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Literatur

Swetlana Alexijewitsch – schaut hin, bis es wehtut

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Freitag, den 09. Oktober 2015 um 17:14 Uhr
Swetlana Alexijewitsch – schaut hin, bis es wehtut 4.4 out of 5 based on 135 votes.
 Swetlana Alexijewitsch Literaturnobelpreis 2015

Swetlana Alexijewitsch wurde am 8. Oktober 2015 der Literaturnobelpreis zugesprochen. Die Autorin, Schriftstellerin und Journalistin zugleich, ist nach vielen Jahren im Exil zurückgegangen nach Weißrussland und lebt seit 2011 wieder in Minsk.

Berlin. Hier kann man schreiben: hohe helle Altbauzimmer in einer ruhigen Seitenstraße im Berliner Südwesten, zurückhaltend und elegant möbliert. Ein langer, schmaler Arbeitstisch, auf dem Unmengen handbeschriebener DIN-A4-Blätter verteilt sind. Ein Regal mit Manuskript-Blättern, der Fußboden davor ist auch schon belegt.

Hier arbeitet Swetlana Alexijewitsch, die Frau, die dem weißrussischen Volk seine Stimme zurückgegeben hat. Doch was so friedlich aussieht, hat einen bitteren Hintergrund, die Wohnung ist Teil eines Stipendiums, sie ist Exil. Alexijewitsch arbeitet nicht in ihrem Heimatland. Der Diktator Alexander Lukaschenko ließ ihre Bücher nach seiner Wahl 1994 verbieten. Die Wahrheit ist gefährlich.

Dabei schreibt die Frau mit den feinen blassroten Haaren, geboren 1948 als Tochter einer ukrainischen Mutter und eines weißrussischen Vaters, keine politischen Pamphlete. Sondern sie schaut dem Volk aufs Maul, ist die Chronistin seiner Erfahrungen, seiner Meinungen, seiner Irrtümer und Erniedrigung, seines Heldentums, seiner Wut und Verzweiflung, seiner Ratlosigkeit. Sie sucht die menschliche Wahrheit hinter dem Pathos, hinter den Schönfärbereien in den staats- und parteitreuen Medien.

Ihre Bücher haben Wirkung. Es gibt sie inzwischen in mehr als 100 Ausgaben, in 30 Sprachen. Auch in Weißrussland. Denn aus Russland, wo sie gedruckt werden, bringen Buchhändler sie mit, zum Verkauf unter dem Ladentisch. An ihrem nun schon zehn Jahre dauernden Exil hat das nichts geändert, nur selten riskiert sie kurze Besuche bei der Familie. Nach den manipulierten Präsidentschaftswahlen in Belarus (Weißrussland) und den Verhaftungen von Oppositionellen hat sie ihre kritische Stimme erhoben in einem offenen Brief an Lukaschenko. Im Internet hat er sich rasch verbreitet. Manchmal denkt sie, sie solle bald zurückgehen, weil man den Diktator nicht überleben könne. Manchmal ist sie optimistischer: Sie habe, sagt sie, „das Gefühl, dass es bald Veränderungen gibt in Belarus“.

Bisher hat sie vorrangig düstere Themen bearbeitet. Sie wollte hören, was passiert, wenn das Leben des Einzelnen konfrontiert wird mit Kriegen, dem Zusammenbruch von Ideologien oder einer gewaltigen Katastrophe wie Tschernobyl. In ihrem ersten Buch, „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“, auf Deutsch erstmals erschienen 1989, lässt sie Frauen über ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg erzählen. Da ist der Krieg schmutziger, brutaler, widerlicher als in den gängigen TV-Dokumentationen: „Mir ist es wichtig, die Themen neu anzuschauen, sie wieder aktuell zu machen. Bei mir berichten über den Krieg Frauen und Kinder ohne das Pathos der Männer, ohne Romantik. Selbst die Generale, die im Krieg waren, sollen ihn zum Kotzen finden.“

Sie hat über russische Selbstmörder geschrieben („Im Banne des Todes“), über die jungen Soldaten im Afghanistan-Krieg, von denen viele nur in Zinksärgen nach Hause kamen („Zinkjungen“), sie hat über Schicksale nach dem Umbruch geschrieben („Seht mal, wie ihr lebt“). Und über die Erlebnisse und Reaktionen der Menschen nach der Reaktorkatastrophe von 1986 („Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“), in deren Folge 23 Prozent des weißrussischen Staatsgebiets radioaktiv verseucht wurden. Unter den Folgen leiden noch immer Millionen Menschen.

