Neue Kommentare

Lydia zu 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht: Durch die persönliche Darstellung ist der Artike...
Hans Maschek zu 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht: Wunderbar atmosphärische Beschreibung. Ich habe ...
Matthijs van de Beek zu „Stan & Ollie”. Oder die schmerzliche Seite der Komik : Das klingt wunderbar und wird ganz sicher angesch...
Dr. Frank-Peter Hansen zu Die Wittgenstein-Dekomposition: Frank-Peter Hansens Antwort auf Martin A. Hainz...
NN zu Das Chimei – ein Museum für eine einmalige Privatsammlung in Taiwan: Lasst Euch nicht blenden! Es gibt nichts Gutes, a...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Musik

Der neue philharmonische Klang in Hamburg

Drucken
(109 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 26. Oktober 2015 um 10:09 Uhr
Der neue philharmonische Klang in Hamburg 4.4 out of 5 based on 109 votes.
Die neue philharmonische Klang in Hamburg

Die Verbindung der Hamburger Philharmoniker mit ihrem neuen Chef, dem amerikanischen Stardirigenten Kent Nagano, könnte sich als echte Liebesheirat erweisen. Die ersten Akzente sind gesetzt in einem Geist williger Gemeinsamkeit: Berlioz’ „Les Troyens“ – die große Opernpremiere, dann Strauss’ klanggewaltige „Elektra“, davor eine philharmonische Akademie im unselig überhallten Kirchenraum von St. Michaelis und zwei philharmonische Konzerte. Ein starker Anfang, er ließ aufhorchen. Aber auch einer, der noch Wünsche offen lässt.

Waren die Akademie und das erste philharmonische Konzert eher noch respektvolle Verbeugungen des Neuen vor der großen musikalischen Tradition Hamburgs, so lag der Akzent bei den beiden Opern und im zweiten Konzert schon anders: Ging es doch um Werke, die den Orchesterapparat in ganz unterschiedlichen Dimensionen richtig herausforderten.

Berlioz’ gewaltige Bandbreite der Klangfarben in „Les Troyens“ wurde von der sanft analytischen Klanggebung Naganos fein aufgefächert, manchmal schon sehr elegant und die verschienen Instrumente recht kantenfrei miteinander verschmolzen, manchmal klang es aber auch noch ein wenig handwerklich. Bei aller Gefühlsschwere der Musik blieb durchweg eine unforcierte, lockere, fast luftige Transparenz im Ohr. Bei so viel Balance im Orchesterklang hätte man sich manchmal dann doch gewünscht, dass in der Partitur hier und da mal nach versteckten Widerhaken und Untiefen geforscht würde.

Nagano setzt nicht auf wirbelnde Überwältigung
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg Kent Nagano F Felix BroedeDer Dirigent besteht auf Klarheit und Präzision, und so kann man bei ihm tiefer und klarer ins Getriebe der Musik hineinhören. Außerdem danken ihm die Sänger die durchgängige Zurückhaltung des Orchesters – sie werden weder bei Berlioz „Les Troyens“ noch bei Strauss’ „Elektra“ durch schiere Lautstärke in den Hintergrund gedrängt oder zum Forcieren genötigt.

Auch bei Naganos Strauss hört man durchweg, was im Orchester passiert und wie es gemacht wird. Nicht unangenehm, zumal frühere störende Details – etwa unbeirrt ausgesessene, unkorrigiert unsaubere Stellen im Holz oder Blech – wie weggeblasen sind.

Nur die letzten, innersten Seelennuancen, die Strauss in seiner meisterlichen Instrumentation festgehalten hat, das aufregend flirrende, feinsilbrige Pianissimo eines ultrahomogenen Streicherklangs etwa, die blieben noch ein Spürchen zu eindimensional. Und nicht alle orchestralen Steigerungen gingen so unter die Haut wie in dem flehentlich herbeigesehnte Moment des Wiedererkennens zwischen Elektra und ihrem Bruder Orest, in dem die Musik das Unsagbare ausdrückt. Gleichzeitig spürte man deutlich: Da geht noch was.
Dann das 2. Philharmonische Konzert, zu Beginn Beethovens viertes Klavierkonzert. Eine Interpretation von klassischer Noblesse, ein Konzept, das auch der Solist Nikolai Lugansky verfolgte. Nicht wirklich aufregend, man hatte eher das Gefühl, dass hier sehr akkurat an Beethovens Noten entlang musiziert wird. Dabei entstand nicht unbedingt eine faszinierende, aufwühlende Version, aber eine ganz schön hörintensive. Denn Naganos feinmechanische Transparenz in der Begleitung erlaubte viele neue Einblicke in die Orchesterbegleitung, holte lange untergegangene melodische Linien und Begleitfiguren klangschön nach vorn. Das ist zunächst ein eher intellektuelles Vergnügen, in das man sich beim Hören hineinfinden muss.

