Neue Kommentare

Stipe Gojun zu „La Vérité” Hirokazu Kore-eda und der Mythos Familie : Ach, wie gern würde ich heute ins Kino gehen. Ob...
Frank-Peter Hansen zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Im Spätherbst letzten Jahres anlässlich einer S...
bbk berlin zu Dortmund geht neue Wege bei der Kunst-Förderung: Die Berliner Künstler*innen freut es sehr, dass ...
Markus Semm zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Sehen Sie: Der Unterschied zw. Heidegger und Cass...
Karin Schneider zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Ein großartiger Artikel! Stefan Diebitz schafft ...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Kunsthandwerk, Grafik & Design

Tattoo – Körperbilder

Drucken
(127 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 18. Mai 2015 um 09:02 Uhr
Tattoo – Körperbilder 4.4 out of 5 based on 127 votes.
Tattoo – Körperbilder

Früher war es ein Brandmal. Ein Zeichen, das Menschen sofort klassifizierte: Seefahrer ließen sich tätowieren, schwere Jungs und leichte Mädchen. Heute wird man bei jeder Sportschau mit dem permanenten Körperschmuck konfrontiert.
Ob David Beckham, Luca Toni, Lionel Messi oder Zlatan Ibrahimovic – kaum noch ein Fußballstar, der unbebildert über den Rasen rennt. Sicher auch ein Grund, warum die schmerzhafte Prozedur so populär geworden ist: Mehr als acht Millionen Deutsche sind mittlerweile tätowiert! Grund genug für das Museum für Kunst und Gewerbe, das Massen-Phänomen quer durch die Kulturgeschichte zu beleuchten – und dabei aufzuzeigen, dass der Hang zum „Tattoo“ oftmals weit über die bloße Modeerscheinung hinausgeht.

Selten sah man das feudale Treppenhaus am Steintorplatz mit so eindrucksvollen Fotografien bestückt: Männer und Frauen in Überlebensgröße, von Kopf bis Fuß mit Tintenbildern übersäht. Selbst wer dieser „Ganzkörperbekleidung“ nicht allzu viel abgewinnen kann, muss zugeben: Die Porträts von Ralf Mitsch sind faszinierend. Der kreative Hautschmuck wirkt keineswegs billig, vielmehr künstlerisch wertvoll.
Finanziell betrachtet ist er das sowieso: Die Zeit, in der man in einer finsteren Kaschemme für ein paar Mark ein Kreuz, Segelschiff oder Totenkopf gestochen bekommen hat ist längst vorbei. Schon Herbert Hoffmann (1919-2010), legendärer Tätowierer auf St. Pauli, von dem hier viele Fotografien zu sehen sind, kämpfte um Anerkennung als Kunsthandwerker. Heutzutage kostet ein hochwertiges, flächendeckendes Tattoo ungefähr so viel wie ein Mittelklasse-Wagen. Und für das Kunstwerk eines international bekannten Tätowierers könnte der Träger oder die Trägerin auch schon mal ein Eigenheim erstehen.

Was die Stars der Szene heutzutage alles in die Haut stechen, zeigt ein zentral platziertes Endlosloop. Großartige Gemälde sind darunter, absolut gleichwertig zu den „konventionellen“ Bildern junger Gegenwartskunst.
Doch das ist nur ein Aspekt dieser vielschichtigen Ausstellung. Sie beginnt bei James Cooks Südsee-Expeditionen im 18. Jahrhundert – er hatte in seinen Berichten die exotischen Praktiken des „Tattow“ oder „Tatau“, wie es damals hieß, in der westlichen Welt publik gemacht. Und schlägt dann einen riesigen Bogen von den magisch-mythischen Bräuchen indigener Stammesgruppen in Südamerika bis zu zeitgenössischen Performances, Fotos und Filmen. Die wohl provokanteste Arbeit: Das Video des polnischen Künstlers Arthur Zmijewski, der den 92-jährigen Ausschwitz-Überlebenden Josef Tarnawa vor laufender Kamera überredet, seines verblasste Lagernummer nachstechen zu lassen und währenddessen von der traumatischen KZ-Zeit zu erzählen.

Die Tatsache, dass KZ-Häftlinge zwangstätowiert wurden (übrigens auch die SS-Truppen, denen die jeweilige Blutgruppe auf den Oberarm tätowiert wurde), trägt zweifellos zum schlechten Ruf des Tattoos nach dem Zweiten Weltkrieg bei.
In Japan war das Wechselbad zwischen Zustimmung und Ablehnung vielleicht noch extremer als in Deutschland. Im 19. Jahrhundert war der reich verzierte Oberkörper eines Rikscha-Fahrers ausgesprochen verkaufsfördernd. Das änderte sich mit Zeit, da sich in dem Metier viele Kleinkriminelle herumtrieben.

Es ist sicherlich nicht verwunderlich, dass die interessantesten Aufnahmen dieser Schau aus dem kriminellen Milieu stammen. Mit Arkady Bronnikovs Fotoserie über russische Strafgefangene und den Gefängnistätowierungen, die der österreichische Fotograf Klaus Pichler zusammentrug, sind ebenso eindringliche wie aufschlussreiche Dokumentationen entstanden. Ursprünglich von staatlicher Seite eingesetzt, um die Straftäter zu stigmatisieren, entwickelte sich nämlich hinter Gittern ein geheimer Zeichenkodex, der Eingeweihten Gruppenzugehörigkeit, Straftat und Rang der kriminellen Hierarchie verrät.

