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Kultur, Geschichte und Management

Notwendigkeit und Möglichkeit von Selbstbestimmung in der Kunst heute

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Montag, den 16. August 2010 um 09:00 Uhr
Notwendigkeit und Möglichkeit von Selbstbestimmung in der Kunst heute 4.5 out of 5 based on 130 votes.

Dass sich Künstlerinnen selbst an der andauernden Verwertung von Kunst beteiligen, ohne das Metier zu bereichern, ist nicht in erster Linie ein moralisches, sondern vor allem ein kulturelles Problem. Denn der Fundus künstlerischer Formen und Ideen wird dadurch ausgeplündert und aufgebraucht, sodass sich das Potenzial der Kunst als kulturelle Kraft verliert und schließlich ihre Fortsetzbarkeit in der bisherigen geistigen Tradition äußerst unwahrscheinlich wird. Die mit postmoderner Kettenbriefmentalität betriebene Verwertung der Kunst führt zu deren ultimativer Entwertung und ist alles andere als nachhaltig zu nennen.

Auf die Frage, was einem als Künstlerin denn sonst zu tun übrig bliebe, als sich in vermeintlicher Notwehr den falschen Verhältnissen irgendwie anzupassen, gibt es zwei mehr oder minder nahe liegende Vorschläge:

Für einen ersten Schritt zur Überwindung des Dilemmas genügte eigentlich schon der zwar nicht leicht, aber sofort ausführbare Entschluss, den Teufelskreis der künstlerisch ohnehin zum Scheitern verurteilten gegenseitigen Instrumentalisierungsversuche von Kunst und Kapital zu durchbrechen. Dazu ist nicht mehr und nicht weniger erforderlich, als auf die Zuwendung von Finanzmitteln und/oder von Anerkennung zu verzichten, wenn das von der dann nur pseudokünstlerisch zu erbringenden Erfüllung kunstfremder Absichten und Zwecke abhängig gemacht wird - Selbstbestimmung gibt es nun mal nur durch Selbstbeschränkung. (4)

Zur Verwirklichung dieses guten Vorsatzes kann die Einsicht verhelfen, dass es auch mit unfreier Kunst höchst unwahrscheinlich ist, sich aus finanziellen Nöten zu befreien. Des Weiteren hat auch die ersehnte Anerkennung nur einen sehr relativen Wert hat, da ungewiss bleibt, ob sie bloß der Servilität oder aber der künstlerischen Originalität gilt. Keine extrinsisch motivierte künstlerische Praxis auszuüben befördert zudem die unabdingbare individuelle Klärung, ob dem eigenen Kunstschaffen tatsächlich eine echte eigene Notwendigkeit zugrunde liegt. Andernfalls wäre es ratsamer, sich gleich einem leichteren und lukrativeren Geschäftsfeld als der Kunst zuzuwenden. Sich der Indienstnahme von Kunst für kunstfremde Interessen zu enthalten ist durchaus als eine Form des (indirekten) politischen Handelns in der Kunst anzusehen. Es ist allemal »ein viel stärkerer politischer Akt als das symbolische >Ausspielen< beim Verwenden politischer Inhalte innerhalb eines Kunstwerkes« (5) Etwas Politisches lediglich zum Inhalt, Thema oder Sujet von Kunst zu machen, wie es auf hohem Niveau etwa Hans Haacke tut, trägt nur dazu bei, »die formalistischen Voraussetzungen von Kunst zu verstärken«. (6) Statt gegen irgendeinen der unzähligen Polit-Skandale in Aktionismus zu verfallen, setzt »die politische Verantwortung... damit ein, dass der Künstler die Beschaffenheit von Kunst selbst hinterfragt«. (7)

Solche Fragen sollten sich einerseits auf die individuelle Sinnhaftigkeit des künstlerischen Tuns richten, andererseits auf dessen allgemeine gesellschaftliche Bedingungen. Ein zweiter Schritt, etwas Richtiges zu tun, bestünde dann als direkt politisch intendierte Kunstpraxis darin, an der Veränderung der institutionellen Verfassung des Kunstsystems mitzuwirken. Wenn größtmögliche Autonomie als die atmosphärisch und funktional wünschenswerte Qualität des Kunstsystems angesehen wird, ginge es darum, dass Künstlerinnen für ihre eigenen Organisationsformen sich selbst über Regeln verständigen, sie sich setzen und auch anzuwenden bereit sind.

Die experimentelle Erprobung solcher Regel-»Werke« wäre als ein konstitutives Moment künstlerischer Praxis zu begreifen und könnte eine Alternative zu den kommerzialisierten institutionellen Rahmenbedingungen von Kunst schaffen. Die Wahrnehmung dieser Aufgabe würde das Bestehen einer Off-Szene nicht nur glaubwürdig legitimieren, sondern auch die gerade in der Alternativszene vorherrschende Gesetzlosigkeit mit ihren negativen Folgen der Desorganisation und Desorientierung zu überwinden helfen. In Zeiten forcierten Konkurrenzverhaltens und reduzierter Kulturbudgets wäre dabei ein besonderes Augenmerk auf die demokratische Selbstorganisation von beispielhaften Auswahl- und Vergabeverfahren zu richten, da sie für die Beschaffenheit des Kunstsystems konsumtiv sind.

II. MÖGLICHKEIT
Alle individuellen künstlerischen Entscheidungen, und allemal die selbst bestimmten, werden einer nachträglichen Bewährungsprobe unterworfen, die aber auch vor jeder künstlerischen Praxis als Horizont immer schon präsent ist. Dabei handelt es sich um das Bewusstsein, dass Auswahlprozesse unvermeidlich sind, damit eine Arbeit die private Sphäre verlassen und zu einem öffentlichen Faktor im Kunstsystem werden kann.

Dieses hässliche Faktum, dass man auch und gerade in der Kunst nicht um Selektionen herumkommt, wird möglichst bagatellisiert, tabuisiert oder ironisiert. In der Regel lässt man dieses für schmutzig gehaltene Geschäft von irgendwelchen für konform gehaltenen Jurys erledigen und zu einem »Moderationsprozess« verklären. Unter den heutigen sozioökonomischen Bedingungen geht es dabei nicht mehr um die Verteilung von Anerkennung, sondern um die Verteilung von Existenzchancen, nämlich als Künstlerin weiterleben und -arbeiten zu können - oder eben nicht.

An anderer Stelle (8) findet sich eine ausführlichere Auseinandersetzung mit der Juryproblematik, weswegen ich mich hier in pragmatischer Absicht zuerst auf drei wesentliche Kritikpunkte beschränke und dann einige Verbesserungsvorschläge mache, die darauf zielen, die Selektionsbedingungen strukturell zu verändern:


 
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