Neue Kommentare

Harry zu „Otto. Die Ausstellung“: OTTO ist großartig. Ich wusste nicht, dass er ei...
Alex zu Film Festival Cologne - Von starken Spielfilmdebüts und schwächelnden Stars: Wer bist du? Halten Sie Ihre Meinung besser, wenn...
Emanuel Ackermann zu „Werk ohne Autor” – Oder die Alchemie der Kreativität : Bisher habe ich nur Schlimmes über den Film gele...
Richard Voigt zu Offener Brief führender Grafikdesigner*innen fordert die Stiftung Buchkunst heraus: Lehrauftrag verfehlt?
Die Professores such...

Herby Neubacher zu Es läuft und läuft und läuft: 15 Jahre „Heiße Ecke“ im Schmidt's Tivoli: Rund 42000 Kondome, 25 000 Würstchen, 16800 Wasc...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Kultur und Management

„Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte“ – Eine Zeitreise in das Mittelalter

Drucken
(86 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 20. Juli 2018 um 09:29 Uhr
„Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte“ – Eine Zeitreise in das Mittelalter 4.3 out of 5 based on 86 votes.
„Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte“ – Eine Zeitreise in das Mittelalter

Einer der berühmtesten Chronisten des Mittelalters war Thietmar von Merseburg (975-1018). Unter den römisch-deutschen Kaisern Otto III. bis zu Heinrich II. war er Bischof von Merseburg.
Sein Lebenswerk, eine achtteilige Chronik aus dem 10. und frühen 11. Jahrhundert, die jetzt zum ersten Mal in der Stadt Merseburg ausgestellt ist, gehört zu den bedeutendsten Geschichtswerken des Mittelalters in Europa. Die Chronik erzählt vom Alltagsleben der Menschen, ihrem Glauben, Denken und Fühlen. Aber auch vom ottonischen Zeitalter, von den politischen und religiösen Kämpfen im deutsch-slawischen Siedlungsraum.

Thietmar war es, der das mittelalterliche Leipzig, das kleine „urbs libzi“ erstmals in seiner Chronik erwähnte. Nur deshalb konnte die ehemalige slawische Siedlung am Ufer der Parthe 2015 seine Tausendjahrfeier veranstalten.

Bis zum 4. November 2018 zeigen die Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und das Kollegiatstift Zeitz eine historische Ausstellung mit den wertvollen Handschriften. Anlass für die Schau ist der 1000. Todestag des Bischoffs sowie das diesjährige Jubiläum „25 Jahre Straße der Romanik“. Zu den Attraktionen gehört der Merseburger Dom, eines der ausdrucksvollsten Bauwerke in der einstigen Pfalz- und Bischofsstadt, dessen Grundstein im Mai 1015 durch den Bischof Thietmar von Merseburg gelegt wurde.
Insgesamt präsentiert die Schau rund 120 Exponate auf 400 qm Ausstellungsfläche, darunter Leihgaben aus dem In- und Ausland wie ein Weihwassereimer aus dem Mailänder Domschatz und einen Elfenbeinring mit Jagddarstellung. Dazu gehören Seiten der Originalchronik, die heute in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden archiviert sind.
Wer jedoch war Thietmar von Merseburg – er stammte aus dem Adelsgeschlecht der Grafen von Walbeck, die in der Nähe von Helmstedt lebten. Geboren im Juli 975 war er als nachgeborener Sohn für die kirchliche Laufbahn bestimmt. Er genoss eine hervorragende Ausbildung in Quedlinburg und Magdeburg, empfing 1004 mit 29 Jahren die Priesterweihe. Vier Jahre später wurde er von Heinrich II. zum Bischof ernannt, erhielt das Bistum Merseburg als Bischofssitz, das der ottonische Kaiser 1004 wiederhergestellt hatte und das Thietmar nun durch Schenkungen zu vergrößern suchte. Zwischen 1012 und 1018 begann er mit der Niederschrift seiner Chronik. Er berichtet in acht Büchern über politische und kirchliche Ereignisse.

Er selbst beschreibt sich in seiner Chronik wie folgt: „Nun sieh dir doch den vornehmen Herrn an, lieber Leser! Da siehst du in mir ein kleines Männlein, die linke Wange und Seite entstellt, weil hier einmal eine immer noch anschwellende Fistel aufgebrochen ist. Meine in der Kindheit gebrochene Nase gibt mir ein lächerliches Aussehen. Doch über das alles würde ich gar nicht klagen, hätte ich innere Vorzüge… Ich bin ein Elender, sehr jähzornig und unlenksam zum Guten, von neidischem Charakter; ich verhöhne andere, und verdiene doch selbst Spott; ich bin ein Schlemmer und Heuchler, ein Geizhals und ein Verleumder… Ein Jeder ist befugt, es laut heraus zu sagen, dass ich ein Sünder bin. […] Mein Wille ist bisweilen gut…“ Nicht sehr selbstschmeichelnd.
Sollte das der berühmte Bischof und Chronist, der die Geschichte des Bistums Merseburg schrieb sein, der Kriege führte gegen Normannen, Sachsen und Polen um die sorbischen Gebiete zwischen Elbe und Oder sowie die Christianisierung der slawischen Stämme östlich der Elbe vorantrieb?
Als Bischoff mit verwandtschaftlichen Beziehungen zum Kaiserhof, war Thietmar bestens über die Ereignisse seiner Zeit informiert. Er saß sozusagen an der Quelle, beschreibt gut informiert und sehr detailliert die Reichsgeschichte, aber auch den höfischen Klatsch und Tratsch. Seine Chronik dient bis heute als Quelle für die gesellschaftlichen Machtkämpfe zwischen Adel, Klerus und der Dynastie der Ottonen.