Alexijewitschs Arbeitsweise ist ein Grenzgang zwischen Journalismus und literarischem Schreiben. Für jedes ihrer Bücher führt sie, über Jahre, 500 bis 700 Interviews. „Manche Schriftsteller schreiben“, sagt sie, „ich bin ein Mensch, der mit den Ohren auf die Ereignisse reagiert. Dann bekommt man das Gefühl, jetzt muss man daran arbeiten, jetzt hört man Dinge, die später verloren gehen.“ Von 150 Seiten kommt manchmal am Ende nur eine in das Buch. Sie komponiert einen vielstimmigen Chor – so, dass die Gesamtstimmung, die Klangfarbe der kollektiven Erinnerung sichtbar wird. Ihre Bücher sind Musik aus Sprache. Oratorien, in ihrer markerschütternden Sprachgewalt vergleichbar höchstens mit Peter Weiss’ Stück „Die Ermittlung“ von 1965 über die Auschwitz-Prozesse.

Sie erzählt über ihre Tschernobyl-Recherchen: „Ich war mit internationalen Kollegen in der Umgebung des Reaktors. Wir machten Interviews mit den Leuten dort, und dann haben sie uns zum Essen eingeladen. Alle anderen haben dort nichts gegessen, sondern die mitgebrachten Sachen rausgeholt, aus Angst. Ich konnte das nicht, ich konnte mich da nicht raushalten und nachher interessiert weiterfragen, wie die Tochter an Krebs gestorben ist. Ich habe mitgegessen. Ich wollte nicht nur Zuschauer sein.“

Alexijewitsch schaut hin, bis es wehtut. Mit dem kühlen Blick einer Ärztin und zugleich mit deren Leidenschaft, ungesunde Verhältnisse zum Besseren zu ändern. Sie schreibt Geschichten auf, bei denen das Blut stockt – über verstrahlte Menschen, die auf dem Sterbebett von den Angehörigen nicht mehr berührt werden durften. Von alten Bäuerinnen, die sich um ihre Katzen sorgten, die sie im evakuierten Haus zurückgelassen hatten. Von „Freiwilligen“, die keine Wahl hatten. Von gewissenlosen Gaunern, die verstrahlte Gegenstände, die man vergraben hatte, ausbuddelten und in Minsk verkauften. Wer glaubt, über Tschernobyl genug zu wissen, sollte Alexijewitschs Buch lesen – danach hat man eine Ahnung davon, wie es jetzt bei Fukushima sein muss. Und weiß, warum solche Wahrheiten den Mächtigen gefährlich sind.

Sie schreibt, sagt sie, über die Gefahr von Utopien, die entstehen, wenn diese realisiert werden. Die Idee der gefahrlosen Atomenergie ist eine, die kommunistische Ideologie eine andere. Ihr aktuelles Projekt ist ein Psychogramm der sowjetischen Menschen. „Ich will zeigen, welche Erfahrungen sie wirklich gemacht haben mit der Idee vom neuen Menschen.“ [Erschienen 2013 als „Secondhand-Zeit – Leben auf den Trümmern des Sozialismus“, Hanser Berlin. Im selben Jahr wurde ihr der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen.]
Und wenn sie damit fertig ist, will sie endlich tun, was sie schon lange vorhat: „Ich schreibe ein Buch über die Liebe und über das Altwerden. Die Liebe kein leichtes Thema, denn auch Liebe ist eine Art von Krieg. Am Ende gibt es ja zwei Zivilisationen: die weibliche und die männliche. Männer erzählen anders über die Liebe als Frauen.“

Dieser Artikel erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Hamburger Abendblattes.
Dieser Text entstand im August 2011 nach einem langen Gespräch mit Alexijewitsch für das Hamburger Abendblatt – im Vorfeld ihrer Lesung auf dem Harbour Front Literaturfestival.

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avatar Peter Schmidt
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Zur Verleihung des Literaturnobelpreises an Swetlana Alexijewitsch

Wir können als Schriftstellerverband dem Komitee zu dieser Auswahl nur gratulieren.

Swetlana Alexijewitschs Thema ist die Erinnerung an die Grauen des Stalinismus und seiner Erben in der Sowjetunion und den Staaten wie Weißrussland unter dieser Knechtschaft.
Sie glaubt diesen schlimmen Geist in der Moderne noch nicht überwunden.

Diese literarische Agenda teilt sie mit ihrer Vorgängerin und unserer Hannelore-Greve-Literaturpreisträgerin Herta Müller.

Die hoch gelobte Collage-Technik erinnert gleichzeitig an unser verstorbenes Ehrenmitglied Walter Kempowski, Verfasser des "Echolot"

Es ist gut in dieser schnelllebigen Welt mit Literaten wie Swetlana Alexijewitsch, die trotz der sich barriereartig aufhäufenden Krisen in den geschichtlichen Rückspiegel schauen, der Orientierungslosigkeit mit profunden Lebenserfahrungen und Zeitzeugen entgegenzutreten.





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