Literatur
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"Aus unserer Werft" ist die neue Rubrik zum Jahreswechsel. Kultur-Port.De-Autoren berichten nicht nur über und rezensieren Kultur, sondern produzieren diese selbst.
Dagmar Seifert stellt bei Kultur-Port.De exklusiv eine Ihrer neuen Weihnachtsgeschichten vor: “Das Weihnachtsverbrechen”
Viel Spaß beim Lesen!


„Du bist ein Versager, ganz einfach. Du bringst nichts auf die Reihe, nie. Du hast mir am Anfang so viel versprochen, und nichts gehalten. Wir sitzen immer noch in dieser engen kleinen Bude. Wir können uns keinen Urlaub leisten. Dein Freund Baffi, der macht über Weihnachten mit Mona diese Kreuzfahrt. Mona hat sich zwei neue Abendkleider dafür gekauft – zwei! Eins in Pink und eins in Himmelblau, sie sieht grässlich darin aus, wie eine dekorierte Almkuh. Baffi, der schafft es. Der redet nicht nur!“, sagte Yvonne mit Nachdruck, während sie ihre niedlichen kleinen Zehennägel lackierte.

„Baffi ist ein Krimineller“, verteidigte Jan sich. Aber er sprach leise und unsicher, denn er wusste ja, dass Yvonne eigentlich Recht hatte.
„Ein Krimineller!“, schrie sie und jetzt wurde sie wirklich böse, denn sie feuerte das Nagellackfläschchen in den Papierkorb, obwohl es noch lange nicht leer war. „Ein Krimineller! Du bist so dumm, dass es wehtut, weißt du das? Jeder, der es schafft, ist kriminell. Jeder Manager, jeder große Kaufmann. Solange sie klug genug sind, sich nicht erwischen zu lassen, nennt man es bloß nicht kriminell. Solange sagt man dazu tüchtig oder gewieft!“

Jan war schon öfter aufgefallen, dass Yvonne nicht mehr hübsch aussah, wenn sie böse wurde und herumbrüllte. Sie bekam dann eine ganz spitze Nase und harte Falten neben den Mundwinkeln. Deshalb schaute er sie jetzt lieber nicht an.
„Ja, guck ruhig aus dem Fenster, tu nur so, als ob dich das alles nichts angeht. Ich will dir mal was sagen, mein Lieber, du kannst Weihnachten ruhig alleine verbringen und mal über alles nachdenken. Ich packe sofort und fahr zu meiner Schwester. Und wenn ich im nächsten Jahr vielleicht wiederkomme, dann erwarte ich Ergebnisse. Ergebnisse! Vorschläge und Ideen, die du dann auch umsetzt. Nicht nur Gerede. Oder ich frage Baffi mal, ob er nicht eine Freundin mit einer vernünftigen Figur haben will!“

Gleich danach packte Yvonne wirklich, da sie zu den Menschen gehörte, die nicht nur redeten. Sie stöckelte wütend, den kleinen roten Koffer in der Hand, an Jan vorbei, ohne sich zu verabschieden oder ihm frohe Weihnachten zu wünschen. Gleich darauf hörte er vor dem Haus den Motor ihres Autos aufheulen. Gut, es war nicht zu leugnen, dass sie den Wagen mit in die Beziehung gebracht hatte. Er würde in der nächsten Zeit die U-Bahn oder den Bus nehmen müssen…
Jan seufzte schwer und griff zum Telefon, um zu sehen, ob Baffi sich schon auf Kreuzfahrt befand.
Nein, er war noch da und meldete sich so gereizt und ungeduldig, wie man das von einem tüchtigen, gewieften Mann erwarten durfte.

