Neue Kommentare

Kentin Abalo zu „Assassination Nation” – Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo : WAS FÜR EIN FOTO!!!
Großartig. Hoffe der...

Sybille zu Das Chinesenviertel auf Hamburg St. Pauli: Danke für den Beitrag. Ich sehe gerade den Film ...
Nikias Geschke zu „The Guilty”. Der beklemmende Minimalismus des Gustav Möller: Das klingt superspannend. Danke für den Tipp. ...
Harry zu „Otto. Die Ausstellung“: OTTO ist großartig. Ich wusste nicht, dass er ei...
Alex zu Film Festival Cologne - Von starken Spielfilmdebüts und schwächelnden Stars: Wer bist du? Halten Sie Ihre Meinung besser, wenn...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Musik

Bach in der Tempo-Hall-Akustik des Hamburger Michels

Drucken
(73 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 15. September 2015 um 10:06 Uhr
Bach in der Tempo-Hall-Akustik des Hamburger Michels 4.7 out of 5 based on 73 votes.
Bach in der Tempo-Hall-Akustik des Hamburger Michels

Die Musikstadt Hamburg hat ihre Höhen und ihre Tücken – manchmal sogar beides am selben Abend. Die zweite Philharmonische Akademie St. Michaelis am Montagabend mit dem Kammerorchester des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg wartete mit beidem überreich auf.

So großartig, musikgeschichtsträchtig und inspirierend der Michel als Konzertsaal ist, so heimtückisch ist seine hallige und wenig trennscharfe Akustik, die vor allem große Chorwerke im prall besetzten Kirchenraum und Orgelmusik sehr anhörbar transportiert. Man darf sich ein wenig wundern und muss es wohl dem Elan des philharmonischen Neubeginns zuschreiben und Kent Naganos Suche nach dem „Hamburger Klang“, wenn höchstfiligrane Werke wie Bachs „Brandenburgische Konzerte“ ausgerechnet in diesem Raum aufgeführt werden.

Stand bei der ersten Philharmonischen Akademie der neue Hamburgische Generalmusikdirektor noch selbst am Pult auf der Chorempore, so spielten diesmal die Kammer-Philharmoniker im Altarraum, als autonomes Ensemble ohne Dirigent. Der saß ganz entspannt mitten im Publikum und hörte sich an, was seine Musiker in Proben inner- und außerhalb ihrer philharmonischen Dienstzeiten einstudiert hatten.
Das dürfte ihm – was deren Leistung und Motivation angeht – vermutlich recht gut gefallen haben. Bach zelebriert seine Kunst in den sechs Konzerten, die er dem Markgrafen von Brandenburg gewidmet hat, auf höchsten Niveau, und die wechselnden, immer kleinen Besetzungen fordern von den Musikern konzentrierte Team- und solistische Höchstleistungen, jedes Detail zählt. Es schweißt zusammen, das gemeinsam zu erarbeiten.

Die kammerphilharmonischen Streicher spielten mit Barockbögen und hatten sich mit Ausnahme von Celli, Gamben und Cembalo befreit von den Einschränkungen des Sitzens – sie musizierten im Stehen. Hörner und Trompete setzten auf moderne Instrumente. Es gab bei ihnen nur wenige Ausrutscher in den vertrackten Partien, abgesehen von ein paar Kieksern in den höchsten Horn-Lagen des ersten Brandenburgischen und bei den Gipfeltönen der hohen Trompete im zweiten.

Sie sind weniger dem druckvollen Engagement der Musiker zuzuschreiben als vor allem den irrwitzigen Tempi wie beim zweiten Konzert. Denn die bekamen dem Klangeindruck, der das Publikum erreicht, ganz und gar nicht. Das war gleich im ersten Konzert so, wo der opulente Hornklang im Original und dem minimal verspäteten Echo-Nachhall miteinander konkurrierte und über die Streicher schwappte, da entstand ein höchst irritierender Eindruck von Ungleichzeitigkeit. Fast durchweg sportliche Tempi auch in den folgenden Konzerten sorgten dafür, dass feinere Details vielleicht noch in den ersten beiden Reihen wahrgenommen werden konnten – weiter hinten kam statt der tatsächlich gespielten Präzision kaum mehr an als ein verwaschener Klangbrei.

Spätestens beim Zweiten mit dem Solistenquartett Violine, Blockflöte, Oboe und Trompete hätte man für diesen Raum deshalb das olympiamedaillenreife Tempo besser deutlich herunterbremsen sollen. Denn von virtuosen Läufen blieb nicht viel mehr hörbar als schliddernde Glissandi, die Violine ging nahezu unter im Wettbewerb mit den durchsetzungsfähigeren Bläsern, die fein austarierte Gleichberechtigung der Soloinstrumente geriet im Höreindruck aus den Fugen. So blieben leider nur in die langsamen Sätze der Konzerte, um zu genießen, wie sich Bachs Kontrapunktik entfaltete und zum ruhigen Strahlen gebracht wurde.