Heute ist das Tattoo schon (fast) wieder gesellschaftsfähig geworden. Und allen, die sich über Bettina Wulff „Tribal“ am Oberarm echauffierten, sei gesagt: Deutschlands ehemalige First-Lady kann sich auf jede Menge gekrönter Häupter beziehen. Zar Nikolaus und König Georg von England waren mit Körperbildern verziert, ebenso Prinz Heinrich von Preußen und der dänische König Friedrich IX. Selbst Kaiserin Elisabeth von Österreich, besser bekannt als Sissi, ließ sich einen Anker tätowieren – als Zeichen der Verbundenheit zu ihrer geliebten Heimat.


Die Ausstellung „Tattoo“ ist bis zum 6. September im Museum für Kunst und Gewerbe am Steintorplatz in Hamburg zu sehen.
Geöffnet: Di-So 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr.
Eintritt 10 Euro, ermäßigt 7 Euro, bis 17 Jahre frei.
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Header: Jens Uwe Parkitny; Ma Hla Oo aus Laytu-Chin, Nördliches Rakhine, Burma. Foto: Jens Uwe Parkitny
Galerie:
01. Ausstellungsansicht. Foto: Michaela Hille
02. unbekannt; Porträt von Maud Stevens Wagner, Tattoo-Künstlerin, USA, 1877-1961. Foto: Library of Congress, Washington
03. Fumie Sasabuchi; ohne Titel, 2004; Bleistift auf Papier, 29,5x20,5 cm. Privatsammlung, Österrreich. © Fumie Sasabuchi
04. unbekannter Fotograf; Japanese Tattoo, 1880-1890, Albuminpapier, handkoloriert, 27x21 cm. © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
05. Masahiko Adachi; Filmstill aus „Flesh Color“, Regie: Masahiko Adachi, Japan 2010, 4 Min. © Masahiko Adachi
06. Timm Ulrichs; The End, 1970, 1981, 1997, Augenlid-Tätowierung, Inkjet-Print auf Leinwand auf Keilrahmen, 150x150 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2015
07. Ausstellungsansicht. Foto: Michaela Hille
08. Marlon Wobst; Skin Ball, 2012, Schwarz Contemporary, Berlin. Öl auf Leinwand, 55x50 cm. © Schwarz Contemporary, Berlin
09. Christian Warlich; Tattoo-Vorlagenblatt von Christian Warlich, Hamburg, um 1930. © Tattoo Museum Willy Robinson
10.
Ausstellungsansicht. Foto: Michaela Hille

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Grafik & Design > Tattoo – Körperbilder

Mehr auf KulturPort.De

Meine kleine Schwester im Herzen, Regy Clasen. Ein persönlicher Nachruf von Purple Schulz
 Meine kleine Schwester im Herzen, Regy Clasen. Ein persönlicher Nachruf von Purple Schulz



Meine kleine Schwester im Herzen, Regy Clasen, hat am vergangenen Samstag ihre Flügel ausgebreitet und ist davongeflogen wie das Rotkehlchen vor ihrem Fenster,  [ ... ]



Anime: Psycho Pass – Sinners of the System
 Anime: Psycho Pass – Sinners of the System



Ein spannender Cyperpunk-Thriller, angesiedelt im 21ten Jahrhundert und gepaart mit actiongeladener Science-Fiction erzählt von drei verschiedenen Fällen rund  [ ... ]



Die letzten zehn Tage im Leben einer Ikone: „Ach, Virginia“. Ein Roman über Virginia Woolf
 Die letzten zehn Tage im Leben einer Ikone: „Ach, Virginia“. Ein Roman über Virginia Woolf



Virginia Woolf (1882-1941) ist eine Ikone der literarischen Moderne. Wie kaum eine andere Frau ihrer Zeit steht sie für das Ringen um Eigenständigkeit und Raum [ ... ]



BuchDruckKunst 2020 – Das Magazin
 BuchDruckKunst 2020 – Das Magazin



Menschen, Bücher, Sensationen: An diesem Wochenende, vom 27. bis 29. März 2020, sollte die renommierte BuchDruckKunst im Museum der Arbeit stattfinden. Ein Hig [ ... ]



Eoin Moore und Anika Wangard – eine Begegnung
 Eoin Moore und Anika Wangard – eine Begegnung



Eigentlich bin ich nicht besonders scharf auf Krimis. Wenn sie allerdings sehr gut sind, relativiert sich das. Wahrscheinlich befinde ich mich tief im Mainstream [ ... ]



„Waves” – Trey Edward Shults’ Opulenz der Emotionen
 „Waves” – Trey Edward Shults’ Opulenz der Emotionen



„Waves” ist ein visuell waghalsiger Kraftakt, überwältigend, mitreißend, voller Zärtlichkeit, trügerischer Hoffnungen und zerborstener Träume. US-Regis [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.