Neue Kommentare

Maggie zu Walter-Kempowski-Literaturpreis 2019: Guten Abend,
Gibt es denn schon irgendeine...

Lothar Segeler zu Filmtonschaffende erstmals als Urheber*innen an Kinoerlösen beteiligt: Großartig - wie lange haben wir darauf gewartet!...
Alf Dobbertin zu Henri Bergson: Die beiden Quellen der Moral und der Religion: Ein großes Lob dem Rezensenten Stefan Diebitz, d...
Maximilian Buchmann zu „Apocalypse Now - Final Cut”. Der Höllentrip des Francis Ford Coppola: Uff! Nur heute im Kino? Hoffentlich bekomme ich n...
Klaus Schöll zu Am 12. Juli 2019 wird die James-Simon-Galerie eröffnet – in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel: Ich finde das die Treppe zur James-Simon-Galerie ...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Film

Der Film, der einen Oscar erhielt: „Departures“

Drucken
(172 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 01. September 2009 um 15:00 Uhr
Der Film, der einen Oscar erhielt: „Departures“ 4.7 out of 5 based on 172 votes.
Der Film, der einen Oscar erhielt: „Departures“

Als man sich im Februar den Kopf zerbrach, welcher ausländische Film wohl den Oscar gewinnen würde, da galt dieser hier nicht einmal als Geheimtipp. Er erhielt indessen nicht nur den „Academy Award“, sondern auch den „Grand Prix des Amériques“ in Toronto und zehn von dreizehn Preisen der Japanischen Filmakademie.
„Departures“ wird manchmal als Drama und dann wieder als Komödie angekündigt. Beides ist richtig - und stimmt doch nicht. Dieser Film entzieht sich der „Schubladisierung“. Eins jedoch ist mit Bestimmtheit zu sagen: obwohl an Leichen ganz und gar kein Mangel herrscht, handelt es sich hier nicht um Action.

Regisseur Yojiro Takita erzählt seine Geschichte so gemächlich wie genießerisch (das Ganze dauert immerhin 130 Minuten!)
Er verschmäht es nicht einmal, sich hier und da zu wiederholen. Und er kann sich das leisten.
Es geht um Daigo (Masahiro Motoki), einen typischen modernen Antihelden, dem so recht nichts gelingt. Er stolpert auf nahezu jeder Treppe, das Orchester, in dem er als Cellist spielt, macht Pleite und der Tintenfisch, den seine niedliche Ehefrau Mika (Ryoko Hirosue) kreischend auf den Küchenfußboden fallen lässt, weil er noch lebt, ist natürlich tot, als Daigo ihn mit aufmunternden Worten zurück in den Fluss wirft.

Das junge Ehepaar beschließt tapfer, sich vom kürzlich gekauften Cello und überhaupt vom teuren Tokio zu trennen und in Daigos ländliche Heimat im Norden Japans zu ziehen, zumal sie dort kostenlos im winzigen Häuschen seiner verstorbenen Mutter wohnen können. Mika hat Arbeit und Daigo wird etwas Neues finden – denn er zweifelt inzwischen daran, überhaupt zum Musiker geboren zu sein.

Tatsächlich entdeckt er eine viel versprechende Anzeige in der Zeitung. Es handelt sich um Hilfe bei Abreisen, offenbar sucht ein Reisebüro Mitarbeiter. Daigo stellt sich dem Inhaber der Firma, dem unerschütterlichen alten Herrn Sasaki (Tsutumo Yamazaki) vor und ist mit einem Bombengehalt eingestellt, bevor der Chef auch nur weiß, wie sein neuer Mitarbeiter heißt. Etwas schwieriger gestaltet es sich, herauszufinden, was denn nun seine Aufgabe sein soll. Herr Sasaki murmelt etwas von ‚Einsargen’ oder so ähnlich.
„Bitte?“
„Menschen in Särge tun.“
„TOTE Menschen - ?!“, fragt Daigo entsetzt und Sasaki bewundert sarkastisch seinen Sinn für Humor.
Es stellt sich heraus, dass diese Firma – NK Agency - sich auf etwas spezialisiert hat, das Nokanshi heißt. Früher waren es stets nur die Hinterbliebenen, die den Toten durch Waschen, Anziehen besonders schöner oder geliebter Kleidung und eventuell Zurechtmachen auf seine letzte irdische Reise ins Krematorium vorbereiteten. Seit einigen Jahren sind Nokanshi-Institute entstanden, die diese Aufgaben übernehmen – und zwar auf höchst zeremonielle Art, fast wie eine Aufführung, vor den Augen der trauernden Familie.
Daigo läst sich nur zögernd darauf ein, wenigstens einen Versuch zu machen. Seiner Frau erklärt er lieber nicht, worum es geht.

