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Fotografie

„Doing the Document“: Die Welt durch die Kameralinse

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Freitag, den 21. September 2018 um 07:46 Uhr
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„Doing the Document“: Die Welt durch die Kameralinse

Von Diane Arbus über Walker Evans und August Sander bis zu Piet Zwart: Über 200 Werke der bekanntesten Fotograf*innen des 20. Jahrhunderts sind dank einer Schenkung der Familie Bartenbach in den Besitz des Museums Ludwig Köln übergegangen. Die Ausstellung „Doing the Document“ stellt die Arbeiten jetzt in einer Zusammenschau vor und fragt dabei nach dem Wechselverhältnis von dokumentarischem Anspruch und künstlerischer Geste im fotografischen Bildschaffen.

„Das Wesen der Photographie ist dokumentarischer Art“, so lautet der berühmte Ausspruch von August Sander, mit dem er sich gegen die malerische Kunstfotografie seiner Zeit wendet: Frei von künstlerischen Eingriffen und manipulativen Tricks solle das fotografische Bild sein, nur die Gestaltung durch Lichteinfall, optischer Linseneinstellung und chemischer Bildentwicklung gesteht er zu. Damit formuliert Sander einen wichtigen methodischen Grundsatz fotografischen Arbeitens, der später in der Neuen Sachlichkeit, wie sie u.a. von Albert Renger-Patzsch oder Karl Blossfeldt vertreten wird, fortgesetzt werden soll. Mit dem Ziel, eine vorurteilsfreie und möglichst wirklichkeitsnahe Darstellung zu erreichen, wird hierbei Wert gelegt auf nüchterne, zurückhaltende Bildsprache, in der eine grundlegende Distanz zum fotografierten Sujet gewahrt bleibt; statt ästhetischer Komposition geht es um die exakte, fast schon akribisch genaue Wiedergabe des Dargestellten in einfacher, direkter und klarer Weise.

Diese Entwicklung im deutschsprachigen Raum findet ihre Entsprechung im US-amerikanischen Schaffen. Beeinflusst von den Arbeiten von August Sander und Albert-Renger-Patz zeigt sich zum Beispiel Walker Evans, der sich als sozialdokumentarisch arbeitender Fotograf ab den 1930er Jahren hervortut. Bekannt wird er für eine staatliche Auftragsarbeit, die ärmliche Landbevölkerung während der Großen Depression aufzunehmen; er dokumentiert aber auch immer wieder den Alltag in Großstädten wie New York, Detroit oder Chicago: Müde Menschen in der U-Bahn, vorbeieilende Passanten, die er heimlich mit versteckter Kamera einfängt – nicht umsonst gilt Evans als Vorläufer der Straßenfotografie. Sein Verfahren beschreibt Evans als „dokumentarischer Stil“; seinen Bildern schreibt er einmal gar einen soziologischen Stellenwert zu. Entschieden wendet er sich gegen die Vorstellung, Fotografie könne sich nur dann als Kunst etablieren, wenn sie sich an Verfahren der Malerei orientiere.

Damit befinden wir uns mitten in dem Konflikt, den die Fotografie seit ihrer Entstehung begleitet. Ist sie rein dokumentarisches Verfahren, das sich größtenteils auf die Bedienung eines mechanisch-apparativen Verfahrens beschränkt, oder darf sie doch den Status eines Kunstwerks als Produkt eines geistig-schöpferischen Akts beanspruchen? Diese Leitfrage stellt sich auch die Ausstellung „Doing the Document“ im Museum Ludwig Köln voran, indem sie Arbeiten bekannter Fotograf*innen des 20. Jahrhunderts dialektisch gegenüberstellt, die sich dem Dokumentarischen verschrieben haben. Zwanzig Positionen, überwiegend aus dem deutschen und US-amerikanischen Raum, werden hier in Bezug zueinander gesetzt.

Die Parallelen sind offenkundig, lassen sich aber gerade durch Ergänzung um weniger bekannte Aufnahmen aus dem Werk der gezeigten Fotografinnen und Fotografen auch noch einmal neu ziehen. Beispielsweise sind Lee Friedlander oder Garry Winogrand mit Schnappschussbildern auf den Straßen in New York City häufig in die Tradition von Walker Evans gestellt worden, und in gewisser Weise lässt sich hier auch Diane Arbus einordnen, die allerdings eher selten unbeachtete Passanten fotografierte, sondern eher bewusst jene Menschen in den Blick nimmt, die als gesellschaftlich Außenstehende verstanden wurden: Transvestiten, Prostituierte, geistig und körperlich Behinderte, Kleinwüchsige, exzentrische Gestalten.

