Kostüme, ein Vergnügen für Auge und Ohr. Sollte man unbedingt ansehen. Und „Figaros Hochzeit“ ist nur der Auftakt zur Mozart-Spielzeit, in der noch „Don Giovanni“ und „Così fan tutte“ folgen!

Figaros Hochzeit von Wolfgang Amadeus Mozart (Originaltext von Lorenzo da Ponte, Hamburger Kammeroper im Allee Theater. Max-Brauer-Allee 76, 22765 Hamburg.
Zu genießen bis zum 7. Februar 2016. Beginn: mittwochs, freitags und samstags um 19.30 Uhr, sonn- und feiertags um 19.00 Uhr
Alle Plätze und alle Vorstellungen sind über den Saalplan im Internet buchbar unter www.alleetheater.de, dann zu „Angebote“ und „Tickets“ oder unter Tel. (040) 3829 59.


Abbildungsnachweis: alle Fotos © Joachim Flügel
Header: Szene aus Figaros Hochzeit
Galerie:
01. bis 03. Szenen aus Figaros Hochzeit. Hamburger Kammeroper.

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