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Hamburger Architektur Sommer 2019

Kultur, Geschichte & Management
150 Jahre Hamburger Kunsthalle Historische Postkarte Foto Christoph Irrgang

Die Hamburger Kunsthalle feiert ihren 150. Geburtstag kommendes Wochenende (31.8./1.9.2019) mit einem „Fest für uns alle“ bei freiem Eintritt, sowie vier neuen Ausstellungen.
„Ein Bürgerhaus, tief verankert in der Stadtgesellschaft“. So charakterisiert Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda die Hamburger Kunsthalle. Auch für ihn ist dieses Jubiläum ein ganz besonderes. Zum Ersten, weil der neue Direktor Alexander Klar (er leitete zuvor das Museum Wiesbaden) spürbar frischen Wind in dieses „demokratische Haus“ bringt und sich darauf freut, es künftig auch für andere Künste zu öffnen. Zum Zweiten, weil rund tausend ausgestellte Werke ab sofort online über die Website verfügbar sind. Und zum Dritten, weil die Entstehungsgeschichte der Hamburger Kunsthalle so besonders ist.

Gruendungsbau Hamburger KunsthalleDa hatte sich 1869 kein König einen Repräsentationsbau hingestellt, die besten Werke seines Landes zusammentragen lassen, um die „Grandezza seiner Herrschaft“ (Brosda) zu demonstrieren. Nein, hier hatten sich vielmehr engagierte Bürger Hamburgs zusammengefunden und ihre privaten Sammlungen gestiftet, um die „Bildung für breite Kreise“ im Sinne des Gründungs-Direktors Alfred Lichtwark voranzubringen, wie Ekkehard Nümann, Vorsitzender der Freunde der Kunsthalle, ergänzte.

Heute, 150 Jahre später, ist die Hamburger Kunsthalle eines der führenden Museen Deutschlands mit großartigen Sammlungsbeständen, insbesondere auf dem Gebiet der Romantik (Runge, Caspar David Friedrich) und der Alten Meister. Damit möglichst viele Menschen davon profitieren, haben die Freunde der Kunsthalle den Eintritt am Jubiläums-Wochenende spendiert.

Und man wird wohl auch ein ganzes Wochenende brauchen, um das reichhaltige Programm „abzuarbeiten“. Damit sind nicht nur die vielen Veranstaltungen gemeint, Musik, Tanz und Food-Tracks auf der Museums-Insel. Damit sind in erster Linie die neuen Ausstellungen gemeint, die das breite Spektrum des Hauses spiegeln. So beteiligt sich das Kupferstichkabinett mit einer exorbitanten Rembrandt-Schau von rund 80 Radierungen – nicht zuletzt, weil sich der 350.Todestag des Niederländers in diesem Oktober jährt. Gezeigt wird eine Auswahl an Selbstbildnissen, Porträts, Akten, biblische Szenen und Landschaften. Was nur wenige wissen: Die Hamburger Kunsthalle verfügt über die besten Rembrandt-Radierungen weltweit, einen Schatz von mehr als 350 Blättern. Zu verdanken ist er dem Hamburger Kunsthändler und -sammler Georg Ernst Harzen (1790-1863), der seine Kollektion 1863 per Testament der Stadt vermachte – zur Gründung der Hamburger Kunsthalle, wohlgemerkt.
Harzens Schenkung ist nur ein Beispiel für den Bürgersinn und die Großzügigkeit der Hanseaten, die im Hubertus-Wald-Forum – benannt nach einem weiteren Stifter – ausführlich gewürdigt wird. Hier versammelt eine Ausstellung unter dem Titel „Beständig. Kontrovers. Neu. – Blicke auf 150 Jahre“ in einem ihrer vier Themenkomplexe eine ganze Wand bedeutender Mäzene der Stadt, unter ihnen die Sammler Nicolaus Hudtwalcker (1826-1889), Emmy Ruben (1898-1972) und Harald Falckenberg (geb. 1943).

Alexander KlarWährend diese Ausstellung mit sehr vielen Zahlen, Fakten, O-Tönen und Forschungsergebnissen die bisherige Geschichte der Hamburger Kunsthalle akribisch mit allen ihren Aufs und Abs dokumentiert, sind die beiden anderen Jubiläums-Ausstellungen, „100 Jahre Hamburgische Sezession – Begegnungen in der Sammlung“ im Altbau der Kunsthalle, sowie „Unfinished Stories – Geschichten aus der Sammlung“ , im Sockelgeschoss der Galerie der Gegenwart, auf das sinnliche Erleben ausgerichtet.

