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Literatur

Lukas Bärfuss: „Hagard“ – Keine Lebenshilfe für Aussteiger

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Freitag, den 26. Januar 2018 um 10:07 Uhr
Lukas Bärfuss: „Hagard“ – Keine Lebenshilfe für Aussteiger 3.8 out of 5 based on 126 votes.
Lukas Bärfuss Hagard-Cover

Mit dem Roman „Hagard“ hat der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss eine perfekte Punktlandung gemacht. Das Buch war für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 nominiert. Die Lobeshymnen der Literaturkritik sind vielfältig und vielschichtig und scheinen kein Ende nehmen zu wollen: „Ein literarisches Erlebnis.“„Ein Meisterstück.“ „Ein Erzähler als Zauberkünstler.“ „Ein Buch auf der Höhe seiner Zeit“, heißt es hier wie dort.
Kein Wunder also, dass Lukas Bärfuss mit „Hagard“ ein vielversprechender Kandidat ist für den Preis der „LiteraTourNord“. Das Lübecker Publikum konnte bei einer Lesung des Autors im Buddenbrookhaus erleben, welchen Sog diese Geschichte entwickelt, in der ein Mann scheinbar sinnlos einer Frau hinterherjagt und dabei sein bürgerliches Leben über den Haufen wirft.

„Dieses Buch ist keine Lebenshilfe für Aussteiger. Es spart nicht mit Gesellschaftskritik“, so Birte Lipinski, Leiterin des Buddenbrookhauses. Der Roman thematisiere auch das Erzählen selbst, den Wahrheitsgehalt von Literatur. „Es ist ein reiches Buch, ein dramaturgisches Meisterstück“, lobte Birte Lipinski. Es sei auch ein Buch gegen die „fürchterliche Achtsamkeit“, ergänzte Lukas Bärfuss. In diesem Sinne schreibt er in seinem Roman Sätze wie, jede Begegnung brauche „eine erste Missachtung der Linie, die der Anstand um jeden Menschen zieht“ (S. 26). Es folgt eine liebenswerte Betrachtung über die Notwendigkeit von Übertretungen und den sich hieraus ergebenden Möglichkeiten: „Wer nur küsst, nachdem er dazu aufgefordert wurde, und wer nur geküsst wird, nachdem er sein Einverständnis gegeben hat, der wird niemals küssen und niemals geküsst werden. Wer etwas von der Welt erfahren will, einen Zugang zu den verborgenen Geheimnissen gewinnen, der muss durch die Tür gehen, unaufgefordert, er kann nicht warten, bis er die Erlaubnis erhält.“

Derartige Betrachtungen setzen sich fort, beispielsweise bei dem Versuch, eine Antwort zu finden auf die Frage: „Was wollte Philip von dieser Frau?“ (S. 29ff). „Was hatte er in ihr gesehen?“ (S. 48) „Wollte er ausbrechen aus seiner Existenz, war er seines Lebens überdrüssig?“ Aussagen werden getroffen wie „Niemand braucht sich mit seinem Schicksal abzufinden.“ Und später (S. 82): „Seine Existenz hing an einer anderen Existenz. Er hatte sich verbunden mit ihr… solange er sie nicht verlor, würde er nicht verloren sein.“ Immer wieder ist vom Menschenstrom die Rede, mit dem alles begann, aus dem Philip ausgeschert ist. „Gestern noch war er einer wie sie, heute verachtet er die Menschen.“ (S. 88). „Sie sind satt. Sie schlafen immer. Er ist ausgehungert, ja, übernächtigt, blass, nass, aber er ist wach.“

Gab es einen Auslöser für dieses Buch? „Das Buch beginnt wahrscheinlich mit meiner Geburt“, sinnierte der Autor und fügte hinzu: „Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen pathetisch. Aber alles, was ich gelesen habe, mündet in dieses Buch.“ Pathetisch mag auch seine Aussage klingen, „meine Obsession ist die Wahrhaftigkeit“. Aber abnehmen sollte man ihm das schon. Wo er doch so schön über Obsessionen schreiben kann. „Über das Helle und das Dunkle gebietet sie und heißt den Himmel eine Wolke zu schicken, um das Licht zu brechen“ usw. (S. 84). Sie, das ist die von ihm Verfolgte, deren Gesicht er noch nie gesehen hat. „Er will in ihrer Nähe sein, da fühlt er sich kräftig, er weiß, wozu er geboren wurde.“ (S. 90). Er will sie ansehen, aber er hat zugleich Angst vor ihrem Blick: „Dass sie es nicht wert war. Die letzte Nacht. Die Verfolgung. Solange sie ein Geheimnis bleibt, so lange kannst du glauben.“ (S. 105)

Manches Buch oder Autor betreffende Geheimnis konnte bei der Lesung in Lübeck gelüftet werden. So fragte eine Zuhörerin, ob er „am Stück“ arbeite. Das sei sein Ideal, antwortete Lukas Bärfuss, aber meist spreche vieles im Alltag dagegen. Jedes Buch brauche allerdings einen Atem, der nicht unterbrochen werde. „Je genauer man eine Sache beschreibt, desto universeller wird sie“, fügte er hinzu. „Die meiste Zeit verbringe ich mit der Vorstellung von Welten, damit ich sie beim Schreiben begehen kann“. Dieses Buch hat er sich ziemlich gut vorgestellt. Im Übrigen hält Lukas Bärfuss nicht viel von direkter Rede im Roman. Diese Zeiten seien vorbei. Die Oratio recta im Roman habe ausgedient. „Heute wird viel zu viel kommuniziert.“ Richtige Gespräche fänden kaum noch statt. Infolgedessen gibt es tatsächlich keine direkte Rede in diesem Buch. Die Spannung bleibt auch so gewahrt.

