Neue Kommentare

Kentin Abalo zu „Assassination Nation” – Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo : WAS FÜR EIN FOTO!!!
Großartig. Hoffe der...

Sybille zu Das Chinesenviertel auf Hamburg St. Pauli: Danke für den Beitrag. Ich sehe gerade den Film ...
Nikias Geschke zu „The Guilty”. Der beklemmende Minimalismus des Gustav Möller: Das klingt superspannend. Danke für den Tipp. ...
Harry zu „Otto. Die Ausstellung“: OTTO ist großartig. Ich wusste nicht, dass er ei...
Alex zu Film Festival Cologne - Von starken Spielfilmdebüts und schwächelnden Stars: Wer bist du? Halten Sie Ihre Meinung besser, wenn...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Kultur und Management

Belmont-Preis für Komponistin Milica Djordjević. Flirt mit dem Extrovertierten

Drucken
(89 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 28. Juli 2015 um 14:00 Uhr
Belmont-Preis für Komponistin Milica Djordjević. Flirt mit dem Extrovertierten 4.5 out of 5 based on 89 votes.
Belmont-Preis für Komponistin Milica Djordjević. Flirt mit dem Extrovertierten

Die „Bodenhaftung geht verloren, die Klänge beginnen zu schweben“. Gemeint ist die Neue Musik im Allgemeinen.
Doch passten die Reflexionen von Gabriele Forberg-Schneider am Sonntag in Hitzacker auch auf einen besondere Fall: Auf die Musik der Komponistin Milica Djordjević, die im Rahmen der 70. Sommerlichen Musiktage Hitzacker am 26. Juli mit dem Belmont-Preis der Forberg-Schneider-Stiftung ausgezeichnet wurde.

Ihre Musik, das machten die Interpretationen, die Laudatio und Preisvergabe deutlich, verliert die Bodenhaftung und schwebt – und landet aus dem Schweben wieder auf dem Boden. Theodoro Anzelotti ließ dieses Oszillieren zwischen den beiden Polen, das schlichte, aber in jedem Moment artifizielle Fließen zwischen leiser Leichtigkeit und heftigem Affekt, im Akkordeonstück „...mislio bi covek zvezde...“ („... würde man denken: Sterne...“) in jeder Note leuchten, ein Streichquartett aus Mitgliedern des Ensemble Resonanz ließ Wechsel zwischen glissandirender Viertelton-Leichtigkeit und militant-expressivem Con forza in „The death of the Star-Knower“ zu einem verspielten Parforceritt werden

„Ja“, hatte die mit dem Belmont-Preis geehrte Komponistin im Gespräch mit dem Musikjournalisten Anselm Cybinski gesagt, da seien durchaus Bezüge zur serbischen Folklore in ihrem Werk, einer Folklore, die Emotionalität und Mikrotonalität verbinde. Untergründig, kaum offensichtlich: Darin fühle sie sich dem Dichter Vasko Popa nahe, dessen Texte „sehr fein mit der Folklore“ verbunden seien und die „mit dem Surrealismus flirten“. Zwei seiner Gedichte hat sie für Sopran vertont, „Manje te u majke groze“ („Tochter der Unheilbrüterin verschwinde“) für Sopran und Ensemble, das uraufgeführte „I ti hoces da se volimo“ („Und du willst das wir uns lieben“) für Sopran und Akkordeon. Gesangsparts mit jähen Lagensprüngen und motivischer Rasanz melismatische Partikel wechseln mit deklamatorischen. Trotz und Wut, Trauer und Hingabe: Liebe (und ihr Ende) als Drama. Valentina Colodonato sang es mit ausdrucksreichen Schattierungen.

„Das Raue ist mein Temperament“. Sie fürchte nicht, sich den Konventionen der Neuen-Musik-Szene anzupassen: „Ich bin ganz schön halsstarrig“, sagte die 1984 in Belgrad geborene Komponistin. Sie denke kein „Stück weit daran, wie etwas aufgenommen wird“, meinte Milica Djordjević über die Reaktionen des Publikums – am Sonntag dominierte Begeisterung.

Vielleicht ist ja in Hitzacker in sieben Jahrzehnten die Liebe zur zeitgenössischen Musik in gleichem Maß gewachsen wie anderswo die bloße Toleranz ihr gegenüber. Dass deren Klangwelt für das Publikum oft nur „ein lästiger Obulus ist, mit dem die Passage von der Gegenwart in die Vergangenheit erworben wird“, mutmaßte Gabriele Forberg-Schneider in ihrer Laudatio. Die „reflexartige Ablehnung“ der Neuen Musik liege vielleicht daran, dass die den „lieb gewonnenen Mechanismus zwischen Erwartung und Erwiderung“ außer Kraft setze. Der mit 20 000 Euro dotierte Belmont-Preis ist ein Beitrag, dem „Biedermeier vertrauter Hörgewohnheiten“ zu begegnen. „Am Beginn steht das Verschenken“, so die Stifterin über ihre Motive.

