Neue Kommentare

Maggie zu Walter-Kempowski-Literaturpreis 2019: Guten Abend,
Gibt es denn schon irgendeine...

Lothar Segeler zu Filmtonschaffende erstmals als Urheber*innen an Kinoerlösen beteiligt: Großartig - wie lange haben wir darauf gewartet!...
Alf Dobbertin zu Henri Bergson: Die beiden Quellen der Moral und der Religion: Ein großes Lob dem Rezensenten Stefan Diebitz, d...
Maximilian Buchmann zu „Apocalypse Now - Final Cut”. Der Höllentrip des Francis Ford Coppola: Uff! Nur heute im Kino? Hoffentlich bekomme ich n...
Klaus Schöll zu Am 12. Juli 2019 wird die James-Simon-Galerie eröffnet – in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel: Ich finde das die Treppe zur James-Simon-Galerie ...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Kultur, Geschichte und Management

Roger Willemsen im Alter von 60 Jahren gestorben

Drucken
(114 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 08. Februar 2016 um 17:50 Uhr
Roger Willemsen im Alter von 60 Jahren gestorben 4.6 out of 5 based on 114 votes.
Roger Willemsen. Foto: Mathias Bothor.  S. Fischer Verlag

Der 1955 in Bonn geborene Publizist, Moderator und redegewandte Denker Roger Willemsen ist am vergangenen Sonntag in seiner Wentorfer Wohnung gestorben. Wie kaum ein anderer beherrschte Willemsen das virtuose Partiturspiel in Sachen Kultur, war universell interessiert, lernend und wissend. Ob Literatur, Musik oder Film, Ethnologie, Religion, Mode und Design – er war das, was man im traditionellen, positiv einen Feuilletonisten nennen kann, der bei vielen unterschiedlichen Dingen immer eine verbindende Brücke sah. Er war ein Erzähler, und seine Geschichten glichen sich nie, egal ob er als Autor, Vortragender oder Moderator unterwegs war.

Willemsen studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie in Bonn, Florenz, München und Wien. Nebenher arbeitete er als Nachtwächter, Reiseleiter und Museumswärter. 1984 promovierte er über die Dichtungstheorie Robert Musils. Anschließend unterrichtete er zweieinhalb Jahre als Assistent für Literaturwissenschaft an der Universität München. Als freier Autor und Übersetzer widmete er sich Werken von Umberto Eco und Thomas Moore, zog nach London, arbeitete als Korrespondent für verschiedene journalistische Formate. Karriere in einem Sender hat ihn nie interessiert. „Ich finde sie sehr enttäuschend, die Macht. Sie nutzt ihren riesigen Spielraum nur zu anderthalb Prozent aus. Zum Beispiel den, Gutes zu tun und Dinge zum Positiven zu ändern", wie er einmal in einem Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt bemerkte.

Als Fernsehmoderator wurde er ab 1991 schnell beliebt und erfolgreich – seine Spezialität waren Gesprächsinterviews und parallel dazu filmische Portraits. In Erinnerung bleiben werden viele dieser am Menschen und an der Persönlichkeit interessierten Bildnisse. In seiner ganz eigenen Art hinterfragte er neugierig Inhalte, einfühlsam den Antrieb seiner Interview-Gäste und ließ sich selbst häufig inspirieren.
Und war gleichzeitig einer, den immer wieder Neues reizte – dreizehn unterschiedliche Sendungen hat er gemacht und die meisten davon selbst gekündigt. Sein ehrenamtliches Engagement war nicht minder inspiriert – bei Amnesty International, für Terre des Femmes und in Afghanistan.

„Ich hatte immer die Vorstellung, dass Intellektualität sich dann richtig entfaltet, wenn sie einen Moment des Emotionalen hat, eine Klugheit des Fühlens. Und Leidenschaft auslöst", formulierte er seinen eigenen Ansatz. So wie seine Lust am Formulieren, mit der er sein Publikum und seine Leser immer wieder aufs Neue gewinnen konnte, mal feinfühlig, mal spitz pointiert. Wobei ihm sehr zugute kam, dass er ein Mensch von ausgeprägtem Humor war. Er sagte: „Ich habe nichts dagegen, die Leute zu unterhalten, neue Ideen zu pflanzen. Ich mag es, Menschen produktiv zu machen.“

