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Fotografie

Wim Wenders: Places, Strange and Quiet

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Samstag, den 21. April 2012 um 10:29 Uhr
Wim Wenders: Places, Strange and Quiet 4.3 out of 5 based on 170 votes.
Wim Wenders: Places, Strange and Quiet - Sammlung Falckenberg, Hamburg-Harburg

Ein verrottetes Riesenrad mitten in der Steppe. Wie ein Wesen aus einer fremden Welt sieht es aus.
Wie ein Relikt aus einer Zeit, als es noch Menschen gab auf diesem Gott verlassenem Flecken Erde. Dann das Riesenrad nochmal, diesmal aus einer anderen Perspektive. Und siehe da: Auf der anderen Seite steht gar nicht weit weg ein verwahrloster Wohnkomplex „Jedes Foto erzählt eine Geschichte“ hat Wim Wenders dazu notiert. „Doch manchmal erzählt nur der Gegenschuss die Wahrheit“. Vor vier Jahren machte Wim Wenders die beiden Aufnahmen in Armenien – als Zeugnis der Hinterlassenschaften aus sowjetischer Zeit. Jetzt hängen die Bilder in seiner großartigen Ausstellung „Places, Strange and Quiet“ in den Räumen der Sammlung Falckenberg in den Hamburg-Harburger Phoenix Hallen.

Man muss wirklich ganz genau hinschauen, wenn es heißt „Die Deichtorhallen präsentierten“. Wer nicht schaut, sondern automatisch in Richtung Speicherstadt und Hafencity läuft, wird schnell feststellen, dass nicht jede Ausstellung, für die die Deichtorhallen wirbt, auch tatsächlich in den Deichtorhallen stattfindet. Seit einem Jahr kooperieren der einflussreiche Unternehmer und Sammler Harald Falckenberg und die Stadt Hamburg. Seitdem haben die Deichtorhallen eine Harburger Dependance.

Nun also Wim Wenders: Seit der international renommierte Filmemacher auf Drehortsuche für seinen vielfach preisgekrönten Films „Paris, Texas“ (1983) kreuz und quer durch den mittleren Westen fuhr, begeistert ihn die Fotografie. Wenders arbeitet seitdem analog. Digitale Fotografie hat ihn nie gereizt, seines Erachtens hat das mit Fotografie nichts mehr zu tun. Er ist ein Entdecker der Langsamkeit. Der Stille. Des Unspektakulären. Seine Orte sind oftmals menschenleer, schäbig und heruntergekommen – aber von einer Poesie und Suggestionskraft, die atemberaubend ist. „Orte erzählen mehr von uns, wenn kein Mensch zu sehen ist“, erläutert Wenders seine Sichtweise. Wenn Menschen auf den Fotos seien, würde sich der Blick der Betrachter automatisch auf sie verdichten und alles andere beiseite drängen. Dieses Phänomen hätte er immer wieder beobachtet, selbst wenn der Mensch so winzig sei, wie in Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Mönch am Meer“.
Die Malerei hat den Filmer und Fotografen geprägt. Er liebt die alten Flamen und Niederländer. Romantiker wie Caspar David Friedrich (1774-1840), mit dem er gemein hat, die Menschen am immer wieder von hinten zu zeigen. Vor allem aber Edward Hopper (1882-1967), der mit seinen melancholischen Stadtlandschaften als „Maler der amerikanischen Seele“ verehrt wird. „Hopper war mein Held“, sagt Wenders. „Schon Anfang der 1970er-Jahre, als ihn hier noch niemand kannte“. So wundert es nicht, dass Aufnahmen wie die „Straßenecke in Butte“ (2003) frappierende Ähnlichkeiten mit Hoppers Gemälden aufweisen. Nicht, dass Wenders versucht hätte, ein bestimmtes Bild nachzustellen. Seine Fotografien transportieren vielmehr die gleiche Einsamkeit, die gleiche Verlorenheit, den gleichen subtilen „Thrill“ der anonymen Großstädte.

