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Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Fotografie

Eva Besnyö – Photographin. Budapest, Berlin, Amsterdam

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Montag, den 21. Januar 2019 um 10:05 Uhr
Eva Besnyö – Photographin. Budapest, Berlin, Amsterdam 4.4 out of 5 based on 81 votes.
Eva Besnyoe – Photographin. Budapest, Berlin, Amsterdam

„Als vielleicht geschichtlich bedeutendste, sicher professionellste ungarische Fotografin, die in der Weimarer Republik sowohl durch Moholys „Neues Sehen“ wie durch die „Neue Sachlichkeit“ geprägt wurde, ist Eva Besnyö anzusehen“. (Andreas Haus, Marburg 1986)
Die Ausstellung im Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen geht der Frage nach wie sie Fotografie-historisch einzuordnen ist. Als Straßen-, Portrait- und Werbefotografin, als Kriegs- und Zeitdokumentaristin sowie als Reportagefotografin und Bildberichterstatterin, als Architektur-, Wissenschafts - und Naturfotografin? Sie war alles zugleich. Die ungarisch-niederländische Fotografin Eva Besnyö (1910 Budapest - 2003 Amsterdam) passt mit ihrem fotografischen Œuvre in keine Schublade.

Das Museum in der Bremer Böttcherstraße präsentiert bis zum 22. April 2019 mehr als achtzig Schwarz-Weiß-photographien, Vintage Prints (Originalabzüge), aus dem Nachlass dieser in Deutschland fast unbekannten Fotokünstlerin und politischen Aktivistin. Aufnahmen, welche die wichtigsten Schaffensperioden ihres Lebens markieren: von den frühen, durch Albert Renger-Patzsch oder László Moholy-Nagy inspirierten Fotoaufnahmen, über die Berliner Straßenszenen, den Portrait- und Architekturfotografien bis hin zur Dokumentation der Frauenbewegung in den Niederlanden der 1970er Jahre.

Eva Besnyö, Tochter des jüdischen Rechtsanwalts Bela Blumengrund, genannt Besnyö, erlernte ihr Fotografen-Handwerk zunächst bei dem renommierten Budapester Portrait- und Werbefotografen József Pécsi. Mit zwanzig Jahren verließ sie Ungarn, um in Berlin als Fotografin zu arbeiten, zunächst als Angestellte, später sehr erfolgreich in ihrem eigenen Atelier in der Nachodstraße in Berlin-Wilmersdorf. „Ich kam nach Berlin und da ging das Licht an... Das waren eigentlich die wichtigsten Jahre in meinem Leben", erinnert sich Eva Besnyö 1991.

Die attraktive junge Frau pflegte enge Kontakte zur Berliner Kunstszene und zur Bauhaus-Avantgarde, zu György Kepes und László Moholy-Nagy sowie Aenne Biermann, Lucia Moholy und Germaine Krull, welche sie in ihrer Fotokunst inspirierten. Ihre Motive fand sie im quirligen Berliner Alltagsleben: bei den Menschen auf der Straße, in den Cafés oder der Arbeit und Freizeit. Sie suchte Motive auf Baustellen, im Zoo und am Wannsee, oder in Sportstadien. Berühmt ist ihre Aufnahme mit der Litfaßsäule in der Starnbergerstraße, Berlin, aus dem Jahr 1931. Aus der Vogelperspektive fängt sie die Atmosphäre der fast leeren Straße ein, die wenigen Menschen und die parkende Limousine, die Schatten werfende Litfaßsäule. Das gleißende Licht, die harten Kontraste und Schlagschatten sowie die ungewöhnliche Perspektive erinnern an ein surrealistisches Gemälde des italienischen Malers Giorgio de Chirico.

Auf der Suche nach einem Bildmotiv, durchstreifte sie die Straßen, blickte in den Sucher ihrer Kamera und fotografierte spielende Kinder und Erwachsene, Objekte und Architekturbauten. In extremer Aufsicht dokumentierte sie den Alexanderplatz – im Jahr 1931 die größte Baustelle der Welt. Sie fotografierte die Arbeiten beim Ausschachten der U-Bahn, das Nebeneinander von Pferdetransportern und Automobilen.