Besonders schade war das unselige Zusammenspiel von Tempo und Hall im Fünften, das sich an der Grenze zum Cembalokonzert bewegt, trotz der beiden weiteren Solostimmen von Violine und Querflöte. Vom hochvirtuosen Cembalosatz (mit Bravour gemeistert von Michael Fürst) war mit Ausnahme der mächtigen, harmonisch tollkühnen Solokadenz kaum mehr wahrnehmbar als ein paar Hände voll Sternenstaub.
Am wenigsten beeinträchtigt blieb noch das Vierte mit seinen beiden Soloblockflöten und der Solovioline, die sich dank ihrer hohen Frequenzen gut hervorhoben. Klug im zurückgenommenen Tempo auch das Sechste, dessen beide Solobratschen klar durch den Raum drangen. Die beiden Gamben der Originalbesetzung indes gingen im Bassgegrummel fast völlig unter – bedauerlich.

Am Ende gab es für die großartigen Kammerphilharmoniker lang anhaltenden Applaus – der sicher auch ihre Leistung würdigte, alle sechs Brandenburgischen Konzerte an einem Abend auf hohen Niveau gespielt gemacht zu haben, der Generalmusikdirektor kann stolz sein auf diese Musiker. Schade, dass von ihrem großen Können aufgrund der akustischen Tücke des Raums so wenig die Ohren des Publikums erreichte. Am alles verwischenden Michel-Klang (der nicht gemildert wird, wenn der Raum nicht ausverkauft ist) sind doch schon ganz andere gescheitert. Erstaunlich, dass sich das offenbar nicht herumspricht.

Man würde dieses so engagiert gespielte Konzert gern noch einmal in der Laeiszhalle oder irgendwann in der Elbphilharmonie hören. Ich bin sicher, es würde ein glänzender, ein prachtvoller, ein inspirierender Abend.


Abbildungsnachweis: Notenblatt der Brandenburgischen Konzerte. Quelle: jsbach.net

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Musik > Bach in der Tempo-Hall-Akustik des Hamburger ...

Mehr auf KulturPort.De

Thomas Mann Preis 2018 für Mircea Cărtărescu:
 Thomas Mann Preis 2018 für Mircea Cărtărescu:



Mit dem Thomas Mann Preis 2018 wurde am 17. November der rumänische Schriftsteller Mircea Cărtărescu ausgezeichnet. Den Akt der Preisverleihung in den Kammers [ ... ]



„add art 2018 – Hamburgs Wirtschaft öffnet Türen für Kunst"
 „add art 2018 – Hamburgs Wirtschaft öffnet Türen für Kunst



„Zu einem attraktiven Arbeitsplatz gehört auch eine ästhetische Umgebung“, sagt Caspar Philipp Woermann, Geschäftsführer von ims, Internationaler Medien  [ ... ]



100 Jahre Lettland: Handschuh-Daumen hoch
 100 Jahre Lettland: Handschuh-Daumen hoch



Eine Handschuh-Aktion passt wie die Faust aufs Auge, wenn die lettische Hauptstadt Riga, der baltische Staat Lettland und der Rest der Welt heute, am 18. Novembe [ ... ]



Peter de Vries – Hut- und Urnenhüllen-Macher
 Peter de Vries – Hut- und Urnenhüllen-Macher



Wie muss man sich eine Person vorstellen, die Freunde und Kollegen als „Naturereignis“ bezeichnen?
In jedem Fall als einen charismatischen Menschen mit üb [ ... ]



Maria Austria. Eine jüdische Fotografin aus Amsterdam in Berlin
 Maria Austria. Eine jüdische Fotografin aus Amsterdam in Berlin



Das Verborgene Museum in Berlin-Charlottenburg präsentiert bis zum 10. März 2019 Fotoarbeiten und Dokumente der niederländischen Fotografin Maria Austria (191 [ ... ]



„Cold War – Der Breitengrad der Liebe” - Oder die Magie einer schwarzen Leinwand
 „Cold War – Der Breitengrad der Liebe” - Oder die Magie einer schwarzen Leinwand



Paweł Pawlikowski hat das schwermütige, visuell atemberaubende Noir-Drama „Cold War” seinen Eltern gewidmet, deren stürmische On- und Off-Beziehung ihn zu [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.