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Hamburger Architektur Sommer 2019


Fotografie

Maria Austria. Eine jüdische Fotografin aus Amsterdam in Berlin

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Mittwoch, den 14. November 2018 um 09:03 Uhr
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Maria Austria. Eine jüdische Fotografin aus Amsterdam in Berlin

Das Verborgene Museum in Berlin-Charlottenburg präsentiert bis zum 10. März 2019 Fotoarbeiten und Dokumente der niederländischen Fotografin Maria Austria (1915-1975).
Die Ausstellung, die zuvor im „Joods Historisch Museum“ (Jüdisches Historisches Museum) Amsterdam zu sehen war, zeigt nun in Berlin etwa einhundert Schwarz-Weiß-Fotografien. In den Niederlanden gehört Maria Austria heute zu den bekanntesten Fotografinnen. In Deutschland ist sie erstaunlicherweise in Vergessenheit geraten!

Dem „Joods Historisch Museum“ in Amsterdam gelang es, den umfangreichen Nachlass dieser ungewöhnlichen Fotografin zu sichten und aufzuarbeiten. Zu ihrem Erbe gehören Aufnahmen vom quirligen Leben der Amsterdamer Nachkriegsjahre – auf den Straßen, in den Cafés und auf den Märkten. In ihren Bildern hält sie die Bühnenaufführungen der Avantgarde-Theater aus New York und Japan fest. Ferner die Serie „Achterhuis“, die das Hinterhaus in der Prinsengracht 263 zeigt, in dem sich die Familie Frank mit den beiden Töchtern Anne und Margot von 1942 bis 1944 vor der „Gestapo“ versteckte. Nach dem Krieg wurde sie als Portraitfotografin berühmter Stars wie Benjamin Britten, Maria Callas, Albert Schweitzer oder Josefine Baker bekannt.

In einem kleinen Hinterhof in der Schlüterstraße 70, im Stadtteil Charlottenburg, schlummert ein Juwel: das Verborgene Museum. Dieses kleine Ausstellungshaus ist einmalig in der Berliner Museumslandschaft. Es ist von weitem nicht als Museum zu erkennen, obgleich ein Schild am Hofeingang der Schlüterstraße den Weg weist.
Das Haus widmet sich der Kunst von Frauen, die heute von der Kunstwelt vergessen sind. Zum Teil sind es jüdische Künstlerinnen, die während der Nazizeit emigrieren mussten und so aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind.
Gegründet im Jahr 1986 von den Kulturwissenschaftlerinnen Elisabeth Moortgat und Marion Beckers, präsentiert das Haus auf etwa 100 Quadratmetern Ausstellungsfläche Werke von Malerinnen, Fotografinnen, Bildhauerinnen und Architektinnen. Frauen, deren Lebenswerke und -geschichten nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit geraten sind. Das Verborgene Museum forscht und recherchiert, sortiert Nachlässe dieser unbekannten Künstlerinnen und sorgt für deren Wiederentdeckung, Präsentation und Publikation. So wie bei der Künstlerin Lotte Laserstein, die 2003 vorgestellt wurde und heute eine große Einzelausstellung im Städel Museum in Frankfurt/M. hat. Sie war eine der ersten Frauen, die in den 1920er-Jahren die Berliner Kunstakademie absolviert hat, bevor sie als Jüdin Deutschland verlassen musste und nach Schweden emigrierte.

Zu diesen vergessenen Künstlerinnen gehört in Deutschland auch Maria Austria, mit Geburtsnamen Marie Karoline Oestreicher. Sie wird 1915 in Karlsbad (Karlovy Vary) als Tochter des Bezirksarztes Dr. Karl Oestreicher) und seiner Ehefrau Clara, geb. Kisch geboren. Mit 18 Jahren geht sie im Sommer 1933 nach Wien, um eine dreijährige Ausbildung an der „Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, Abteilung Photographie und Reproduktionsverfahren“, als Fotografin zu beginnen. Ihre ersten Gehversuche als freie Fotografin macht sie mit Portraitaufnahmen und Reportagen für Zeitschriften. Bereits in Wien entwickelt sie ein besonderes Interesse für die avantgardistische Theaterkunst. Wegen des aufkommenden Antisemitismus und des wachsenden Einflusses der Nationalsozialisten auf Österreich, emigriert die Jüdin vier Jahre später zu ihrer Schwester nach Amsterdam. Sie nimmt den Künstlernamen Maria Austria an, unter dem sie fortan lebt und arbeitet. In Amsterdam kommt sie, salopp gesagt, vom Regen in die Traufe, denn mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Niederlande im Mai 1940 verändert sich ihr Leben. Ab Anfang 1941 gilt für Juden die Meldepflicht. Ab Mai hat sie Berufsverbot, der Journalistenverband untersagt ihr die Ausübung des Berufs. Ein Jahr später verfügen die Nazis, dass sich alle Juden in den Niederlanden im Durchgangslager Westerbork melden müssen. Sie lehnt die Meldepflicht ab und muss ihren Lebensunterhalt im Portugiesisch-Israelitischen Krankenhaus verdienen. Ab September lebt sie im Untergrund, lernt hier ihren späteren Mann, den Widerstandskämpfer Henk Jonker kennen, dem sie das Fotografieren beibringt. Sie fälschen Personalpapiere, Austria fotografiert trotz Verbotes weiter, macht Passfotos und Kurierfahrten.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs arbeiten sie gemeinsam an Foto-Reportagen über den Wiederaufbau der Niederlande; sie dokumentieren die Nachkriegszeit im zerstörten Amsterdam, die hungernden und zerlumpten Kinder, die Heimkehrer und Kriegsopfer. Ohne Pathos, mit perfekter Sachlichkeit lichtet sie ihr Umfeld ab. Ihre innovative Bildsprache macht sie in den Nachkriegsjahren berühmt. Ihre brillante Aufnahme „Amsterdam 1950“ wird zum Sinnbild der deutschen Befreiung: eine Straße voller Menschen mit dem typischen Holland-Rad, das 1944 von der deutschen Besatzung konfisziert worden war. Holland ist wieder mobil!
Austria ist nicht nur bekannt als Dokumentar-, sondern auch als Theaterfotografin des 1965 gegründeten Amsterdamer Mickery-Theaters, einer Spielstätte der internationalen, alternativen Avantgarde. Sie konzentriert sich mehr und mehr auf Reportagen von Theateraufführungen und experimentellen Musik- und Tanzdarbietungen. In ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Fotografien hält sie die Bühnenauftritte der La Mama-Truppe aus New York und die Auftritte des Tenjo Sajiki -Theaters aus Japan fest. Aus dieser Zeit stammen die Fotografien von den schreienden Frauen „Die Tänzerin Ellen Edinoff“ oder die Schauspielerin vom Tenjo Sajiki-Theater.