Unglücklicherweise beginnt sein neuer Job mit einem schweren Fall: eine allein stehende alte Frau lag schon seit Wochen in ihrer Behausung, wo inzwischen nicht nur die Lebensmittel verdorben sind. Hier geht es nicht mehr um eine Zeremonie, nur noch um Beseitigung. Daigo wird übel. Noch im Bus, nach Feierabend, schnuppern die Leute misstrauisch in seine Richtung, so dass er sich, bevor er nach Hause geht, erst mal in einem Badehaus wie ein Besessener säubert. Endlich Zuhause, konfrontiert ihn Mika mit dem toten Hühnchen, das sie zubereiten will und das ihren Mann zwingend an seine erste Klientin erinnert. Worauf ihm schon wieder schlecht wird.

Doch nach und nach gefällt ihm, was er tut, das respektvolle Ritual, in dem jede Bewegung stimmen muss. Er, der früher so leicht verzagte, der sich selbst nicht traute, ist zwar gekränkt, als ein alter Schulfreund ihn auf der Straße anraunzt, die Leute würden reden und er solle sich mal einen anständigeren Job suchen. Er ist auch traurig, als seine Frau, nachdem sie begreift, was er macht, ihn wegschiebt, weil er ‚unrein’ sei - und ihn ganz klar vor die Wahl stellt: dieser Job oder ich! Aber als Mika ihn wirklich verlässt, hält er sie nicht zurück und entscheidet sich so für den missachteten Beruf, den er als seine wahre Profession erkannt hat.

Zudem wachsen seine Sympathie und Bewunderung für Herrn Sasaki, vielleicht auch, weil er Sehnsucht nach einer Vaterfigur hat, nachdem sein eigener Vater die Familie im Stich ließ, als Daigo noch ein kleiner Junge war.
So ‚feiert’ Daigo recht vergnügt Weihnachten mit seinem Chef und der Sekretärin der Nokanshi-Firma neben einem grauenhaft bunten, blinkenden Plastikbaum und mit einer Fressorgie gebratener Hühnchenteile – ja, Hühnchen, denn inzwischen kann seine Tätigkeit ihm nicht mehr den Appetit verderben.

 

 



 
Home > Blog > Film > Der Film, der einen Oscar erhielt: „Departu...

Mehr auf KulturPort.De

„Paranza – Der Clan der Kinder”. Das Erbe von Berlusconi und Camorra
 „Paranza – Der Clan der Kinder”. Das Erbe von Berlusconi und Camorra



Sie wollen Designer-Sneaker, Motorroller und das schnelle Geld. In ihrer Heimatstadt Neapel ist ein Machtvakuum entstanden, die Bosse der Camorra sind erschossen [ ... ]



Vilnius und die Nutzung postindustrieller Gebäude als alternative Zentren für Kultur und Nachtleben
 Vilnius und die Nutzung postindustrieller Gebäude als alternative Zentren für Kultur und Nachtleben



In den letzten Jahren haben viele osteuropäische Städte Projekte gestartet, um ehemalige Industriegebäude und bislang ungenutzte Flächen in Zentren städtisc [ ... ]



Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien
 Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien



Wie sieht es in anderen Ländern mit dem öffentlichen Raum aus? Bei uns gibt es ihn kaum noch, denn jeder freie Quadratmeter wird dem Auto gewidmet. Können wir [ ... ]



Theater-Horror vom Feinsten – „Mummy Brown/Mumienbraun“ der norwegischen Gruppe Susie Wang schockte beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel
 Theater-Horror vom Feinsten – „Mummy Brown/Mumienbraun“ der norwegischen Gruppe Susie Wang schockte beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel



Das Programmheft hat nicht zu viel versprochen: Eine derart blutige, ins Groteske überzogene Horror Picture Show hat man in Hamburg noch nicht geboten bekommen. [ ... ]



Rainer Mausfeld: „Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“
 Rainer Mausfeld: „Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“



Die Zitterpartie der Macht
Welch ein Glück im Unglück. Wie üblich nach einem Zwischenfall auf Leben und Tod so auch diesmal, wie erwartet: Kaum war das Kind  [ ... ]



„I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo
 „I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo



Grant Sputores post-apokalyptischer Science-Fiction Thriller „I Am Mother” beginnt als intimes Kammerspiel in einem, hermetisch von der Welt abgeschlossenen  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.