Bei ihren Portraitaufnahmen experimentierte sie mit ungewohnten Perspektiven, die bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben. In einem Selbstbildnis mit wuscheligen Haaren taxiert sie ihr Spiegelbild im Sucher einer Rolleiflex, berechnet Licht und Schatten, fotografiert sich mit weißen Handschuhen, welche die effektvolle Ausleuchtung noch betonen.

Besnyös fotografischer Blick war beeinflusst von zwei stilistischen Strömungen des 20. Jahrhunderts: dem „Neuen Sehen“ und der „Neuen Sachlichkeit“, der „straight photography“, wie sie in Amerika bezeichnet wurde. Zwischen beiden Positionen entwickelte Eva Besnyö ihre eigene Bildsprache, die sie Zeit ihres Lebens beibehalten sollte. Ihr bekanntestes Foto entstand in einem Sommerurlaub 1931 am Balaton (Plattensee) in Ungarn: Ein kleiner Straßenmusikant mit einem Cello auf dem Rücken kam ihr vor die Linse – ein Foto, das als Bildmotiv um die Welt ging. In Anlehnung an das Neue Sehen der Bauhaus-Schule, löste sie die tradierten Normen zugunsten extremer Kompositionen auf: zu Bildausschnitten, ungewöhnlichen Nah- und Detailaufnahmen, gewagten diagonalen Strukturen – Kabelschnüre, Straßenbahnschienen oder Holzbalken durchschneiden diagonal die Bildfläche. Die steile Aufsicht, die Frosch- oder Vogelperspektive verleihen ihren Bildern nicht nur eine fotografische Dynamik, sondern dokumentieren auch die Ästhetik des modernen Lebens und des technischen Fortschritts.

Hinzu kam das Experimentieren in der Dunkelkammer mit Bildumkehrverfahren sowie Doppel- und Mehrfachbelichtung, das Arbeiten mit dem Fotogramm, der Collage sowie der Fotomontage. Doch es war nicht nur der Bauhaus-Einfluss der ihren Stil nachhaltig prägte. Es war vor allen Dingen der Fotograf Albert Renger-Patzsch, ein Vertreter des Neuen Sehens, der mit seiner 1928 erschienenen Publikation „Die Welt ist schön“ ihren puristisch wirkenden Fotografiestil beeinflusste.
Neben dem Neuen Sehen veränderte aber auch die aus Amerika kommende ‚Neue Sachlichkeit’ ihren fotografischen Blick. Deren nüchtern-dokumentarische Bildsprache, die präzise Wiedergabe des Sujets, die strenge Bildkomposition und Bildschärfe wurden zu Kriterien ihrer neuen Bildästhetik. Malerische Impressionen und Manipulationen eines Bildes wurden abgelehnt. Wie Alfred Stieglitz, Edward Weston oder August Sander, widmete sich Besnyö neben den Menschenstudien und Portraits vor allen Dingen den neuen Industriebauten und technischen Objekten.

Im Herbst 1932, noch vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten und dem drohenden Antisemitismus, floh sie nach Amsterdam. Hier heiratete sie 1933 den Kameramann John Fernhout. Sie setzte ihre Karriere als Fotojournalistin erfolgreich fort und gehörte schon bald zur fotografischen Elite der Niederlande. Mit ihren Architekturfotografien für die holländische Fachzeitschrift das Neue Bauen „de 8 en Opbouw“ begeisterte sie Experten und Leser. „Ich habe es gerne getan, aber es war schwer und ich musste die Architektur immer ohne Menschen aufnehmen, was ich heute nicht mehr schön finde“, sagte sie 1991. In der Fotoansicht des „Sommerhauses in Groet" von 1934 fängt sie die Atmosphäre einer sonnendurchfluteten Villa ein, 1936 ist es die Kantine der AVRO-Studios in Hilversum. Hier verschmelzen Licht und Luft, Interieur und Außenwelt zu einer kompositorischen Einheit.