Woher kam seine endlose Neugier? Er formulierte es so: „Ich glaube, es ernährt mich, Neues zu erfahren. Ich wundere mich immer, wenn Menschen die sozialen Situationen, die sich dafür bieten, nicht nutzen." Er war ein großer Erzähler. Einer, der dafür sorgte, dass er viel und Ungewöhnliches erlebte, der sensibel und scharf beobachtete und so aus einer Überfülle selbst erlebter Begegnungen und Kuriositäten schöpfen konnte. Ihn interessierte das nicht Spektakuläre, das Unscheinbare. Seine Bücher wurden Bestseller, egal, ob er über seine Reisen an „Die Enden der Welt“ schrieb oder über „Das Hohe Haus – ein Jahr im Parlament“. Ob er in „Momentum“ allerpersönlichste Erinnerungen preisgab oder in „Der Knacks“ den Augenblicken nachspürt, in denen sich etwas im Leben und der Umgebung entscheidend ändert.
Sein Erfolgsgeheimnis beschrieb er einmal so: „Mein Marktsegment ist das des sensiblen Mannes, selten wie er ist. Aber Kommunikation ist nun mal meist ein eher sensibler Vorgang, auch alles Künstlerische. Sensibel sein heißt, empathisch zu reagieren wie in der Kindheit: Und das geht nun mal nicht ohne Empathie, denn Literatur will die Menschen dazu bringen, mitzuempfinden.“

Darüber hinaus trieb ihn als geradezu manischen Sammler neuer Eindrücke eine Lust am Reisen – die schlug sich in Büchern und Geschichten nieder, aber auch in der Auswahl seiner Platten, die er regelmäßig für sein Publikum auflegte und in persönlichen und privaten Erzählungen. Knapp 90 Länder hat er bereist. Immer auf der Suche – „nach einem guten Satz, einer spezifischen Erregung. Ich hänge am Situativen, an Atmosphären, an schrägen Konstellationen zwischen Leuten. Ankommen ist gar nicht erwünscht. Und irgendwann wird das Fremde so eine Art Textil, das sich um Sie legt wie ein Mantel, das Geräusch, der Geruch, die Verdichtung, die vielen Menschen."

Im Spätsommer vergangenen Jahres gab sein Büro wenige Tage nach seinem 60. Geburtstag bekannt, dass Willemsen an Krebs erkrankt sei. Er sagte alle Termine ab, zog sich aus der Öffentlichkeit zurück und verbat sich weitere Nachfragen. Nun hat ihn die Krankheit besiegt.

Abbildungsnachweis:
Header: Roger Willemsen. Foto: Mathias Bothor. (c) S. Fischer Verlag

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Kultur & Management > Roger Willemsen im Alter von 60 Jahren gestor...

Mehr auf KulturPort.De

Vilnius und die Nutzung postindustrieller Gebäude als alternative Zentren für Kultur und Nachtleben
 Vilnius und die Nutzung postindustrieller Gebäude als alternative Zentren für Kultur und Nachtleben



In den letzten Jahren haben viele osteuropäische Städte Projekte gestartet, um ehemalige Industriegebäude und bislang ungenutzte Flächen in Zentren städtisc [ ... ]



Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien
 Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien



Wie sieht es in anderen Ländern mit dem öffentlichen Raum aus? Bei uns gibt es ihn kaum noch, denn jeder freie Quadratmeter wird dem Auto gewidmet. Können wir [ ... ]



Theater-Horror vom Feinsten – „Mummy Brown/Mumienbraun“ der norwegischen Gruppe Susie Wang schockte beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel
 Theater-Horror vom Feinsten – „Mummy Brown/Mumienbraun“ der norwegischen Gruppe Susie Wang schockte beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel



Das Programmheft hat nicht zu viel versprochen: Eine derart blutige, ins Groteske überzogene Horror Picture Show hat man in Hamburg noch nicht geboten bekommen. [ ... ]



Rainer Mausfeld: „Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“
 Rainer Mausfeld: „Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“



Die Zitterpartie der Macht
Welch ein Glück im Unglück. Wie üblich nach einem Zwischenfall auf Leben und Tod so auch diesmal, wie erwartet: Kaum war das Kind  [ ... ]



„I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo
 „I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo



Grant Sputores post-apokalyptischer Science-Fiction Thriller „I Am Mother” beginnt als intimes Kammerspiel in einem, hermetisch von der Welt abgeschlossenen  [ ... ]



Letizia Battaglia: Retrospektive in Venedig
 Letizia Battaglia: Retrospektive in Venedig



Sie gilt als bekannteste „Mafia-Fotografin“ und als „eine der wichtigsten Fotografinnen unserer Zeit“, aber auch als politisch, ökologisch, sozial und f [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.