Neue Kommentare

Lydia zu 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht: Durch die persönliche Darstellung ist der Artike...
Hans Maschek zu 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht: Wunderbar atmosphärische Beschreibung. Ich habe ...
Matthijs van de Beek zu „Stan & Ollie”. Oder die schmerzliche Seite der Komik : Das klingt wunderbar und wird ganz sicher angesch...
Dr. Frank-Peter Hansen zu Die Wittgenstein-Dekomposition: Frank-Peter Hansens Antwort auf Martin A. Hainz...
NN zu Das Chimei – ein Museum für eine einmalige Privatsammlung in Taiwan: Lasst Euch nicht blenden! Es gibt nichts Gutes, a...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Follow Book

Von Marotten und Schrullen: Risse im Balkon – von Ulla Lessmann

Drucken
(174 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 22. November 2013 um 10:50 Uhr
Von Marotten und Schrullen: Risse im Balkon – von Ulla Lessmann 4.5 out of 5 based on 174 votes.
Risse im Balkon

Davon liest man nicht alle Tage:
Vom altersbedingten Vergessen, vom Staub wischen oder vom Fenster öffnen oder nicht, vom schwer hören und kaum sehen können, vom Hoffen auf etwas oder von resignierender Enttäuschung, vom Tun oder sich wie ein Blatt im Wind gehen lassen, vom sinnlosen Sammeln, von irrsinnigen Träumen, von lichtscheuer Besessenheit, vom Fluch der Vergesslichkeit, vom Fimmel des Karteikarten sortierens. Und, und, und.

Themen, die die Autorin Ulla Lessman in ihrem neuesten Buch „Risse im Balkon. Nachrichten vom Wahnsinn des Alltags“ ans Tageslicht zerrt. Beobachtungen, die meist untergehen, unbeachtet, weil sie zu banal sind, viel zu klein für die Größe dieser Welt. Aber nicht für die Alten, denen die Autorin ihre ganze Aufmerksamkeit widmet. Das Kleine, Winzige, Unscheinbare – das ist es, was sie im schnelllebigen Alltag der älteren Menschen neu entdeckt und vielfach in satirischer Weise stark überhöht. Nein, sie spottet nicht, ist sie doch selbst in die Jahre gekommen, aber sie nimmt Denk- und Verhaltensweisen aufs Korn und auf die Schippe, die mitunter mehr sind als Marotten oder Schrullen. Sie bewegen sich zwischen unnötiger Selbstüberhebung und persönlichem Verfall, zwischen dem Ich und den äußeren Zwängen.

Wer in diesem klugen Verwirrspiel der Wörter und Sätze den hier und dort anzutreffenden Hintersinn herauszupicken versteht, wird um einen Lesegenuss nicht herumkommen. Der Titel deutet ihn bereits an: „Risse im Balkon“. Dieser droht abzustürzen. Aber den Riss will man nicht wahrhaben. Obwohl der Balkon beim Absturz Menschenleben töten könnte. Aber: „...niemand habe Zeit, auf entstehende Risse zu achten,... Risse, die jeden begleiten, in sich selbst und in der Gesellschaft.

Sehr schmerzhaft und traurig die Kurzgeschichte „Das Tourismuszimmer“. Eine alte Frau wird dazu ermuntert, ein Teil ihrer Wohnung in ländlicher Idylle mit Außenklo als Ferienwohnung umzugestalten und Urlaubern anzubieten. Als sie damit fertig ist, lauert sie am Fenster, ob da auch Leute kommen. Tagelanges Warten. Dann endlich. Ein Paar. Doch sie erwartet eine unerhörte Enttäuschung. Und trotzdem, im nächsten Sommer wird es schon werden...

Nahezu gesellschaftskritisch geht es „In der S-Bahn“ zu. „Und die da oben, die kassieren nur...“ Von denen da oben „fährt keiner mit dem Zug, die fliegen alle, obwohl sie damit das Klima kaputt machen, das ist denen scheißegal...“ „...und die Atomkraftwerke bauen sie ohne Rücksicht auf Verluste...“

