Neue Kommentare

Matthijs van de Beek zu „Stan & Ollie”. Oder die schmerzliche Seite der Komik : Das klingt wunderbar und wird ganz sicher angesch...
Dr. Frank-Peter Hansen zu Die Wittgenstein-Dekomposition: Frank-Peter Hansens Antwort auf Martin A. Hainz...
NN zu Das Chimei – ein Museum für eine einmalige Privatsammlung in Taiwan: Lasst Euch nicht blenden! Es gibt nichts Gutes, a...
Peter Schmidt zu Verleihung der Goldenen Kamera – mit Bruno Ganz und ohne Friede Springer: Und noch einmal zur Goldenen Kamera
Im Fol...

Hans Joachim Schneider zu Tina – das Tina Turner Festival: Was soll aus einem Stück werden, wenn die Dame, ...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Follow Book

Saskia Henning von Lange: „Hier beginnt der Wald“ – ein Roman so mehrdeutig wie das Leben

Drucken
(86 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 09. Januar 2019 um 09:17 Uhr
Saskia Henning von Lange: „Hier beginnt der Wald“ – ein Roman so mehrdeutig wie das Leben 4.0 out of 5 based on 86 votes.
Saskia Henning von Lange: „Hier beginnt der Wald“ – ein Roman so mehrdeutig wie das Leben

„Hier sitzt er und würde doch lieber woanders sitzen“, so beginnt das dritte Buch der 42jährigen Autorin Saskia Henning von Lange. Der Mann befindet sich hinter dem Lenkrad eines Autos, genauer gesagt, am Steuer eines Lastwagens.
Der Mann denkt an seine Kindheit, an seine Mutter, an gemeinsame Autofahrten und wundert sich, dass er allein im Auto ist. Hinter ihm im Laderaum ist nur irgendeine Fracht, die genauso gut eine andere sein könnte. Und weil das so ist, interessiert die Fracht ihn auch überhaupt nicht. „Denn eigentlich fahre ich ja nur, damit ich fahren kann, denkt er, damit ich von dir wegkomme.“

Er will wegkommen von der Frau, die ein Kind von ihm erwartet. Weg von der Zivilisation. Weg von deren Anforderungen. Wir Leser kommen nicht so schnell weg von diesem Roman. Er lässt uns nachdenklich zurück. Ihr neues Buch, den Roman „Hier beginnt der Wald“, stellte die Autorin im Rahmen der 27. LiteraTourNord im Lübecker Buddenbrookhaus vor.

Es handelt sich hierbei um eine Grenzüberschreitung, stellt Birte Lipinski, Leiterin des Buddenbrookhauses eingangs fest. In knappen Sätzen schildert die Autorin in ihrem neuen Roman die Flucht eines Mannes vor den Ansprüchen der Zivilsation. „Am liebsten würde er mit dieser Straße verschwinden“, heißt es an einer Stelle des Romans über diesen Mann im Lastwagen, der seine Frau verlassen hat, weil sie ein Kind von ihm erwartet. Ein Kind, das er nicht will. Denn: „Sie hatten beide schon genug miteinander zu tun, da brauchte es kein Kind.“ Und nun – so scheint es – braucht er nicht einmal mehr sie, ist einfach davongefahren, hat diesen Job angenommen, nur um wegzukommen. Wegzukommen aus seinem alten Leben, wegzukommen von ihr. „… er wird nicht zurückkommen“, sagt er sich. Und dieses Kind, das braucht er genauso wenig wie er sie braucht, nämlich gar nicht. Er will nicht an das Kind denken, will sich nicht wiedererkennen in dem Kind, will auch sie darin nicht wiedererkennen, „denn dich sehe ich sowieso die ganze Zeit vor mir.“ Was für eine tragische Situation. Und wie einfach geht Saskia Henning von Lange mit dieser Situation sprachlich um. Sie erzählt schmucklos, beschreibt eindeutig und schafft genau deshalb Mehrdeutigkeit.

HennigVonLangeSaskia_Buchumschlag„Alle ihre Bücher sind bislang aus vorwiegend männlicher Perspektive geschrieben“, stellte Birte Lipinski fest und fragte die Autorin, warum das so sei. „Es befreit mich beim Schreiben“, antwortete diese. Sie verlasse beim Schreiben ihre eigene Welt, die Welt als Ehefrau und Mutter von drei Kindern und begebe sich in eine völlig andere Welt. Zunächst habe sie aus der Ich-Perspektive geschrieben. Doch ihr Lektor habe gemeint, ein Perspektivwechsel würde mehr Distanz schaffen, gebe ihr als Autorin mehr Möglichkeiten zum Changieren - so changiert ihr Protagonist beispielsweise zwischen Tier und König, wie die Leiterin des Buddenbrookhauses befand - und fördere zudem beim Leser „die Unsicherheit der Wahrnehmung“. Und genau hierauf kommt es in diesem Roman an. Was ist wahr? Was ist real? Was ist Traum, Vergangenheit, Gegenwart? „Es geht mir um die Wahrhaftigkeit dieser Figur zwischen zwei Buchdeckeln“, erklärte Saskia Henning von Lange dem Lübecker Publikum. Sie sei kein Freund von Metaphern, auch wenn der Wald für deutsche Leser für vieles steht. „Lieber wäre es mir, es gibt nur den Text“.

