Neue Kommentare

Maggie zu Walter-Kempowski-Literaturpreis 2019: Guten Abend,
Gibt es denn schon irgendeine...

Lothar Segeler zu Filmtonschaffende erstmals als Urheber*innen an Kinoerlösen beteiligt: Großartig - wie lange haben wir darauf gewartet!...
Alf Dobbertin zu Henri Bergson: Die beiden Quellen der Moral und der Religion: Ein großes Lob dem Rezensenten Stefan Diebitz, d...
Maximilian Buchmann zu „Apocalypse Now - Final Cut”. Der Höllentrip des Francis Ford Coppola: Uff! Nur heute im Kino? Hoffentlich bekomme ich n...
Klaus Schöll zu Am 12. Juli 2019 wird die James-Simon-Galerie eröffnet – in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel: Ich finde das die Treppe zur James-Simon-Galerie ...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Film

"Spieltrieb" – Robert Musil trifft auf Global Player

Drucken
(391 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 08. Oktober 2013 um 10:12 Uhr
"Spieltrieb" – Robert Musil trifft auf Global Player 4.7 out of 5 based on 391 votes.
Spieltrieb Regisseur: Gregor Schnitzler Darsteller: Michelle Barthel, Jannik Schümann, Maximilian Brückner, Richy Müller, Ulrike Folkerts, Sophie von Kessel, Helmut Berger

Verführung, Macht, Leidenschaft, Erpressung, darum geht es in Gregor Schnitzlers subtilem philosophischem Psychothriller nach dem gleichnamigen Roman von Juli Zeh. Ein Schülerdrama als Spiegel unserer Gesellschaft.

Die Welt steht Kopf, das signalisieren schon die ersten Bilder des Films. Bis zu diesem Tag war die hochintelligente 15-jährige Ada (Michelle Barthel) überzeugte Außenseiterin, sie hat zwei Klassen übersprungen, wird von den Mitschülern verhöhnt, gequält, erniedrigt. Ihr Leben verändert sich, als Alev (Jannik Schümann) zum ersten Mal den Klassenraum betritt. Ironisch-süffisant, ungeheuer attraktiv, ein brillanter furchtloser Rhetoriker, so präsentiert er sich. Attitüde ersetzt Charakter. Alev, französisch-iranischer Abstammung, hat Schulen in den verschiedensten Ländern besucht, glänzt in der Rolle des erfahrenen selbstbewussten Kosmopoliten. Der 18-Jährige versteht sich darauf zu provozieren wie zu manipulieren, das gutbürgerliche Bonner Ernst-Bloch Gymnasium scheint die perfekte Bühne für seine teuflischen Pläne. Ada ist hingerissen von ihm wie alle anderen Mädchen.

Sie glaubt in dem professionellen Zyniker einen Gleichgesinnten gefunden zu haben. Ähnlich wie Robert Musils “Der Mann ohne Eigenschaften” hält sich Ada weniger für ein Einzelwesen als für ein Zeitgeistdestillat. “Unanfechtbarkeit. Das Geheimnis bestand darin, nichts weiter zu tun, als jene Fähigkeit zu genießen, mit der die Natur sie am großzügigsten ausgestattet hatte: die Gleichgültigkeit der eigenen Existenz gegenüber, “ heißt es bei Juli Zeh. Eigentlich beginnt diese ostentative Indifferenz sich grade in dem Moment aufzulösen, als Ada wirkliche tiefere Gefühle für den Jungen entwickelt, doch um die Wertschätzung ihres Mitstreiters nicht zu verlieren, macht sie notgedrungen weiter auf cool.

Alev will ein Exempel statuieren. Während im Unterreicht diskutiert wird, ob ein Staat sich im Namen der Freiheit in die Politik eines anderen einmischen darf, beschließt er den Deutsch- und Sportlehrer Smutek (Maximilian Brückner) aus dem selbstgebastelten Gefängnis seiner profanen Existenz zu befreien. Ein angeblich perfektes Opfer, da noch in der alt hergebrachten Werteordnung verfangen: Für Smutek, aus Polen geflohen, haben Begriffe wie “Ehre”, “Vaterland”, “Familie” eine Bedeutung. Er will es allen recht machen, Ehefrau, Kollegen, Vorgesetzten. Dafür empfinden die jugendlichen Protagonisten nur Verachtung. Als Nihilisten kritisiert, entgegnet Alev: “Die Nihilisten glaubten immerhin, dass es etwas gebe, an das sie NICHT glauben konnten.” “Wir” ergänzt Ada, “sind die Urenkel der Nihilisten”.

