Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 830 Gäste online

Neue Kommentare

Hans-Joachim Schneider zu Meine 18. Lange Nacht der Museen in Hamburg: Herrrlisch, würde der Rheinländer in mir sagen....
Wajda Art zu „A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?: Wir suchen nach Enthusiasten der Kinematographie ...
Manfred Köck zu Im Wunderland der Wünsche. Laila Biali: schade, dass sie nicht mit ihren stammmusikern un...
Helmuth Barth zu Thomas Gainsborough – die moderne Landschaft: Vorausschicken möchte ich, dass ich neben Bilder...
Anna Grillet zu „Call Me by Your Name”. Die Sinnlichkeit des Luca Guadagnino: Leider nein, kann die bitterböse ästhetisch bri...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Kultur und Management

Notwendigkeit und Möglichkeit von Selbstbestimmung in der Kunst heute

Drucken
(130 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 16. August 2010 um 10:00 Uhr
Notwendigkeit und Möglichkeit von Selbstbestimmung in der Kunst heute 4.5 out of 5 based on 130 votes.
2. Die Annahme, dass aus der unmittelbaren Anschauung (im Minutentakt) gewonnene und als Privatperson gefällte ästhtische Urteile als Entscheidungsgrundlage ausreichend sind und keiner weiteren intellektuellen Befragung und Begründung bedürfen, sollte aufgegeben werden. Stattdessen käme es darauf an, für die jeweilige Ausschreibung die spezifische Prozedur einer öffentlichen und argumentativen Verhandlung der auszuwählenden künstlerischen Projekte zu konzipieren und zu erproben.

3. Die Teilnehmerinnen an Auswahlverfahren verfügen über wenige Informationen und keinerlei Rechte, was ihnen einen schlechteren Status als jedem Lotterieteilnehmer gibt. Dies wäre durch den transparenten Charakter der Ausschreibungsbedingungen und des Entscheidungsverfahrens zu verbessern. Ausschreibungen sollten nicht nur in Bezug auf die Höhe der finanziellen Zuwendung, sondern vor allem hinsichtlich des Auswahlmodus und der inhaltlichen Zielsetzung untereinander um die Beteiligung an ihnen konkurrieren. Dazu gehörte auch eine Supervision des Verlaufs der selbst gesteuerten Selektionsprozesse.

4. Voraussetzung jeglicher Verbesserung ist die Verwirklichung folgender zentraler Forderung: Während die Künstlerinnen wie ihre Werke bislang lediglich als Objekte in den Auswahlverfahren präsent sind, sollte ihnen ermöglicht werden, auch als Subjekte der Beurteilung zu fungieren. Dazu sollte ihnen im Verfahren Gehör gewährt werden, sodass sie sich etwa zu den Kriterien äußern können, die sie auf sich und ihre Arbeit angewendet sehen möchten. Darüber hinaus wäre ihnen auch die Gelegenheit zu geben, auf kritische Einwände zu reagieren.

Vor allem aber wäre es unerlässlich, dass auch die Bewerberinnen ihren Sachverstand in das Verfahren einbringen und über die Auswahl selbst mitentscheiden können. Die dabei möglichen Interessenkonflikte und das Problem Richter in eigener Sache zu sein, lassen sich zweifellos durch ein geeignetes intelligentes Setting (eine Art Prozessordnung) neutralisieren und durch die Vernunft der Beteiligten minimieren. Um den Entscheidungsprozess sowie das Ergebnis zu optimieren, sollte zusätzlich eine bestimmte Anzahl von Fachleuten, die sich für das jeweilige Förderziel besonders qualifiziert und engagiert haben, ebenfalls mitbestimmen können. Anstelle der bisherigen alleinigen Entscheidungsgewalt einer nach Proporz- und/oder Opportunitätsgesichtspunkten zusammengesetzten Jury, sollten die ausgewiesenen Expertinnen vor allem auch eine fundierende und moderierende Funktion bei der Auseinandersetzung mit den eingereichten Projekten wahrnehmen.
Die allen derartigen Überlegungen zugrunde liegende vermeintlich utopische Zielvorstellung besteht darin, im jeweiligen Verfahren die persönlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für ein derartiges Maß an Wahrhaftigkeit zu schaffen, dass Selektionsentscheidungen möglichst auf der Basis von Prozessen der Selbstauswahl getroffen werden können. Diese ist letztlich das einzig legitime, wirklich akzeptable und wahrscheinlich auch verlässlichste Auswahlverfahren, das so weit als möglich berücksichtigt werden sollte, wenn die Konzeption und Realisierung selbst bestimmter Auswahlverfahren zum Kernbestandteil der künstlerischen Praxis selbst erhoben würde. Um solche künstlerischen Forschungsvorhaben zu fördern, müssten die Verfügungsberechtigten der Kunstpreise, -Stipendien und -Wettbewerbe lediglich andere Prioritäten setzen; die erforderlichen finanziellen Mittel besitzen sie ja bereits.

