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Kultur, Geschichte und Management

Kreativbad Reichenhall

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Mittwoch, den 22. Oktober 2014 um 09:05 Uhr
Kreativbad Reichenhall 4.5 out of 5 based on 143 votes.
Kreativbad Reichenhall

Zur Kur erstaunlich viel Kultur: Meisterkurse bei Avantgardekünstlern, täglich Konzerte der Bad Reichenhaller Philharmonie und an der Kunstakademie in der Alten Saline eine Tagung zum Thema „Kreativität“.
Auch wenn Reichenhall, im Südosten Bayerns gelegen, seinen Status als Kur- und Badeort den Solequellen verdankt, deren salzgesättigtes Wasser im schmucken Backsteinbau der Alten Saline an die Oberfläche gepumpt wird – muss man deswegen als ortsansässiger Musiker sein Salonquartett „Reich an Hall“ nennen und im Rahmen eines Konzerts mit dem Motto „Alles Tango“ ausgerechnet „O sole mio“ spielen“?

Was auf den ersten Blick Kurmittel aus dem Kalauerkeller befürchten lässt, macht auf den zweiten durchaus Sinn, denn das mittelhochdeutsche Wort „Hall“ bedeutet Salz, und der Ortsname des Staatsbads geht tatsächlich auf „Reich an Hall“ zurück, weshalb dieser Spruch auch eine Pumpe ziert, die seit dem späten 18. Jahrhundert die „Salzbrühe“ aus den Felstiefen holt. Auf den dritten Blick erweist sich dann das hallreiche Salon-Ensemble als origineller Zusammenschluss gestandener Musiker/innen eines philharmonischen Orchesters, die sich nicht scheuen, „O sole mio“ auch mal im Wasser eines Brunnens stehend zu spielen und das ganze als Cold Water Challenge bei YouTube hochzuladen.

Ein sinfonisches Großensemble, dessen 40 Instrumentalisten jahraus, jahrein für 350 Konzerte sorgen – das hat noch nicht einmal das musikalisch verwöhnte Bad Kissingen zu bieten. Dort gibt es zwar vom Montag abgesehen täglich gleich zwei Konzerte, was man alpennäher „nur“ an sommerlichen Dienst- und Sonntagen geboten bekommt. Weshalb es übrigens die Bad Kissinger 2012 mit ihren 727 Auftritten als weltweit „meistspielendes Ensemble“ ins Guiness-Dings geschafft haben. Andererseits klingen die 13 Musiker von der Fränkischen Saale eher nach Kammerorchester und müssen Sinfonisches herunter dimmen, während weiter im Süden (Lockformel: „Durchatmen im Alpenklima“) die Seele auch bei Tschaikowskis Klavierkonzerten oder Mozarts Sinfonien gesunden kann, was schon mal Solisten wie Bruno Canino oder Natalie Gutman in die Konzertrotunde lockt.

Aber auch die orchestereigenen Solisten sind dem teils täglich (!) erscheinenden Stammpublikum so ans Herz gewachsen, dass auf Zetteln fürs Wunschkonzert statt Operetten-Potpourris oder dem obligatorischen Strauß-Walzer auch mal steht, man wolle unbedingt die Geigerin Cora Stiehler hören. Also bitte kein übergroßes Bedauern für „arme“ Orchestermusiker, die hier mit leichter Muse berieseln müssen. Im Repertoire von mehr als 600 Stücken (im Archiv lagern gar Noten für mehr als 6.000) findet sich neben den ihrerseits ja durchaus herausfordernden „Gustostückerln“ manch Anspruchsvolleres von Haydn bis Wagner.

Herausfordernd auch im quasi sportlichen Sinn – das mag nicht allen 120 Flötist(innen)en klar sein, die sich gerade auf eine der begehrten Stellen beworben haben. Kaum Proben, Berge von neuem Material (das insbesondere junge Dirigenten nur selten aus dem Studium kennen), da entspannt sich die Lage für Neulinge erst nach zwei, drei Jahren. Kleine Erleichterung: Wenigstens gibt’s bei den alltäglichen Kurkonzerten viel Moderation und kurze Pausen zwischen den Stücken.