Alev, der Dandy, kokettiert überall mit seiner sexuellen Impotenz, er lässt niemanden an sich heran, lächelt nur über das romantische Konzept der Liebe, nichtsdestotrotz reizt ihn die Intelligenz der rebellischen, kratzbürstigen 15-Jährigen. Er: Ich bin ein Spieler, Kleines. Sie: Spielst Du mit mir oder gegen mich? Er: Wirkliche Liebespaare sollten miteinander spielen. Sie: Was für ein Spiel ist das? Er: Ein Spiel, für das man stark sein muss. Ada soll den ahnungslosen Lehrer, der nach dem Selbstmordversuch seiner Frau grade mitten in einer Ehekrise steckt, in der Turnhalle verführen, Alev filmt sie aus einem Versteck. Von nun an erpresst er Smutek immer wieder mit seiner Schülerin Sex zu haben, er und seine Kamera sind immer dabei. Irgendwann eskaliert die Situation, aus Spiel wird blutiger Ernst.

Kaum eine andere talentierte deutsche Autorin musste sich manchmal so harsche Kritik gefallen lassen wie Juli Zeh. Mit Genuss zitiert sie oft selber auf dem Podium ihre Gegner: “apokalyptisch altkluge Angeberin und Schwallmadame “(Titanic), doch die positiven Rezensionen überwiegen mit Abstand. Die atemberaubende plastische Bildhaftigkeit des fast 600 Seiten starken Bestsellers lässt sich schwer in einem Film umsetzen. Aber Regisseur Gregor Schnitzler (“Die Wolke”, “Soloalbum”, “Resturlaub”) hat Erfahrung mit Romanadaptionen, er konzentriert sich auf den zentralen Konflikt, die Entstehung der perfiden Dreiecksbeziehung, löst sich weitgehend vom philosophischen Überbau, übernimmt nur wenige entscheidende Dialoge, der oft zitierte Robert Musil bleibt auch hier geistiger Mentor der Protagonisten. Smutek wird zur eher unbedeutenden Nebenrolle degradiert, die Ada auf der Leinwand ist um vieles empfindsamer, weniger radikal als im Roman. Sie sehnt sich nach ganz normaler körperlicher Nähe, aus der Überzeugungstäterin wird nun ein verliebtes Mädchen auf der Suche nach sich selbst. Alev ist nicht nur ihr dämonischer Verführer sondern am Ende auch ihr Befreier.

Der Film fasziniert durch die Wechselwirkung von stylish kühlen Bildern und literarisch ausgefeilten Wortgefechten. Der Ausflug in einen altmodisch rotplüschigen Strip-Club erinnert an Stanley Kubricks “Eyes Wide Shut”, die intensiven Rottöne an Altmeister Rainer Werner Fassbinder. Eine erste Einstimmung auf das monströse Experiment seiner Antihelden: die jungen Stripperinnen tragen Masken. Jeder versteckt sich hinter einer Fassade, Institutionen, Moral, Pragmatismus, Klassendünkel oder eben den Überzeugungen des Mannes ohne Eigenschaften. Jedes Spiel ist auch ein Doppelspiel. Alev fordert gekonnt Adas Eifersucht heraus durch sein Techtelmechtel mit einer blonden wunderhübschen Klassenkameradin. Menschen sind für ihn nur Mittel zum Zweck. Oder vielleicht auch nicht.

“Spieltrieb” steht in der Tradition der klassischen Schülertragödien wie Frank Wedekinds “Frühlings Erwachen”(1891), Ferdinand Bruckners “Krankheit der Jugend”(1926) und “Ödon von Horvaths “Jugend ohne Gott”(1937). Dort heißt es in einem Gespräch zwischen zwei Lehrern über die ihnen völlig fremd gewordene Generation: “Sie lesen alles. Aber sie lesen nur, um spötteln zu können. Sie leben in einem Paradies der Dummheit, und ihr Ideal ist der Hohn.” Das klingt ganz nach Alev und Ada. Doch die beiden gehen im 21. Jahrhundert noch weiter, lassen alle moralischen Werte hinter sich, akzeptieren kein Tabu. Sie sind nicht Opfer sondern Täter. Das Glauben als solches ist verpönt, woran auch immer. Ada: “Wahrscheinlich bin ich ohne Glauben zur Welt gekommen, wie andre ohne Arme oder Augenlicht geboren werden.” Sie spürt durchaus noch menschliche Regungen, doch sie unterdrückt sie ganz bewusst. So was ist für Dummköpfe oder Schwächlinge.

