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Reeperbahn Festival 2016: Auf der Suche nach der Kunst

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Montag, den 26. September 2016 um 09:19 Uhr
Reeperbahn Festival 2016: Auf der Suche nach der Kunst 4.2 out of 5 based on 96 votes.
Reeperbahn Festival 2016: Auf der Suche nach der Kunst

Die Autorin dieses Beitrags ist begeisterte Reeperbahn Festival-Besucherin, schaut sich aber neben dem umfassenden Konzertangebot besonders gerne im „Arts“-Bereich des Musik-Events um. Auch dieses Jahr hat sie sich wieder einen umfassenden Rundgang durchs Kunstprogramm vorgenommen. Damit war sie dann aber schneller fertig als gedacht...

Wir sehen: verkantetes Holz in steril-luzidem Raum, klackernde Glühbirnen-Murmeln im obskuren Röhrenapparat, plötzlich pulsierende geometrische Formen, und herabsegelndes Plastikkonfetti.
Wir hören: plingelnde Hintergrundmusik, die sich dann zu viel sphärischem Elektroklang steigert, ein bisschen Bass darf auch noch rein, und das langgezogene Tuten eines Schiffs natürlich – wir sind ja schließlich in Hamburg.
Hübsch gemacht, aber ein bisschen kühl kommt der Trailer des Reeperbahn Festivals 2016 daher, denn er erinnert eher an minimalistisches Industriedesign als an das, woran man bei dem etablierten Hamburger Musikfestival eigentlich denkt: Schweiß, Ektase, dichtgedrängte Menschen im Schatten des Scheinwerferlichts und das laute Krawumms von dampfenden Elektrobeats oder wild-virtuosem E-Gitarren-Schlagzeug-Mix.

Zumindest wird hier angedeutet, was das Reeperbahn Festival nun schon seit Jahren vereint: Musik und Kunst, auf engstem geografischen Raum vereint, zum Anhören, Anschauen, Abfeiern. Das Event, das die Clubs, Bars und Galerien von St. Pauli auch dieses Jahr wieder an vier Tagen bespielt, bietet wie immer: ein mehrtägiges Musikprogramm, bei dem bekannte Namen auf noch vergleichsweise unbekannte Bands treffen, sowie verschiedene, zumeist popkulturell geprägte künstlerische Programmpunkte aus den Bereichen Bildende Kunst, Literatur und Film, die das Konzertangebot ergänzen. Dass der Konferenzbereich des Reeperbahn Festivals längst auch wichtige Branchenvertreter der Musikindustrie anzieht, ist für die angereiste Nachwuchsband mit Hoffnung auf den großen Durchbruch natürlich irgendwie wichtig, interessiert den normalen Festivalbesucher aber wohl eher weniger – höchstens, wenn die Schlange der Fachbesucher vorm Klubhaus so sehr den Eingang verbarrikadiert, das einfach kein Weiterkommen ist.

Denn genau so ist es auch dieses Jahr wieder auf dem Reeperbahn Festival: voll. 450 Bands und Künstler auf über 70 Spielstätten, das kann ja gar nicht anders werden als eng – genau so eigentlich, wie man es sich für ein Musikfestival wünscht. Partnerland dieses Jahr sind die Niederlande – sowieso gerade sehr en vogue, immerhin hatte die Frankfurter Buchmesse 2016 da auch schon genauer hingeschaut. Die Indierock-Band „Bombay“ aus Amsterdam könnte man hier schon kennen, oder „Blaudzun“, der als europäische Ausgabe von „Arcade Fire“ gehandelt wird.

Wir sind aber hier für die Kunst. Und die müssen wir erst einmal finden. Auf dem Spielbudenplatz stehen natürlich unübersehbar die „Flatstock Europe Poster Convention“-Zelte, wo wie jedes Jahr Musik-Kunstplakate gekauft werden können. Es ist gewohnt wuselig, Besucher drängen sich dicht an den Ständen vorbei. Von Ferne wabert der Foodtruck-Geruch hinüber, auf der Spielbudenplatz-Bühne dudelt gerade Übergangsmusik zwischen zwei Acts. Aber wo zum Beispiel ist die versprochene Open-Air-Gallery?