Die Ausstellung beginnt in der Curia Nova (Willi-Sitte-Galerie), einer ehemaligen Domherrenkurie. Hier trifft der Besucher auf einige Originalblätter der Chronik aus der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden. Zwar sind etliche Seiten durch kriegsbedingte Zerstörungen stark geschädigt, aber der Besucher kann an einem modernen Touchscreen-Monitor im Faksimile der Chronik blättern oder sie seitenweise und themenbezogen lesen.

Die weiteren Ausstellungsräume sind den einzelnen Büchern der Thietmar‘schen Chronik gewidmet, von denen jedes Kapitel einen der Herrscher der Ottonen und die Besonderheiten seiner Zeit charakterisiert. In der Bischofskapelle des Merseburger Doms kann die Grablege Thietmars besichtigt werden. Die Ausstellungsräume in der Südklausur erzählen die Familiengeschichte des Protagonisten und verherrlichen sein bischöfliches Amt. Im Kreuzgang des Merseburger Doms kann der Besucher sich ein Bild von Thietmar machen. Als lesende Brunnenfigur, angetan im bischöflichen Ornat, steht der Kleriker dem Besucher gegenüber.
Der Besucher taucht ein in die Welt des mittelalterlichen Menschen, die aus der Verbindung von Text und Ausstellungsobjekten visuell entsteht. Ein Schmuckstück ist die Goldene Altartafel, das sogenannte Basler Antependium (Kopie), eine Schenkung von Heinrich II. an den Merseburger Dom.

Der Bischof erlebte die Entstehung des christlichen Europas. Er wurde Zeuge von Kaiserkrönungen, prachtvollen Hoftagen und kirchlichen Festen, er erlebte Religionskriege zwischen Heiden und Christen, Intrigen und Machtkämpfe der Herrschenden. Geschickt verwob Thietmar alltägliche Szenen mit den Sitten und Gebräuchen fremder Völker, aber auch mit Geistererscheinungen, Naturphänomenen und Traumbildern. Er erzählte von Heinrich I., dem Begründer der ottonischen Dynastie und Gründer des Bistum Merseburg, von Otto I. bis III. und Heinrich II., den bekanntesten Kaisern aus der Dynastie der Ottonen. Er berichtete aber auch von den Glaubensvorstellungen der einfachen Menschen, von den slawischen Göttern und Götzen, der Urbanisierung des Landes, von Hungersnöten und Gefahren sowie private Alltagsgeschichten, wie die von den Wikingern, welche die Küsten und Flüsse Europas unsicher machten, und seine Familienangehörigen raubten.

Warum schrieb der Merseburger Bischof eine Chronik? Vielleicht um sich und das Geschlecht derer von Waldeck heraus zu heben, denn Merseburg war unter der Dynastie der Ottonen das politische und religiöse Zentrum des Reiches. Die Kaiser und Könige bezogen die Kirche in die Regierung ein, indem sie den Bischöfen weltliche Herrschaftsrechte übergaben. Und im Gegenzug erwartete der jeweilige Herrscher vom eingesetzten Bischof Unterstützung und Hilfe gegen innere und äußere Feinde. „Wer immer mit einem bedeutenden Werke hervortritt, erhofft sich davon Nutzen für Gegenwart und Zukunft, je nach Geschick und Begabung möglichst große Verbreitung der ihm anvertrauten Dinge und ihre Überlieferung zu immerdar lebendigem Erinnern“, so Thietmar von Merseburg.

Nach dem Historiker Helmut Lippelt, ging es dem Kirchenmann aber in erster Linie um die eigene Memoria, um das Gedenken an ihn. Und um die Angst, als Bischof und Mensch in Vergessenheit zu geraten. Die Chronik sei ein wichtiges Zeugnis für den privilegierten Lebensstil eines adligen Klerikers, der im Namen der Kirche die brutale Missionierung der Ottonen gegenüber der heidnischen Bevölkerung der Normannen und Dänen sowie der Elbslawen absegnete. Dabei betonte er immer wieder die militärischen Verdienste des Kaisers im nordwestslawischen Siedlungsgebiet und die Bekehrung der Heiden mit Waffengewalt zum Christentum. Thietmar forderte daher für seine Leistungen als Bischof ein angemessenes Gebetsgedenken ein.

