Neue Kommentare

NN zu Das Chimei – ein Museum für eine einmalige Privatsammlung in Taiwan: Lasst Euch nicht blenden! Es gibt nichts Gutes, a...
Peter Schmidt zu Verleihung der Goldenen Kamera – mit Bruno Ganz und ohne Friede Springer: Und noch einmal zur Goldenen Kamera
Im Fol...

Hans Joachim Schneider zu Tina – das Tina Turner Festival: Was soll aus einem Stück werden, wenn die Dame, ...
Marion Sörensen zu Leipziger Buchmesse – Impressionen: Das ist wieder einmal ein wunderbar geschriebener...
Dagmar Reichardt zu Ennio Morricone: Farewell-Tour 2019: Danke, lieber Herr Cvek! Ja, das war ein wirklich...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Grafik & Design

Peter de Vries – Hut- und Urnenhüllen-Macher

Drucken
(88 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 16. November 2018 um 09:26 Uhr
Peter de Vries – Hut- und Urnenhüllen-Macher 4.1 out of 5 based on 88 votes.
Peter de Vries Hutmacher

Wie muss man sich eine Person vorstellen, die Freunde und Kollegen als „Naturereignis“ bezeichnen?
In jedem Fall als einen charismatischen Menschen mit überschäumendem Naturell, Schalk im Nacken und umwerfend guter Laune. Als kreativen Kopf, der genial-verrückte Ideen entwickelt und dabei alle, die in seine Nähe geraten, wie in einem Sog mit sich zu reißen vermag. Der Mann heißt Peter de Vries und ist seit 1989 Hutmacher. Seit Sommer 2018 ist er auch Urnenmacher.

„Das Unmögliche zu schaffen, gelingt einem nur, wenn man es für möglich befindet.“ Das hat zwar der verrückte Hutmacher aus „Alice im Wunderland“ gesagt, doch der Satz hätte auch von Peter de Vries stammen können. Schließlich ist es schon ziemlich verrückt, seinen einträglichen Beruf als Optiker an den Nagel zu hängen, um Hüte zu machen. Ohne jede Ausbildung, wohlgemerkt, als Autodidakt. Wenn man den gebürtigen Holländer fragt, wie er auf den Hut und nach Hamburg gekommen ist, erzählt er von einer Hut-Show bei der Eröffnung eines Casinos in seiner Heimatstadt Groningen 1988 und seiner Freundin damals, „die sehr gerne Hüte trug“. Das Handwerk hatte ihn gepackt, obwohl er selbst keine Hüte trug und bis heute nicht trägt. 1989 kündigte er seinen Job als Optiker, ging nach Hamburg, eröffnete in der Geschwister-Scholl-Straße 8 sein Atelier und wurde wenig später Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Kunsthandwerk in Hamburg.

In dem Atelier in Eppendorf arbeitet Peter de Vries heute noch, denn es brachte ihm Glück – auch persönlich. Eines Tages betrat eine Dame die Werkstatt, die eigentlich nur einen Hut suchte – und ihren späteren Ehemann fand. Mittlerweile sind die Kinder 20 und 16 Jahre alt und die Werkstatt sieht (fast) noch so aus, wie de Vries sie einst eingerichtet hat. Der erste Eindruck, sobald man sie betritt: Voll und etwas chaotisch. Oder: Voll und schön aufgeräumt. Das liegt ganz daran, welchen Tag man gerade erwischt. In der Mitte ein schmaler Tisch, auf dem ein paar Hüte trocknen. Links und rechts davon zwei Arbeitsplätze mit Nähmaschinen. Eine davon ist eine echte Antiquität und stammt aus den USA der 1880er Jahre. An ihr sitzt Peter de Vries, wenn er die Strohhüte und -Urnen näht. Rundherum raumhohe Wandregale mit Hutformen aus Holz, Hutrohlingen aus Filz, Strohhüten und einem riesigen Wäschekorb aus Stroh. Beeindruckend ist die Sammlung an Hutpressen aus Aluminium, die martialisch und archaisch anmuten, doch genauso noch heute in Italien hergestellt werden. Über ihnen hängen Bilder der niederländischen Königsfamilie: Königin Juliana und Prinz Bernhard, Königin Beatrix und Prinz Claus. Gegenüber König Willem-Alexander und Königin Maxima. „Meine Sippschaft“, kommentiert Peter de Vries augenzwinkernd, „Ich bin ja das schwarze Schaf der Familie“. Das stimmt zwar nicht, dafür stimmt aber, dass er zur Hochzeit von Maxima und Willem-Alexander für die entfernte norddeutsche Verwandtschaft die Hüte entwarf. Das war 2002 und zu jener Zeit war der Hutmacher bekannt wie ein bunter Hund für seine verrückten Kreationen. „Einer meiner Hüte war so groß, dass mein Modell umgefallen ist“, erzählt er lachend. „Den hatte ich für den Moet-Chandon-Wettbewerb 1999 auf der Horner Rennbahn gemacht“.

