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Literatur

„Es ist alles eitel“ – eine Lübecker Ausstellung über Literatur im Zeichen des Krieges

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Dienstag, den 27. August 2019 um 07:11 Uhr
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„Es ist alles eitel“ – eine Luebecker Ausstellung ueber Literatur im Zeichen des Krieges

„Gestern wird sein, was morgen gewesen ist“: so beginnt der Roman „Das Treffen in Telgte“, mit dem Günter Grass 1979 an die Gründung der Gruppe 47 erinnert hat.
Wie es dieser erste Satz ausdrückt, geht es in der Erzählung um die Geschichte, und zwar in einem doppelten Sinne. Gemeint ist eigentlich die Geschichte der deutschen Literatur nach 1945, die von Hans Werner Richter und seiner Gruppe 47 stark beeinflusst wurde, aber erzählt wird ein fiktives Dichtertreffen am Ende des Dreißigjährigen Krieges.

Dem Barock und vor allem seinem bis heute vielleicht populärsten Dichter, Hans Jacob Christoffel Grimmelshausen, fühlte sich Grass verwandt, und so hat er sich in seiner Erzählung in dem Autor des „Simplicissimus“ selbst porträtiert. Und waren die Umstände der Zeit, vor allem die Drastik und Farbigkeit des Geschehens, für einen wie ihn nicht wie geschaffen? So überzeugte seine Erzählung gleich nach ihrem Erscheinen die meisten Kritiker, und sie wurde sogleich in germanistischen Lehrveranstaltungen behandelt, weil man so schön nach den Spuren der Literaturgeschichte suchen konnte. Längst vergessene Namen erschienen für kurze Zeit wieder im Licht der Öffentlichkeit.

„Es ist alles eitel“ – eine Luebecker Ausstellung ueber Literatur im Zeichen des KriegesZum Beispiel die „Fruchtbringende Gesellschaft“, ein ursprünglich rein adliger Verein, der sich 1617 die Spracherhaltung und Sprachpflege auf die Fahnen geschrieben hatte. Die frühen Sprachpuristen kämpften in ihrem Patriotismus gegen Fremdwörter aller Art, die in der Folgezeit auch dank der tausenden von Söldnern die Sprache noch mehr bestimmen sollten. Diese Gesellschaft diente Grass als Anknüpfungspunkt, als er ein fiktives Treffen von Dichtern auf halber Strecke zwischen Münster und Osnabrück imaginierte, den Städten des westfälischen Friedens. In einem Dorfgasthaus lässt er die großen Namen der Literatur aufeinandertreffen, die mehr oder weniger passgenau seine Kollegen aus der Gruppe 47 repräsentieren. Grass schrieb die Erzählung anlässlich des siebzigsten Geburtstages von Hans Werner Richter, den er in dem Königsberger Dichter Simon Dach abbildete.

Andere große Dichter der Zeit waren Andreas Gryphius (1616-1664), dessen „Es ist alles eitel“ mit der berühmten ersten Zeile „Du siehst, wohin Du siehst, nur Eitelkeit auf Erden“ von Generationen von Gymnasiasten auswendig gelernt wurde und dessen „Thränen des Vaterlandes“ man jetzt an der Wand im Grass-Haus lesen kann. Zu Grimmelshausen und Gryphius kommen im Buch andere Dichter wie Christian Hoffmann von Hofmanswaldau, Sigmund von Birken oder Friedrich von Logau. Auch der große Kirchenlieddichter Paul Gerhardt nimmt am „Treffen in Telgte“ teil, anders als sein Kollege Paul Fleming, der bereits 1640 verstorben war.

Wie feiert man in einer Kabinettsausstellung das vierzigjährige Jubiläum einer Erzählung? Grass hat ja den Umschlag seines Buches selbst gestaltet – eine Feder, die aus Ruinen auftaucht –, und diese Graphik kann man zusammen mit anderen Arbeiten des Meisters natürlich ausstellen. Dazu noch einige Porträts von großen Barockdichtern… Auch hat sich die Kuratorin für eine stark vergrößerte Abbildung des berühmten „Baumes der Gehenkten“ des französischen Kupferstichgenies Jacques Callot (1592-1635) entschieden, das im Original ganze acht mal achtzehn Zentimeter misst.