Bischof Thietmar starb 1018 im Alter von 43 Jahren und wurde im Merseburger Dom beigesetzt.

„Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof schreibt Geschichte“

Die Sonderausstellung ist vom 15. Juli bis 4. November 2018 im Merseburger Dom, Domplatz 7, 06217 Merseburg und in der Curia Nova (Willi-Sitte-Galerie), Domstraße 15, 06217 Merseburg zu besichtigen.
Die Öffnungszeiten sind täglich von 9 bis 18 Uhr
Audioguides führen durch die Ausstellung.
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Header: T-Initiale mit eigenhändig eingetragenem Gebetswunsch Thietmars, Merseburg, Domstiftsbibliothek, Cod. I, 129. © Vereinigte Domstifter/F. Matte
Galerie:
01. Thietmar-Brunnenfigur im Kreuzhof des Merseburger Doms. © Vereinigte Domstifter/F. Boxler
02. Erste Seite der Originalchronik Thietmars von Merseburg, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Msrc.Dresd.R.147, Blatt 1v und Blatt 4r.
© Deutsche Fotothek/Regine Richter, Lizenz: CC-BY-SA 4.0 International
03. Heiliger Gregor mit den Schreibern, Kunsthistorisches Museum Wien. © KHM Museumsverband
04. Tamdrup-Tafel mit der Taufe von Harald Blauzahn, The National Museum of Danmark. © The National Museum of Danmark
05. Holzidol von der Fischerinsel. © LAKD M-V (Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern), Foto: S. Suhr
06.
Windfahne vom Schiff (altnordisch: verviti ), Kirche von Heggen, Norwegen, um 1000-1050 © 2018 Kulturhistorisk museum, UiO/ CC BY-SA 4.0. Foto: Ellen C. Holte
07. Fragment eines Olifanten, Inv.-Nr. MA 165, Foto Nr. D70087. © Bayerisches Nationalmuseum München, Foto: Bastian Krack
08. Bischofskapelle mit Grablege Thietmars (links unten) im Merseburger Dom. © Vereinigte Domstifter/Foto Kreil
09. Außenansicht des Merseburger Doms. © Vereinigte Domstifter/F. Matte
10. Mantel Kaiser Ottos des Grßen, sog. Ottomantel, im Ausstellungsraum in der Südklausur am Merseburger Dom. © Vereinigte Domstifter/F. Boxler
11. Außenansicht der Willi-Sitte-Galerie, Ausstellungsort „Thietmars Welt". © Willi-Sitte-Galerie
12. Grablege Thietmars in der Bischofskapelle im Merseburger Dom.
© Vereinigte Domstifter/Foto Kreil.

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Kultur & Management > „Thietmars Welt. Ein Merseburger Bischof sc...

Mehr auf KulturPort.De

Hamburger Tradition seit 1894 – die 11. Spielzeit im Hansa-Theater
 Hamburger Tradition seit 1894 – die 11. Spielzeit im Hansa-Theater



Die Saison ist wieder eröffnet – nicht irgendeine, es ist die Hundertfünfundzwanzigste! Und zu dieser Jubiläumsspielzeit im Hansa Theater in Hamburg haben T [ ... ]



Baltijas Ozoli – Baltic Oaks – Baltische Eichen im Kunstmuseum Rigaer Börse
 Baltijas Ozoli – Baltic Oaks – Baltische Eichen im Kunstmuseum Rigaer Börse



Was hat Flämische Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts aus den Niederlanden und Flandern mit den Baltikum zu tun? Auf den ersten Blick recht wenig, jedoch gab e [ ... ]



Hans-Jürgen Hennig: „Zwei gegen Ragnarøk" – Bekehrung mit dem Schwert
 Hans-Jürgen Hennig: „Zwei gegen Ragnarøk



Bei diesem Titel mag es neugierige und zugleich verwunderte Leser geben, die sich fragen, was soll die Christianisierung des Nordens mit der heutigen Zeit zu tu [ ... ]



„Otto. Die Ausstellung“
 „Otto. Die Ausstellung“



Otto hier, Otto da. „Otto, hier bitte auch noch mal“, riefen die drängelnden Fotografen und Herr Waalkes, lächelte, feixte und hoppelte, bis alle Aufnahmen [ ... ]



Max Slevogt – eine Retrospektive zum 150. Geburtstag
 Max Slevogt – eine Retrospektive zum 150. Geburtstag



Das Landesmuseum Hannover widmet dem Jubilar, der neben Max Liebermann und Lovis Corinth zum „Dreigestirn des deutschen Impressionismus“ gehört, eine großa [ ... ]



„Dogman” - Matteo Garrone und der gescheiterte Erlöser
 „Dogman” - Matteo Garrone und der gescheiterte Erlöser



Mit seinem hinreißenden Kleingangster-Epos „Dogman” kreiert Regisseur Matteo Garrone einen düster-poetischen Parallelkosmos und den vielleicht berührendst [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.