Mittlerweile setzt der Wahlhamburger verstärkt auf tragbare und vielseitige Hüte. Zu den Verkaufsschlagern zählt der praktische „Robin Hut“ aus feinem Velourfilz, „der den Reichen nimmt und den Armen gibt“ (de Vries). Der robuste „Rollin Hat“ für den Herren, der ein wenig dem Borsalino-Klassiker „Fedora“ ähnelt - und natürlich der preisgekrönte und vielfach wandelbare „Sushehat“, ausgezeichnet mit dem renommierten „Red Dot Design Award“ 2006 und dem Preis für Eco-Design der Mailänder Universität 2009.
Immer in Bewegung bleiben, sich immer wieder neu erfinden, das ist die Devise des Peter de Vries, der auch mit 57 Jahren nichts von seinem Lausbubencharme und seiner Neugierde verloren hat. Nicht zu vergessen die Experimentierlust, der so großartige Erfindungen wie die schalldämmende Wandfliese aus Filz zu verdanken ist. In den Maßen 50x50 Zentimeter ist sie nach Belieben bedruckbar und farbig zu gestalten, dazu über ein Klettverschlusssystem leicht und variabel in gewünschter Menge an den Wänden zu befestigen. Diese Filzfliese hat ihm 2010 nicht nur den Hessischen Staatspreis eingebracht, sondern auch ein komplett neues Berufsfeld als Akustikspezialist eröffnet. In den Fluren des Hamburger Johanneums, in der Montessori Schule Düsseldorf, in etlichen Büros, ja sogar auf einem Kreuzfahrtschiff sorgen Filzfliesen aus seiner Werkstatt jetzt für einen angenehmen Lärmpegel. In der Opernwelt hat der Hutmacher ebenfalls Aufsehen erregt. Für die Bayreuther „Lohengrin“-Inszenierung von Hans Neuenfels 2010 bestellte der Bühnen- und Kostümbildner Reinhard von der Thannen 143 gelbe Filzhüte. Eine schöne Geschichte, die Peter de Vries nun den Studierenden erzählen kann: Seit 2011 unterrichtet er als Lehrbeauftragter in der Textil-Klasse von Professor Renata Brink an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Nach dem innovativen Einsatz von Filz nun also der innovative Einsatz von Stroh: Als biologisch hundertprozentig abbaubare Urnenhülle. Vielleicht ist es ja auch ein wenig dem Alter geschuldet, dass sich der Designer und Kunsthandwerker nun diesem ernsten Thema zuwendet. Allerdings – allein die Idee entlockt einem doch schon unwillkürlich ein Lächeln. Was für eine schöne Vorstellung, in einer handgenähten Strohurne in die Ewigkeit einzutauchen. In einer dieser unprätentiösen kleinen Körbe mit Deckel, deren wellenförmige Form an leckere Baumkuchen erinnert. Das Weizenstroh, die Baumwollfäden und die Kokosfasern als Füllung und Kordel sind ebenso vegan, wie die Asche-Kapsel aus gepresstem Hanf. Das gleiche gilt für die Farben der Stroh-Urne, die vom hellen Naturton bis zum tiefen Schwarz wählbar sind. So eine Urne kostet 190 bis 390 Euro. Und eine prominente Kundin hat auch schon eine bestellt: Marie Bäumer war von der Urnen-Idee begeistert. Die Schauspielerin, die dieses Jahr für ihre Rolle als Romy Schneider in dem Film „3 Tage in Quiberon“ den Deutschen Filmpreis als beste Hauptdarstellerin erhielt, ist seit den frühen 90er Jahren eine Freundin von Peter de Vries. Doch das ist eine andere Geschichte…