Aber immer noch war es etwas dünn. So hat die Kuratorin der Ausstellung mit drei Städteansichten – Magdeburg, das im Dreißigjährigen Krieg verwüstet wurde, Dresden, das im Bombenhagel des 2. Weltkrieges versank, endlich dem syrischen Aleppo unserer Tage – eine gewisse Beziehung zur Gegenwart herzustellen versucht, ohne dass diese Städte in der Ausstellung wirklich eine Rolle spielten – es ist kaum mehr als der Hinweis darauf, dass es heute ebenso grausam zugeht. Und immer noch, trotz dieser drei auf Spiegel aufgezogenen Bilder von staubigen Trümmerwüsten, in die sich die Städte verwandelt hatten, schien die Ausstellung etwas dünn. So kam Daniel Kehlmann mit seinem Erfolgsroman „Tyll“ (Ulenspiegel) ins Spiel, seinem Roman von 2017, in dem er die Episoden des Volksbuchs vom Ende des 15. Jahrhunderts phantasievoll modifiziert in den Dreißigjährigen Krieg versetzt. Das ist das dritte Thema der Ausstellung.

Von der Erzählung von Grass wie auch von „Tyll“ werden Manuskriptblätter ausgestellt, einige des Jüngeren mit den Anmerkungen seiner Lektorin – er hat sie in der New Yorker Bibliothek mit der Hand geschrieben, sie später in dem Typoskript herumredigiert. Auch von Grass ist Handschriftliches zu bewundern. Die schönste Idee der Ausstellung, zugleich ihr Zentrum, ist wohl ein Stillleben in der Mitte des Raumes, mit dem die barocken Motive – „Es ist alles eitel“, sprich vergänglich – veranschaulicht oder versinnbildlicht werden; wie in den Gemälden der Zeit finden sich ein Totenkopf, eine Taschenuhr und andere Symbole unserer Sterblichkeit. Zusätzlich handelt es sich bei den Weintrauben und dem anderen Obst um eine Anspielung auf die Henkersmahlzeit von Tylls Vater Claus Ulenspiegel, der in Kehlmanns Roman wegen Hexerei gehenkt wird, aber vorab das Essen trotzdem zu genießen weiß. Und auf dem Tisch liegen noch zusätzlich kleine Karten, die auf einer Seite Symbole der Zeit, wie sie in Gedichten oder Gemälden auftauchen, auf der anderen deren Erklärungen enthalten.

Ohne diese Erkläungen war der Zeitgenosse und ist erst recht der heutige Leser oder Betrachter verloren. Deshalb sind zum Verständnis von Poesie wie Kunst der Zeit die Emblem-Handbücher eminent wichtig. Sie enthalten auf je einer Seite ein Emblem: zunächst mit dem Motto (ganz oben), meist einem sehr kurzen Rätselwort oder einer moralischen Lehre, einem Kupferstich als Illustration in der Mitte und schließlich, ganz zuunterst, die Erläuterung, die im 17. Jahrhundert meist sehr belehrend und entsprechend trocken und didaktisch daherkam. In dieser Hinsicht sind uns Heutigen Kunst und Literatur jener Jahre sehr fern – die vitale Erzählfreude und lebenssatte Realität des „Simplicissimus“, an die Grass und Kehlmann anknüpften, war allemal die Ausnahme.

Reine Literaturausstellungen habe ich immer als fragwürdig empfunden. Kunst gehört ins Museum, Literatur aber in die Bibliothek – schließlich kann an der Literatur nur das ausgestellt werden, was an ihr nicht Literatur ist. Das Grass-Haus hat sich angesichts der Doppelbegabung von Grass auf Ausstellungen von malenden Autoren und dichtenden Malern spezialisiert – in vielen Fällen war das sehr gelungen, so vor zwei Jahren, als der Maler Ringelnatz präsentiert wurde. Aber es war eine etwas undankbare Aufgabe, das Jubiläum des „Treffen in Telgte“ in einer Ausstellung zu feiern, und kann trotz einiger guter und schöner Ideen nicht als ganz geglückt gelten.

„Grass, Kehlmann und die Welt des Barocks“

Zu sehen im Günter Grass-Haus Lübeck, bis 3.2.2020
Öffnungszeiten: Montag - Sonntag | 01.04. - 31.12. | 10 - 17 Uhr
- Rahmenprogramm zur Ausstellung
- Eintrittspreise
- Weitere Informationen



Abbildungsnachweis:
Header: Vanitasmotiv aus der Ausstellung (Detail). Foto: Stefan Diebitz
Bild im Text: Ori Gersht, Time After Time Untitled 22, 2006 © Ori Gersht

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