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Literatur

Lutz von Rosenberg Lipinsky: „Die 33 tollsten Ängste - und wie man sie bekommt“

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Samstag, den 21. Januar 2012 um 08:20 Uhr
Lutz von Rosenberg Lipinsky: „Die 33 tollsten Ängste - und wie man sie bekommt“ 4.2 out of 5 based on 70 votes.
Lutz von Rosenberg Lipinsky

Klimawandel, Weltuntergang, Christian Wulff – das neue Jahr steckt voller Katastrophen.
Grund genug für den Hamburger Kabarettisten Lutz von Rosenberg Lipinsky alle möglichen Phobien unter die Lupe zu nehmen. Über sein erstes Buch „Die 33 tollsten Ängste - und wie man sie bekommt“, sprach er mit Isabelle Hofmann.

Isabelle Hofmann (IH): Schon der Titel macht deutlich, dass Sie das Thema nicht so ganz ernst nehmen. Aber nur komisch ist das Buch auch nicht, dazu befassen Sie sich zu gründlich mit Ängsten – wie übrigens auch in Ihrem aktuellen Live-Programm „Fürchtet Euch nicht“.

Lutz von Rosenberg Lipinsky (LRL): Es gibt momentan eine so hohe Taktung an Ängsten im gesellschaftlichen Leben, dass man eine regelrechte Fin de Siècle-Atmosphäre zu spüren vermeint. Diese unglaubliche Hektik überall! Keiner hat mehr Zeit. Stattdessen Panikkäufe überall.

IH: Überall?

LRL: Na, zumindest an der Börse. Angst ist ein grundsätzlich faszinierendes Thema, weil es sowohl einen politischen wie auch einen privaten Bezug hat.

IH: Das Buch bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen amüsantem Nonsens, grandioser Übertreibung und genauer Beobachtung. Haben Sie die Angst vor Computern, Fahrstühlen und dem Beifahrersitz noch recherchiert oder einfach drauflosgeschrieben?

LRL: Das war beides. Tatsächlich! Ich habe mich natürlich bemüht, keinen Unsinn zu schreiben – das hat nur nicht immer geklappt. Und auch, wenn ich Fachliteratur gelesen habe, ist es zugegebener Maßen ein eher subjektives Buch, ich will hier keine neuen Forschungsergebnisse präsentieren.

IH: Da würde man wahrscheinlich bei der Angst vor Hühnern auch kaum fündig werden. Wie kamen Sie auf solch verrückte Furcht?

LRL: Ich gebe zu, das war Fantasie. Die Lust am Spiel mit der Absurdität. Ich habe einen riesigen Fundus der abwegigsten Ängste angelegt. Und ich habe mir dabei natürlich auch Gedanken über Phobien gemacht, die mir total fremd sind.

IH: Zum Beispiel?

LRL: Die Angst vor Knöpfen. Aber das Kapitel war nicht gut genug, das ist dann wieder rausgeflogen.

IH: Können Sie mir erklären, wie man Angst vor Knöpfen haben kann?

LRL: Eben nicht. Aber Ängste brauchen keine Begründung, das ist ja das Schöne daran. Es ist ein unglaublich phantasieanregendes Gefühl und treibt unser Vorstellungsvermögen zu Höchstleistungen. Wie viele Menschen haben Angst vor Spinnen, obwohl sie genau wissen, dass die nicht giftig sind?

IH: Sie bedienen auch vieler Klischees…

LRL: In meinem Buch? Das kann gar nicht sein!

IH: Die gerade deshalb so komisch sind, weil sie stimmen. Die Angst der Männer vor dem Stadtplan beispielsweise.

LRL: Meine These ist ja, dass es gar nicht um den Stadtplan geht. Es geht vielmehr um die Erniedrigung zugeben zu müssen, nicht zu wissen wo es langgeht. Männer sind immer top orientiert, die brauchen keinen Stadtplan. Das kann man in jedem klischeehaften Buch lesen.