Der Spaziergang durch Wim Wenders‘ Ausstellung (seiner bislang größten übrigens) gleicht einer Weltreise: Australien, Asien, Amerika, Süd- und Osteuropa – die über 60, zum Teil meterlangen Fotografien vermitteln den Eindruck, der Mann, der heute in Berlin lebt und an der Hamburger Hochschule für bildende Künste unterrichtet, sei ständig unterwegs. Ein Rastloser, Ruheloser, der in der Fremde nicht nur die Orte festhält, die im Verschwinden begriffen sind, sondern, indirekt, auch die Menschen und ihre Kultur. In fremden Städten, so gibt er zu, ziehe es ihn immer wieder zu Friedhöfen: „Dort kann man viel lernen. Nicht über die Toten, vielmehr über die Lebenden“. Eine seiner eindrucksvollsten Panoramaaufnahmen zeigt ein paar riesige, rostige Buchstaben, mitten in der Steppe. Sie sollen daran erinnern, dass die Armenier nur wegen ihrer Kultur, ihrer Sprache und ihres eigenen Alphabets den versuchten Völkermord überstanden. Und noch eine Fotoserie macht unerhört betroffen. Sie ist nicht im Katalog abgebildet, denn sie wurde erst unmittelbar vor Eröffnung dieser Ausstellung fertig: Im dritten Obergeschoss hängen drei Fotos in dunkler, blau-grau-grüner Farbgebung. Eine Landschaft, das erkennt man gerade noch. Aber was, wann, wo – das bleibt völlig unbestimmt. Auffällig ist nur, dass über alle drei Fotos eine großkurvige Sinuskurve läuft. Diese Aufnahmen entstanden im Oktober 2011 in Fukushima, unmittelbar vor dem Sperrgebiet. Das mitgeführte Messgerät, so sagt Wenders „zeigte einen Wert von 8,19 Mikrosievert an“. Zurück in Deutschland waren die Negative verdorben: Quer über die Fotos läuft eine schmutzig orange-braune Sinuskurve. Radioaktive Strahlen bewegt sich bekannter Weise in Wellenform fort. Doch so eindrucksvoll visualisiert wie hier sah man die tödliche Energie noch nie.


Die Ausstellung „Wim Wenders: Places, Strange and Quiet“ ist noch bis zum 19. August 2012 zu sehen.
Sammlung Falckenberg, Wilstorfer Straße 71, Hamburg-Harburg
Führungen: Mi und Do 18 Uhr, Fr. 17 Uhr, Sa und So 11 und 15 Uhr. Anmeldung erforderlich unter Tel.: (040) 3250 6762
Weitere Informationen

Fotonachweis:
Header: Wim Wenders vor der Fotografie "Armenian Alphabet", 2008 in der Sammlung Falckenberg, Hamburg-Harburg. Foto: Isabelle Hofmann.

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avatar (Frau) Dr. Helgund Seidler
+2
 
 
Dass radioaktive Strahlung Filme ruiniert, ist bekannt. Deshalb haben analoge Fotografen bei Flugreisen ihre Filme gerne in Bleisäcke verpackt. Die Sinuskurve kommt aber nicht direkt von solchen sinusförmigen Wellen, wenn sie auch durchaus ihren Ursprung in Strahlung haben kann. Aber die Form kommt daher, dass Wim Wenders Rollfilm verwendet hat und der Strahl die Filmrolle in einem schrägen Winkel getroffen hat. Die Wellenlänge radioaktiver Strahlung ist viel zu kurz, als dass sie eine sichtbare Sinuskurve entsprechend ihrer Länge hinterlassen könnte. Wenn Wim Wenders nicht Rollfilm, sondern Platten verwendet hätte, hätte die Strahlung eine Linie statt einer Sinus-Kurve hinterlassen und im übrigen den Film genau so ruiniert.
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