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Tita do Rêgo Silva: „Lost & Found – Achados & Perdidos“

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Mittwoch, den 05. März 2014 um 10:24 Uhr
Tita do Rêgo Silva: „Lost & Found – Achados & Perdidos“ 4.4 out of 5 based on 212 votes.
Tita Do Rego Silva: „Lost & Found – Achados & Perdidos“

Tita do Rêgo Silva, Brasilianerin von Geburt und Wahl-Hamburgerin aus Leidenschaft, ist mit ihren farbenfrohen Fabelwesen längst weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.
Zu ihrer Jubiläumsausstellung im Kunstforum der GEDOK Hamburg zeigt sie nun Arbeiten aus 25 Jahren, die bislang tief in ihrer Schublade vergraben waren: „Lost & Found – Achados & Perdidos“ umfasst Entwürfe und Experimente, selbstgemachte Papiere, frühe Holzschnitte und Monotypien, Zeichnungen und Scherenschnitte. Dazu Fotografien aus Brasilien, die atmosphärische Einblicke in eine für Europäer so exotische Welt geben.
Traditionell ist der Holzschnitt mit japanischer Virtuosität und deutscher Expressivität verbunden: Mit einer erdschweren, oft düstern Anmutung, die man in Deutschland vor allem mit Künstlern wie Ernst Barlach, Ernst Ludwig Kirchner, Käthe Kollwitz und Karl Schmidt-Rottluff verknüpft.

Ganz anders die Arbeiten von Tita do Rêgo Silva: Halb Mensch, halb Tier, halb Strichmännchen, halb Höhlenzeichnung, schafft sie Gestalten von monumentaler Größe und stupender Leichtigkeit. Als seien diese Teufelchen, Halbgötter und Naturgeister auf ihren überlangen Insektenbeinen allesamt Luftwesen ohne Bodenhaftung.

Diese Leichtigkeit und Beweglichkeit ist charakteristisch für das Werk der Brasilianerin, doch wie diese Ausstellung zeigt, sahen die Anfänge noch ganz anders aus: Als Tita do Rêgo Silva 1988 nach Hamburg kam, hatte sie kraftvolle Körper- und Bewegungsstudien in Rot, Weiß und Schwarz im Gepäck. Holzschnitte, die sie so grob und so reduziert wie möglich mit der Kreissäge fräste und mit denen sie damals technisch wie thematisch am Puls der Zeit sein wollte. An der Universität von Brasilia, an der sie 1985 bis 1988 Kunst studierte, war der Blick komplett auf Westeuropa und Nordamerika gerichtet. „Ich habe in Brasilia studiert, aber es hätte genauso gut New York sein könnten“, so die Künstlerin. „Die Professoren interessierten sich nur für das, was gerade en vogue war“.

Pop Art, Konzeptkunst und Minimal waren die marktbeherrschenden Kunstströmungen damals, doch Comic und Graffiti faszinierten die junge Künstlerin viel mehr. Nachts zog sie mit Kommilitonen durch die Stadt und bemalte heimlich Wände – was zur Zeit der Militärdiktatur nicht ganz ungefährlich war.
Eines jedoch stand während des Studium überhaupt nicht im Fokus künstlerischer Reflexion: Die Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln, mit der eigenen Identität. Denn das war an der Uni als Folklore und Kunsthandwerk verpönt.
Die Tatsache, dass sie sich in Hamburg, der Stadt, in der sie ursprünglich nur ein Jahr als Gaststudentin verbringen wollte, auf ihre Ursprünge besann, auf die phantastische, unglaublich reiche und schier unversiegbare Inspirationsquelle der brasilianischen Kultur, ist im Grunde einem Zufall zu verdanken: „Das ist ja interessant“, sagte ihr ein Bekannter, „Du kommst gerade aus Brasilien und machst akademische deutsche Holzschnitte“.

Die Bemerkung war wie eine Art Dammbruch, der alles Europäische wegspülte und die Wurzeln brasilianischer Kultur freilegte. Einer Kultur, die tief in der afroamerikanischen Candomblé-Religion verwurzelt ist und die Hubert Fichte als „Kultur der Unterdrückten“ bezeichnete, da sie aus der Not entstand. Die Millionen und Abermillionen schwarzafrikanischer Sklaven, die während der Kolonialzeit nach Brasilien verschleppt wurden, durften ihren Glauben nicht mehr praktizieren und von den portugiesischen Missionaren zwangschristianisiert wurden. Not macht jedoch erfinderisch, und so verpassten die Afrikaner ihren Göttern, den Orixas, kurzerhand eine Doppelidentität als katholische Heilige: Oxala, Oberhaupt der Götterfamilie, fand seine Entsprechung als Jesus Christus, Yemanja, die Göttin des Meeres als Maria. Und Exu, der Mittler zwischen den Göttern, den Geistern der Toten und den Menschen wurde mit dem Teufel gleichgesetzt. Für Tita war der Synkretismus die „Magie des Alltags“, ein fester Bestandteil ihrer Kindheit.