Wie in ihren vorherigen Büchern geht es im dritten Buch der Autorin um eine Reise ins Innere, um Menschen in Situationen extremer Einsamkeit. Im Debüt Alles, was draußen ist zog sich ein todkranker Mann in ein anatomisches Museum zurück, um hier den Wachsabdruck seines eigenen Ohrs anzufertigen. In Zurück im Feuer verlor sich ein behördlicher Gutachter im Haus und dann in der Biografie von Max Schmeling. Im neuen Roman erzählt Saskia Henning von Lange von einem Namenlosen, der zunächst scheinbar nur unterwegs ist, um einen Job zu erledigen: Er soll einen Lastwagen voll Umzugsgut in eine andere Stadt bringen.

Was so harmlos beginnt, entwickelt sich bald zu einer abenteuerlichen Flucht - einer Flucht vor sich selbst, vor Kindheitserinnerungen, vor der Frau und dem gemeinsamen, noch ungeborenen Kind. Nach einem Unfall verkriecht der Mann sich im Wald. Hier kommt es zu einer Begegnung, die ihn herausfordert und mit sich selbst konfrontiert. Hennig von Lange gelingt es mit suggestiver Kraft, die zunehmende Verstörtheit ihres Helden und dessen Überforderung durch das Leben nachvollziehbar zu machen. Und das in einer präzisen, atmosphärisch dichten, musikalischen Sprache, die den Leser schon nach wenigen Seiten in Bann schlägt.
Wir fahren mit dem Helden „durch eine Welt, die sich ihm kaum zeigt“, die dennoch so präsent ist wie Welt nur sein kann. So präsent, dass alsbald der Lastwagen zur weltfernen Wohnung des Mannes wird: „hier kann er bleiben, hier ist alles, was er braucht“. Dieser namenlose Mann könnte hinfahren, wohin er möchte. Doch wohin geht seine Reise? Geschieht all das, was die Autorin uns in dieser Geschichte erzählt, wirklich? Oder ist alles nur Fiktion, eine Kopfgeburt des einsamen Helden, entstanden aus unbewältigten Erinnerungen, ängstlichen Träumen und zaghaften Sehnsüchten? Dieser Roman ist so träumerisch wie realistisch, so philosophisch wie pragmatisch. Die Autorin folgt ihrem Protagonisten stringent ins Abseits. Der Leser bleibt am Ende atemlos zurück.

Saskia Henning von Lange, Hier beginnt der Wald

Jung und Jung Verlag, Salzburg 2018
ISBN 9783990272169
Gebunden, 152 Seiten | E-Book: ISBN: 9783990271612


Abbildungsnachweis:
Header: Saskia Hennig von Lange Foto: Stefan Freund
Buchumschlag

alt

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Literatur > Saskia Henning von Lange: „Hier beginnt der...

Mehr auf KulturPort.De

Meine 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg
 Meine 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg



Die Terminänderung, die Lange Nacht der Museen in Hamburg in den Mai, anstatt in den April zu legen war eine gute Idee. Denn der Tag war schön, nicht kalt! – [ ... ]



Hamburger Theater Festival: „Heilig Abend“ – ein als Krimi getarntes philosophisches Werk
 Hamburger Theater Festival: „Heilig Abend“ – ein als Krimi getarntes philosophisches Werk



Packendes Kammerspiel mit zwei exzellenten Schauspielern, die nach dem Schlussapplaus strahlten wie nach einem gelungenen Coup: Sophie von Kessel und Michele Cuc [ ... ]



Daniel Garcia Trio: Travesuras
 Daniel Garcia Trio: Travesuras



Ob tosende Akkord-Sturzbäche, Staccato-Piano oder ausufernde Tastenläufe: Zurückhaltung gehört nicht unbedingt zu den musikalischen Qualitäten des spanische [ ... ]



KP Brehmer – „Korrektur der Nationalfarben“
 KP Brehmer – „Korrektur der Nationalfarben“



So berühmt wie seine Kollegen Sigmar Polke und Gerhard Richter ist er nie geworden. Vielleicht war er nicht ehrgeizig genug, vielleicht war er zu…. – ach, m [ ... ]



„All My Loving”. Edward Berger auf den Spuren der „comédie humaine”
 „All My Loving”. Edward Berger auf den Spuren der „comédie humaine”



Mit einem untrügerischen Gespür für die menschlichen Untiefen erzählt Regisseur Edward Berger in „All My Loving” von den Verirrungen und Verletzungen, di [ ... ]



Versuch über den Schwindel
 Versuch über den Schwindel



Schwindel ein Thema der Philosophie? Und dann auch noch im ausgehenden 18. Jahrhundert? Marcus Herz, ein heute nur noch Spezialisten bekannter Autor der Goetheze [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.