Nach einigem Suchen merken wir: Wir sind schon unwissentlich ein paar Mal dran vorbeigelaufen. Denn die ausgestellten Entwürfe stehen diagonal hintereinander angeordnet in verglasten Schaukästen, die aussehen, als seien sie für Werbeplakate gemacht – etwas, was man eher tendiert auf dem Gesichtsfeld auszublenden. Optisch gehen sie aber nicht nur durch ihre Schrägaufstellung hinter verspiegelter Glasfläche unter, sondern durch die Positionierung an der Durchgangsstelle zwischen Werbefassade und Open-Air-Bühne. Besucher des Operettenhauses posten Knutsche-Selfies vor dem darüber angebrachten XXL-„Phantom der Oper“-Poster, auf die Schaukästen der Gallery achtet leider kaum niemand.

Dabei ist die Idee dahinter eigentlich ziemlich gut. Denn Clueso stellt hier sein neues Album „Neuanfang“ vor, und zu jedem der Tracks hat einer von zehn Street-Art-Künstlern ein Plakat entworfen. Mit dabei sind Namen wie Rebelzer, We are Büro Büro, David Shillinglaw, Fabian Wolf und Björn Holzweg – besonders schön, dass hier der je eigene Stil des Künstlers bei dem visuellen Entwurf des Musiktitels hervorkommen kann. Dass man sich theoretisch über eine App akustisch durch die Posterausstellung führen lassen kann, haben die von uns befragten Besucher zwar nicht gleich entdeckt – „Aber das probieren wir jetzt gleich mal aus!“

Weiter geht’s zum Mojo, denn dort soll die interaktive Installation „L.U.C.K. – Urban Design for Spaces and Places“ zu sehen sein. Wir entdecken eine ringförmige Sitzgelegenheit aus Holz, hellblau angemalt, mit einem mittig aufgestellten Element, das einseitig verspiegelt ist. Teile der gleichen Installation stehen auch noch in der Taubenstraße, dort als zusammengeschobene dreieckige Holzblöcke, ebenfalls hellblau, auch hier verspiegelte Elemente. Aber was ist hier interaktiv? Vielleicht, weil man sich draufsetzen kann? Dass die Blöcke beweglich sind? Die befragten Umstehenden wissen auch nicht Bescheid – „Achso, das ist Kunst?“ –, aber es wird gemunkelt, dass es wohl eine Performance gegeben haben soll. Schade, die haben wir wohl verpasst – so erschließt sich das Konzept für uns nicht wirklich. Gegenüber an der Wand sprayen die Leute von PlusMinus3 – immerhin hier Kunst interaktiv. Wir schauen eine Weile zu, schlendern dann aber weiter.

Richtig Glück haben wir dagegen bei dem nächsten Stopp: der Installation „Abbitte 2.0“. Auch hier suchen wir erst einmal, denn im Klubhaus weiß von den Reeperbahn Festival Mitarbeitern auch niemand so genau, wo das Projekt zu sehen ist. Beim Durchfragen stoßen wir aber direkt auf die verantwortlichen Künstler, Malte Tröger, Norman Heck und Luca Candotti. Und entdecken: Eine Fotokabinen-ähnliche Box, mit lila Kreuz erleuchtet. Worum geht es hier? „Wir haben uns von dem Ort der Reeperbahn inspirieren lassen, und die Installation für diesen Platz geschaffen“, erklärt Malte Tröger das Projekt von ihm und seinen beiden HAW-Kollegen. Auf der sündigsten Meile, was wird da gebraucht? Richtig, die Beichte, und die könne hier gleich digital vollzogen werden. Dazu kann man seine Sünden per Tastatur eintippen. „Ursprünglich sollten die eingegebenen Beichten dann vorne angezeigt, ausgedruckt, aber auch gleich wieder zerstört werden – jetzt erscheinen die anonymisierten Beichten auf einer eigenen Website“, erklärt Norman Heck und zeigt die Seite gleich auf seinem Smartphone: Durchlaufender Text, der an der Bildunterseite wieder verschwindet. Lächerlich machen wolle man Glaubensfragen aber nicht, eher zum Nachdenken anregen. In Zeiten, wo auf Social Media sowieso jedes intime Details des Lebens preisgegeben werde, wieso dann nicht auch die eigene Sündhaftigkeit?

