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Film

Eine offene Rechnung - The Debt

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Mittwoch, den 12. Oktober 2011 um 09:11 Uhr
Eine offene Rechnung - The Debt 4.5 out of 5 based on 132 votes.
Eine offene Rechnung - The Depth - Helen Mirren - John Madden

Echte Spione müssen herausragende Schauspieler sein, erklärt die vielfach ausgezeichnete Helen Mirren während des Interviews zu „Eine offene Rechnung“ in Berlin.
Doch Geheimnisse vor engsten Vertrauten zu verheimlichen, läge trotz ihrer neuen Hauptrolle als Ex-Mossad-Agentin nicht in ihrer Natur. Spätestens bei einer Flasche Wodka würde sie mit der Wahrheit herausplatzen, bekennt die Britin mit russischen Wurzeln lachend.
„Eine offene Rechnung“ (Originaltitel: „The Debt“) ist das Thriller-Debüt des „Shakespeare in Love“-Regisseurs John Madden. Dieses spannungsgeladene Agentendrama beweist durch bewegende schauspielerische Leistungen, dass Geheimnisse toxische Wirkungen besitzen, sollten sie durch Lüge fortbestehen.

Der Film basiert auf einer 2007 in Israel veröffentlichten Produktion mit dem Titel „Ha’Hov“ (The Debt), von Assaf Bernstein. Maddens Film besitzt jedoch eine andere Struktur als das Original. In ihr stehen die Charaktäre und ihre emotionalen Verwicklungen im Vordergrund. Die Handlung entfaltet sich abwechselnd im Ost-Berlin der sechziger Jahre und dreißig Jahre später in der Ukraine und Tel Aviv.


"Helen Mirren", Über den Charakter von Agenten


"John Madden", Über die Wahl des Drehortes

Im Jahr 1966 befinden sich die drei jungen Mossad-Agenten Rachel, David und Stephan (Jessica Chastain, Sam Worthington, Marton Csokas) in geheimer Mission in Ost-Berlin. Sie sollen den Nazi-Verbrecher Dieter Vogel (Jesper Christensen), den gefürchteten Doktor von Birkenau, nach Israel überführen. Das mit grau gepflasterten Wegen, uniformierten Grenzposten und gelblichen Straßenbahnen authentisch anmutende Ost-Berlin entstand übrigens in Budapest und London. Ost-Berlin habe sich leider exponentiell verändert, entgegnet der britische Hollywood-Regisseur, ebenfalls während eines Interviews im Ritz Carlton Hotel in Berlin, enttäuscht.

Im Jahr 1997 werden die drei Ex-Mossad-Agenten (jetzt Helen Mirren, Ciarán Hinds, Tom Wilkinson) seit Dekaden als Nationalhelden verehrt. Darüber hinaus hat Rachels und Stephans Tochter die Heldentat mittels eines Buches tief in die israelische Geschichte eingeschrieben. Doch auf einmal droht diese Legende zusammenbrechen. Ein Zeitungsartikel konfrontiert die Mossad-Veteranen mit einer entsetzlichen Nachricht. Damit könnten sie all das verlieren, was sie beruflich erreicht haben, aber auch ihren Ruhm und nicht zuletzt die Hochachtung von Rachels Tochter. Eingeholt von der Wahrheit und den Lügen ihres Lebens durchleben die drei noch einmal den gefährlichen Undercover-Auftrag. Nun muss Rachel über dreißig Jahre später in der Ukraine zu Ende bringen, was damals begann...

Der Thriller vermittelt ein konstantes Gefühl der Angst. Madden beschreibt es als ein Gefühl, das jeden Moment alle in Panik versetzen kann. Besonders Rachels prekäre Lage, Dr. Vogels Entführung entblößt auf seinem Behandlungstisch vorbereiten zu müssen, verlangt nach starken Nerven.
Zwischen Rachels nackten Beinen erscheint in Schuss-Gegenschuss-Einstellungen das sie prüfend betrachtende Gesicht des vermeintlich harmlosen Gynäkologen in Nahaufnahme. Lange Nahaufnahmen der Gesichter unterstreichen in vielen Szenen den dramatischen Charakter dieses Films.

Auch die Kidnapping-Szenen im Ost-Berliner Altbau vermögen es, den Zuschauer bis in seinen Kinositz hinein zu bedrängen. Das schummrige Wohnzimmer, in welchem die Agenten den Nazi-Verbrecher gefangen halten, entwickelt sich zu einem Schauplatz der Auseinandersetzung mit einer intelligenten Bestie. Während seiner “Fütterung” versucht Vogel die drei Agenten, und besonders David, der im Zweiten Weltkrieg seine gesamte Familie verlor, mit Sätzen wie, „Ihr Juden, ihr wisst nicht wie man tötet. Ihr wisst nur wie man stirbt.“, wiederholt aus der Fassung zu bringen.

