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Literatur

Rezensiert! "Alaaf und Heil Hitler"

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Montag, den 15. Februar 2010 um 17:06 Uhr
Rezensiert! "Alaaf und Heil Hitler" 4.8 out of 5 based on 141 votes.
Rezensiert! "Alaaf und Heil Hitler"

Dr. Carl Dietmar und Marcus Leifeld, die Autoren dieses Buches, sind Historiker und Experten für die Stadt Köln, sie wissen also, wovon sie sprechen.
Und sie sprechen, kurz zusammengefasst, davon, dass der Karneval (nicht nur) am Rhein in der Nazizeit zwar einerseits immer noch bunt, aber andererseits deutlich braun eingefärbt war.
Die Sitte, einmal im Jahr aus Leibeskräften sittenlos zu sein, ist uralt und heidnisch. Seit ungefähr 500 Jahren vor Christi Geburt gab es beispielsweise in Rom die Tage der Saturnalien, ursprünglich Sonnenwend- und Neujahrsfest und im Dezember gefeiert. Jedermann widmete sich mit Hingabe Wein, Weib und, wie zu befürchten ist, auch dem Gesang.

Ebenso existierte später im Christentum dieses Dampfventil des geregelten, farblosen Alltags. Nachweis für den Kölner ‚Fastelovend’ findet sich erstmals 1341 in einem Verbot für die Behörden, öffentliches Geld für karnevalistische Veranstaltungen zu bewilligen.
Seit dem 12. Jahrhundert tobte sich offenbar gerade der Kölner Bürger vor der trüben, disziplinierten 40tägigen Fastenzeit gern noch mal aus, möglichst derart, dass die letzten Winterdämonen entsetzt das Weite suchten. Der Kölner Rat erging sich, vor allem im 15. Jahrhundert, in einer Flut von Verordnungen, verbot beispielsweise ‚Vermummung in der Öffentlichkeit’ bei Strafe von einem Monat Haft im Turm.
Diese Spaßbremserei hatte ihre guten Gründe. Im Februar 1482 wurden der Bürgermeister und einige Ratsherren selbst vom ‚tausendköpfigen, betrunkenen Pöbel’ unter Anführung eines Gürtelmachers in die Türme gesperrt. Am Aschermittwoch fand dann allerdings die Enthauptung des aufmüpfigen Narren statt – der hatte nun wirklich übertrieben.
Wüst, anarchisch und obrigkeitsfeindlich agierte das rheinische Volk zur Fastnacht auch in den kommenden Jahrhunderten. Schamlose Tänze, liederliche Gesänge und ‚Das Tragen geistlicher Kleidung’ – zum Zweck der Verhöhnung natürlich und das erboste besonders die Jesuiten – führten nicht selten zu Gewalttätigkeiten bis hin zu Mord und Totschlag.

Dann kamen die Preußen.
Sie bildeten seit 1815 ‚Die Wacht am Rhein’, um den Erbfeind Frankreich abzuschrecken und wenn sie schon mal da waren, nahmen sie sich des verwilderten karnevalistischen Treibens an, indem sie es reinigten, sortierten und zurechtstutzten.
Die Preußen förderten die Gründung eines ‚Festordnenden Comitees’. Daraus entstand später das FKK – nein, nein, hier handelt es sich ums Kürzel für das bis heute mächtige Festkomitee Kölner Karneval, 1822/23 geboren.
Die zottelige, barbarische Angelegenheit bekam ein völlig neues Gesicht.
Gestriegelte Militärpferde im Paradegeschirr trippelten mit den ersten Rosenmontagszügen, das Musikkorps der Garnison spielte zackig-frohe Weisen.
Ein Sachse, Brigade-General von Czettritz und Neuhaus, wurde 1827 in der Generalversammlung der Großen Carnevalsgesellschaft ‚nationalisiert’, also zum Ehrenbürger ernannt. Er revanchierte sich gerührt für diese Ehre mit dem kreativen Vorschlag, kleine bunte Käppchen aufzusetzen, um Nichteingeweihte sofort erkennen und abweisen zu können. Die Anregung wurde jubelnd aufgenommen und sofort umgesetzt.
Der Erfinder der Narrenkappe war demnach ein preußischer General.
Nach und nach bildeten sich mehrere repräsentative Truppen. Zuerst die Roten und die Blauen Funken, nach 1900 die Ehren- und die Prinzengarde.
Dietmar und Leifeld sagen in ihrem Buch:
‚Von einer Parodie auf das preußische Militär konnte bei den meisten Korps keine Rede sein, vor allem die blauen Gardisten spielten sich in ihren zackigen Ritualen mittlerweile so auf, als seien sie Bestandteil des preußischen Heeres.
Diese Disziplinierung des ursprünglich rebellischen Treibens schadete der Fastnacht am Rhein ganz und gar nicht. Im Lauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sie sich zu einem nicht unbedeutenden Wirtschafts- und Tourismusfaktor. Kurz vor dem ersten Weltkrieg war der Kölner Karneval aus einem Volksfest zu einer Industrie geworden, an der viele Existenzen hingen.’

Diese Entwicklung wurde durch den Krieg unterbrochen, in dem man selbstverständlich nicht feierte. Später verboten es die Sieger und auch Inflation und Hunger dämpften das Bedürfnis nach Ausgelassenheit. Erst ab Mitte der Zwanziger Jahre lebte das närrische Treiben langsam wieder auf.
1933 setzte sich Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer für finanzielle Unterstützung ein und der Kölner Rosenmontagszug fand wieder überregionale Anerkennung.
Wenige Wochen später, im März, schnappten sich die Nationalsozialisten die Macht, entfernten Adenauer aus dem Amt und verbuchten den Karnevalserfolg sofort aufs eigene Konto:‚Der Zug hatte nichts Improvisiertes, Volksfremdes, wie das in den Nachkriegsjahren unter den mannigfachen Einflüssen liberalistischer marxistischer Strömungen der Fall war.’

Lange Zeit wurde überzeugt behauptet: „In Köln gab es keine Nazis!“
Ende der vierziger Jahre bildete sich eine Widerstandslegende des Inhalts, dass vor allem die frechen Narren sich nicht hätten gleichschalten lassen.
Seit ungefähr fünf Jahren – seit Christoph Kuckelhorn Chef des Rosenmontagszugs ist – wird immer mehr aufgedeckt, wie wenig das stimmte.
Markus Leifeld wurde von der Kölner Karnevalsgarde Rote Funken sogar das Archiv zur Verfügung gestellt. Offenbar hat sich die Stadt dafür entschieden, diesen Teil ihrer Geschichte gründlich aufzuarbeiten.



 
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