Risse im BalkonBewundernswert schöne Sätze, die man bei Ulla Lessmann lesen kann. Hier nur einige Kostproben: „Eine Sortiererin und Ordnerin, der Ariadne-Faden durch das Labyrinth einer Welt, in der Hermine und Meta sich sonst verirrten.“ Und: „Dass er nach Staub roch, nach Unzufriedenheit, nach dem Schweiß in trockenen alten Akten.“ „Vor allem um die Lippen herum sind diese rissigen, winzigen Falten eingekerbt; wie Vogeltritte in tauendem Schnee.“ „Wenn die Schwingungen des Schlafes näherkommen, dreht sie sich auf die andere Seite und die Welle fließt sanft zurück, bevor die nächste kommt.“ „Da hat es angefangen, dieses heimliche Wiederauftauchen von Zeilen, von Melodien, von Gedichtfetzchen.“ „Die Bilder seiner Erinnerung haben nicht ausgereicht, ihn müde zu machen.“ „Stille ist wie ein warmes Bett. Sie kann sich in Stille einkuscheln wie in eine mollige Decke, sich ganz und gar und rundherum mit ihr bedecken. Stille ist geborgene Weichheit, wärmender Schutz.“

Im Kleinen und Banalen das Große entdecken, das Menschliche und nicht mühelose Miteinander, das Überwinden von Ängsten und Unzumutbarem, das ist es, was Ulla Lessmann den Lesern als Botschaft zureicht. Gewiss – nicht immer leicht zu verstehen, ihre Gedankensprünge, ihre Andeutungen, ihre Assoziationen. Genaues Lesen gehört dazu wie auch aufmerksame Beobachtung des eigenen Umfeldes, um sein Herz jenen kleinen und doch so großen Dingen des Alltags zu öffnen, die mitunter unterzugehen drohen, die aber das Leben ausmachen. Marotten und Schrullen gehören nun einmal dazu. Das Büchlein mit seinen 35 Kurzgeschichten wird seine Leser finden.

Zur Autorin: Ulla Lessmann, Kölnerin mit norddeutschen Wurzeln, schrieb ihren ersten Roman mit zwölf Jahren. Satire und Tod vereint die studierte Diplom-Volkswirtin und ausgebildete Journalistin literarisch seit vielen Jahren in ihren erfolgreichen Kurzkrimis. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Mehr Informationen unter www.ulla-lessmann.de.



Ulla Lessmann: „Risse im Balkon, Nachrichten vom Wahnsinn des Alltags.“

Kurzprosa. Gebundene Ausgabe: 128 Seiten, ViaTerra Verlag, Aarbergen;
Auflage: 1 (21. Oktober 2013), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3941970127, ISBN-13: 978-3941970120.


Abbildungsnachweis:
Detail und Buch-Cover, ViaTerra Verlag, Aarbergen.

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Literatur > Von Marotten und Schrullen: Risse im Balkon ...

Mehr auf KulturPort.De

Privattheatertage: Kleiner Mann, was nun – Figurentheater mit Live-Musik
 Privattheatertage: Kleiner Mann, was nun – Figurentheater mit Live-Musik



Ach, wie schön ist es doch, Weltliteratur einmal auf diese poetische Art und Weise erzählt zu bekommen! Begeisterter Beifall für das hinreißende Gastspiel de [ ... ]



Frau Architekt
 Frau Architekt



Architektur ist immer noch eine Männerdomäne, selbst heute, im 21. Jahrhundert.
Wie sich Frauen diesen Beruf erkämpft haben, was sie an hervorragenden Bauwe [ ... ]



Daniel Fuhrhop: Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift.
 Daniel Fuhrhop: Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift.



In diesen Tagen ist die Wohnungsnot eines der wichtigsten Themen der Politik. Sonst kann man sich ja auf überhaupt nichts einigen, aber hier kennt man über all [ ... ]



Giving Art a Face von Michael Knepper in der Galerie Kunstraum Hamburg
 Giving Art a Face von Michael Knepper in der Galerie Kunstraum Hamburg



Wie schreibt man eine Kunstkritik, wenn man mit dem Künstler seit Kindertagen befreundet ist? Vielleicht lieber gar nicht!? Gerade auch, weil sich die Kunst ein [ ... ]



Dimitri Monstein Ensemble: Landscape
 Dimitri Monstein Ensemble: Landscape



Das Schlagzeug als Solo-Instrument ist nicht unbedingt das, was man auf einer Jazz-Platte erwartet. Denn eigentlich ist es nichts selbstverständlicher, beweist  [ ... ]



Privattheatertage 2019: „Die Schulz-Story“. Oder wie „verzwerge“ ich mich selbst
 Privattheatertage 2019: „Die Schulz-Story“. Oder wie „verzwerge“ ich mich selbst



Keine andere Partei zelebriert die Selbstzerfleischung so exzessiv wie die SPD! Nun hat ein Kapitel Leidensgeschichte jüngster Zeit sogar Bühnenreife erlangt:  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.