Als im Mai 1940 die deutsche Wehrmacht die Niederlande überfiel und okkupierte, wurden die Lebens- und Arbeitsbedingungen für Juden stark eingeschränkt. Besnyö erhielt Arbeitsverbot. Ab 1942 mussten sich Juden öffentlich mit einem Davidstern ausweisen, und die Nazis begannen mit dem Bau von fünf Konzentrationslagern in den Niederlanden. Eva Besnyö ging in den Untergrund. Sie versteckte sich in Rotterdam, wurde 1944 mit einem gefälschten Ahnenpass „arisiert“ und entkam so der Deportation. Nach dem Bombardement der Nationalsozialisten 1940 dokumentierte sie die Zerstörung der Hafenmetropole in Südholland: rauchende Trümmer, Ruinen und Schutthaufen, menschenleere Straßen. Wie zum Hohn bliebt eine Windmühle in dem Trümmerfeld verschont und reckt ihre Flügel gen Himmel. Es war „ein Todesstoß meiner ästhetischen Fotografie“, wird die später zu ihren Rotterdamer Bildern sagen. In den Nachkriegsjahren gelang ihr eine erfolgreiche Karriere als Fotografin, wie zahlreiche Einzelausstellungen zum Beispiel im Stedelijk Museum, im Rijksmuseum oder Historischen Museum in Amsterdam belegen. Jedoch eine neue Ehe und zwei Kinder erforderten einen beruflichen Tribut. Erst in den 1970er Jahren wurde sie wieder aktiv. Sie dokumentierte die Protestbewegung der „Dolle Mina“, einer holländischen Frauenbewegung, die sich für Abtreibungen, mehr Frauenrechte, bzw. für die Gleichstellung von Männern und Frauen einsetzte.

In Deutschland geriet Eva Besnyö in Vergessenheit. Erst 1991 erinnerte sich die Kunstszene wieder an diese großartige europäische Fotografin des 20. Jahrhunderts. Mit der Ausstellung „Photographien 1930-1989“ im ‚Das Verborgene Museum in Berlin‘ sorgte das Haus für eine späte Würdigung ihres fotografischen Œuvre und machte sie einer breiten deutschen Öffentlichkeit bekannt.

„Wie viele andere Talente, ist auch das Eva Besnyös wegen des Rassenwahns der Nationalsozialisten für Deutschland und seine künstlerische Kreativität verloren gegangen“, so Karl Steinorth bei der Verleihung des Dr. Erich-Salomon-Preises der Deutschen Gesellschaft für Photographie 1999 an die Photographin.

Eva Besnyö starb 2003 in Laren bei Hilversum im hohen Alter von 93 Jahren.

„Eva Besnyö – Photographin. Budapest, Berlin, Amsterdam"

ist bis zum 22. April 2019 in den Museen Böttcherstraße, Böttcherstraße 6-10, 28195 Bremen zu besichtigen.
Die Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags, 11–18 Uhr, montags geschlossen.
Zur Ausstellung ist der Katalog „Eva Besnyö – Fotografin. Budapest, Berlin, Amsterdam" im Wienand Verlag, Köln, erschienen.
Ergänzt wird die Ausstellung im Paula Modersohn-Becker Museum durch ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm.
Weitere Informationen: www.museen-boettcherstrasse.de


Abbildungsnachweis: Alle © Eva Besnyö / MAI
Header: Starnberger Straße, Berlin, 1931, Silbergelatine (Detail)
Galerie:
01. Strandbad Wannsee, Berlin, 1931, Silbergelatine
02. Selbstportrait, Berlin, 1931, Silbergelatine
03. Junge mit dem Cello, Balaton, Ungarn, 1931, Silbergelatine
04. Starnberger Straße, Berlin, 1931, Silbergelatine
05. Magda, Mátyásföld, Ungarn, 1932, Silbergelatine
06. Schatten von John Fernhout, Westkapelle, Zeeland, 1933, Silbergelatine
07. Sommerhaus in Groet, Nordholland, 1934, Silbergelatine
08. Kantine der AVRO-Studios, Hilversum, 1936, Silbergelatine Vintage
09. Narda, Amsterdam, 1937, Silbergelatine
10. Violette Cornelius, Fotografin, Keizersgracht 522, Amsterdam, 1938, Silbergelatine.

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