„Hagard“ beginnt am 11. März 2014 in Zürich und endet 36 Stunden später „auf einem Balkon irgendwo in der Vorstadt“. Viele Ereignisse, die dazwischen liegen, sind geklärt wie „die Sache mit dem Pelz, die erste kalte Nacht im Wagen, die fehlende Börse, die Elster, der verlorene Schuh“ (S. 7). „Die Umstände aber, die Bedingungen, die jene Ereignisse ermöglicht haben, bleiben verborgen.“ Die Welt, in der sich diese Geschichte ereignet, wird immer schemenhafter. „Meine Begierde hat mich umgetrieben“ (S. 9). Wenig später wird das Nicht-Obsessive beschrieben: „…im Allgemeinen ist Gleichgültigkeit die vorherrschende Haltung, eine gepflegte, anständige Ignoranz der fremden wie der eigenen Befindlichkeit“ (S. 17).

Lukas Barfüss, Lübeck Foto: Marion HinzTrotz oder gerade wegen dieser trostlosen allgemeinen gesellschaftlichen Befindlichkeit geht es in diesem Buch um Obsessionen. Obwohl die Sache harmlos beginnt: Ein Mann steht während des Feierabendgedrängels vor einem Brezelstand am Eingang eines Warenhauses in der Fußgängerzone. Aus einem Impuls heraus folgt er einer unbekannten Frau Mitte zwanzig. Es sind ihre pflaumenblauen Ballerinas, die den Mann auf die Frau aufmerksam machen. Er folgt den Schuhen und der Frau, deren Gesicht er nicht sieht. Dieser Mann namens Philip sieht in seiner Verfolgungsaktion eine sportive Aufgabe. Doch schon bald vernachlässigt er seine Verpflichtungen. Aus dem zunächst spielerischen Zeitvertreib wird zunehmend zwanghaftes Verhalten. Aus dem Immobilienhändler wird ein Getriebener, der zum Stalker mutiert, dessen Uhr stehenbleibt, der die Geldbörse verliert, dann einen Schuh und letztendlich den Kontakt zur Außenwelt, weil sein Handy den Geist aufgibt. „Weil seine Welt zusammenbricht, stürzt er sich in den Augenblick“, erklärte der Autor dem Lübecker Publikum und fügte hinzu, „wenn die Werkzeuge wegfallen, kommt man in eine andere Wirklichkeit.“

Und das geschieht hier ohne Rücksicht auf Verluste. Nach und nach legt Philip seine zivilisatorischen Würden ab, weggeworfene Dönerreste betrachtet er als potenzielle Nahrung, er flieht vor Kontrolleuren in der S-Bahn, begeht Ladendiebstahl und prellt einen Taxifahrer um 300 Franken. Was bewegt ihn? Ist er, der Verfolger, nur ein gelangweilter Schnösel? Ein Verrückter? Ein Verbrecher? Einer, der vor etwas zu fliehen scheint? Die Geschichte entwickelt einen Sog, in den auch der Leser gerät, je länger die Verfolgung anhält. Das liegt auch am Tempowechsel. Dieser Trick sei nichts anderes, „als den Leser davon abzuhalten, das Buch aus der Hand zu legen, bevor er es zu Ende gelesen hat“, gestand Lukas Bärfuss schmunzelnd.

Was der Titel bedeutet, wollte ein Zuhörer wissen. „Hagard ist der Wildfang“, erklärte Lukas Bärfuss. „Dieser Begriff kommt aus der Jägerei.“ Es handele sich dabei ursprünglich um einen Vogel (Falken), der bereits das Alterskleid trägt. Im übertragenen Sinne bezeichne man damit auch ein sehr lebhaftes Kind. Wildpferd, Flüchtling, Landstreicher, Ausländer sind weitere – wenn auch zum Teil veraltete – Bedeutungen. Im Französischen meint „hagard“ u.a. „verstört“, was durchaus auch auf die Hauptfigur Philip zutrifft. Diese Frage konnte während der Lesung in Lübeck geklärt werden. Andere Fragen bleiben weiterhin offen. Wer ist der Ich-Erzähler? Ein zufälliger Zeuge? Eine Phantasiegestalt? Der Autor selbst? Oder doch der Protagonist Philip? Offen bleibt auch, ob Philip sein Ziel am Ende erreicht und die Unbekannte zu Gesicht bekommt. Immerhin hat er den Balkon ihres Wohnhauses erklommen und die Glasscheibe zur Wohnung eingeschlagen. Stürzt er vom Balkon? Verliert er sein Leben? Wir sind irritiert, bleiben etwas beklommen und ­ratlos zurück. Wie im richtigen Leben ist es ratsam, sich bei der Lektüre dieses Buches auch auf Unerklärliches, Phantastisches, Unvo­­­­rhergesehenes, Irreales einzulassen. Was dieses Buch ausmacht, ist die Mischung – bis hin zu durchaus auch komischen Momenten.

Lukas Bärfuss, Hagard

Wallstein Verlag, Göttingen 2017
ISBN 9783835318403
Gebunden, 174 Seiten, 19,90 Euro
Auch erhältlich als E-Book
Leseprobe zum Blättern

Weitere Informationen zur Literatur Nord

Weitere Lesungen:
25.01.2018 um 19.30 Uhr Hannover, Literaturhaus, Sophienstraße 2
Lesung im Rahmen der »LiteraTour Nord«

27.02.2018 um 20.00 Uhr Berlin, Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23 (Kaminzimmer)
Unser schweizerischer Standpunkt?
Diskussion mit Markus Bernauer im Rahmen der Hermann Hesse-Ausstellung


Abbildungsnachweis:
Header:
Buch-Cover Collage
Lukas Bärfuss. Foto: Marion Hinz

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