Peter de Vries – Hutmacher

Geschwister-Scholl-Straße 8, 20251 Hamburg
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis: Alle Fotos © Isabelle Hofmann
Header: Der Robin-Hut in verschiedenen Farbvariantionen
Galerie:
01. Peter de Vries an der Nähmaschine
02. Erfolgsmodelle: Sushi-Hat und Robin-Hut
03. Hutformen aus Aluminium
04. Hutformen aus Holz
05. Filzfließen zur Schalldämpfung
06. Peter de Vries präsentiert das neueste Produkt: Urnenhüllen aus Stroh
07. Urnenhüllen und Kapsel

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

avatar Herby Neubacher
-1
 
 
Mal auf die Website des Hutmachers geguckt? 500 Euro fuer einen Hut?!? HH hat es gut. Wenn man wie ich in Vietnam lebt dann ist das wesentlich mehr das ein Monatesgehalt eines Arbeiters mit Frau, Oma und drei Kindern. Vielleicht haben wr in Europa etwas die Perspektive verloren ...!

Ach ja, letztens hoerte ich das auch in HH noch reichlich Kinder hungern.
Obhut statt Hut wuerde ich da vielleicht mal empfehlen.
Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
ChronoComments by Joomla Professional Solutions
Meinen Kommentar abschicken
Abbrechen
Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Grafik & Design > Peter de Vries – Hut- und Urnenhüllen-Mach...

Mehr auf KulturPort.De

Joachim Caffonnette Trio: Vers L‘Azur Noir
 Joachim Caffonnette Trio: Vers L‘Azur Noir



Die Richtung ist vorgegeben, auch wenn wir nicht wissen, woher und aus welcher Farbe sie kommen. Es geht ins tief dunkle Azurblau-schwarz: das belgische Trio um  [ ... ]



„Hyper! A Journey Into Art and Music“
 „Hyper! A Journey Into Art and Music“



Die Deichtorhallen in Hamburg suchen mit der Ausstellung „Hyper! A Journey Into Art and Music“ von Kurator Max Dax, ein neues, junges Publikum – und die Re [ ... ]



Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance
 Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance



Wer sakrale Kunst schätzt, sollte eine bemerkenswerte Ausstellung in Berlin nicht versäumen. In Kooperation mit der National Gallery, London, präsentieren die [ ... ]



„Ein letzter Job”. Oder der diskrete Charme des Michael Caine.
 „Ein letzter Job”. Oder der diskrete Charme des Michael Caine.



Das Alter ist ein besonders tückischer gefräßiger Moloch, die Zeit drängt, doch Schauspieler wie der 86jährige Michael Caine in „Ein letzter Job” trotze [ ... ]



Joseph Haydn: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze
 Joseph Haydn: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze



„Die Aufgabe, sieben Adagios, wovon jedes gegen zehn Minuten dauern sollte, aufeinander folgen zu lassen, ohne den Zuhörer zu ermüden, war keine von den leic [ ... ]



Wolfgang Marx: Am grauen Meer
 Wolfgang Marx: Am grauen Meer



„Warum“, möchte „Der Freitag“ von einer erfolgreichen Drehbuchautorin wissen, warum „kommt bei Angst so viel Rosamunde Pilcher heraus?“ Mit Angst sp [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.