„Familienbande“, „Freiheit und Gewalt“, „Grenzen der Macht“ sind nur drei von 11 Kapiteln, unter denen „Unfinished Stories“ der Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Der haushohe Maschendrahtzaun der amerikanischen Künstlerin Cady Noland beispielsweise, ein Geschenk an die Hamburger Kunsthalle vor rund 20 Jahren, wirkt wie ein aktueller Kommentar zur Abschottungspolitik Europas. Wüsste man es nicht besser, könnte man es glatt für ein (vom Stacheldraht befreites) Stück Grenzzaun der spanischen Enklave Ceuta in Marokko halten. Bei aller erzählerischen Kraft der Kunst zeigt diese Ausstellung aber auch, was für interessante und wegweisende zeitgenössische Werke die Hansestadt besitzt. Es ist ein Genuss, Gerhard Richters Familienbilder mal wieder so konzentriert zu sehen, das Video „Breathing in, Breathing Out“ , Marina Abramovi´cs Kuss-Performance mit Ulay von 1974. Oder das Gemälde-Puzzle von Felix Gonzalez-Torres (Klaus Barbie as a Family Man).

Die vierte Ausstellung aber ist wohl die überraschendste im Jubiläums-Reigen – gerade, weil der Titel „100 Jahre Hamburgische Sezession“ das nun wirklich nicht verrät. Karin Schick, Leiterin der Sammlung Klassische Moderne, hat es jedoch geschafft, den Werken der Sezessionisten – für treue Kunsthallen-Besucher alles gute alte Bekannte - tatsächlich einen neuen Blick abzugewinnen. Ihr „Trick“: Sie hat rund 40 Gemälde und Skulpturen von mehr als 30 Mitgliedern der Sezession in den besehenden Rundgang der Klassischen Moderne eingefügt. Mit Munch oder Kirchner, mit Beckmann oder Barlach konfrontiert. Und als ob ein Schleier von den Augen gezogen wird, erkennt man mit einem Mal, was für starke Künstler*innen das waren. Dass Dorothea Maetzel-Johannsens „Zwei Akte mit Mondsichel“ (1919) beispielsweise ohne Probleme neben Ernst Ludwig Kirchner oder Karl Schmidt-Rottluff bestehen kann, ja sie sogar noch in den Schatten stellt. Es wird augenfällig, wie intensiv sich die Sezessionisten mit Edvard Munch auseinandersetzten und seine Malweise in eine moderne Bildsprache übersetzten. Bestes Beispiel ist hier Karl Kluths „Akt auf rotem Sofa“ (1933), der von weitem wie eine abstrakte Form, ganz ähnlich Max Bills „Rhythmus im Raum“, wirkt. „Nicht alle waren Avantgarde“, so Karin Schick, aber sie als „Lokalgrößen“ zu bezeichnen, hieße sie kleinzureden. Manchmal, sagt Schick, habe sie den Eindruck, „die Hamburger wissen gar nicht, was sie da eigentlich alles in der Kunsthalle haben“.

Das kommende Wochenende ist die beste Gelegenheit, die Kunstschätze (wieder) zu entdecken.

Hamburger Kunsthalle feiert 150. Geburtstag

Drei neue Ausstellungen, vielfältiges Veranstaltungsprogramm, Onlinestellung über 1.000 Werke und freier Eintritt zum Fest »für UNS ALLE«
Zu sehen bis 10. Nov 2019 in der Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall, 20099 Hamburg
Das Jubiläumsausstellungs-Projekt wird in einer Publikation dokumentiert, deren Erscheinen zum Jahresende 2019 geplant ist.
Weitere Informationen
31. August (10 Uhr bis open end) und 1. September (10 bis 18 Uhr) – Auftakt am 30. August um 19 Uhr

Am 31. August und am 1. September 2019 veranstaltet die Hamburger Kunsthalle ein großes Fest zu ihrem 150-jährigen Jubiläum und lädt alle Hamburger*innen und Gäste der Stadt zu einem vielseitigen Programm kostenlos dank einer großzügigen Förderung der Freunde der Kunsthalle e.V. ein. Dem Jubiläumsmotto »für UNS ALLE« folgend, wird inmitten der Sammlungspräsentation und der Ausstellungen, im Werner-Otto-Saal, in der Museumsgastronomie DAS LIEBERMANN und im THE CUBE sowie auf dem Außengelände 150 Jahre Kunsthalle gefeiert: Führungen, Projektionen, Gespräche, Lesungen, Klangsphären, Tanzaktionen, Filmvorführungen, Food-Trucks, ein Kinder- und Familienprogramm sowie eine Party bis spät in die Nacht werden geboten. Bereits am 30. August 2019 werden drei neue Ausstellungen als Auftakt zum Jubiläumswochenende in einer Gesprächs-runde um 19 Uhr mit allen Kurator*innen der Hamburger Kunsthalle eröffnet.

YouTube-Video:
Trailer zur Jubiläumsausstellung »Beständig. Kontrovers. Neu.«


Abbildungsnachweis:
Header: Historische Postkarte, „Kunsthalle am Hauptbahnhof“, nach 1919. © Hamburger Kunsthalle. Foto: Christoph Irrgang
Fotos:

- Gründungsbau der Hamburger Kunsthalle, vor 1886. © Hamburger Kunsthalle
- Dr. Alexander Klar, Direktor der Hamburger Kunsthalle /PR Kulturbehörde

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