Anmerkungen:
1 https://www.artinvestzoo6.de/investitionsmarkt-kunst.php
2 Vgl. etwa Lingner, Michael: GEWINNWARNUNG. Über den Artist Pension Trust, Texte zur Kunst, Heft Nr. 61, 16.Jg., März 2oo6, https://ask23.hfbk-hamburg.de/draft/archiv/ml_publikationen/kto6-2.html
3 Siehe: Lingner, Michael / Walther, Rainer: Paradoxien künstlerischer Praxis. Die Aufhebung der Autonomie des Ästhetischen durch die Finalisierung der Kunst, Kunstforum International, 76/1984, http//ask23.hfbk-hamhurg.de/draft/archiv/ml publikationen/kt84-1.htm
4 Gegen ein Authentizitätsideal, das Individualisierung als Optionenvielfalt begreift, stellt Rahel Jaeggi handlungstheoretisch fest: »Man ist überhaupt nur jemand, indem man etwas Bestimmtes und damit anderes nicht tut.« C. Geyer: Beim Tun und Machen. Über die neue Entschlossenheit, Persönlichkeit zu denken. In: FAZ 09.05.2007
5 Kosuth, Joseph: Lehrendes Lernen (ein Gespräch über das
WieWarum<). In ders.: A Room with 23 Qualities. Hamburg/Stuttgart 1992. S.10
6 Kosuth, a.a.O. S.11
7 Kosuth, a.a.O. S.11
8 Lingner, Michael: Analyse der Preisgabe künstlerischer Autonomie und eine Perspektive ihrer Wiedergewinnung. Ein demokratisiertes Jury-Modell
Elm, Ralf (Hg.): »Kunst im Abseits?«. Schriftenreihe der Universität Dortmund, Projekt-Verlag, 2004, Zur Verantwortbarkeit von Eingriffen in die Kulturelle Evolution am Beispiel der Kunstförderung. https://ask23.hfbk-hamburg, de/draft/archiv/ml Publikationen/kt04.-1.html
9 Groys, Boris: Das Werk ist Aussage. Die Rettung der Kunst liegt im Diskurs. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1.8.2002. Groys bezieht
sich dabei auf Artikel von E. Beaucamp zur Förderpolitik der Bundeskulturstiftung in der FAZ vom 22. und 23.7.2002.
10 di Fabio, Udo: Ein großes Wort. Verantwortung als Verfassungsprinzip. In: FAZ vom 2.5.02

Abb.: Gemälde von John Morgan: "The Jury". Quelle: Wikipedia
Michael Lingner ist Professor für Kunst-Wissenschaften an der Hochschule für bildende Künste Hamburg.
Weitere Artikel zu diesem Thema: ask23.hfbk-hamburg.de

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken


 

Home > Blog > Kultur & Management > Notwendigkeit und Möglichkeit von Selbstbest...

Mehr auf KulturPort.De

Die Kunst Schmuckstücke zu fertigen – Babette von Dohnanyi
 Die Kunst Schmuckstücke zu fertigen – Babette von Dohnanyi



Der Vater ein bekannter Politiker, der Onkel ein international renommierter Dirigent. Man sollte meinen, auf Babette von Dohnanyi (52) würde ein enormer Erfolgs [ ... ]



Aspekte Festival 2018 – frozen gesture
 Aspekte Festival 2018 – frozen gesture



Welche kulturellen Spartenschubladen haben wir im Kopf? Wo ist der urbane, kulturelle Humus zu finden? Wieviel Bereitschaft zeigt Publikum für Entwicklungsphase [ ... ]



Meine 18. Lange Nacht der Museen in Hamburg
 Meine 18. Lange Nacht der Museen in Hamburg



...beginne ich, indem ich mit meinem Navi streite. Das tut so, als wüsste es nicht von der traurigen Tatsache, dass es in dieser Stadt mehr Baustellen als Kultu [ ... ]



Yvonne von Schweinitz: Syrien – Fragmente einer Reise. Fragmente einer Zeit
 Yvonne von Schweinitz: Syrien – Fragmente einer Reise. Fragmente einer Zeit



Wie nähert man sich in einer Fotoausstellung einem Land, deren Menschen tagtäglich durch Gewalt sterben, auf der Flucht, im Exil, traumatisiert sind, deren mat [ ... ]



„A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?
 „A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?



Lynne Ramsay inszeniert ihre virtuosen Thriller-Impressionen als Exkursion in die Abgründe der Seele.
Ein Auftragskiller ist Joe (Joaquin Phoenix) nicht, er t [ ... ]



Günter Grass-Haus Lübeck: George Bernard Shaw und die Fotografie
 Günter Grass-Haus Lübeck: George Bernard Shaw und die Fotografie



George Bernard Shaw (1856-1950) ist vor allem bekannt für sein dramatisches Werk, das über 50 Theaterstücke umfasst. Doch der Künstler hat sich zeitlebens in [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.