Neue Kommentare

Lydia zu 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht: Durch die persönliche Darstellung ist der Artike...
Hans Maschek zu 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht: Wunderbar atmosphärische Beschreibung. Ich habe ...
Matthijs van de Beek zu „Stan & Ollie”. Oder die schmerzliche Seite der Komik : Das klingt wunderbar und wird ganz sicher angesch...
Dr. Frank-Peter Hansen zu Die Wittgenstein-Dekomposition: Frank-Peter Hansens Antwort auf Martin A. Hainz...
NN zu Das Chimei – ein Museum für eine einmalige Privatsammlung in Taiwan: Lasst Euch nicht blenden! Es gibt nichts Gutes, a...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Fotografie

Shot in the Dark – Bilder von blinden Fotografen

Drucken
(76 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 21. April 2017 um 09:21 Uhr
Shot in the Dark – Bilder von blinden Fotografen 4.1 out of 5 based on 76 votes.
Shot in the Dark – Bilder von blinden Fotografen

Zunächst herrscht Verwunderung, ja Irritation, vor allem bei Menschen, die sich nicht professionell mit Bildern befassen: Blinde FotografInnen – ist das nicht ein vollkommen absurdes Unterfangen?
Spät erblindete oder stark sehbehinderte Maler, die hochgeschätzt weiterarbeiten, sind in der Kunstgeschichte keine Seltenheit. Anders verhält es sich bei der Fotografie: Die Wahrnehmung des Blinden und seine Umsetzung innerer Bilder und gefühlter Raumwahrnehmung in ein zweidimensionales fotografisches Bild, das nach ästhetischen Kriterien betrachtet werden will, spitzt die Frage nach dem Akt des Fotografierens aufs Äußerste zu.

Ist Sehen die Voraussetzung, um in einem explizit visuellen Medium zu arbeiten, dessen Kunststatus immer wieder auch damit begründet wurde, dass der Fotograf beim Blick durch die Kamera, bei der Komposition und in der Wahl des Standortes weitgehend das Bildergebnis bestimmt? Sieht man indes selbst das Geschehen vor der Kamera gar nicht, kann man obendrein das Ergebnis der eigenen Arbeit nicht einmal in Augenschein nehmen, welche Aussagen können dann überhaupt gezielt mit dem Medium transportiert werden? Ganz erstaunliche, an den Kern des Empfindens rührende Botschaften – jedenfalls, wenn es sich um so reflektiert wie konzise arbeitende Fotografen wie Bruce Hall, Pete Eckert und Sonia Soberats handelt. Frank Amann hat als Regisseur und Kameramann die drei amerikanischen KünstlerInnen bei der Entstehung ihrer Werke begleitet. In seinem berührenden, einen eigenen Rhythmus entwickelnden, stellenweise überwältigenden Film „Shot in the Dark“, dessen Klangqualitäten für Sehende wie Nicht Sehende einen zusätzlichen Raum eröffnen, begegnen wir den Akteuren bei der Arbeit. Pete Eckert erleben wir beim „Bauen“ von Fotografien mit Hilfe von Mehrfachbelichtungen und optischen Berechnungen, Sonia Soberats, die Grand Old Dame mit lateinamerikanischen Wurzeln, beim bühnenhaften Inszenieren eines optisch opulenten Ambientes. Schließlich werden wir Zeuge eine Aufnahmesituation mit Bruce Hall, der seine beiden Teenager fotografiert und es versteht am richtigen Punkt, die Kontrolle über das Geschehen an die Kamera abzugeben, auch innerlich „loszulassen“ wie er das nennt. Bewegende Lebensgeschichten verbergen sich hinter den Bildern dieser Fotografen. Vorrangig aber bleibt, was sie uns mit ihren so sorgfältig erstellen Bildern schenken: Botschaften aus der Welt der Blinden, die sie, wie Pete Eckert es sehr poetisch zu formulieren weiß, „unter der Tür hindurchschieben, damit die Sehenden sie betrachten können“.