Als jüngstes von sieben Geschwistern, der Vater Tischler, die Mutter Hausfrau, wurde Tita do Rêgo Silva 1959 in Caxias geboren, einer kleinen, erzkatholischen Provinzstadt im Nordosten Brasiliens. In ihrem Elternhaus gab kein Fernsehen, dafür jede Menge gruseliger Geschichten, Mythen und Sagen, die ihr die Mutter, eine tief gläubige, Frau immer wieder erzählte.
Mit 14 Jahren kam Tita nach Brasilia und begeisterte sich für die moderne Architektur des Architekten Oskar Niemeyer, der die neue Hauptstadt auf dem Reißbrett entworfen hatte und als Wegbereiter der modernen Architektur Brasiliens galt. Nach dem Abitur wollte die junge Frau ursprünglich selbst Architektur studieren, doch sie wurde nicht aufgenommen und entschied sich deshalb für ein Studium der Touristik. Erst danach begann sie Kunst zu studieren.

Von Anfang an spezialisierte sich Tita do Rêgo Silva auf den Holzschnitt - eine Technik, die in Brasilien bis ins frühe 17. Jahrhundert zurückführt. Damals kam die Literatura de Cordel auf, kleinen Heftchen, die auf europäische Erzähltraditionen zurückgehen und in Versform und einfacher Sprache über einheimische Legenden, historische Ereignisse, Verbrechen oder das Leben von Heiligen berichten. Die Deckblätter waren traditionell mit Holzschnitten versehen. Noch heute sammelt sie diese Heftchen, doch auf die Frage nach dem prägendsten künstlerischen Eindruck der Kindheit nennt sie die prächtig ausgeschmückten barocken Kirchen in Caxias mit ihren bunten Altären und den vielen Heiligenfiguren. Die Altäre, bestückt mit Votivgaben, Arm- und Beinstümpfen, Ohren, Brüsten und Herzen, vermischten sich in der kindlichen Phantasie mit den Geschichten über Götter, Geister und Dämonen und verfolgten sie bis in ihre Träume.

Eine dieser Dämonen ist die Cabra Cabriola, ein bösartiger Zwerg in Gestalt einer Ziege, der alle unartigen Kinder verschlingt.
Sicher nicht von ungefähr, dass die Chimären der Künstlerin vielfach gehörnt und mit Ziegenkopf erscheinen. Dass Rot und Schwarz, die Farben des Teufels, ihr Werk über in den vergangenen 25 Jahren dominieren.

In jedem Fall sind die skurrilen Chimären, Naturgeister und Teufel auf ihren überlangen staksigen Beinen keineswegs so harmlos niedlich, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Sie sind vielmehr aufgeladen mit einer Spiritualität, die sich aus der Götterwelt Afrikas, den Mythen indianischer Ureinwohner und christlichem Aberglaube speist. Aus gleich drei Religionen. Daher die starke Ausstrahlung, daher die Kraft und ungebrochene Faszination des Pandämoniums, das mittlerweile auch zahlreiche, prächtig aufgemachte Künstlerbücher bevölkert. Das jüngste Buch „Kindheit“, das mit spielerischer Leichtigkeit die bedrückenden Kindheitserinnerungen der Hamburger Journalistin und Schauspielerin Peggy Parnass illustriert, ohne die grauenhaften Ereignissen unter den Nazis zu verniedlichen oder zu beschönigen (KulturPort.De-Bericht), wurde übrigens zu einem der schönsten Bücher des Jahres 2013 gekürt. Schon phänomenal, wie Tita do Rêgo Silva das schafft:
Es ist, als ob ihre Figuren ein unerhört tiefes Verständnis der Welt in sich tragen - die Weisheit, dass sich diese Welt nur mit Humor und Heiterkeit ertragen lässt.


Tita do Rêgo Silva: „Lost & Found – Achados & Perdidos“, zu sehen bis zum 31. März 2014 im Kunstforum der GEDOK, (Haus für Kunst und Handwerk), Koppel 66, Hamburg-St. Georg
Geöffnet: Di-Fr 13-18 Uhr, Sa 13-16 Uhr.

Abbildungsnachweis: Header Einladungskarte

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