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Literatur

Elke Heidenreich – Geschichten über das Leben: „Alles kein Zufall“

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Mittwoch, den 25. Oktober 2017 um 08:55 Uhr
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Elke Heidenreich – Geschichten über das Leben: Alles kein Zufall

Elke Heidenreich war und ist vieles: Literaturkritikerin, Kabarettistin, Journalistin, Moderatorin. Und sie kann sehr gut vortragen. Das gilt auch und vor allem für ihre eigenen Texte.
Derzeit sind Elke Heidenreich und ihr kongenialer Begleiter, der Pianist und Komponist Marc-Aurel Floros auf Lesereise. Kürzlich war das gut eingespielte Vortragspaar im Lübecker Kolosseum zu Gast. Hier las Elke Heidenreich aus ihrem Buch „Alles kein Zufall“, das 2016 im Hanser Verlag erschien und nun auch als Taschenbuch im S. Fischer Verlag erhältlich ist. Passende Musikstücke begleiteten die Lesung, garniert vom Applaus des mehr und mehr hingerissenen Publikums. Mit freundlichem Applaus wurden die beiden empfangen, mit tosendem Beifall von der Bühne entlassen.

In der Kürze liegt die Würze wird gesagt. Auf die Autorin Elke Heidenreich trifft dies voll und ganz zu. In „Alles kein Zufall“ mit dem Untertitel „Kurze Geschichten“ blättert die Bestsellerautorin ein Kaleidoskop von Alltagssituationen auf. Sie erzählt vom Leben im Allgemeinen, insbesondere vom eigenen. Sie erzählt von Liebe und Streit, von Begegnungen und Trennungen, von tierischen und menschlichen Beziehungen - und damit auch von uns allen. Elke Heidenreichs Geschichten seien „ironisch, zärtlich, humorvoll, melancholisch im Grundton“, so Lübecks Hugendubel-Belletristik-Fachfrau Martina Dusollier zu Beginn der Lesung mit Musik im Lübecker Kolosseum. Sie seien aber auch „überraschend, lustig, traurig und manchmal ganz banal.“ Auch davor scheut die Autorin nicht zurück. „Sie entdeckt im Kleinen das große Ganze und sie gibt sehr viel von sich preis“, betonte die Buchhändlerin.
Während der Lesung erfuhr das Publikum weitaus mehr von Elke Heidenreich als das, was in ihrem Buch steht. Als sie die Geschichte „Allein“ vorträgt, gesteht sie, „mein Leben lang war ich leicht entflammbar.“ Woraufhin der Pianist sogleich den Hochzeitmarsch spielt. Überhaupt: es funktioniert gut zwischen den beiden, mit den beiden, mit dem Publikum. Marc-Aurel FLoros hat immer die passende Musik zum Text parat. Das kommt an beim Publikum. Das gilt auch für die Geschichten, die Elke Heidenreich geschrieben hat und vorträgt. Ein paar Beispiele sollen an dieser Stelle kurz angerissen werden: Da stellt ein Hotelgast, der einst ein „Don Juan“ war, in der gleichnamigen Geschichte vor seine Hotelzimmertür immer auch ein paar rote Damenschuhe neben die seinigen. Man kann sich denken, warum: Er ist aus Altersgründen kein Don Juan mehr, will aber weiterhin als ein solcher wahrgenommen werden. Oder: Die 90jährige Großmutter wünscht sich Rollschuhe zum Geburtstag und bekommt sie. Oder: Die Mutter ruft ständig an und stört bei der Arbeit, findet trotz Ermahnung immer wieder eine Notwendigkeit anzurufen. Oder: Ein Haus soll verkauft werden; dies wird fast verhindert durch die Aussagen der Großmutter.
So sind sie, die Geschichten in „Alles kein Zufall“. Elke Heidenreich beschreibt in traurigen und komischen Szenen Situationen, in denen sich jeder von uns wiedererkennen kann. Ein Buch also, das uns alle angeht. Schließlich wollen wir alle immerfort glücklich sein. Doch was ist eigentlich Glück? Und wer ist schon dauerhaft glücklich? Was ist dieses Leben, diese Aufeinanderfolge von unterschiedlichen Momenten? Schaut man genau hin, ist so ein Menschenleben mit all seinen Glücks- und Unglücksfällen alles andere als Zufall.

