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"Aus unserer Werft" ist die neue Rubrik zum Jahreswechsel. Kultur-Port.De-Autoren berichten nicht nur über und rezensieren Kultur, sondern produzieren diese selbst.
Dagmar Seifert stellt bei Kultur-Port.De exklusiv eine Ihrer neuen Weihnachtsgeschichten vor: “Das Weihnachtsverbrechen”
Viel Spaß beim Lesen!


„Du bist ein Versager, ganz einfach. Du bringst nichts auf die Reihe, nie. Du hast mir am Anfang so viel versprochen, und nichts gehalten. Wir sitzen immer noch in dieser engen kleinen Bude. Wir können uns keinen Urlaub leisten. Dein Freund Baffi, der macht über Weihnachten mit Mona diese Kreuzfahrt. Mona hat sich zwei neue Abendkleider dafür gekauft – zwei! Eins in Pink und eins in Himmelblau, sie sieht grässlich darin aus, wie eine dekorierte Almkuh. Baffi, der schafft es. Der redet nicht nur!“, sagte Yvonne mit Nachdruck, während sie ihre niedlichen kleinen Zehennägel lackierte.

„Baffi ist ein Krimineller“, verteidigte Jan sich. Aber er sprach leise und unsicher, denn er wusste ja, dass Yvonne eigentlich Recht hatte.
„Ein Krimineller!“, schrie sie und jetzt wurde sie wirklich böse, denn sie feuerte das Nagellackfläschchen in den Papierkorb, obwohl es noch lange nicht leer war. „Ein Krimineller! Du bist so dumm, dass es wehtut, weißt du das? Jeder, der es schafft, ist kriminell. Jeder Manager, jeder große Kaufmann. Solange sie klug genug sind, sich nicht erwischen zu lassen, nennt man es bloß nicht kriminell. Solange sagt man dazu tüchtig oder gewieft!“

Jan war schon öfter aufgefallen, dass Yvonne nicht mehr hübsch aussah, wenn sie böse wurde und herumbrüllte. Sie bekam dann eine ganz spitze Nase und harte Falten neben den Mundwinkeln. Deshalb schaute er sie jetzt lieber nicht an.
„Ja, guck ruhig aus dem Fenster, tu nur so, als ob dich das alles nichts angeht. Ich will dir mal was sagen, mein Lieber, du kannst Weihnachten ruhig alleine verbringen und mal über alles nachdenken. Ich packe sofort und fahr zu meiner Schwester. Und wenn ich im nächsten Jahr vielleicht wiederkomme, dann erwarte ich Ergebnisse. Ergebnisse! Vorschläge und Ideen, die du dann auch umsetzt. Nicht nur Gerede. Oder ich frage Baffi mal, ob er nicht eine Freundin mit einer vernünftigen Figur haben will!“

Gleich danach packte Yvonne wirklich, da sie zu den Menschen gehörte, die nicht nur redeten. Sie stöckelte wütend, den kleinen roten Koffer in der Hand, an Jan vorbei, ohne sich zu verabschieden oder ihm frohe Weihnachten zu wünschen. Gleich darauf hörte er vor dem Haus den Motor ihres Autos aufheulen. Gut, es war nicht zu leugnen, dass sie den Wagen mit in die Beziehung gebracht hatte. Er würde in der nächsten Zeit die U-Bahn oder den Bus nehmen müssen…
Jan seufzte schwer und griff zum Telefon, um zu sehen, ob Baffi sich schon auf Kreuzfahrt befand.
Nein, er war noch da und meldete sich so gereizt und ungeduldig, wie man das von einem tüchtigen, gewieften Mann erwarten durfte.

„Yvonne hat mich gerade verlassen“, berichtete Jan. Damit es dramatischer klang, sagte er nicht, sie wollte nach dem Fest zurückkommen und nach Ergebnissen forschen.
Baffi lachte meckernd. „Du hättest ihr längst mal den Hintern versohlen sollen. Aber natürlich hat sie bei euch die Hosen an, weil sie mehr verdient als du.“
„Ich weiß. Deshalb ruf ich ja an. Baffi, ich brauch wirklich dringend Geld.“
„Gut, komm nachher vorbei, ich kann dir…“
„Nein! Nein, ich will dich nicht anpumpen. Was ich meine, ist…
„Ein Job?“ Baffi kicherte schon wieder. „Welche Art Jobs ich zu vergeben hab, weißt du doch. Da machst du dir doch nur ins Hemd. Und so was wie du wird auch erwischt. Weil du Skrupel hast. Du bist ein Seelchen, Janni. Was du brauchst, ist ein ganz gewöhnlicher Bürojob. Nichts Verbotenes.“
„Ich weiß. Aber damit verdiene ich nicht genug für Yvonne.“
„Ich dachte, die hat dich verlassen?“
„Vielleicht kommt sie ja wieder…“, sagte Jan kleinlaut.
Diesmal lachte Baffi so, dass er sich verschluckte und husten musste. „Also, dann kann ich dir nur zu der Sache mit dem Kind raten, du weißt schon. Da steckt wirklich Geld drin, gerade jetzt zu Weihnachten. Da sind die Leute besonders sentimental. Überleg’s dir. Wenn du’s wissen möchtest, geb ich dir die Daten, also Adresse und so. Dann musst du dich mal beweisen…“

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