„Yvonne hat mich gerade verlassen“, berichtete Jan. Damit es dramatischer klang, sagte er nicht, sie wollte nach dem Fest zurückkommen und nach Ergebnissen forschen.
Baffi lachte meckernd. „Du hättest ihr längst mal den Hintern versohlen sollen. Aber natürlich hat sie bei euch die Hosen an, weil sie mehr verdient als du.“
„Ich weiß. Deshalb ruf ich ja an. Baffi, ich brauch wirklich dringend Geld.“
„Gut, komm nachher vorbei, ich kann dir…“
„Nein! Nein, ich will dich nicht anpumpen. Was ich meine, ist…
„Ein Job?“ Baffi kicherte schon wieder. „Welche Art Jobs ich zu vergeben hab, weißt du doch. Da machst du dir doch nur ins Hemd. Und so was wie du wird auch erwischt. Weil du Skrupel hast. Du bist ein Seelchen, Janni. Was du brauchst, ist ein ganz gewöhnlicher Bürojob. Nichts Verbotenes.“
„Ich weiß. Aber damit verdiene ich nicht genug für Yvonne.“
„Ich dachte, die hat dich verlassen?“
„Vielleicht kommt sie ja wieder…“, sagte Jan kleinlaut.
Diesmal lachte Baffi so, dass er sich verschluckte und husten musste. „Also, dann kann ich dir nur zu der Sache mit dem Kind raten, du weißt schon. Da steckt wirklich Geld drin, gerade jetzt zu Weihnachten. Da sind die Leute besonders sentimental. Überleg’s dir. Wenn du’s wissen möchtest, geb ich dir die Daten, also Adresse und so. Dann musst du dich mal beweisen…“



Nachdem er einige Vorbereitungen getroffen hatte und bevor er losging, um sich zu beweisen, traf Jan eine Nachbarin im Treppenhaus. „Schon ein Schopp gefundn, Herr Hauser?“
Er schüttelte den Kopf. „Noch nicht, Frau Möller.“
„Das wird! Das wird ganz bestimmt! Solln Sie mal sehn. Jetzt, wo Sie sich von diese Frau getrennt ham wird alles gut. Schöne Festtage, falls wir uns nich mehr sehn…“
Jan hätte gern gesagt, dass Yvonne nach Weihnachten wahrscheinlich wieder kam und dass sie die Frau seines Lebens war, dass er sich schrecklich unglücklich fühlte, dass nichts gut werden würde ohne sie und dass sie ihm insofern gar nicht erst schöne Festtage zu wünschen brauchte. Aber Frau Möller hatte schon ihre Tür aufgeschlossen, lächelte ihm zu und verschwand in ihrer Wohnung.

Also trabte er zur U-Bahn und fuhr nach Harvestehude.
Hier stand er vor einer schönen alten Villa und blickte nachdenklich durch das Gitter des Gartentors auf die pompöse Haustür, an der ein Buchsbaumkranz hing. Da er kurzsichtig war, sah er alles nur ziemlich verschwommen. Und nun? Sollte er eindringen, wenn es dunkel war? Die Alarmanlagen auslösen, sich von einem Rassehund beißen lassen und die Feiertage mit Blutvergiftung im Knast verbringen?
Wie absurd, hier zu stehen und ein fremdes Haus anzustarren. Wie unrealistisch, ein Verbrechen zu planen – wie im Kino.
Andererseits wurden schließlich ständig Verbrechen begangen, ganz real…

Er schlug den Kragen hoch. Es hatte angefangen, mit großen, nassen Tropfen zu schneien, er konnte hören, wie sie leise um ihn herum und auf seinen Schultern und seinem Kopf aufklatschten, ein sehr melancholisches Geräusch.
Gerade, als Jan zu dem Schluss kam, dies sei eindeutig nichts für ihn, gerade, als er auf die andere Straßenseite wechselte, um nach Hause zu fahren, sich einen heißen Tee zu machen und im Computer nach Stellenangeboten zu suchen oder ein Röhrchen Schlaftabletten zu schlucken – genau in dem Moment rannte drüben ein kleiner blonder Junge durch den Garten, stieß die hohe Gartenpforte auf und lief durch die dünne Schicht Schneematsch. Ein schmaler kleiner Junge, ungefähr neun Jahre alt. Möglicherweise, sehr wahrscheinlich der kleine Alexander Borges junior.
Jan folgte dem Kind zögernd. Es trug keine Jacke und keinen Mantel, nur einen geringelten Pulli und eine Jeans. Schon wurden seine hellen Haare dunkel und strähnig vor Nässe.