Elke Heidenreichs Liebe gilt den bunten, eigensinnigen Vögeln, die weder alles fressen wollen noch sterben, sondern leben. Am liebste so, wie es ihnen gefällt. Diese Menschen sind wie sie selbst und wie viele andere Menschen, von denen sie mit viel Humor und großer Anteilnahme erzählt. „Die Urgroßmutter sah streng über ihre Brille und sagte: Friss Vogel, oder stirb. In der Erinnerung an sie gibt es nur diesen einen Satz.“ So beginnt die Geschichte „Friss Vogel“. Doch wieviel mehr Erinnerung wird ausgelöst durch diesen einen Satz. Ein ganzes Leben breitet sich aus, mehr noch: das Leben einer ganzen Familie. Ein hübscher Einfall, ein kleiner Kunstgriff.

COVER Elke Heidenreich – Alles kein ZufallEs gibt durchaus auch schwächere Geschichten, in denen der an sich schöne Sprachfluss durch ein Wort oder zwei gestört wird. So in „Allein“ durch die beiden Wörter „auch mal“ („Ganz allein sein an Orten, an denen man glücklich war, das ist schwer. Da sitzt einer mit Hund – ich saß dort auch mal mit einem Hund, den es nicht mehr gibt.“). Das könnte anders und besser klingen in dieser Geschichte, die uns mit leicht erhobenem Zeigefinger hinweist auf ohnehin leicht zu begreifende Schlussfolgerungen. Manchmal könnte auch ein Schlusssatz weggelassen werden. Getreu dem Motto, weniger ist mehr. Im Großen und Ganzen aber ist dies ein äußerst kurzweiliges und sehr unterhaltsames Buch. Leicht und überall zu lesen, ob in der U-Bahn, im Regionalzug oder im Strandkorb am Meer. Überall dort, wo man die Augen nicht für Ausblicke öffnen möchte, sondern lieber nach innen schaut – ins eigene Leben oder in das Leben der anderen.

Mit einem Zitat von Susan Sonntag beginnt das Buch, dessen Inhalt alphabetisch geordnet ist: „Wenn eine Leidenschaft nachzulassen beginnt, ist es wichtig, sich sofort eine andere zu schaffen, denn die ganze Kunst, das Leben erträglich zu machen, besteht darin, sich an allem ein Interesse zu bewahren.“ Gemeint ist sicher nicht, sich nach einer vergangenen Liebe sofort eine neue zu suchen, sondern einer anderen Leidenschaft wie Stricken, Kochen, Musik, Theater, Lesen nachzugehen. Das kann angespannte Situationen durchaus entspannen, neue Perspektiven eröffnen und scheinbar unerträglichen Schmerz lindern. So ist das mit diesem Buch. Es ist eben „Alles kein Zufall“!

Elke Heidenreich, Alles kein Zufall, Kurzgeschichten
Hanser Verlag, München 2016
ISBN 9783446246010
Gebunden, 240 Seiten, 19,90 Euro

Taschenbuch:
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main
ISBN: 9783596296507
240 Seiten, 9,99 Euro

Vita
Elke Heidenreich lebt in Köln. Sie studierte Germanistik und Theaterwissenschaft und arbeitete bei Hörfunk und Fernsehen. Bei Hanser erschienen zuletzt Rudernde Hunde (mit Bernd Schroeder, Geschichten 2002), Der Welt den Rücken (Geschichten 2012), Alte Liebe (mit Bernd Schroeder, Roman 2009), Passione (Liebeserklärung an die Musik 2009) und Alles kein Zufall (Kurze Geschichten 2016). Im Kinder- und Jugendbuch veröffentlichte sie Nero Corleone kehrt zurück (mit Quint Buchholz, 2011), Nurejews Hund (mit Michael Sowa, 2013), Erika (mit Michael Sowa, 2015) und Erika meets Nero Corleone (Elke Heidenreichs schönste Geschichten, E-Book 2016). Literaturpreise: Julius-Campe-Preis 2010. (Quelle: Hanser Verlag)


Abbildungsnachweis:
Header: Signierstunde im Lübecker Kolosseum: Foto: © Marion Hinz
Coverbild: S. Fischer Verlag

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