IH: Ehe sie nachschlagen oder mal nachfragen, landen Sie lieber in einer Sackgasse mit dem Hinweis, „Wenden verboten“.

LRL: Oder in einem Fluss. So ist es. Der Fahrer ist dominant. Er entscheidet, wo’s langgeht. Punkt. Aber Navigationsgeräte sind der perfekte Trick. So ein Hightech-Instrument ist schon in Ordnung. Jeder Mann lässt sich lieber von seinem Navi den Weg diktieren als von seiner Frau.

IH: Sie behandeln in Ihrem Buch nicht nur komische Ängste, sondern auch ernstzunehmende. Die Angst vor Armut fehlt jedoch.

LRL: Jein. Die Angst vor dem sozialen Abstieg kommt in transformierter Form vor – als Angst vor dem Kommunismus. Das Kapitel, auf das ich übrigens recht stolz bin, parodiert die neoliberale Denkweise. Gerade die Menschen, die von Armut bedroht sind, glauben häufig ja noch, dass die Privatisierung von Staatseigentum zum Allgemeinwohl beiträgt. Dass man Bahn und Bus und unsere Energieversorgung und alles nur privatisieren müsste, dann würde es uns schon wieder besser gehen. Dann fahren wir alle in einem megakapitalistischen Staat herum, der aussieht wie früher die DDR. Es ist doch absurd: Wir spannen Rettungsschirme für Banken auf und sagen Kindergärten: „Tut uns leid, Renovierung ist nicht drin“. Man sollte langsam mal runterkommen von dem Gedanken, Staatseigentum wie Firmeneigentum zu verkaufen. Wir sind der Staat. Der Staat ist ein Gemeinwesen.

IH: Das hört sich fast nach einer Predigt an.

LRL: Ich habe ja auch Deutsch und Theologie studiert. Eigentlich wollte ich Pfarrer werden. Vielleicht sollte man das therapieren...?! Ich bin nun mal sehr kirchlich, sehr bürgerlich und sehr kleinstädtisch aufgewachsen.

IH: Und sehr angstbesetzt?

LRL: Ja klar. Ich war ein Muttersöhnchen. Immer betüddelt: „Geh da nicht allein hin, zieh dich warm an“. Die Trennung von meiner Mutter am ersten Schultag war für mich eine dramatische Situation, das kennen doch viele.

IH: Waren Sie in der Schule der Klassenkasper?

LRL: Nein, ich bin kein komisches Kind gewesen. Das kam später, über den politisch-satirischen Weg. Ich fing an Sketche zu schreiben. Während des Studiums hat sich das Kabarett dann verselbständigt.

IH: Verstehen Sie sich als religiöser Mensch?

LRL: Ja. Es gibt ja auch eine Analogie: Hanns Dieter Hüsch hat gesagt, Kabarett ist Kirche ohne Kanzel. Ein Kabarettist ist dazu da, öffentlich zum Nachdenken anzuregen und moralische Fragen zu stellen. Im Unterschied zum Pfarrer ist er jedoch verpflichtet, unterhaltsam zu sein.

IH: Auf der Bühne stellen Sie jede Menge moralischer Fragen – nennen dort auch Ross und Reiter. Im Buch hingegen fällt kein einziger Name. Warum sind Sie da so vorsichtig?

LRL: Ich wollte das Buch nicht zu aktuell machen, damit es nicht so schnell in Vergessenheit gerät. Wer kann sich denn jetzt noch an die Angst vor EHEC erinnern? Da muss man ja schon wieder nachdenken, was das noch mal war. Das gleiche gilt für Politiker. Lass sie weg, wer weiß, wie lange es die noch gibt, hat mein Lektor gesagt. Deshalb musste ich leider auf ein paar schöne Sachen verzichten.

IH: Zum Beispiel auf die Angst, Amt und Würde zu verlieren?