Sechs Straßen weiter lief der Kleine plötzlich ein paar Stufen hinunter und hockte sich vor eine Kellertür. Hier saß er überdacht.
Jan stieg langsam hinterher die Stufen hinunter; sieben Stück, er zählte mit.
Der kleine Junge weinte, beide Hände in die Augen geschraubt. Jan räusperte sich, und das Kind fuhr zusammen, nahm die Hände vom Gesicht und blickte auf.
„Hey!“, sagte Jan halblaut.
Der Junge wischte sich mit dem Ärmel die Nase. „Hey. Darf ich hier mal eben sitzen?“
„Klar“, sagte Jan großzügig, als wäre er der Hausbesitzer. „Du bist ja ganz nass. Hast du keinen Anorak oder so was?“
„Doch. Schon. Aber jetzt nicht. Ich meine…“
„Nicht bei dir?“
„Hmhm.“
„Vielleicht solltest du dir was zum Überziehen holen? Wohnst du weit weg?“
„Hmmmm…“ machte der Kleine unbestimmt. „Ich will nicht nach Hause. Nie wieder!“
„Ich verstehe. Ach, übrigens, ich bin Ja… Ja….“ Jan klappte den Mund zu. Wahrscheinlich war es nicht sehr intelligent, seinen richtigen Namen zu nennen. Sollte er ihn jetzt schnell in Jakob abändern?
„Yaya? So wie Yaya Bings?“, fragte der Junge interessiert.
„Ähm – ja, genau.“
„Ist ja krass. Ich heiß Axel.“
Jan setzte sich neben das Kind auf die unterste Treppenstufe. „Und warum willst du nie mehr nach Hause?“
Axel sah gleich wieder traurig aus. „Weil sie da nur auf mir rumhacken. Ich bin an allem Schuld. Meine Mutter weint die ganze Zeit und mein Vater ist mies drauf und böse auf mich. Weil er eine Freundin hatte. Jetzt nicht mehr. Sie war nicht gut für ihn, sagt er jetzt. Aber was braucht er überhaupt eine Freundin, wenn er meine Mutter hat? „
Jan überlegte. „Vielleicht war sie besonders hübsch?“



„Sie kann ja wohl kaum hübscher gewesen sein als meine Mutter!“, stellte Axel fest. „Und außerdem war sie eigentlich überhaupt nicht hübsch. Meine Mutter, wenn die lacht, da fühlt man sich immer sofort ganz gut. Und diese Frau… die hatte nur so dicke Wimpern und so was. Ich hab sie nämlich gesehen.“
„Du hast die Freundin deines Vaters gesehen?“
„Ja. Deshalb bin ich doch Schuld, dass es raus gekommen ist. Ich hab sie gesehen und es meiner Mutter erzählt. Mein Vater sagt jetzt, ich hätt’s ihr nicht erzählen dürfen. Ich hätte nur mit ihm darüber sprechen sollen.“
„Ja, vielleicht hat er da Recht…“
„Aber warum hätte ich es ihm sagen sollen? Er wusste es doch schon!“
„Ich meine, du hättest ihm vielleicht sagen sollen, dass du ihn mit seiner Freundin beobachtet hast. Ohne es gleich deiner Mutter mitzuteilen.“
„Also, ihr seid gut! Einerseits immer: Sag bloß unter allen Umständen die Wahrheit und Lügen ist ganz böse. Und dann wieder soll man lügen.“
„Vielleicht nicht direkt lügen. Aber man muss ja nicht alles petzen…“
„Ach ja? Und wenn meine Mutter mich fragt, ob ich weiß, wo Pappi ist? Soll ich dann lügen und sagen, nein, keine Ahnung?“
„Ähm, nein…“
„Oder soll ich sagen, ich weiß, wo er ist, aber ich will nicht petzen?“
„Auch schlecht, du hast Recht. Und jetzt haben deine Eltern sich wieder vertragen?“
Axel schüttelte den Kopf und biss wütend in seinen Daumen. „Nein! Sie wollen bloß zusammen bleiben, weil sie mich beide behalten wollen. In der U-Bahn gibt’s so ‘n Zwischenstück zwischen zwei Waggons, das quietscht immer in der Kurve. So was bin ich.“
„Tja!“, meinte Jan abschließend, in der Hoffnung, das Gespräch damit zu beenden.
Aber Axel war noch nicht fertig: „Ich will aber kein Zwischenstück sein! Immer sagt mein Vater, er hat keine Zeit für mich. Aber für so ’ne Frau hat er Zeit!“ Er schüttelte den Kopf über seinen Vater. Unter seinen klaren blauen Augen saßen blasse Sommersprossen. Im Unterkiefer fehlte ihm ein Schneidezahn, wuchs aber schon nach.
„Mein Freund Luca, der hat einen coolen Vater. Der geht mit ihm zum Weihnachtsdom und so. Und in die Dungeons. Weißt du, was das ist, die Dungeons?“