In der Berliner Brotfabrik und danach in der Zentralbibliothek in Hamburg haben begleitend zum Film auch die Prints der Fotografien ausgestellt, welche die Künstler im Rahmen der Zusammenarbeit mit Frank Amann während der Dreharbeiten angefertigt haben. Die Themen rühren an Raumerfahrungen, für die Blinde andere Parametern als Sehende fruchtbar machen (zum Beispiel die Einschätzung von Abständen über den Schall oder Feinheiten des Tastens) und für die eine eigene Bildsprache gefunden wird. Bei Pete Eckert und Sonia Soberats mutet das für den sehenden Betrachter wie ein heimlicher Blick in eine uns verborgen bleibende Welt an, die doch die unsrige ist. Auf den Aufnahmen von Pete Eckert werden wir mit der Raumerfahrung in der Bewegung konfrontiert, die ein zweidimensionales Bild so nicht erfassen kann: Mehrfachbelichtungen erschaffen die menschliche Figur als Zusammenspiel von Intensitäten im Raum. Dazu werden Bewegungsabläufe übereinandergeschichtet, es entsteht eine Art Lichtrelief, welches das Bild durchzuckt. Man könnte Aufnahmen wie „electric man“ oder „track man“ fast als kubistisches Arbeiten bezeichnen. Sie zeigen uns deutlich, wie sehr wir beim Betrachten von Bildern auf Erlerntes zurückgreifen. Auch wenn es schon über hundert Jahre her ist, dass kubistische Malerei unsere Sehgewohnheiten in Frage stellte, auf fotografischen Aufnahmen irritieren uns von körperlichem Empfinden ausgehende Bilder anstelle von strikt zentralperspektivischer Darstellung noch immer. Bei Fotografien, die in sakralen Räumen entstanden sind, zum Beispiel bei Gottesdiensten (Eckert) spielt noch etwas Zusätzliches hinein: Wir haben das Gefühl etwas zu sehen, was wir nur auf diesen Aufnahmen zu sehen bekommen, und was so nicht für unser Auge bestimmt war.

Sonia Soberats führt uns noch ein Stück weiter zu unseren Ängsten und Wünschen. Sie schafft in wohldurchdachten Inszenierungen Porträts, die mit aufwühlenden Assoziationen arbeiten. Auch hier ist Licht und Bewegung das Agens: Sie umfährt mit farbigen Lichtquellen Silhouette und Körper einer Person (oder ist selbst das Modell), wie zur Frühzeit des Mediums muss während der Dauer der Langzeitbelichtung stillgehalten werden. Kreise und Linien durchfurchen das so entstandene Bild, während die Menschen auratisch in ihrer Haltung erstarrt sind. Das mutet wie eine archaische Botschaft an, welche auf ineinandergreifenden Gegensätzen aufbaut. Wieviel konzeptionelle Vorarbeit für solche Bilder erforderlich ist, die eben nicht nach einer Methode angefertigt sind, sondern als Visualisierung innerer Abläufe dienen, das sieht man den Bildern an, das zeigt aber auch Amanns Film. Soberats liebt Arien von Caruso, die Oper – sie hat ihre beiden erwachsenen Kinder verloren, ist danach erblindet und entwickelt in ihrer Kunst Kräfte, die den zuckenden Schmerz überstrahlen. Wenn auch auf ganz andere Lösungen kommend, bietet Bruce Hall mit seinen Bildern ebenfalls dem Schicksal die Stirn. Er kommt von der Unterwasserfotografie und nimmt seine beiden geliebten Söhne, die beide Autisten sind, beim Herumtollen im Wasser auf. Die Kamera wird von den Wasserstrahlen getroffen, die Belichtungszeit ist sehr kurz. In den Wassertropfen bricht sich das Licht, wir begegnen energiegeladenen Jungen, an der Schwelle zum Erwachsenwerden, die unbefangen in ihrem Element sind. Auch hier sehen wir Splitter, nicht das gewohnte Zusammenspiel der Ordnung von Raum und Zeit. Aber durch diese Splitter erkennen wir auf den Bildern eine haptische und körperbezogene Wahrnehmung, die sich wie ein Kaleidoskop aus vielen Eigenschaften der Erfahrung des Elementes Wassers zusammensetzt. Die Fotografie – der stark sehbehinderte Hall kann mit seinem Sehrest auf einem hochauflösenden Bildschirm den Ausdruck der Gesichter seiner Jungen erkennen – schafft es uns vorzuführen, was der Begriff Wasser so nicht zu leisten vermag. Die Mutter der beiden Jungen bringt das auf den Punkt, wenn sie vom Verlust des ursprünglichen Staunens angesichts der Vielfalt der sinnlichen Eindrücke berichtet, das die Aufnahmen der Blinden in ihre Schönheit uns für kurze Zeit wieder zurückbringen.

