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Hamburger Architektur Sommer 2019

Kultur, Geschichte & Management
Caspar Voght

Im hoch über den Klein Flottbeker Elbufer gelegenen Jenisch Haus wird das Wirken des Hamburger Weltbürgers Caspar Voght gewürdigt.
Gezeigt werden in der sehenswerten Ausstellung Gemälde, Aquarelle, Bücher und Memorabilien.

Der Name Jenisch Haus und Jenisch Park verwischt die Spuren des Mannes, der sich vor den Toren Hamburgs, auf damalig dänischem Gebiet, seinen Lebenstraum erfüllte. An Caspar Voght erinnert nur eine Straße an der westlichen Seite des Parks. Voght, 1752 geboren, gehörte zu den wohlhabendsten Hamburger Kaufleuten, verdiente sein Geld mit dem Handel von Leinen, Seide, Getreide und dem Import von Tabak, Kaffee und Kautschuk.

Nach jahrelangen Bildungsreisen durch Europa erwarb er Ende des 18. Jahrhunderts ein hügeliges Feld- und Wiesengebiet von gut 260 Hektar am Flüsschen Flottbek und gestaltete es zu einer „Ornamented Farm“ nach englischem Vorbild. Arbeit und ökonomischer Nutzen gingen hier einher mit agrarischen und botanischen Forschungen. Auf den Feldern und in den Stallungen fanden zahlreiche Familien Arbeit, denen er eigene Wohnungen baute und überdurchschnittliche Löhne zahlte. Im Gutsbetrieb wurde die Qualität der Böden mit neuen englischen Ackergeräten und Düngemethoden verbessert. Neben ausgedehnten Agrarflächen entstanden Ruheinseln in der weiten Parklandlandschaft.

1794 ließ sich Voght von dem Architekten Johann August Arens ein Landhaus besonderen Zuschnitts bauen: ein von zierlichen Säulen und Balkonumgang gesäumtes zweistöckiges Wohnquartier voll klassischer Harmonie. Dieses an amerikanische Südstaatenvillen erinnernde Haus war gesellschaftlicher Treffpunkt, in dem gebildete Männer und Frauen lasen, disputierten, feierten oder Tee tranken und Schach spielten.

Voght entsprach gar nicht dem Klischee vom Pfeffersack. Um die Geschäfte brauchte er sich nicht so sehr kümmern, die blühten ohnehin. An der Börse vermehrte er sein Vermögen ebenso wie er vom Bedarf der Franzosen nach Korn während der Revolution profitierte. Das Zusammensein mit Hamburger Kaufleuten empfand er als „unglaublich langweilig“, begeisterte sich vielmehr fürs Theater, pflegte Korrespondenzen mit Staatsmännern, Sozialreformern, Salonièren und Philosophen. Er verschlang Werke von Horaz, die Fabeln Gellerts, die Schriften Paul Gerhardts, wurde später Klopstocks Freund.

Der Junggeselle Voght, der Causeur, war den Frauen zugetan, denen der feinen Gesellschaft ebenso wie den Schauspielerinnen und Tänzerinnen. Mit der bereits verheirateten Magdalena Pauli verband ihn eine innige Liebe. Er verkehrte im Salon der Schriftstellerin Madame de Staël auf deren Landgut Coppet in der Nähe von Genf. Und auf seiner Musterfarm in Flottbek hatte er auch für heimliche Orte gesorgt, „wo der seelenerhebenden Liebe, den Umarmungen des Amor und der Psyche ein Altar stand“.

Unter tätiger Mithilfe eines Gelehrten und eines Juristen sowie der 1765 gegründeten „Gesellschaft zur Förderung der Künste und nützlichen Gewerbe“, später „Patriotische Gesellschaft“ genannt, reformierte Voght das Sozialwesen in Hamburg. Arme sollten statt Almosen Arbeit erhalten, ihre Kinder in einer Arbeitsschule unterrichtet werden; nur Alte und Kranke wurden weiterhin unterstützt. Das Konzept wurde auch in Berlin, Wien und Marseille umgesetzt. Als Dank für seine Verdienste um die Armenreform in Wien wurde Voght durch Kaiser Franz II. in den Stand des Reichsfreiherrn erhoben. Die Annahme dieses Titels sorgte in der Hansestadt für hochgezogene Augenbrauen; denn einen Adelstitel anzunehmen ziemte sich nicht für einen Hamburger Bürger.

Ende der 1820er-Jahre wurde klar, dass sich Caspar Voght mit seinen aufwendigen Reisen und Liebhabereien übernommen hatte. Sein Freund Martin Johann Jenisch, Senator und Präses der Baudeputation, half ihm 1828 mit dem Kauf des Geländes aus der Klemme. In den 1830er-Jahren ließ der sich in Sichtweite des heute noch erhaltenen Voght'schen Hauses einen repräsentativen Landsitz bauen. Von Caspar Voght, der 1839 starb, blieb die Erinnerung an einen Mann, der das Sozialwesen reformiert hatte und neue Wege im Landbau gegangen war. Und Goethe hatte dem Hamburger Kaufmann „schöne Kenntnisse in literarischen Dingen... hinter einer etwas rauen bürgerlichen Schale“ bescheinigt. Solches Lob konnten – und können – wohl nicht viele Hamburger Kaufleute einheimsen; ihnen hat Siegfried Lenz einst „flügellose Vernunft“ nachgesagt.

Die Ausstellung Caspar Voght (1752‐1839). Weltbürger vor den Toren Hamburgs ist noch bis zum 23. November zu sehen im Jenisch Haus, Baron-Voght-Straße 50, in 22609 Hamburg.
Führungen durch die Ausstellung: jeweils sonntags um 15 Uhr
Eine App hilft den Besuchern von überall die Ausstellung zu besuchen.
Weitere Informationen

Katalog: Caspar Voght (1752-1839). Weltbürger vor den Toren Hamburgs
Hrsg. Hans-Jörg Czech, Kerstin Petermann und Nicole Tiedemann-Bischop
Michael Imhof Verlag GmbH & Co. KG Petersberg 2014
240 Seiten mit farb. Abb. Preis in der Ausstellung: 29,95 €


Abbildungsnachweis: SHMH Altonaer Museum
Header: Detail aus Johann Jacob Gensler; "Baron Voght und sein Sekretär vor dem Landsitz in Flottbek", Aquarell, 1837.
Galerie:
01. Caspar Voght; Lithographie von Peter Suhr nach Johann Jacob Faber, nach 1831.
02. Leo Wolf; Ansicht des Voigtschen Landhauses in Klein Flottbek, Kupferstich, um 1806.
03. Johann August Arens; Ostseite des Landhauses Voght, Nachzeichnung der Entwurfszeichnung von Otto Christian Gaedechens, Foto: Staatsarchiv Hamburg.
04. Plan von Voghts Mustergut in Klein Flottbek. ca 1810, Foto: Staatsarchiv Hamburg.
05. Abendgesellschaft bei Baron Voght, Aquarell, nach 1817. Foto: Museum für Kunst und Gewerbe.
06. Magdalena Pauli um 1820. Foto: Focke-Museum Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte.
07. Festsaal im Erdgeschoss des Landhauses Voght, Joseph Ramée, 1798. Foto: 1950er-Jahre.
08. Anton Carl Dusch (1760–1829), Gegend in Flottbek, Kreidelithographie.
09. Katalog-Cover Caspar Voght

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