Jan nickte geistesabwesend.
Baffi hatte gesagt: ‚Das schwierigste ist, das Balg so zu stibitzen, dass es keiner mitkriegt.’ Das hatte er ja bereits gut hinbekommen. Der Rest, hatte Baffi gemeint, sei nicht so schwer: ‚Du benutzt deine nette, kultivierte Stimme am Handy und sagst den Eltern, du willst nur sechzigtausend. Keine Millionen oder so, trotzdem die das ja hätten. Du musst sagen, du weißt selbst, das ist nicht viel, aber du willst wirklich keinen Ärger. Sag, du bist in einer Notlage, sonst würdest du so was nie machen. Und sie könnten sicher sein, dass es ihrem Spross gut geht und sie ihn heil wiederkriegen. Ach ja, und sieh zu, dass er dich nicht beschreiben kann…’



Um diesen Rat zu beherzigen hatte Jan sich vormittags die Haare schwarz gefärbt und anders frisiert, ganz glatt und mit Scheitel. Außerdem trug er seine Brille nicht im Gesicht sondern im Etui in der Manteltasche. Er selbst fand, dass die Tarnung nicht viel nützte. Er sah immer noch aus wie Jan, nur eben wie Jan mit schwarz gefärbtem Haar und Scheitel und ohne Brille, also mit ständig blinzelnden Augen. Kein großer Unterschied. Vielleicht hatte er ein zu typisches Gesicht…
Der kleine Junge nieste.

Bei meinem Pech, dachte Jan, bekommt Alexander Borges junior eine Lungenentzündung und stirbt und ich bin dran wegen Kidnapping samt Mord. Auf jeden Fall kann ich dann nicht mehr behaupten, dass es ihm gut geht und sie ihn gesund zurück kriegen. Also wenn, mal angenommen, wirklich Sechzigtausend bei der Sache raus springen, dann sollte ich jetzt ein bisschen ins Geschäft investieren.
„Weißt du was“, sagte er, „wir kaufen dir ’n Anorak, okay?“
Der Kleine rieb sich die Augen trocken, polierte noch einmal mit dem Ärmel seine kleine Nase und fragte: „’n Grünen? So mit Wolfspelz, wie ’n Parker?“

In der Nähe des Grindelbergs fanden sie ein Geschäft mit Kinderkleidung. Sehr hübsch, wirklich. Entsprechend teuer.
„Wie wär’s mit dem?“ fragte Jan, nachdem er einige Preisschilder umgedreht hatte.
„Der ist doch nicht grün. Der ist so babyartig, mit diesen Pünktchen da…“
„Komm, zieh mal an!“
Der Anorak passte. Jan wollte ihn kaufen.
Alex zog ihn wieder aus: „Dann lieber gar keinen!“
Gar keinen wollte Jan nicht, wegen eventueller Lungenentzündung des Entführungsopfers.
Axel gefiel eine gesteppte Angelegenheit mit Tarnstreifen, die Jan an Kriegsfilme erinnerte. Das Exemplar gab es nur einmal und drei Nummern zu groß. Wenn Alex die Kapuze überstülpte, war er verschwunden. „Macht nichts, da wachs ich rein!“
Als sie den Laden verließen, fragte Jan: „Wollen wir zu mir fahren und Kaffee trinken?“
Alex schob mit beiden Händen die Riesenkapuze zurück: „Ich mag keinen Kaffee.“
„Dann eben Kakao!“
„Hast du Zuhause was zu Essen, Yaya?“
„Natürlich.“
„Auch so richtig coole Sachen?“
„Klar. Pizza. Oder Nudeln.“
„Und Currywurst?“
„Nein. Die zufällig nicht.“



