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Fotografie

Kai Wiesinger: "Ich bin kein fotografierender Schauspieler!"

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Mittwoch, den 21. März 2012 um 16:04 Uhr
Kai Wiesinger: "Ich bin kein fotografierender Schauspieler!" 4.2 out of 5 based on 140 votes.
Kai Wiesinger - Dialog der Geschichten

Im Februar begannen seine Dreharbeiten für den SAT1-Film „Mit geradem Rücken“. Mitte Mai wird er als Bundeskanzler im Hamburger „Tatort“ zu sehen sein.
Doch was ihn derzeit bewegt, ist nicht der Film. Mit 45 Jahren startet Kai Wiesinger noch einmal durch – als Fotograf. Das renommierte Magazin LFI (Leica Fotografie international) widmete seinen Aufnahmen bereits das Sonderheft „Wunderkinder“, das bei den Dreharbeiten zu gleichnamigen Holocaust-Drama entstand. Ab 21. März sind die Bilder in Hamburg zu sehen. In den Sophienterrassen zeigt Wiesinger gemeinsam mit der Regisseurin und Fotografin Franziska Stünkel die Doppelschau „Dialog der Geschichten“. Zuvor nahm er sich Zeit für ein Gespräch über seine Leidenschaft – und auch noch drei weitere.

„Kinostar macht Kunst“, titelte jüngst eine große deutsche Boulevardzeitung. Das klingt nicht sehr vielversprechend. „Noch so einer in der Midlife-Krise“, wird sich manch Leser gedacht haben. „Hatte sich der Schauspieler nicht gerade von seiner Frau getrennt? Jetzt muss er wohl was Neues ausprobieren“. Es geht ja so schnell mit den (Vor)Urteilen: Ein Bild, ein Bericht, schon steckt man in einer Schublade.

Mit der Wahrheit hat das alles wenig zu tun. Kai Wiesinger fotografiert seit Kindesbeinen. Sein Vater, ein Journalist, schenkte ihm die erste Kamera. Die Mutter sensibilisierte seine Wahrnehmung mit Fragen wie „Glaubst Du, das Blau, das ich sehe ist das gleiche Blau, das Du siehst?“
„Ich habe schon als Kind die Welt um mich wie durch einen Rahmen gesehen, ich lebte immer in Bildern“, sagt Wiesinger. Mit zehn Jahren stand der gebürtige Hannoveraner bereits in der Dunkelkammer, zum 16. Geburtstag bekam er dann Schauspielunterricht geschenkt – und zehn Jahre später avancierte er in Sönke Wortmanns Filmkomödie „Kleine Haie“ (1992) zum Leinwandstar und Frauenschwarm. Seitdem gehört Wiesinger zu den „bewegten Männern“ des neuen deutschen Films und profilierte sich als Komödienheld ebenso, wie in zahlreichen ernsten Rollen. In „Wunderkinder“, einem Film, der den Zweiten Weltkrieg aus der Sicht von Kindern zeigt, brillierte er 2011 als in der Ukraine lebender deutscher Unternehmer Max Reich, dessen musikalisch hochbegabe Tochter Hanna (Mathilda Adamik) in den russisch-jüdischen Wunderkindern Larissa (Imogen Burell) und Abrascha (Elin Kolev) Freunde bis in den Tod findet.

Doch Kai Wiesinger ist nicht nur vor, sondern auch hinter der Filmkamera höchst produktiv. Drei Dokumentarfilme hat er in den vergangenen Jahren gedreht, darunter einen über den irrwitzigen Brauch orthodoxer Juden in den USA, mit Hilfe von gespannten Drähten entlang der Telefonleitungen ihren Privatbereich auf ganze Wohnviertel auszudehnen und somit die strengen, für den öffentlichen Raum geltenden Vorschriften am Shabbat auszutricksen. „Ja“, sagt Kai Wiesinger, „es stimmt, ich habe viel ausprobiert und herumexperimentiert. Aber nun, mit zunehmendem Alter, nimmt die Fotografie einen immer größeren Stellenwert für mich ein. Ich möchte immer Schauspieler bleiben, denn diese Arbeit macht mir sehr viel Freude. Aber was ich zurzeit fotografiere, erfüllt mich total. Das ist das, wonach ich lange gesucht habe. Und ich merke, dass es auf das Interesse der Menschen stößt, die wirklich Ahnung von Fotografie haben. Das beflügelt mich sehr“.

