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Hamburger Architektur Sommer 2019

Musik
Bach in der Tempo-Hall-Akustik des Hamburger Michels

Die Musikstadt Hamburg hat ihre Höhen und ihre Tücken – manchmal sogar beides am selben Abend. Die zweite Philharmonische Akademie St. Michaelis am Montagabend mit dem Kammerorchester des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg wartete mit beidem überreich auf.

So großartig, musikgeschichtsträchtig und inspirierend der Michel als Konzertsaal ist, so heimtückisch ist seine hallige und wenig trennscharfe Akustik, die vor allem große Chorwerke im prall besetzten Kirchenraum und Orgelmusik sehr anhörbar transportiert. Man darf sich ein wenig wundern und muss es wohl dem Elan des philharmonischen Neubeginns zuschreiben und Kent Naganos Suche nach dem „Hamburger Klang“, wenn höchstfiligrane Werke wie Bachs „Brandenburgische Konzerte“ ausgerechnet in diesem Raum aufgeführt werden.

Stand bei der ersten Philharmonischen Akademie der neue Hamburgische Generalmusikdirektor noch selbst am Pult auf der Chorempore, so spielten diesmal die Kammer-Philharmoniker im Altarraum, als autonomes Ensemble ohne Dirigent. Der saß ganz entspannt mitten im Publikum und hörte sich an, was seine Musiker in Proben inner- und außerhalb ihrer philharmonischen Dienstzeiten einstudiert hatten.
Das dürfte ihm – was deren Leistung und Motivation angeht – vermutlich recht gut gefallen haben. Bach zelebriert seine Kunst in den sechs Konzerten, die er dem Markgrafen von Brandenburg gewidmet hat, auf höchsten Niveau, und die wechselnden, immer kleinen Besetzungen fordern von den Musikern konzentrierte Team- und solistische Höchstleistungen, jedes Detail zählt. Es schweißt zusammen, das gemeinsam zu erarbeiten.

Die kammerphilharmonischen Streicher spielten mit Barockbögen und hatten sich mit Ausnahme von Celli, Gamben und Cembalo befreit von den Einschränkungen des Sitzens – sie musizierten im Stehen. Hörner und Trompete setzten auf moderne Instrumente. Es gab bei ihnen nur wenige Ausrutscher in den vertrackten Partien, abgesehen von ein paar Kieksern in den höchsten Horn-Lagen des ersten Brandenburgischen und bei den Gipfeltönen der hohen Trompete im zweiten.

Sie sind weniger dem druckvollen Engagement der Musiker zuzuschreiben als vor allem den irrwitzigen Tempi wie beim zweiten Konzert. Denn die bekamen dem Klangeindruck, der das Publikum erreicht, ganz und gar nicht. Das war gleich im ersten Konzert so, wo der opulente Hornklang im Original und dem minimal verspäteten Echo-Nachhall miteinander konkurrierte und über die Streicher schwappte, da entstand ein höchst irritierender Eindruck von Ungleichzeitigkeit. Fast durchweg sportliche Tempi auch in den folgenden Konzerten sorgten dafür, dass feinere Details vielleicht noch in den ersten beiden Reihen wahrgenommen werden konnten – weiter hinten kam statt der tatsächlich gespielten Präzision kaum mehr an als ein verwaschener Klangbrei.

Spätestens beim Zweiten mit dem Solistenquartett Violine, Blockflöte, Oboe und Trompete hätte man für diesen Raum deshalb das olympiamedaillenreife Tempo besser deutlich herunterbremsen sollen. Denn von virtuosen Läufen blieb nicht viel mehr hörbar als schliddernde Glissandi, die Violine ging nahezu unter im Wettbewerb mit den durchsetzungsfähigeren Bläsern, die fein austarierte Gleichberechtigung der Soloinstrumente geriet im Höreindruck aus den Fugen. So blieben leider nur in die langsamen Sätze der Konzerte, um zu genießen, wie sich Bachs Kontrapunktik entfaltete und zum ruhigen Strahlen gebracht wurde.

Besonders schade war das unselige Zusammenspiel von Tempo und Hall im Fünften, das sich an der Grenze zum Cembalokonzert bewegt, trotz der beiden weiteren Solostimmen von Violine und Querflöte. Vom hochvirtuosen Cembalosatz (mit Bravour gemeistert von Michael Fürst) war mit Ausnahme der mächtigen, harmonisch tollkühnen Solokadenz kaum mehr wahrnehmbar als ein paar Hände voll Sternenstaub.
Am wenigsten beeinträchtigt blieb noch das Vierte mit seinen beiden Soloblockflöten und der Solovioline, die sich dank ihrer hohen Frequenzen gut hervorhoben. Klug im zurückgenommenen Tempo auch das Sechste, dessen beide Solobratschen klar durch den Raum drangen. Die beiden Gamben der Originalbesetzung indes gingen im Bassgegrummel fast völlig unter – bedauerlich.

Am Ende gab es für die großartigen Kammerphilharmoniker lang anhaltenden Applaus – der sicher auch ihre Leistung würdigte, alle sechs Brandenburgischen Konzerte an einem Abend auf hohen Niveau gespielt gemacht zu haben, der Generalmusikdirektor kann stolz sein auf diese Musiker. Schade, dass von ihrem großen Können aufgrund der akustischen Tücke des Raums so wenig die Ohren des Publikums erreichte. Am alles verwischenden Michel-Klang (der nicht gemildert wird, wenn der Raum nicht ausverkauft ist) sind doch schon ganz andere gescheitert. Erstaunlich, dass sich das offenbar nicht herumspricht.

Man würde dieses so engagiert gespielte Konzert gern noch einmal in der Laeiszhalle oder irgendwann in der Elbphilharmonie hören. Ich bin sicher, es würde ein glänzender, ein prachtvoller, ein inspirierender Abend.


Abbildungsnachweis: Notenblatt der Brandenburgischen Konzerte. Quelle: jsbach.net

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