Sie trabten nebeneinander her. Jan überlegte, ob er mit dem Kind U-Bahn fahren sollte (hunderte von Zeugen) oder Taxi (ein einziger Zeuge, aber der intensiv.) Zu Fuß war’s zu seiner Wohnung zu weit. Über den Transport hätte er sich vorher Gedanken machen sollen.
„Und hast du auch Zuckerwatte, Yaya?“
„Nein. Wer hat schon Zuckerwatte Zuhause?“
„Und Fischbrötchen? Hast du Fischbrötchen?“
„Ich hab Pizza und Nudeln. Hör mal zu, jedes Kind mag doch Pizza und Nudeln?“
Alex blieb stehen und kämpfte sich mühsam unter seiner Kapuze hervor. „Ich weiß, wo wir Currywurst kriegen und Zuckerwatte und Fischbrötchen und Hamburger Speck und Zuckerstangen…“
„Wo denn?“
„Auf dem Winterdom!“
„Der ist nicht mehr da“, sagte Jan erleichtert.
„Nein? Oh. Aber irgend so ’n Weihnachtsmarkt? Da gibt’s das auch alles.“
Natürlich wäre es nicht klug, das Kind mit nach Hause zu nehmen. Aber wo sollte er es sonst aufbewahren, bis das Lösegeld eintraf? In irgendeinem Keller? Da hätte Axel bestimmt Angst.
Jan wollte den Kleinen am liebsten überhaupt nicht merkten lassen, dass er entführt worden war, nachdem er schon den Kummer hatte, Schuld zu sein am Unfrieden im Elternhaus.

Sie nahmen ein Taxi zum Gerhard-Hauptmann-Platz und das Entführungsopfer futterte sich durch Currywurst, Liebesäpfel, Kokosnuss, Zuckerwatte, heiße Maronen – „Hier, nimm mal, Yaya, die mag ich nicht, iss du die mal auf…“ – Fischbrötchen und noch mehr Zuckerwatte.
Dann war ihm übel.

Jan zerrte den Kleinen gerade noch rechtzeitig in einen Winkel hinter der Jacobikirche, wo er ihm die gesamte Ladung auf die Schuhe spuckte. Erfreulicherweise bekam der teure neue Anorak nichts ab.
Jan wischte erst das jetzt sehr blasse Gesicht des kleinen Axel und dann seine Schuhe mit mehreren Papiertaschentüchern ab. „Geht’s wieder?“
„Hmhm.“
„Hol schön tief Luft, lehn dich hier an – so. Siehst du, das wäre noch viel schlimmer geworden, wenn wir auf den Dom gegangen wären.“
„Wieso?“
„Na, dann wärst du doch bestimmt auch noch Achterbahn gefahren und Autoscooter. Mit all dem, was du zu dir genommen hast, auch noch überkopf und geschüttelt…“
Inzwischen war der Himmel aufgerissen, die Nachmittagssonne übergoss alles rosig. Von den Weihnachtsbuden klang Musik und Gelächter bis hinter die Kirche.



Axel atmete tief, wie ihm geraten worden war, lehnte sich brav an die Kirchenmauer und blickte nach oben. Das brachte ihn auf eine Idee: „Du, Yaya, können wir bitte auf den Michel steigen?“
„Das hier ist nicht der Michel!“, antwortete Jan entsetzt.
„Weiß ich. Aber Lucas Vater ist mit ihm auf den Michel. Das muss cool sein. Kann man runter gucken und alles sehen, die Alster und so…“
Jan blickte auf seine Uhr. „Dann müssen wir wieder ein Taxi nehmen. Wenn wir zu Fuß zum Michel laufen, ist es stockfinster, bis wir oben sind.“
„Macht nichts. Sieht man Lichter, oder?“
„Wahrscheinlich ist dann schon geschlossen“, antwortete Jan ergeben.
Der Aufstieg auf den Turm der Michaeliskirche kostete Geld, eine ganze Menge sogar. In Jans Kopf klickerte fortgesetzt eine Rechenmaschine, die alle Investitionen von den Sechzigtausend abzogen. Bis jetzt schien immer noch ein kleiner Gewinn dabei raus zu springen.

Axel wollte nicht mit dem Fahrstuhl nach oben: „Nach dem ganzen Eintrittsgeld, das wir bezahlt haben, müssen wir auch die Treppen ausnutzen!“ sagte er und hüpfte fröhlich voran. Für seine kleinen Füße besaßen die schmalen Stufen das richtige Maß. Jan musste vorsichtig seitwärts gehen. Immerhin konnte er so begründen, dass er immer langsamer wurde.
„Aber runter fahren wir Fahrstuhl, okay?“
„Mal sehen!“, rief Axel, weit voraus.

