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Kultur, Geschichte und Management

Notwendigkeit und Möglichkeit von Selbstbestimmung in der Kunst heute

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Montag, den 16. August 2010 um 09:00 Uhr
Notwendigkeit und Möglichkeit von Selbstbestimmung in der Kunst heute 4.5 out of 5 based on 130 votes.
1. Keine der JurorInnen muss sich für die gefällten Entscheidungen verantworten.
Werden Jurymitglieder nach einer Begründung für ihre Entscheidungen gefragt, so verweisen sie auf ihre vermeintliche Verschwiegenheitspflicht. Dabei gibt es meist gar nichts zu verschweigen, weil auch in den Auswahlsitzungen die Entscheidungen selten begründet werden. Die Standardausrede dafür lautet, dass man sich ja auf keinen Fall ein Urteil über Kunst erlauben möchte, da dies doch heute gar nicht mehr möglich sei. Erörterungen der künstlerischen Qualität werden mit Hinweisen darauf unterbunden, dass man solche Diskussionen für anmaßend halte und deshalb natürlich auch sich selbst dazu nicht berufen fühle; zudem sei man schließlich nicht in einem philosophischen Seminar.

2. Als entscheidendes Auswahlkriterium gilt der tatsächliche oder vermeintliche Erfolg einer Sache.
Im Zeichen der Ökonomisierung reduzieren sich die - gleich ob von Staat oder Wirtschaft - an die Kunst gerichteten Ansprüche, Interessen und Erwartungen auf die eine entscheidende Frage: Bringen sie materiell oder symbolisch einen messbaren (Geld- oder Geltungs-) Gewinn ein? Diesem ökonomistisch verkürzten Zweck- und Prestigedenken werden alle qualitativen Aspekte der Kunst untergeordnet oder angepasst. Die allseits verbreitete und devote Übernahme von solchen sachfremden Gesichtspunkten entzieht - mehr oder weniger unabhängig von den gerade agierenden Personen - ganz zwangsläufig jeglichen fachspezifischen Diskursen den Boden. Die Jurorinnen agieren letztlich wie Lobbyisten, und alle Ansätze des Argumentierens dienen anstelle einer möglichst sachgerechten wie unabhängigen und wirklich (ergebnis-) offenen Entscheidungsfindung und -begründung der nachträglichen Rationalisierung des vorab Gewussten und Gewollten.

3. Es wird zumeist das gefördert, was der Förderung wahrscheinlich am wenigsten bedarf.
Wenn der Grundsatz für vernünftig gehalten wird, dass , so werden Sinn und Zweck von Kunstförderung durch die praktizierten Auswahlverfahren geradezu pervertiert. Denn während es besonders angesichts knapper Mittel geboten wäre, die Qualitätsdiskussion über deren Vergabe auf solche Kunstentwürfe zu konzentrieren, »die bedroht sind und ohne eine solche zusätzliche Förderung untergehen würden« (9), ist eben der feste Vorsatz verbreitet, möglichst das zu finden und zu fördern, was bereits »erfolgreich« ist oder zu werden verspricht. Da sich indes genau diese Kunst am ehesten über den Verkauf finanziert, degradieren sich Jurys zu Zulieferungsagenturen für den Markt. Eine solche - vielfach mit öffentlichen Mitteln betriebene - Kunstförderung ist dann tatsächlich primär Wirtschaftsförderung.

Diese relativ deprimierende Diagnose erzwingt geradezu die Frage nach den Möglichkeiten einer grundsätzlichen Veränderung der überkommenen Jurierungsrituale: Wie wären Auswahlprozesse zu organisieren, in denen auch eine tatsächlich förderungsbedürftige Kunst sich als förderungswürdig erweisen könnte? Oder anders gefragt: Wie ist die notorische Benachteiligung bzw. Unterdrückung tatsächlich innovativer, also alternativer, radikaler und konsequenter künstlerischer Arbeitsansätze zu verringern, sodass diese für die kulturelle Evolution gleichsam unverzichtbaren »Mutanten« nicht eliminiert werden?

Zur Rechtfertigung der skandalösen Jurierungspraktiken verweist man gerne auf den im Unterschied zum Kuratorenmodell immerhin demokratischen Charakter der gängigen Jurierungspraxis. Damit wird nicht nur betont, dass jeder Urteilsspruch natürlich auf einem Mehrheitsvotum basiert, sondern zugleich wird auch das Entscheidungskriterium »Erfolg« als durch und durch demokratisch dargestellt. Indes ist ein allein auf das Mehrheitsprinzip und damit auf den Mainstream fixiertes Demokratieverständnis allemal in einem hochspezialisierten gesellschaftlichen Teilbereich wie der Kunst primitiv. Statt der einmaligen, einsamen und endgültigen mehrheitlichen Willensentscheidung müsste die zuvor in den gesellschaftlichen Gruppen und Subsystemen zu organisierende Willensbildung wieder ins Zentrum der Demokratisierungsversuche rücken.

Dabei sind alle Anstrengungen darauf zu richten, dass die Willensbildung in allen Phasen und in jeder Hinsicht sich im erweiterten Verständnis höchst demokratisch vollziehen kann und das Recht sowie das Vermögen aller Beteiligten zur Selbstbestimmung stärkt. Erst unter dieser Voraussetzung wird es wahrscheinlicher, dass die in Auswahlverfahren fachlich geforderte Unabhängigkeit und moralisch gebotene Verantwortung auch tatsächlich aufgebracht wird.

Doch nicht nur für die Steigerung der Professionalität und Seriosität, sondern insbesondere für die Zurechenbarkeit individueller Verantwortung, ohne die jede Selektionsentscheidung eine Farce wäre, ist Selbstbestimmung unabdingbar. »Das Grundgesetz verwendet denn auch die Begriffe Verantwortung und Entscheidungsfreiheit synonym...«, während »... sich Politiker und Gesetzgeber angewöhnt haben, von Eigenverantwortung anderer zu reden, und damit nicht selbst bestimmte Freiheit, sondern im Gegenteil die Erfüllung fremd gesetzter Pflichten meinen« (10), so der Richter am Bundesverfassungsgericht Udo di Fabio.

Wie also sind Auswahlverfahren derart als demokratische Institute der freien, offenen Willensbildung zu organisieren, damit nicht nur ihre Qualität und Legitimität, sondern auch ihre Akzeptanz und Glaubwürdigkeit erhöht wird?

1. Auswahlverfahren sollten nicht bloß auf das Ergebnis fixiert sein, sondern die Art und Weise wie sie praktiziert werden, wäre als mindestens ebenso wichtig anzusehen und ein adäquates Maß an Zeit und Geld hierfür zu investieren. So sollte etwa die bezweckte Förderung sich nicht erst als Ergebnis des abgeschlossenen Auswahlverfahrens für verschwindend wenige der Bewerberinnen ausschließlich in Form finanzieller Zuwendungen realisieren. Vielmehr wäre anzustreben, dass sowohl materiell (etwa durch angemessene Erstattung der aufgewendeten Bewerbungskosten) als auch ideell (etwa durch intensive Diskussion der eingereichten Arbeitsproben) auch im Auswahlprozess selbst möglichst viele bereits profitieren können, statt nach dem Prinzip »the winner takes it all« zu verfahren.


 
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