Dabei stellt sich die Frage, wie der Mann mit dem ständigen Rollentausch klar kommt. Eben noch im Rampenlicht und mitten drin im NS-Terror, im nächsten Augenblick schon mit seiner kleinen Leica auf der Pirsch nach Motiven. „Das klappt gut“, antwortet Wiesinger. „Ich bin ein extremer Mensch. Ich kann mich komplett an- und ausschalten. Ein Beispiel: Privat laufe ich am liebsten immer in den gleichen Klamotten rum. Ich hasse es, mich ständig umzuziehen. Aber wenn ich spiele, habe ich das überhaupt nicht, dann bin ich hundertprozentig im Dienste meiner Figur. Dann können 20 Leute an mir rumfummeln, mich an- und ausziehen, mich schminken, die Haare machen – dann kann jeder mit meinem Körper machen, was er will. Ich benutze ihn dann ja auch für meine schauspielerische Arbeit“.

Schauspieler gelten als exzentrisch, Fotografen sind dann am besten, wenn sie unsichtbar sind. Sieht er da nicht einen Widerspruch?
„Nein. Wenn ich als Fotograf unterwegs bin, bin ich nur Auge und Ohr, ein einziger Schwamm“, kontert Wiesinger. „Und außerdem: Schauspielerei hat nichts mit Exzentrik zu tun. Ich habe schon mit den tollsten Leuten gearbeitet, die waren zurückhaltend, nett und bescheiden. Es gibt ja auch keinen Grund, warum sie das nicht sein sollten. Schauspieler sind nicht per se besonders spannende Menschen. Da gibt es ganz andere. Wenn ich über Gehirnforschung oder Quantenphysik lese, dann denke ich oft, mein Gott, was für tolle Menschen, was die alles wissen, wovon ich nur den Ansatz einer Ahnung habe“.

Wann und warum fingen Sie an, sich mit Gehirnforschung und Quantenphysik zu befassen? „Vor fünf Jahren, weil ich aufgehört hatte, die Nachrichten zu verfolgen. Das habe ich drei Jahre lang durchgezogen. Keine Zeitung, kein Internet, kein Radio, kein Fernsehen. Ich erfuhr nur die Informationen, die durch Freunde und Familie an mich herangetragen wurden“. Und was war das Ergebnis dieser Abstinenz? „Eine komplette Gehirnreinigung. Wir werden ja völlig zugemüllt mit Informationen, selbst wenn man filtert, hat man immer noch viel zu viele Informationen, die man nicht braucht. So bin ich immer mehr auf die Essenz gekommen, zur Quantenphysik. Und dann, etwas greifbarer, zur Gehirnforschung“. Dabei habe er ungeheuer viel gelernt, erzählt Wiesinger. Vor allem Eines: „Es ist nicht nur entscheidend, was ein Mensch tut oder sagt. Sondern, warum ein Mensch überhaupt denkt, er sei ein Mensch“.

Die Beschäftigung mit der Quantenphysik und ein Buch des Fotografen Wolfgang Tillmans habe Kai Wiesinger auch geholfen, eine Sinnkrise zu überwinden. „Es gab ein Jahr, wo ich mich fragte, warum mache ich das überhaupt alles. Warum bin ich nicht Arzt oder Bäcker, da würde ich der Gesellschaft vielleicht mehr dienen. Die Berechtigung für künstlerische Berufe ist ja nicht auf den ersten Blick auf der Stirn ablesbar. Dann stieß ich auf Tillmans Buch „If one thing matters, everything matters“. Ich las nur den Titel und dachte, ja klar, das stimmt. Natürlich hat meine Arbeit einen Sinn. Die Quantenphysik lehrt, dass es völlig egal ist, was man macht, eine Komödie, einen Thriller oder einen sozialkritischen Film – alles hat eine Auswirkung, alles verändert die Menschen, ob sie sich das nun bewusst machen oder nicht.