LRL: Tja, da war ich der Zeitgeschichte schönerweise mal voraus. Ich habe Christian Wulff seit über einem Jahr in meinem Programm thematisiert. Bei dem zieht sich die Angst ja durch das gesamte Leben. Trennungsängste von der Mutter, Angst erwachsen zu werden. Angst, sich selbständig zu machen. Er ist gefangen in den Strukturen, von denen er glaubte, dass sie ihm Sicherheit verschaffen.

IH: Jetzt kommt noch die Angst vor den Medien und vor neuen Enthüllungen hinzu. Was würden Sie so einem Mann raten?

LRL: Das schreit eigentlich nach heilsamer Konfrontations-Therapie. Einfach mal die Sau rauslassen. Mal was ganz Verrücktes tun. Der sollte mal mit dem Jeep in die Wüste fahren und gucken was passiert. Vielleicht ginge es Frau Merkel dann auch besser.

IH: In Ihrem Bühnenprogramm spielen Sie auch auf das möglicherweise kompromittierende Vorleben von Bettina Wulff an. Wie reagiert Ihr Publikum darauf?

LRL: Mit Schnappatmung und einer Art Schockstarre. Es macht ja auch fassungslos, mit welchen Gerüchten der Bundespräsident in Verbindung gebracht wird.

IH: Woher haben Sie Ihre Informationen?

LRL: Auch ich habe ein paar Freunde in Niedersachsen. Eine Menge unangenehmer Details sind ja schon an die Öffentlichkeit gekommen. Und es ist erstaunlich, was alles auf wie vielen Internetforen zu lesen ist. Ab einer gewissen Quantität und Qualität der Beiträge bin ich stutzig geworden. Das hebt sich schon deutlich vom üblichen Getratsche im Internet ab.

IH: Damit wären wir bei der Angst vor Gerüchten. Das ist wirklich ein Grund zur Furcht, oder?

LRL: Grundsätzlich ist meine Überzeugung, dass man vor nichts Angst haben muss. Keine Bedrohung ist heutzutage so extrem, dass wir um Leib und Leben fürchten müssen. Deshalb haben wir ja so viele zivilisatorische Ängste entwickelt. Fürchten muss man sich nur vor der Furcht selbst. Muss ich mich wirklich um meine Ersparnisse sorgen? Ist der Euro tatsächlich bedroht? Oder soll ich nur manipuliert werden? Das Buch ist kein Ratgeber, aber ich möchte damit erreichen, dass der Leser mal kurz Inne hält, um zu seinen Ängsten Abstand zu gewinnen. Und darüber lacht!

IH: Sie beschreiben nicht zuletzt auch die Angst vor Frauen und vor Männern. Wovor fürchtet sich wohl Ihre Frau bezogen auf ihren Mann am meisten?

LRL: Oh, die fürchtet sich vor meinen Wutausbrüchen. Wenn ich in Wallung gerate, kommen Rauchwolken aus meinen Ohren heraus. So, wie im klassischen Comic. Das ist wirklich ganz und gar furchterregend. Auch für mich! Denn ich muss dann immer Rasen mähen.


Lutz von Rosenberg Lipinsky (46) wuchs in Höchste, Westfahlen auf und ging bereits während des Studiums mit der Kabarettgruppe „Die Spiegelfechter“ auf Tour. Bekannt wurde er mit Soloprogrammen, u.a. „Der Feminist“ (2002) und „Gebrochen deutsch“ (2008), sowie mit seiner eigenen Radio-Comedy „Der Morgenmuffel“ (ab 2004). Seit 2009 ist er Mitveranstalter der „Goldenen Lachmöwe“, dem 1.Schleswig-Holsteinischen Comedypreis in Lübeck. Der Kabarettist lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Hamburg.

„Die 33 tollsten Ängste“, Carlsen Verlag, 12.90 Euro, stellt Lutz von Rosenberg Lipinsky während seiner Solo-Show „Fürchtet Euch nicht“ in Alma Hoppes Lustspielhaus vor. Ludolfstraße 53, 20249 HH.
Zeit: 22. /23.1., je 20 Uhr. Karten unter (040) 5556 5556.

Fotonachweis:
Headerfoto: Isabelle Hofmann

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