Als Freischaffende verdient sie ihren Lebensunterhalt bei Zeitschriften und Agenturen. Vom Stil her wird sie dem Neorealismus zu geordnet. Einer nach dem Krieg aufkommenden Stilrichtung in Europa, deren neue Ästhetik Menschlichkeit, Mitgefühl und den Traum einer besseren Gesellschaft vermitteln soll.

Mit Kollegen gründet sie die Foto-Agentur „Particam“ (Partisanen-Camera), was eine bessere Aufteilung der Aufträge und einen erfolgreicheren Verkauf der Fotobilder garantiert.

In der Berliner Schau ist erstmals ihre Serie „Achterhuis“ zu sehen, Aufnahmen vom sogenannten Hinterhaus in der Prinsengracht 263, in dem sich die Familie Frank versteckte. 1954 erhält Austria und ihr Mann Henk Jonker den Auftrag den Vater, den Holocaust-Überlebenden Otto Frank, zu portraitieren und das Versteck von Anne Frank und ihrer Familie fotografisch zu dokumentieren. Die Bilder sollten als Vorlage zum Bau der Kulissen für die Theaterinszenierung am Broadway 1955 dienen und für die Verfilmung von „The Diary of Anne Frank“, 1959, in den USA. Etwa 250 düstere Fotodokumente entstehen, wobei Jonker das Vorderhaus fotografiert und Maria Austria das Hinterhaus.

Im Januar 1975 stirbt sie im Alter von sechzig Jahren an den Folgen einer schweren Grippe.

Ein Jahr nach ihrem Tod, wird ihr fotografisches Werk in eine Stiftung eingebracht, aus der 1992 das „Maria Austria Instituut" (MAI) in Amsterdam hervorgeht. In den Niederlanden halten postume Ausstellungen und Ehrungen die Erinnerung an diese großartige, jüdische Fotografin wach. Maria Austria wird heute, wenn man ihr facettenreiches fotografisches Werk betrachtet, als niederländische Fotografin angesehen, obwohl sie in Tschechien geboren ist, in Wien studiert und gewohnt hat. In Deutschland dagegen ist sie - bis jetzt - in Vergessenheit geraten.

„Maria Austria 1915-1975. Eine Amsterdamer Fotografin des Neorealismus“

Die Ausstellung ist bis zum 10. März 2019 zu besichtigen.
„Das verborgene Museum“, Schlüterstraße 70, 10625 Berlin-Charlottenburg.
Die Öffnungszeiten sind von Donnerstag und Freitag 15 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag 12 bis 16 Uhr.
Publikation zur Ausstellung: Martien Frijns, Maria Austria – Fotografe, 784 Seiten, Farb- und Schwarz-Weiß Abbildungen. Enschede / Doetinchem 2018, € 34,50.
Ausstellungsflyer
Biographie
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis: alle © Maria Austria, MAI
Header: Detail aus Mojin Shokan, Tenjo-Sajiki-Truppe. Michery-Theater, 1973
Galerie:
01. De zolder van het Achterhuis,1954
02. Het Achterhuis. De kamer van Pels, 1954
03. Amsterdam 1950
04. Zwischen zwei Mannequins, 1958
05. Ellen Edinoff, 1965
06. James Baldwin, NL1965
07. Theatre Unlimited, Kampala Uganda, Mickery Theater, 1974
08. Maria Austria mit Kamera, 1946. Foto: Henk-Jonker, MAI.

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