Ja, und dann war alles wieder gut und ich habe weitergemacht“.
Ein Ergebnis war damals „Für immer und ewig – das Geheimnis der glücklichen Ehe“, ein Dokumentarfilm von 2008, den Wiesinger im Auftrag des NDR drehte. Einen Zusammenhang zwischen der Untersuchung und seiner privaten Ehekrise sieht er jedoch „in keiner Weise“. Genauso wenig wie zwischen dem Neustart als Fotograf und der Trennung von der Familie. „Es ist keine Trennung von der Familie“, sagt der Künstler mit Nachdruck. „Es wird so viel Blödsinn geschrieben. Ich würde mich doch nie von meinen Kindern trennen!“ Etwas anders sei die Trennung vom Ehepartner, aber dazu möchte er nichts sagen. Nur so viel: „Ich glaube, es gibt Phasen im Leben, wo sich ganz viel verändert, wo sich plötzlich die Sachen ganz rasant entwickeln“.

Mit dem Projekt „Wunderkinder“ sei das zum Beispiel so gewesen. „Diese Fotos habe ich ja eigentlich nur gemacht, um den Beruf aus meiner Perspektive darzustellen, aus der Innensicht des Schauspielers. Dass sie der Leica AG so gut gefallen, dass sie ein Sonderheft daraus machen, war einfach unglaublich für mich. Das hatte Leica noch nie gemacht. Und da werden ständig Fotografen abgedruckt, die ich zutiefst bewundere“.

Seit gut drei Jahren besteht der Kontakt zu dem Traditionsunternehmen. „Als ich 2009 „Schärfe Deine Sinne“, ein Bildungsprojekt für Kinder gründete, haben die mir ganz toll geholfen. Mir wurden sechs Wochen lang 30 Kameras für 30 Kinder zur Verfügung gestellt“. Zu dem ungewöhnlichen Kinder-Kunstprojekt kam der Vater zweier Töchter, weil er sich für etwas engagieren wollte, wozu er auch „wirklich Bezug“ hat. „Wir werden ja ständig zu irgendwelchen Wohltätigkeitsveranstaltungen gebeten. Charity hier, Charity da. Ich finde es problematisch, wenn man an jedem zweiten Spendentelefon sitzt, gegen Tierpelze kocht und gegen Aids um die Alster rennt. Das wird inflationär. Ich glaube auch, dass nicht nur Arme und Kranke Hilfe brauchen. Die ganze Gesellschaft braucht Hilfe und Bildung ist von ganz vielem der Anfang. Wenn Kinder wieder lernen, bewusst zu sehen, wirklich zu sehen und nicht zu knipsen, dann passiert ganz viel“.

Über die großzügige Unterstützung von Leica, auch jetzt bei der Hamburger Ausstellung, ist Wiesinger sehr dankbar. Mit „Promibonus“ jedoch hat das nichts zu tun, da ist sich der Künstler ganz sicher: „Der Starbonus öffnet vielleicht Türen, aber wenn die Arbeit keinen Bestand hat, ist man auch schnell wieder draußen. Leica kann für sein Magazin jeden Magnum-Fotografen haben. Ich muss mich mit allen messen lassen. Es wäre doch vermessen, die Bilder hinzuhängen und zu erwarten, dass Leute kommen und sie sich ansehen, nur weil ich als Schauspieler einen Namen habe. Die Fotografie erfüllt mich zurzeit total. Es entstehen schon wieder andere, sehr emotionale und expressive Bilder, die ich im November in Düsseldorf zeigen werde. Ich möchte das wirklich einmal klarstellen: Ich bin kein fotografierender Schauspieler! Das ist für mich kein Hobby – das ist Teil meines Lebens.“

Die Ausstellung „Dialog der Geschichten“ läuft vom 21. März - bis 11. April. Sophienterrassen 14 in 20149 Hamburg, Do. und Fr. 16-20 Uhr, Sa 12-16 Uhr.
Weitere Informationen finden Sie hier

Foto von Kai Wiesinger: (c) Isabelle Hofmann
Fotos Galerie + Header: (c) Kai Wiesinger

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