Naganos Misstrauen gegen die ganz große Geste
Und schließlich Berlioz’ „Symphonie fantastique“ – die mehr als 30 Jahre vor den „Troyens“ entstandene Liebeserklärung des Komponisten an die englische Schauspielerin Harriet Smithson. Musikalisch ganz großes Kino mit gewaltiger Besetzung (wo erlebt man sonst sechs Harfen im selben Orchester?), das natürlich ebenso gewaltigen Beifall am Ende nach sich zog. Dennoch ging das Transparenz-Konzept des neuen Generalmusikdirektors hier nicht ganz auf. Das Orchester spielt einen hübsch akkuraten Walzer – und man denkt: Der dürfte sich ruhig noch etwas verliebter, noch sehnsüchtiger, leidenschaftlicher schmachtend drehen. Die Philharmoniker klingen überzeugend, in den zarten Soli ebenso wie an den Stellen, an denen es Berlioz so richtig krachen lässt – das klingt schon mächtig brutal in der Hinrichtungsszene, tobt sausend durch den Hexensabbat.

Doch spürt man immer wieder Naganos Liebe zum Feinziselierten und sein Misstrauen gegen die ganz große Geste, gegen das Sich-Verlieren in der Musik. Ein Angang, der sich häufig auch auf seinen CD-Einspielungen findet. Riesen-Emotionen mit angezogener Handbremse. Dürfen Berlioz’ Klänge nicht auch mal wehtun, aufrütteln, bis ins Mark erschüttern? Noch klingt das in Hamburg ein wenig präsentiert, weniger durchlebt.

Doch selbst, wenn Nagano noch wenig Risiken eingeht und manchmal noch etwas zu sehr nach Lehrbuch auf sehr hohem Niveau spielen lässt: Der Klang der Philharmoniker verändert sich, man spürt einen großen Willen, dem Dirigenten auf seinem Weg zu folgen. Vielleicht öffnen sich ja bald schon die Türen am Ende des Kalkulierbaren, und die unkalkulierbar emotionalen Momente der Musik finden ihren Raum zur Entfaltung – ein bisschen mehr Seele. Dirigent und Orchester stehen ja gerade mal am Anfang ihres Aufbruchs und gemeinsamen Weges. Es wird spannend, den zu beobachten.

Kent Nagano und die Hamburger Philharmoniker sind in der Laeiszhalle wieder gemeinsam zu hören im 4. Philharmonischen Konzert am 20. (11 Uhr) und 21. Dezember (20 uhr) mit Werken von Bach und Bruckner sowie am 31. Dezember im Silvesterkonzert (11 Uhr) mit Werken von Bach, Zimmermann, Brahms und Mozart.

In der Staatsoper steht Nagano wieder am 6.1. (19 Uhr) bei Debussys „Pelléas et Mélisande“ am Pult. Weitere Vorstellungen: 10., 19. und 22. Januar (alle 19 Uhr).



Abbildungsnachweis:
Headerfoto: Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Kent Nagano. Foto: Felix Bröde

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Musik > Der neue philharmonische Klang in Hamburg

Mehr auf KulturPort.De

Daniel Fuhrhop: Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift.
 Daniel Fuhrhop: Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift.



In diesen Tagen ist die Wohnungsnot eines der wichtigsten Themen der Politik. Sonst kann man sich ja auf überhaupt nichts einigen, aber hier kennt man über all [ ... ]



Giving Art a Face von Michael Knepper in der Galerie Kunstraum Hamburg
 Giving Art a Face von Michael Knepper in der Galerie Kunstraum Hamburg



Wie schreibt man eine Kunstkritik, wenn man mit dem Künstler seit Kindertagen befreundet ist? Vielleicht lieber gar nicht!? Gerade auch, weil sich die Kunst ein [ ... ]



Dimitri Monstein Ensemble: Landscape
 Dimitri Monstein Ensemble: Landscape



Das Schlagzeug als Solo-Instrument ist nicht unbedingt das, was man auf einer Jazz-Platte erwartet. Denn eigentlich ist es nichts selbstverständlicher, beweist  [ ... ]



Privattheatertage 2019: „Die Schulz-Story“. Oder wie „verzwerge“ ich mich selbst
 Privattheatertage 2019: „Die Schulz-Story“. Oder wie „verzwerge“ ich mich selbst



Keine andere Partei zelebriert die Selbstzerfleischung so exzessiv wie die SPD! Nun hat ein Kapitel Leidensgeschichte jüngster Zeit sogar Bühnenreife erlangt:  [ ... ]



„Sunset”. László Nemes’ Metaphorik des Abgrunds
 „Sunset”. László Nemes’ Metaphorik des Abgrunds



„Sunset” ist eine atemberaubende verstörende Vision, hinter deren unfassbar exquisiter Schönheit sich der Horror selbstzerstörerischer Zivilisationen verb [ ... ]



Focusyear Band: Open Paths
 Focusyear Band: Open Paths



Eigenartiger Name für eine Band! Ein fokussiertes Jahr – was hat es mit der zeitlichen Limitierung auf sich?
Focusyear ist ein einjähriges Programm für ein [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.