Die HAW Projekte fanden wir auch in den letzten Jahren immer schon klasse, und so schon euphorisiert schauen wir uns noch den Caravan Square an (warum dieser in einer Reihe mit einem Werbeanbieter für finnische Saunen aufgestellt ist, muss man wahrscheinlich nicht verstehen). Die hier geparkten silberchromfarbenen Wagen verkörpern die Idee des Alles-hinter-sich-lassen, einfach Losfahren in ein neues Leben. Zu sehen sind verschiedene Arbeiten: Bei „The Simple Life“ findet man im Innenraum der Trailer verstreute, bronzefarben angemalte Cornflakes, eine angelehnte Fotografie von blauen Flaschen in leerem Raum, buntes Flitterzeug im Bad, ein Video über die Eifersucht in einer Beziehung, buntskulpturale Installationen – hier gibt es viel zu entdecken. Nebenan läuft die bunte Animationsserie „Budny und Rossmann“, zwei Kippe-rauchende Comicgestalten in Form eines orangenen Fuchses und eines kleinen, dicken, blauen Manns, die durch die Banalität des Alltags tüddeln. Und vornedran picknicken die Künstler unterm Sonnenschirm – ebenfalls Konzept: Denn man will einladen, die Wagen als Lebens- und Aufenthaltsort während des Reeperbahn Festivals zu teilen.

So weit so gut. Aber: War’s das jetzt? Ein rasches Überfliegen des Programmplans lässt stutzig werden, denn wirklich sehr viel mehr scheint dieses Jahr nicht mehr dabei zu sein. Klar, eine Führung durch die Hamburger Galerien steht noch offen, aber das ist nun nicht wirklich spezifisch fürs Reeperbahn Festival. Ein bisschen enttäuscht sind wir schon, immerhin sind wir erst seit knapp anderthalb Stunden unterwegs. Zum Vergleich: 2014 hat uns der Kunst-Rundgang zwei Tage in Atem gehalten.

Wir fragen am Infodesk nach. Was haben wir verpasst, was übersehen? Es gäbe noch einige Filme, erfahren wir, allerdings erst sehr viel später am Tag. Und die Ausstellung „Ladyflash“ von Katja Ruge, die allerdings nicht mehr auf der Reeperbahn selbst, sondern in der Kulturreich Galerie in der Hamburger Neustadt stattfindet. Macht ja nichts, wir haben ja noch viel Zeit übrig. Gottseidank haben wir den Weg auf uns genommen, denn die Arbeiten der Musikfotografin sind wirklich bemerkenswert. Gezeigt werden selbstbestimmte, kreative Künstlerinnen unterschiedlicher Musikgenres, die von Katja Ruge abgelichtet für Magazine wie Intro, Spex oder Rolling Stone abgelichtet wurden. Eindringlich und nah blickt man dabei in die Gesichter von M.I.A., Björk, Peaches, Robyn, Kathy Diamond und vielen anderen. Ergänzt wird die Bilderwand durch persönliche Einblicke in die Aufnahmesituation, von denen uns die Fotografin in ihren Zitate-„Stories“ berichtet. Für Interessierte ist diese Ausstellung auch noch bis zum 26. Oktober geöffnet.

Insgesamt gesehen waren wieder einige richtige Highlights dabei; wir haben aber den Eindruck, dass die Kunst dieses Jahr eindeutig nur eine Nebenrolle beim Reeperbahn Festival gespielt hat und wortwörtlich am Rande stattfand. Wirklich schade, denn das Festival war für uns immer ein willkommener Anlass, neue Orte zu entdecken, mit Künstlern ins Gespräch zu kommen und zu schauen, was da gerade passiert in der urbanen Szene. Woran es diesmal lag – mangelndes Interesse auf Seiten der Kunstschaffenden, zu wenig Spielstätten, Zeit- und Geldmangel? Wir hoffen jedenfalls auf ein Reeperbahn Festival 2017, das sich nicht nur im Business- und Booker-Bereich vergrößert, sondern auch die Kunst nicht vergisst.

Reeperbahn Festival
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis: Alle Fotos Mirjam Kappes

Header:Open Air Gallery am Spielbudenplatz
Galerie:
01. Werbebanner
02. Open Air Gallery am Spielbudenplatz
03.
und 04. L.U.C.K.-Urban-Design-for-Spaces-and-Places, Taubenstraße
05. PlusMinus3
06. Abbitte 2.0
07. Caravan-Square, Budny-und-Rossman
08. Caravan-Square, The-Simple-Life
09. Flagstock-Besucher
10. Kulturreich-Galerie mit Katja Ruge
11. Katja Ruge: Ladyflash

 

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