Irgendwann hatte Jan es geschafft. Er schnaufte diskret kleine Wölkchen in die kalte Luft. Axel rannte von hier nach da, drängelte sich durch andere Touristen nach vorn und verkündete, was er alles erblickte.
Jan litt zwar ein wenig an Höhenangst – da er jedoch seine Brille nicht trug, sah er die Stadt von oben nur sehr verschwommen, da machte es weniger aus. Deutlicher konnte er die rosa, pinkfarbenen und violetten Wolkenschlieren im Westen erkennen, über die sich alle freuten: „Nein, ist das schön!“
Axel zeigte aufgeregt: „Guck mal, Yaya, da unten ist der Weihnachtsmarkt, da hinten hab ich hinge…“
„Tatsächlich!“, bestätigte Jan. Er schlug wieder den Mantelkragen hoch und erkundigte sich: „Ist dir auch nicht kalt? Hier zieht es ganz enorm! Setz mal deine Kapuze auf, Axel…“
Zu seiner Überraschung gehorchte der Junge, bevor er zur anderen Turmseite lief. Eine ältere Frau neben ihm blickte dem Kleinen lächelnd hinterher. „Den haben Sie nett erzogen. Es geht also doch, mit Liebe, stimmt’s? Der sieht Ihnen aber auch ähnlich, obwohl er so blond ist“, bemerkte sie freundlich.
Jan nickte verlegen und spazierte steif hinter Axel her. Wenn die Tante wüsste, dass er selbst in Wirklichkeit auch blond war…



Leider konnte er sich nicht durchsetzen, was den Abstieg vom Turm anging.
„Du kannst ja den Fahrstuhl nehmen. Ich lauf wieder Treppe!“, erklärte das Kind, schon auf dem Weg nach unten. Jan hielt sich krampfhaft am harten, kalten Geländer fest und setzte die Füße erneut seitlich. Auf dem Weg nach unten war das noch anstrengender. Morgen würde er Muskelkater haben. Aber vielleicht auch schon die Sechzigtausend, abzüglich Spesen…
Weil Axel jetzt auf die Toilette musste, beschloss Jan, sich um den geschäftlichen Teil zu kümmern. Eigentlich war es ja höchste Zeit. Wahrscheinlich suchten die Eltern schon voller Angst nach ihrem Söhnchen. Vielleicht hatten sie schon die Polizei verständigt?
Nein, Baffi hatte ja gesagt: ‚Du kannst drei bis vier Stunden warten, vorher denken die, er ist sonst wo und suchen noch selbst.’

Jan verkroch sich mit seinem Handy in eine windige, ungestörte Ecke und rief die Nummer an, die er, zusammen mit der Adresse der Familie Borges, erhalten hatte.
Dreimal klingelte es am anderen Ende, dann wurde abgehoben und eine helle Kinderstimme rief: „Alexander Borges!“
Jan starrte vor sich hin. Fast hätte er die rote Taste gedrückt, aber dann fragte er doch noch einmal nach: „Wer ist da - ?“
„Alexander Borges. Wen wollen Sie denn…“
Jetzt unterbrach er das Gespräch.
Weil seine Beine sowieso durch das unendliche Treppengekletter zitterten, setzte er sich auf eine der größeren, steinernen Stufen hier unten am Fuß des Turms.
Axel kam aus der Klotür und hüpfte zu ihm, erst strahlend, dann plötzlich besorgt: „Hast du was, Yaya? Ist dir auch übel?“
„Ein bisschen, ja. Du, sag mal, Axel, wie heißt du eigentlich mit vollem Namen?“
„Ich? Axel Phillip Teubner. Und du?“
Jan fragte weiter: „Und wo wohnst du?“
„In der Oberstraße… Wieso? Willst du mich nach Hause bringen?“, fragte Axel misstrauisch.
Jan beachtete die Frage nicht. „Wohnen da noch andere Leute im Haus?“
Der Junge zog an den Schnüren seiner Kapuze. „Das Haus gehört dem alten Borges. Der wohnt da. Und seine Frau und dieser total ätzige Alexander. Der ist so doof! Der ist sooo doof! Der geht in meine Parallelklasse, ein Glück nicht in meine Klasse. Ja, und wir wohnen gerade mal in der Wohnung ganz unten, weil, mein Großvater ist Hausmeister und Gärtner und so für den alten Borges. Opa wohnt da immer. Und mein Pappi hat Pech gehabt, sein ganzes Büro ist gepfändet worden, deshalb dürfen wir jetzt ein Bisschen bei Opa wohnen, das erlaubt der alte Borges.“
„Ah. Ich verstehe“, murmelte Jan.

