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Literatur

Begegnung mit Nikola Anne Mehlhorn

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Mittwoch, den 28. Juli 2010 um 17:22 Uhr
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Nikola Anne Mehlhorn hat neben anderen literarischen Arbeiten vor allem die Trilogie ‚Brachmond’, ‚Sternwerdungssage’ und ‚Salzflut’ veröffentlicht.
Sie erhielt bisher den Hamburger Literaturförderpreis, den Friedrich-Hebbel-Preis, das Stipendium der Arno-Schmidt-Stiftung, das Heinrich-Heine-Stipendium, das Stipendium der Kester-Haeusler-Stiftung, das Werkstattstipendium des Literarischen Colloquiums Berlin und des Berliner Senats, das Ledig-House-Stipendium, New York sowie das Aufenthaltsstipendium des Literarischen Colloquiums Berlin und des Berliner Senats.

Die Kritiker konnte sich über ihren Stil und ihre Wortkunst gar nicht beruhigen: ‚Ihre knappen Sätze besitzen eine Assoziationsdichte, wie man ihr sonst nur in der Lyrik begegnet’ (Süddeutsche Zeitung) oder:
‚Weithin findet sich keine Literatur, die das Unglück des Daseins auf so knappem Raum mit solch wütender Radikalität aus dem Drama des Einzelnen bezieht.’(Neue Zürcher Zeitung)

Das Unglück des Daseins, in der Tat. Die drei Heldinnen ihrer Bücher fangen im Prinzip ganz unten an, bewegen sich unaufhaltsam in die Tiefe und plumpsen schließlich unweigerlich in den schwärzesten Abgrund. Männer schwängern um sich und suchen anschließend das Weite, Familienmitglieder hassen sich gegenseitig, Freundinnen erweisen sich als unzuverlässig, Haushälterinnen drehen durch, Haustiere fallen von der Stange oder werden abgemurkst. Das alles spielt sich im flachen Norddeutschen Land ab, hin und wieder wird ein wenig platt gesnackt und Aalsuppe gelöffelt. Die Szenerie ist rustikal: zwar gibt es schon Airbags, die Untreue im Auto verraten, aber die Mädels haben keine Ahnung von Verhütungsmitteln und die Greise sind grundsätzlich zahnlos. Das weist auf einen hohen Surrealismus-Anteil hin, Alice im Unglücksland. Immer wieder hoffen die Menschen und immer wieder, ohne jede Ausnahme, werden sie enttäuscht. Der Verzweiflungspegel steigt von Seite zu Seite (allerdings sind das maximal 96).
Die Protagonistin aus ‚Salzflut’ ruft ihrem Schöpfer empört zu: ‚Eines muss ich Dir sagen, Gott: Wenn ich die Welt neu erschaffen könnte – ich würde sie anders machen, Gott!’
Das ist zu befürchten. Die Realität scheint mir eine Art Rosengarten im Vergleich zu den düsteren Mehlhornschen Jammertälern.
Ich sage ihr am Telefon, dass ich die Sprache Ihrer Bücher sehr bewundere, die Handlung jedoch schrecklich finde. Sie antwortet: „Das kann ich gut verstehen. Ich finde sie selbst schrecklich.“

Natürlich erwarte ich eine hagere, hohlwangige Person, ganz in Schwarz gekleidet, mit Dauerhusten durch’s nervöse Kettenrauchen.
Was ich beim Interviewtermin antreffe, ist eine bildhübsche junge Frau mit fröhlich leuchtenden braunen Augen, langem, silberblondem Haar, lachlustigem Mund und Grübchen.
Sie trägt ein kirschrotes Hemd über dem außerordentlich runden Bauch: in der letzten Juliwoche soll ihr zweiter Sohn kommen, auf den sie sich riesig freut*. Benjamin, der erste, ist ihr ganzes Glück. Sie bewohnt ein hübsches Haus in idyllischer Umgebung, gemeinsam mit ihrem ‚phantastischen Mann’, wie sie selbst sagt, der nach der Geburt seinerseits ‚Elternzeit’ nehmen wird, damit sie ihren Job an der Hamburger Uni gleich wieder aufnehmen kann.
Ich hab das Gefühl, im falschen Film zu sitzen. Wo ist hier denn nun die Verzweiflung?

Nikola Anne Mehlhorn (NAM): Ja, jetzt im Moment bin ich davon tatsächlich weit entfernt. Augenblicklich ist mein Leben wahrscheinlich als glücklich zu bezeichnen, soweit das überhaupt möglich ist. Glück ist doch die Deckungsgleiche von Anspruch und Wirklichkeit und da ist bei mir sogar jetzt immer noch eine Diskrepanz. Früher, als ich jünger war, bin ich mit dem Leben allerdings furchtbar schlecht zurecht gekommen. Das hat sich erst so vor zwei, drei Jahren geändert.

Dagmar Seifert (DS): Woran lag das in erster Linie?

N.A.M.: Am Jobwechsel zum Beispiel.

D.S.: Sie sind eigentlich Musikerin, Sie haben Musik studiert und als Orchesterhornistin gearbeitet – ich hab gelesen, zusammen mit Jehudi Menuhin, Justus Franz und José Carreras. Das ist doch großartig?

N.A.M.: Ach, gar nicht. Das waren doch keine Solo-Auftritte, da war ich immer nur kleines Rädchen im großen Orchester. Das ist ja das schlimme am Musiker-Beruf: am Anfang stehen unglaubliche Ansprüche und dann stellt sich heraus, dass es für eine Solokarriere nicht reicht, vielleicht noch nicht mal für den Platz in einem Orchester. Fünfzig Prozent aller Musiker stranden irgendwo, im schlimmsten Fall geben sie Privatunterricht. Im Grunde war Musik auch nie das Richtige für mich. Ich finde, sie ist die emotionalste der Künste und da ich ein sehr rationaler Mensch bin, ist mir das eigentlich fremd. Jetzt hab ich einen Schlussstrich gezogen und beschlossen, mein Instrument zu verkaufen.


 
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