Der Belmont-Preis
Mit dem Belmont-Preis werden Aufbruch, Wagnis, Mut gewürdigt, nicht aber Bewährtes fortgeschrieben. Aufbrüche gehen von den Künsten aus; der Bürger als Mäzen kann sie nur ein Stück vorwärts tragen helfen.
Shakespeares Belmont im „Kaufmann von Venedig“ ist ein Schicksalsort, an dem die Klugheit einer Portia zu Hause ist: "Who chooses me, must give and hazard all he hath" (Wer mich wählt, gibt und wagt, was er nur hat). Keine Losung kann Preiswürdigkeit treffender beschreiben. Shakespeare sieht das Risiko gleich verteilt auf Geber und Empfänger.
Belmont ist aber auch eine Bewunderungsadresse für Arnold Schönberg, der in seinen vielfältigen künstlerischen Erfindungen und Ausdrucksformen hohlem Pathos und peinlichen Konventionen den Kampf ansagte: „Das Herz muss innerhalb der Domäne des Kopfes liegen“.
Der mit 20.000 € dotierte Preis, der nach Möglichkeit alle zwei Jahre vergeben wird, zählt zu den höchst dotierten Preisen für künstlerisches Schaffen in Europa.


Weitere Informationen zur Preisträgerin des Belmont-Preises 2015
Weitere Informationen zu den Sommerlichen Musiktagen Hitzacker
Die Sommerlichen Musiktage Hitzacker finden noch bis zum 2. August 2015 statt.


Abbildungsnachweis: Alle Fotos Thomas Janssen
Header: „Am Beginn steht das Verschenken": Stifterin Gabriele Forberg-Schneider (links) überreichte Sommerlichen Musiktage in Hitzacker den Belmont-Preis 2015 für zeitgenössische Musik an die aus Serbien stammende Komponistin Milica Djordjević.
Galerie:
01. Akkordeonist Theodoro Anzelotti
02. Sopranistin Valentina Coladonato
03. Musiker des Ensemble Resonanz
alt

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Kultur & Management > Belmont-Preis für Komponistin Milica Djordje...

Mehr auf KulturPort.De

100 Jahre Lettland: Handschuh-Daumen hoch
 100 Jahre Lettland: Handschuh-Daumen hoch



Eine Handschuh-Aktion passt wie die Faust aufs Auge, wenn die lettische Hauptstadt Riga, der baltische Staat Lettland und der Rest der Welt heute, am 18. Novembe [ ... ]



Peter de Vries – Hut- und Urnenhüllen-Macher
 Peter de Vries – Hut- und Urnenhüllen-Macher



Wie muss man sich eine Person vorstellen, die Freunde und Kollegen als „Naturereignis“ bezeichnen?
In jedem Fall als einen charismatischen Menschen mit üb [ ... ]



Maria Austria. Eine jüdische Fotografin aus Amsterdam in Berlin
 Maria Austria. Eine jüdische Fotografin aus Amsterdam in Berlin



Das Verborgene Museum in Berlin-Charlottenburg präsentiert bis zum 10. März 2019 Fotoarbeiten und Dokumente der niederländischen Fotografin Maria Austria (191 [ ... ]



„Cold War – Der Breitengrad der Liebe” - Oder die Magie einer schwarzen Leinwand
 „Cold War – Der Breitengrad der Liebe” - Oder die Magie einer schwarzen Leinwand



Paweł Pawlikowski hat das schwermütige, visuell atemberaubende Noir-Drama „Cold War” seinen Eltern gewidmet, deren stürmische On- und Off-Beziehung ihn zu [ ... ]



Madeleine Peyroux: Anthem
 Madeleine Peyroux: Anthem



Jazz oder nicht Jazz? – Was Madeleine Peyroux auf ihrem neuen Album präsentiert, ist relaxt und poetisch, warm und subtil, aber auch modern, überraschend luf [ ... ]



68. Pop und Protest
 68. Pop und Protest



APO, Mini, Flower-Power: Mit der glänzend inszenierten Ausstellung „68. Pop und Protest“ verabschiedet sich Sabine Schulze nach zehn Jahren als Direktorin d [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.