Daneben zeigt die Ausstellung dann die Bilder von Gabriele und Helmut Nothhelfer, die dank ihrer kontinuierlichen fotografischen Dokumentation des deutschen Alltags und ihrem daraus entstandenen umfassenden Konvolut an Aufnahmen in Bezug zu August Sander gestellt worden sind. Auch hier werden Menschen im öffentlichen Raum eingefangen, gerade dann, wenn sie sich zu besonderen Anlässen auf der Straße versammeln: Wir sehen sie bei wartend auf einen Fronleichnamsumzug, bei der Eröffnung des Berliner Flughafens Tegel, Kinder beim Straßenfest, Feiernde bei der Love-Parade. Die Bilder halten die dargestellten Personen aus nächster Nähe fest, meist in natürlichem Tageslicht und ohne erkennbare Bildinszenierung, was einen Eindruck von Unmittelbarkeit und Nähe suggeriert, ohne jedoch vertraut oder gar intim zu sein.

Der öffentliche, urbane Raum spielt gleich in mehreren Arbeiten der vertretenden Positionen eine Rolle. Er lässt sich aber auch ohne die Dynamik des menschlichen Lebens erkunden, sondern ebenso gut in auffallender Leere: So zu sehen in der fotografischen Reihe von Tata Ronkholz, die sich mit Trinkhallen, Kiosken und Büdchen im Rheinland auseinandersetzt, diese jedoch überwiegend ohne Verkäufer und Kunden, sondern nur nüchtern frontal von außen darstellt und so deren Warenangebot und Werbeflächen in den Vordergrund rückt. Der Werbung im öffentlichen Raum widmet sich auch Max Regenberg, der Plakatwände, Anschlagetafeln und Werbeschilder in den Blick nimmt und mit ihrer Umgebung in Beziehung setzt, häufig in fast ironischer Konterkarierung zur trostlosen Anbringungsort.

Und dann findet sich noch ein Nachspüren der Regelhaftigkeit architektonischer Anordnungen; beispielsweise bei Candida Höfer, die u.a. Funktionsräume wie eine Schwimm- und Sporthalle oder auch ein Eingangsfoyer in fast gleichgültiger Präzision inszeniert, erneut ohne Menschen, so dass deren Muster- und Formhaftigkeit unübersehbar hervortritt. Ähnlich betrachtet Fotograf Boris Becker, der übrigens wie Candida Höfer und Tata Ronkholz bei Bernd und Hilla Becher studiert hat, industrielle Hafenanlagen, Brücken, Bahnhöfen oder Hebewerke, deren massive Stahlkonstruktionen er in auffallender Symmetrie inszeniert.

„Doing the Document“ zeigt damit ganz unterschiedliche Herangehensweisen an den Anspruch des Dokumentarischen, wie ihn die einzelnen Fotograf*innen herausgebildet haben, und verweist zugleich doch auf ihre je eigene Bildsprache, die sich dem künstlerischen Gestus nicht ganz erwehren kann. Die überaus sehenswerte Ausstellung läuft noch bis zum 16. Januar 2019.

„Doing the Document“

Zu sehen bis zum 16. Januar 2019
Museum Ludwig, Köln, Heinrich-Böll-Platz, 50667 Köln
Öffnungszeiten: Di.-So.: 10–18 Uhr. Jeden ersten Do. im Monat: 10–22 Uhr , Mo. Geschlossen.
Weitere Informationen

Vimeo-Video:
Doing the Document – Museum Ludwig


Abbildungsnachweis:
Header: Detail aus Lee Friedlander: Mount Rushmore, 1969. Gelatinesilberpapier, nach 1969, 22,3×33cm © Lee Friedlander, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco; Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln
Galerie:
01. Walker Evans: Subway Passengers, New York (U-Bahn-Passagiere, New York), 1938–1941, Gelatinesilberpapier 17x25,2cm © Walker Evans Archive, The Metropolitan Museum of Art; Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln
02. Walker Evans: Bud Fields, Hale County, Alabama, 1936, Gelatinesilberpapier 24x18,8cm © Walker Evans Archive, The Metropolitan Museum of Art; Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln
03. Lee Friedlander, New York City, 1963, Gelatinesilberpapier, nach 1969, 20,6×30,5cm © Lee Friedlander, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco; Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln
04. Lee Friedlander: Mount Rushmore, 1969. Gelatinesilberpapier, nach 1969, 22,3×33cm © Lee Friedlander, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco; Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln
05. Gabriele und Helmut Nothhelfer: Junge auf dem Straßenfest, Richard-Wagner-Platz, Berlin 1981, 1981. Gelatinesilberpapier 21,4×29,4cm, Ed. 7/12 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018; Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln.
06. Tata Ronkholz: Trinkhalle, Neuss, Gladbacher Straße 69, 1977. Gelatinesilberpapier 23,5x30,5cm © Tata Ronkholz, Van Ham Art Estate 2018; Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln
07. Garry Winogrand: Circle Line Statue of Liberty Ferry, New York, 1971. Gelatinesilberpapier, 1973. 21,6×32,7cm, Ed. 66/75 © The Estate of Garry Winogrand, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco; Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln
08. Candida Höfer: Schloss Mirabell Salzburg IV, 1996. C-Print 62,5×81cm (Rahmen) Ed. 1/6 © VG Bild-Kunst, Bonn 2018; Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln
09. und 10 Installationsansicht „Doing the Document. Fotografien von Diane Arbus bis Piet Zwart. Die Schenkung Bartenbach“ Museum Ludwig, Köln, 2018. Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln, Jonas Klein

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