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Musik

Über das Lächeln - Dizzy Gillespie in Berlin

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Dienstag, den 24. März 2009 um 13:13 Uhr
Über das Lächeln - Dizzy Gillespie in Berlin 3.4 out of 5 based on 163 votes.

Die von der Klassik importierte Ernsthaftigkeit war – als Folge der Trotzreaktion, die an ihrer Wiege stand – eine Behauptung und wurde zur Pose, weil man glaubte, sie müsse sich im Auftritt manifestieren, nicht in der Arbeit, die diesem vorausgeht. Der Ernst wurde heilig und am Ende zogen die meisten die Sonnenbrillen auf. Wer die Blues Brothers kennt, weiß, wie viel Ironie in dieser Geste stecken kann; wer in einem Jazzkonzert gewesen ist, wie viel Bierernst. Und das angesichts eines Kernrepertoires, das noch immer hauptsächlich auf Broadway-Musical und Hollywood-Schmonzetten zurückgeht, Gattungen mithin, die nur dort wirklich gut sind, wo sie die Hinwendung zum Publikum mit einem Augenzwinkern paaren. Ohne seriöses Arbeiten geht auch hier nichts. Aber es kommt der Moment, in dem die Musiker vor ihr Publikum treten, und spätestens jetzt interessiert sich niemand mehr dafür, wie lange man darüber nachgedacht hat, eine scheintote 2-5-1-Verbindung zurück ins Leben zu rufen. Jetzt ist die Lust am Spiel angesagt, die Lust am Leben. Und dafür gibt es ein Zeichen, das seit Jahrhunderten und in allen Herren Ländern verstanden wird: ein Lächeln.
  

Vor wenigen Wochen ist in einigen glücklichen deutschen Großstädten Sonny Rollins wieder aufgetaucht. Ein Jahrhundert-Tenorist, wie man weiß, aber kein begnadeter Moderator. Auch er mit Sonnenbrille, auch er zuweilen in Miles‘ Kreisform, mit dem Rücken zum Publikum. Und doch sind es nicht allein seine Soli, in denen der 78-Jährige pure Lebensfreude ausdrückt, ist es nicht allein das „Oh Tannenbaum“, das er schelmisch in eine Schlussfermate schmuggelt. Nein, Rollins, dessen Gang der eines alten Mannes geworden ist, wendet sich immer wieder dem Publikum zu, und wer hinsieht, erkennt: er tänzelt. Er lächelt mit den Beinen. Das genügt vollkommen. Niemand muss heute noch, wie einst Dizzy Gillespie, das alberne „Salt Peanuts“ skandieren.

(Christoph Becher ist Musikwissenschaftler, persönlicher Referent des Generalintendanten der Elbphilharmonie Hamburg und begeisteter Jazzmusiker.)

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