Die würde ein Kreativitätsforscher wie der Philosoph Karl-Heinz Brodbeck auch bei Konzerten auf höchster musikalischer Ebene vorziehen: Nachwirkung statt Beifall, der unmittelbar auf den letzten Ton folgt. „Achtsamkeit“ lautete sein Zentralbegriff, als er Mitte Oktober einen Vortrag hielt auf Bad Reichenhalls erstem Kreativ-Wochenende. Eingeladen ins Industriearchitektur-Ambiente gleich neben der Solepumpe hatte die Kunstakademie der Stadt. 1996 mit bescheidenen Sommerkursen gestartet, konnte sie bis heute 25.000 Teilnehmer verzeichnen, und die mittlerweile 120 Dozenten für 220 Kurse sind gestandene Vertreter der Gegenwartskunst. Nicht alle so prominent wie Markus Lüpertz, der hier bis 2013 unterrichtet hat, aber auch die im Durchschnitt um die 50 Jahre alten Kursteilnehmer haben Erfahrung und Ambition genug, um von erfahrenen Dozenten wie Franz Hitzler, Jerry Zeniuk oder Heribert C. Ottersbach als „Kollegen“ empfunden zu werden.
„Dranbleiben ist mindestens so wichtig wie Talent“, betonte Ottersbach auf der Wochenendtagung zum Thema Kreativität. Auch die Herren von der forschenden Zunft waren sich einig, dass schöpferisches Tun bei allem Wert von Ein- und Zufällen nicht ohne manche Fertigkeiten auskommt, selbst beim „Genie“ nicht, das als Erklärungsmodell sowieso ausgedient hat. Sind wir nun alle Kreative, schon weil wir Eindrücke ganz individuell verarbeiten, selbst wenn wir nur durch den Kurpark laufen? Oder wird das Fetischwort inflationär gebraucht, selbst bei ausdrücklich schöpferischen Ambitionen im Volkshochschul-Aquarellkurs?

Einig waren sich die Vortragenden, dass sich Handfestes noch am ehesten zu den „Begünstigungsbedingungen“ für Kreativität sagen lässt. Musik zum Beispiel „lockert den Sparren“ (Holger Noltze). Einig waren sie sich nach drei Tagen zwischen den Atelierräumlichkeiten der Akademie und einem Photowalk auf dem 1614 Meter hohen Predigstuhl auch, dass Bad Reichenhall kulturell für manche Überraschung gut ist, so dass man beim Fremdenverkehrsamt auf die Lust an Musik und Bildender Kunst setzen kann, statt nur um – ist das nun Kreativität? –Einfälle zu ringen, wie man „für alle Sinne“, Seelengebaumel und „Erleben“ in einem Satz unterbringt, der nicht allzu abgedroschen klingt. Wir wär’s stattdessen mit „Weil Kur kreativ macht und Kreativität kuriert“, ganz zu schweigen vom Bad Reichenhaller „Begünstigungsklima“? Sorry, so kann’s enden, wenn einem beigebracht wird, dass man fast alle Einfälle zulassen soll.


Abbildungsnachweis:
Header: Alte Saline. Foto: © Max Köstler
Galerie:
01. Reich an Hall
02. Bad Reichenhall. Foto: © Goldmann Public Relations
03. Alte Saline. Foto: © Goldmann Public Relations
04. und 05. Philharmonisches Ensemble der Bad Reichenhaller Philharmonie „Resch und Fesch“. Foto: © Goldmann Public Relations
06. Galerie der Kunstakademie Reichenhall. Ausstellung Jutta Kowatsch "In between". Foto: © Goldmann Public Relations
07. Kunstakademie Reichenhall. Malkurs bei Heribert C. Ottersbach. Foto: © Goldmann Public Relations
08. Fachtagung Zukunftspotential Kreativität, Karl-Heinz Borbeck. Foto: © Goldmann Public Relations
09. Fachtagung Zukunftspotential Kreativität. Foto: © Goldmann Public Relations
10: Fachtagung Zukunftspotential Kreativität, Wolfgang Welsch. Foto: © Goldmann Public Relations
11. Fachtagung Zukunftspotential Kreativität, Holger Notze. Foto: © Goldmann Public Relations

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