Shot in the Dark
Ein Dokumentarfilm von Frank Amann
Trailer und weitere Informationen zum Film: www.shotinthedark-film.com

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in: Photonews 3/17 März 2017
Weitere Informationen zum Fotoblog-Buch von Dr. Andrea Gnam https://fotobuch.gnam.info/
Dank an Frank Amann für die Unterstützung.


Abbildungsnachweis:
Header: »Sword« © Sonia Soberats
Galerie:
01. »Untitled« © Bruce Hall
02. Szenenfoto: Bruce Hall diving © Frank Amann
03. »Quince« © Sonia Soberats
04. Szenenfoto: Sonia Soberats auf dem Weg zum Fotostudio, Broadway NYC © Frank Amann
05. »Track Man« © Pete Eckert
06. Szenenfoto: Pete Eckert bereitet ein Foto vor in den Redwood Forests, Kalifornien © Frank Amann

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Fotografie > Shot in the Dark – Bilder von blinden Fotog...

Mehr auf KulturPort.De

Daniel Fuhrhop: Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift.
 Daniel Fuhrhop: Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift.



In diesen Tagen ist die Wohnungsnot eines der wichtigsten Themen der Politik. Sonst kann man sich ja auf überhaupt nichts einigen, aber hier kennt man über all [ ... ]



Giving Art a Face von Michael Knepper in der Galerie Kunstraum Hamburg
 Giving Art a Face von Michael Knepper in der Galerie Kunstraum Hamburg



Wie schreibt man eine Kunstkritik, wenn man mit dem Künstler seit Kindertagen befreundet ist? Vielleicht lieber gar nicht!? Gerade auch, weil sich die Kunst ein [ ... ]



Dimitri Monstein Ensemble: Landscape
 Dimitri Monstein Ensemble: Landscape



Das Schlagzeug als Solo-Instrument ist nicht unbedingt das, was man auf einer Jazz-Platte erwartet. Denn eigentlich ist es nichts selbstverständlicher, beweist  [ ... ]



Privattheatertage 2019: „Die Schulz-Story“. Oder wie „verzwerge“ ich mich selbst
 Privattheatertage 2019: „Die Schulz-Story“. Oder wie „verzwerge“ ich mich selbst



Keine andere Partei zelebriert die Selbstzerfleischung so exzessiv wie die SPD! Nun hat ein Kapitel Leidensgeschichte jüngster Zeit sogar Bühnenreife erlangt:  [ ... ]



„Sunset”. László Nemes’ Metaphorik des Abgrunds
 „Sunset”. László Nemes’ Metaphorik des Abgrunds



„Sunset” ist eine atemberaubende verstörende Vision, hinter deren unfassbar exquisiter Schönheit sich der Horror selbstzerstörerischer Zivilisationen verb [ ... ]



Focusyear Band: Open Paths
 Focusyear Band: Open Paths



Eigenartiger Name für eine Band! Ein fokussiertes Jahr – was hat es mit der zeitlichen Limitierung auf sich?
Focusyear ist ein einjähriges Programm für ein [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.