Juli Zeh sieht Alev und Ada als Prototypen des modernen Menschen an sich, nicht unbedingt als Jugendliche. Die Schule lediglich als eine Metapher für die Gesellschaft. Aber dann wurde das Buch viel an Schulen gelesen, und die Autorin hörte, dass sich manche sehr gut mit ihren Protagonisten identifizieren können. “Charakteristisch ist das Gefühl, nicht mehr in einer festgefügten Werteordnung zu leben. Die Welt ist durchökonomisiert, von Kapitalismus und Konsum bestimmt.” Als sie “Spieltrieb” schrieb, wusste sie noch nichts von der bevorstehenden Finanzkrise. “Inzwischen reden wir von ‘Zockern’ und ‘Global Playern’ und wissen, dass der Spieltrieb in einer global vernetzten Welt ganze Volkswirtschaften in Gefahr bringen kann” ergänzt sie. “Alles wird dem Prinzip der Effizienz untergeordnet. Viele Schüler erzählen mir, dass sie ohne Hoffnung und Neugier in die Zukunft schauen. Sie haben den Eindruck in einem Kriegszustand zu leben, wo es nur um Konkurrenz und Fortkommen geht und wo die Schwächeren auf der Strecke bleiben.”

Der Film funktioniert, weil die beiden Hauptdarsteller sich in ihrer Gegensätzlichkeit perfekt ergänzen. Sie garantieren für den ironischen Unterton des ungewöhnlichen Coming-of-Age-Epos. Grandios wie Michelle Barthel als Ada sich an ihre philosophisch prätentiöse Patzigkeit klammert, aggressiv und scheu zugleich, muskulös und zerbrechlich. Sie ist ein Widerspruch in sich, ein Kind, dass früh erwachsen werden musste, weil die Erwachsenen um sie herum sich wie Kinder aufführen, besonders ihre Mutter (Ulrike Folkerts). Die einzige moralische Instanz in Adas Leben und dem Film ist der körperlich behinderte Lehrer Höfi (Richy Müller) nur er war jederzeit ihrem Sarkasmus gewachsen, kontert mit gleicher Schärfe, beschützt sie liebevoll vor dem Unverständnis der anderen. Als seine schwerkranke Frau stirbt, nimmt er sich das Leben. Jannik Schümann gelingt es dem dubiosen narzisstischen Alev noch eine tragische Dimension zu geben. Er ist der eigentliche Verlierer in diesem Spiel.


 

(ca. 4.57 Min.) B-Roll



Originaltitel: Spieltrieb
Regisseur: Gregor Schnitzler
Darsteller: Michelle Barthel, Jannik Schümann, Maximilian Brückner, Richy Müller, Ulrike Folkerts, Sophie von Kessel, Helmut Berger
Produktionsland: Deutschland, Länge: 102 Minuten, Verleih: Concorde Filmverleih
Kinostart: 10. Oktober 2013.

Buch: Juli Zeh Spieltrieb, Roman, Taschenbuch, Broschur, ca. 576 Seiten, ISBN: 978-3-442-74628-6

Foto-/Videonachweis: Alle Copyright Concorde Filmverleih

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Film > "Spieltrieb" – Robert Musil triff...

Mehr auf KulturPort.De

Vilnius und die Nutzung postindustrieller Gebäude als alternative Zentren für Kultur und Nachtleben
 Vilnius und die Nutzung postindustrieller Gebäude als alternative Zentren für Kultur und Nachtleben



In den letzten Jahren haben viele osteuropäische Städte Projekte gestartet, um ehemalige Industriegebäude und bislang ungenutzte Flächen in Zentren städtisc [ ... ]



Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien
 Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien



Wie sieht es in anderen Ländern mit dem öffentlichen Raum aus? Bei uns gibt es ihn kaum noch, denn jeder freie Quadratmeter wird dem Auto gewidmet. Können wir [ ... ]



Theater-Horror vom Feinsten – „Mummy Brown/Mumienbraun“ der norwegischen Gruppe Susie Wang schockte beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel
 Theater-Horror vom Feinsten – „Mummy Brown/Mumienbraun“ der norwegischen Gruppe Susie Wang schockte beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel



Das Programmheft hat nicht zu viel versprochen: Eine derart blutige, ins Groteske überzogene Horror Picture Show hat man in Hamburg noch nicht geboten bekommen. [ ... ]



Rainer Mausfeld: „Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“
 Rainer Mausfeld: „Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“



Die Zitterpartie der Macht
Welch ein Glück im Unglück. Wie üblich nach einem Zwischenfall auf Leben und Tod so auch diesmal, wie erwartet: Kaum war das Kind  [ ... ]



„I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo
 „I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo



Grant Sputores post-apokalyptischer Science-Fiction Thriller „I Am Mother” beginnt als intimes Kammerspiel in einem, hermetisch von der Welt abgeschlossenen  [ ... ]



Letizia Battaglia: Retrospektive in Venedig
 Letizia Battaglia: Retrospektive in Venedig



Sie gilt als bekannteste „Mafia-Fotografin“ und als „eine der wichtigsten Fotografinnen unserer Zeit“, aber auch als politisch, ökologisch, sozial und f [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.