Eine komplizierte Dreiecksbeziehung in Ost-Berlin, die sich bis in die Neunziger fortsetzt, umrahmt diese riskante Entführung.
Neben zweifelhaftem Moralverhalten stellt „Eine offene Rechnung“ das menschliche Vertrauen in die Geschichtsschreibung und die von ihr produzierten Helden kritisch in Frage: Madden glaubt, dass Menschen ein natürliches Verlangen nach Helden besitzen. Viele, besonders aus Hollywood stammende Filme tendieren dazu, dieses Verlangen durch eine Einteilung der Welt in Gut und Böse, Helden und Schurken, zu befriedigen. Der britische Regisseur hält derartige Einteilungen jedoch für unglaubwürdig. Er bevorzugt eine Welt in der Heldentum und Lüge dicht beieinander stehen. Helen Mirren erklärt während des Interviews nachdenklich, sie glaube, jeder Mensch würde sein Leben lang, bewusst oder unbewusst, irgendeine Lüge mit sich herumtragen. Statistiken würden belegen, dass viele Mordfälle ungeklärt bleiben. Auch der Nazi-Verbrecher Dieter Vogel verhilft unbemerkt als Gynäkologe zu neuem Leben, obwohl er im Krieg viele Menschenleben vernichtete. Diese Widersprüchlichkeiten entsprechen durchaus der Realität. Ein 2009 während der Dreharbeiten veröffentlichter Zeitungsartikel belegt, dass es den SS-Arzt wirklich gab (oder gibt?). Der New York Times-Artikel habe Madden etwas schockiert, wie er während des Interviews versichert. Der Artikel schildert die Geschichte des Aribert Heim. Er war einer der meistgesuchten, angeblich in Kairo untergetauchten SS-Verbrecher. Auch die Überführung Adolf Eichmanns schwingt in „Eine offene Rechnung“ mit.

Neben Schuld, Sühne und Vergeltung spricht der Film viele elementare Themen an. Vor dem Hintergrund des Holocaust erhalten sie ein realistisches Fundament. Neben der Neuentdeckung Jessica Chastain, vermögen besonders Jesper Christensen und „Avatar“-Star Sam Worthington die schwere Problematik mitreißend zu präsentieren. Das großartige Talent von Dame Helen Mirren muss mittlerweile wohl nicht mehr erwähnt werden.

Am Ende laufen die Themen jedoch auf merkwürdig unbefriedigende Weise ins Leere. Sie sind zu groß, als dass sie in einem einzigen Film Auflösung erfahren könnten und entlassen den Zuschauer eher verwirrt. Vielleicht hat sich der Regisseur übernommen. Vielleicht resultiert dieser unbefriedigende Schluss aber auch aus Maddens Auffassung von Glaubhaftigkeit, die Wiedersprüche und komplexe Wirklichkeiten dem Schwarz-Weiss-Denken vorzieht. Möglicherweise schneidet er diese großen Themen absichtlich nur an, um sie am Ende über den Film hinaus als Fragen in den Raum zu stellen. Für den Anspruch die hier inszenierte Welt glaubhaft darstellen zu wollen, erinnert die letzte Szene dann allerdings doch zu sehr an Hollywood. Um nicht zu viel zu verraten, wältzt sich Mirren hier in ungewöhnlich spektakulären Szenen am Boden, wobei sie sich während der Dreharbeiten viele blaue Flecken zuzog.

Wem Hollywood missfällt, lege ich das israelische Original „Ha’Hov“ ans Herz. Weniger dramatisch und spannungsgeladen besticht der Film, mit ebenfalls hinreißenden schauspielerischen Leistungen, durch noch etwas mehr Authentizität.


 

(ca. 2.09 Min.) Deutscher Trailer "Eine offene Rechnung - The Debt"
 


“Eine offene Rechnung” (The Debt)
USA, 113 Min.
Darsteller: Helen Mirren („The Queen“), Tom Wilkinson („Michael Clayton“), Ciarán Hinds („Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“), Jesper Christensen („Casino Royale“), Jessica Chastain („The Tree of Life“), Marton Csokas („Herr der Ringe“), Sam Worthington („Avatar“).

Regie: John Madden
Drehbuch: Matthew Vaughn, Jane Goldman, Peter Straughan
Drehbuch (Original „Ha'Hov“): Assaf Bernstein, Ido Rosenblum
Produktion: Matthew Vaughn, Kris Thykier, Eduardo Rossoff

Foto- / Videonachweise: (c) Universal Pictures International Germany GmbH
Header: Helen Mirren als Rachel (Detail)
Galerie:
1. Filmplakat
2. v.l.n.r. Jessica Chastain, Sam Worthington, Marton Csokas
3. Sam Worthington als David
4. Helen Mirren als Rachel
5. Jessica Chastain und Marton Csokas als Rachel und Stephan

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