Die Rechenmaschine in seinem Kopf war gerade explodiert.
„Aber mein Pappi hat bald wieder ein neues Büro. Da muss er dran arbeiten. Deshalb ist er auch so viel weg. Deswegen hat er nie Zeit für mich. Na ja, und weil er diese Freundin mit den dicken Wimpern hatte.“
Jan lehnte den Kopf an die kalte Mauer und blickte steil nach oben.
„Ist dir jetzt schlecht? Tief atmen!“, riet Axel.
Jan nickte. „Ja. Danke.“ Er zog sein Brillenetui aus der Manteltasche, klappte es auf und setzte sich die Brille langsam und umständlich auf.
„Brauchst du die?“, fragte das Kind erstaunt.
„Ja. Dringend.“
Jan fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, verwuselte seinen Scheitel und holte zweimal tief Luft.
„Ist dir jetzt wieder besser?“
„Viel besser!“, sagte Jan. Und das stimmte. Er fühlte sich unendlich erleichtert und er kam sich plötzlich so unschuldig vor. Arm, aber unschuldig.



Er sprang auf und streckte sich. „So, mein Freund – und jetzt bring ich dich nach Hause…“
Axel zog die Augenbrauen zusammen: „Nein! Ich hab dir doch gesagt, ich geh nicht mehr nach Hause! Und überhaupt… Ich dachte, wir gehen jetzt in deine Wohnung und essen Nudeln und Pizza? Oder wollen wir vielleicht in die Dungeons?“
Jan schüttelte den Kopf. „Guck mal, es wird schon dunkel. Deine Eltern machen sich bestimmt Sorgen um dich. Du musst nach Hause. Wenn ich dich mit zu mir nehmen würde, dann könnte man mich noch verhaften, weil man denkt, ich bin ein böser Mann, verstehst du?“
„Das würde nie jemand von dir denken!“, behauptete der Junge. „Du hast so liebe Augen.“
Jan lachte.
„Vielleicht machen wir ja irgendwann mal wieder was zusammen?“, fragte Axel hoffnungsvoll.
„Vielleicht.“ Jan klappte sein Portmonee auf und durchsuchte es. „Taxi können wir uns nicht mehr leisten. Ich hab nur noch Geld für die U-Bahn“, stellte er fest.
Also fuhren sie vom Rödingsmarkt zur Hoheluftbrücke. Inzwischen war es wirklich stockfinster geworden, aber in den Schaufenstern blinkte die Weihnachtsdekoration, die Straßenlaternen leuchteten und in fast allen Fenstern war Licht.
„Freust du dich auf Weihnachten?“, fragte Axel.
„Ich glaube schon. Doch, ja, ich freu mich. Ich hab einen Bruder, weißt du, der wohnt in Lüneburg mit seiner Familie. Eigentlich eine nette Familie. Einer der Jungen ist mein Patenkind. Ich werd da nachher mal anrufen. Vielleicht laden sie mich ein.“

„Hast du keine eigene Frau?“
Jan blieb stehen, weil sie jetzt am Haus der Borges angekommen waren. „Wie? Ach so… Ich hatte eine. Die ist weggefahren. Ich glaube, die war auch nicht gut für mich. Hat mich auf blöde Gedanken gebracht, weißt du. Ja, also – dann hab noch einen schönen Abend. War nett mit dir, Axel.“
„Mit dir auch“, sagte der Junge. „Tschüß, Yaya. Bis bald mal…“
Er öffnete die hohe Gartenpforte und hüpfte über den Gartenweg. Die große Kapuze schwebte wie ein Rucksack auf und ab.
Jan hatte jetzt nicht mal mehr Geld für die U-Bahn. Er brauchte wirklich dringend einen Job, nach diesem teuren Nachmittag. Während er sich auf den Weg zu seiner Wohnung machte lachte er ein bisschen vor sich hin und fing dann an, ein Weihnachtslied zu pfeifen.